"In Friedens- und Menschenrechtsfragen geht es um Loyalität von Bürgern unterschiedlicher Systeme"

"In Friedens- und Menschenrechtsfragen geht es um Loyalität von Bürgern unterschiedlicher Systeme"

Lukas Beckmann auf der Bundesdelegiertenkonferenz in Duisburg 1987Lukas Beckmann auf der Bundesdelegiertenkonferenz in Duisburg 1987. Urheber/in: Reinhard Janke / Argus Fotoagentur. All rights reserved.

Lukas Beckmann war der erste Geschäftsführer der Grünen und einer der Initiatoren zur Gründung der Kölner Heinrich-Böll-Stiftung. Das Archiv Grünes Gedächtnis hat mit ihm darüber gesprochen, was ihn bewegt, sich politisch zu engagieren. [1] [2]

Heinrich-Böll-Stiftung: Lukas, wo kommst du her?

Lukas Beckmann: Tja, wer weiß das schon? Wir werden in diese Welt hineingeboren! Aufgewachsen bin ich im Dreiländereck Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Holland, wenige hundert Meter von der Grenze. In einem kleinen Ort: Wilsum mit weniger als tausend Einwohnern. Fast nur Landwirtschaft, ein paar Handwerker. Wir hatten einen Hof, dort lebte ich mit meinen Eltern, meinen Großeltern, einer jüngeren und einer älteren Schwester bis ich mit 20 wegging.

Wann warst du aus der Schule?

Die Realschule habe ich im November 1966 abgeschlossen, danach eine landwirtschaftliche Lehre gemacht. Zwei Lehrjahre zu Hause, ein Jahr auf einem Ausbildungsbetrieb. Nach dem Abschluss der Berufsschule habe ich noch einen Winter lang die sogenannte Winterschule besucht - eine landwirtschaftliche Fachschule - zur Vorbereitung auf die Meisterprüfung.

Ich wohnte auf dem Lehrbetrieb, aber wenn Ernte war, Kartoffelernte, Getreideernte, Heuernte usw., brauchten meine Eltern Unterstützung. Dann bin ich oft mehrmals in der Woche, wenn ich auf dem Lehrbetrieb fertig war, nach Hause gefahren, habe dort abends mitgeholfen, bin spätabends wieder mit dem Moped zurück, damit ich am nächsten Morgen um halb sechs wieder zum Melken auf dem Lehrbetrieb war.

Hast du einen richtigen Meisterabschluss?

Nein. Ich hätte dann noch das zweite Jahr Winterschule machen müssen. Aber das war kein Thema mehr, weil ich mich während des externen Lehrjahres entschieden habe, einen anderen Weg zu gehen: Ich wollte studieren, aber ich hatte kein Abitur. Also musste ich erst mal Abitur machen und hab mich dann am Westfalen-Kolleg in Bielefeld beworben.

Meine Entscheidung, den Hof nicht weiterzuführen, bedeutete das Ende des Hofes, denn meine Eltern konnten ihn alleine nicht weiterführen. Mein Vater hat sich dann für den Zivildienst bei der Bundeswehr entschieden. Die hatte im Nachbarort ein Ersatzteillager. Für diese Tätigkeit musste er eine Aufnahmeprüfung machen. Wir haben mit ihm Schreibmaschine, Mathe und Deutsch geübt. Er bestand die Prüfung und war nun nicht mehr Bauer, sondern Angestellter.

Kurz bevor ich wegging, haben wir dann die Maschinen und das Vieh verkauft. Eine Auktion mit einigen hundert Leuten. Das Land wurde verpachtet. Ein paar Schweine und ein paar Schafe haben wir behalten. Für die blieb meine Mutter zuständig, neben der Führung des Haushalts.

Ein ziemlicher Schnitt.

Ja! Das war ein Einschnitt. Das war für mich eine andere Welt. In Bielefeld war ich zum ersten Mal im Kino, zum ersten Mal in der Diskothek usw. Ende 1972 machte ich das Abitur. Im Sommersemester 73 begann ich das Soziologiestudium an der Universität Bielefeld. In der Zwischenzeit arbeitete ich als Hilfspfleger im Krankenhaus.

In der Kollegzeit hat mich vor allen Dingen Biologie interessiert und an der Biologie insbesondere die Verhaltensforschung. Das hat mich damals sehr fasziniert: Wenn wir nur von biochemischen Prozessen durchflutet werden, was ist dann eigentlich der Teil, wo wir frei bzw. wo wir gesellschaftlich formbar, beeinflussbar sind? Was ist der Kern vom Ich? Diese Frage hat mich ständig verfolgt. Und deshalb wollte ich mehr wissen über gesellschaftliche Zusammenhänge und hab gedacht: Eigentlich ist Soziologie dafür das Richtige.

Das passt ja auch zusammen.

Als die Frage nach dem Soziologie-Schwerpunkt anstand, habe ich mich für Entwicklungssoziologie entschieden. Ich hatte vor, diesen Schwerpunkt mit meiner landwirtschaftlichen Ausbildung zu verbinden. Während des Studiums habe ich für die IMEX, eine Zuchtvieh-Import-Export-Gesellschaft gearbeitet, die Zuchtrinder und Zuchtbullen nach Brasilien und Argentinien exportierte.

Drei Jahre hintereinander habe ich diese Transporte begleitet – 1974, 75 und 76. Die Tiere kamen nach wochenlanger Schiffsreise erst mal in Quarantäne und wurden dann zu den Käufern und ihren Haciendas gefahren. Ich bin dann in den Folgewochen mit einem Tierarzt tausende von Kilometern in Brasilien herumgefahren zur Nachuntersuchung der Tiere und habe dabei viel gesehen und viel gelernt.

