Fünf Agrarkonzerne beherrschen den Weltmarkt

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Infografik aus dem Konzernatlas 2017: Produktion und Exporte wichtiger AgrarrohstoffearrohZum Handel gehört auch der Transport. Die wichtigsten acht Exportprodukte bringen jährlich rund 850 Millionen Tonnen auf die Ladeflächen. Urheber/in: Atlasmanufaktur/Heinrich-Böll-Stiftung. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

„ABCD“ werden die vier westlichen Firmen abgekürzt, die den Welthandel mit landwirtschaftlichen Produkten dominierten. Jetzt ist ein chinesisches Unternehmen dabei. Ein Kapitel aus dem Konzernatlas.

Weizen, Mais und Sojabohnen sind die drei wichtigsten Waren des Welthandels mit landwirtschaftlichen Rohstoffen. Je nach Marktlage, Qualität und Preis werden diese Produkte als Nahrungsmittel, Agrokraftstoff oder Futtermittel verkauft. Die nächstwichtigen globalen Handelsgüter dieser Art sind Zucker, Palmöl und Reis.

Vier Konzerne dominieren den Im- und Export solcher Agrarrohstoffe: Archer Daniels Midland, Bunge, Cargill und die Louis Dreyfus Company. Gemeinsam sind sie als „ABCD-Gruppe“ oder einfach „ABCD“ bekannt. Archer Daniels Midland (wiederum ADM abgekürzt), Bunge und Cargill sind US-Unternehmen, Louis Dreyfus hat seinen Sitz in der niederländischen Hauptstadt Amsterdam. Alle vier wurden zwischen 1818 und 1902 gegründet, und von ADM abgesehen, stehen sie bis heute unter dem Einfluss ihrer Gründerfamilien. Sie handeln und transportieren, und sie verarbeiten auch viele Rohstoffe. Die Konzerne besitzen Hochseeschiffe, Häfen, Eisenbahnen, Raffinerien, Silos, Ölmühlen und Fabriken. Ihr Weltmarktanteil liegt bei 70 Prozent. Cargill ist die Nummer eins, gefolgt von ADM, Dreyfus und Bunge.

In den vergangenen Jahren hat der chinesische Getreidehändler Cofco, ein Staatsbetrieb, zu ihnen aufgeschlossen und ABCD als Hauptaufkäufer von brasilianischem Mais und Soja abgelöst. Der Anteil von ABCD an den Getreideexporten des Landes sank von 46 Prozent im Jahr 2014 auf 37 Prozent im Jahr 2015; auf Cofco entfielen 45 Prozent. In Russland nahm im Jahr 2015 erstmals der Getreidehändler RIF den Spitzenplatz unter den Exporteuren ein. Das erst 2010 gegründete Privatunternehmen aus Rostow am Don verdrängte die drei bisher dominanten Händler, Glencore aus der Schweiz, Cargill als einzigem der vier Weltgrößten und Olam aus Singapur. Diese Entwicklungen spiegeln den Aufstieg Russlands als bedeutenden Weizenexporteur und die Rolle Chinas als bedeutenden Getreideimporteur wider.

Gemischter Fünfer: Neben alten Familien- und Börsengesellschaften ist ein Staatsbetrieb zum Global Player geworden. Urheber/in: Atlasmanufaktur/Heinrich-Böll-Stiftung. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Die ABCD-Gruppe ist bestens informiert über Ernten, Preise, Währungsschwankungen, Wetterdaten und politische Entwicklungen in allen Teilen der Welt. Tagtäglich laufen Informationen aus den Anbaugebieten bei ihnen ein, die von ihren Finanzexperten analysiert werden. Alle vier Konzerne besitzen eigene Tochterunternehmen, die den Handel mit Agrarrohstoffen gegen Preisrisiken absichern und auf die spekulativen Geschäfte an den Warenterminbörsen, allen voran denen in Chicago, ausgerichtet sind.

Finanzgeschäfte mit Agrarrohstoffen

Der Wirtschaftsdienst Bloomberg nennt Cargill – in Anspielung auf die glänzend über die Wirtschaft informierte US-Großbank – auch den „Goldman Sachs des Agrarrohstoffhandels“. Die extremen Preisschwankungen auf den Weltagrarmärkten bedrohen Cargill nicht etwa, sondern sie nützen dem Handelskonzern. So erkannten seine Fachleute schon früh die enormen Ernteausfälle des Jahres 2012, setzten bei Sojabohnen, Weizen und Mais auf steigende Preise und schlossen vorab günstige Kaufverträge. Als die Preise in die Höhe schossen, verkauften sie die an der Börse handelbaren Lieferpapiere mit erheblichem Gewinn. Umgekehrt machen Cargill und seine drei großen Konkurrenten bei anhaltend niedrigen Weltmarktpreisen und geringen Preisschwankungen wie 2016 weniger Gewinne.

Der Handel mit Agrarrohstoffen stellt zwar den traditionellen Schwerpunkt der ABCD-Konzerne dar, aber er wird immer mehr zum Beiwerk. Die Weiterverarbeitung von Getreide oder von Sojabohnen sowie die Produktion von Lebensmitteln wie Orangensaft oder Schokolade gehören seit Langem zu ihrem Geschäft. Seit den 1980er-Jahren wird die vertikale Integration – die Eingliederung von vor- und nachgelagerten Wertschöpfungsstufen – immer wichtiger. So hat ADM im Jahr 2014 drei Unternehmen aufgekauft, die aus Nüssen, Hülsenfrüchten und Obst Aromen für Getränke und Inhaltsstoffe für Lebensmittel herstellen. Höhere Gewinnspannen und schnelles Wachstum locken. Bloomberg schrieb auch einmal über Cargill, das Unternehmen sei nicht nur Teil der Kette – vom Acker bis zur Ladentheke –, sondern es sei die Kette selbst.

Vor allem mit Brasilien-Geschäften hat Cofco aus China gleich zwei Firmen der alten „ABCD“-Gruppe überholt. Quelle: http://beta.fortune.com/global500. Urheber/in: Atlasmanufaktur/Heinrich-Böll-Stiftung. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

ABCD investieren auch in benachbarte Industriezweige wie Agrarkraftstoffe, Kunststoff und Farben. So gehört ADM der größte Ölsaatenverarbeitungs- und Raffineriekomplex Europas in Hamburg. Dort werden Rapssaaten und Sojabohnen zu Margarinen, pharmazeutischem Glyzerin und Agrodiesel verarbeitet.

Die große Marktmacht ermöglicht den ABCD-Konzernen, die Weltagrarmärkte zu beeinflussen und bei der Aushandlung von Preisen ihre enorme Verhandlungsmacht gegenüber Erzeugern auszuspielen. Sie nutzen ihre Marktkenntnisse, um über ihre Finanzaktivitäten hohe Renditen zu erzielen. Darüber hinaus sind sie direkt oder indirekt mitverantwortlich für die Abholzung des Regenwaldes.

In Brasilien klagten indigene Guaraní-Gemeinden den Konzern Bunge an, Zuckerrohr aufzukaufen, das von gestohlenem Land stamme. Bunge war zwar der Meinung, dass seine Zulieferer das Landrecht innehatten, erneuerte aber die Verträge nicht. Cargill hingegen blieb in Usbekistan weiter Großeinkäufer von Baumwolle, als mehrere britische und US-Einzelhandelsketten schon keine Produkte mehr mit usbekischer Ware kauften – aus Protest gegen die Zwangsarbeit von Kindern auf den dortigen Plantagen.

» Den gesamten Konzernatlas können Sie hier herunterladen.

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