Ich habe die Zeit auch genutzt, um Entwicklungsprojekte anzuschauen und konnte u.a. an einem Regionaltreffen von DEED-Entwicklungshelfern teilnehmen. Bei der zweiten Reise kamen mir die ersten Bedenken. Bei dem Entwicklungshelfertreffen begegnete mir viel Selbstbezogenheit und Selbstmitleid. Sie hatten es schwer in der fremden Welt und niemand wusste ihre schwere Arbeit angemessen zu schätzen.

1977 nahm ich mit der Uni Bielefeld an einem von der Volkswagenstiftung finanzierten Forschungsprojekt im Nordosten Brasiliens teil. Es ging um die Erforschung der sozialen und ökonomischen Folgen eines von der Weltbank finanzierten Staudammprojekts in Juazeiro. Ein Projekt, das später noch internationale Bekanntheit erreichte. 80.000 Menschen wurden umgesiedelt. Bisher hatten sie von der Subsistenzwirtschaft gelebt, 98 Prozent hatten keine Schule besuchen können und konnten weder lesen noch schreiben.

Die Energie blieb nicht in der Region, sondern wurde nach Bahia mit Überlandleitungen transportiert, um dort für die chemische Industrie zur Verfügung zu stehen. Und die Bewohner, die vorher vom Fischen gelebt hatten und auf den kleinen Inseln des Flusses Maniok, Bohnen und Mais angebaut und nach der Regenperiode Schwemmlandwirtschaft betrieben hatten, mussten sich eine neue Lebensgrundlage suchen.

Unsere Fragestellung war: Wo bleiben diese Menschen? Wovon leben sie später? Wer gibt ihnen neues Eigentum? Als wir ankamen, war ein Teil der Dörfer bereits evakuiert worden. Die ersten neuen Dörfer am Rande des zukünftigen Sees wurden gebaut. Mein Studienfreund Martin und ich haben zwei Monate mit Luftmatratze und Schlafsack in einer Schule, die noch kein Dach, keine Türen und Fenster hatte, verbracht, Interviews geführt und Akten in der öffentlichen Verwaltung studiert.

Eines Abends saß da unter einem Baum ein alter Mann, der Dorfälteste. Wir gingen zu ihm, immer mehr kamen hinzu und ich fragte ihn: Was ist eigentlich euer Problem? Vorher ward ihr von der Witterung abhängig und hattet alte und kaputte Häuser. Es gab Jahre, da ist die Ernte ausgefallen. Jetzt habt ihr neue Häuser, erstmals eine Schule und ihr bekommt neues Land zugewiesen. Und seine Antwort war: „Vorher haben wir für uns gearbeitet, jetzt arbeiten wir für die.“ Und damit war eigentlich alles gesagt.

Sie mussten das Land neu kaufen oder pachten. Oder sie mussten in die Städte verschwinden. Ich fand das sehr bemerkenswert, diese Reduktion von scheinbarer Komplexität. Wir hatten uns auf dieses Forschungsprojekt intensiv vorbereitet; im Sprachlabor Portugiesisch gelernt, entwicklungspolitische Theorien studiert. Und machten jetzt vor Ort die Erfahrung, dass die Menschen, die weder lesen noch schreiben konnten und keine Bildung hatten, ein sehr klares Verständnis von ihrer Situation hatten, davon was passierte und woraus sie sich nicht wieder würden befreien können.

Sie brauchten also unsere Forschungsergebnisse gar nicht und die Weltbank sowieso nicht. Das war für mich ein Schlüsselerlebnis, dass ich gedacht habe: So interessant das biografisch wäre, und auch legitim, aber unter der Überschrift ‚anderen Menschen helfen zu wollen‘, taugt das für mich nicht.

Welche Schlüsse hast du daraus gezogen? Du dürftest dann irgendwann dein Examen gemacht haben.

Ich habe das Studium 1978 abgeschlossen. Während des Studiums war ich in vielen Gruppen engagiert, die mit Entwicklungspolitik und Menschenrechtsarbeit zu tun haben. Ich habe jahrelang bei Amnesty sehr viel gemacht, habe in Bielefeld und Ostwestfalen zahlreiche Amnesty-Gruppen mit aufgebaut. Habe über meine Brasilienreisen Diavorträge gehalten, Leute gesucht, die dann eine neue Gruppe aufmachten.

Als Gruppe betreuten wir damals drei Gefangene: Ost, West, Süd. Wir hatten einen Gefangenen aus Russland, einen aus Chile und einen aus Südafrika. Dann habe ich beim Aktionskomitee Afrika viel gemacht, in der Bonner Zeit war ich bei der ILA, Informationsstelle Lateinamerika. Das war in der Zeit der Vorbereitung der Kampagne „Fußball ja, Folter nein“ vor der Fußballweltmeisterschaft 76 in Argentinien. Dort lernte ich Siegfried Pater kennen, den Chef der ILA.

Wir hatten schon damals eine starke Aktionsorientierung. Später war ich mit ihm im BUKO, dem Bundeskongress Entwicklungspolitischer Aktionsgruppen. Mit einer Amnesty-Gruppe habe ich die Besetzung eines Bielefelder Kaufhauses organisiert, eine Protestaktion gegen den Verkauf von Teppichen, die von Kindern geknüpft worden waren.

Eine aktionsorientierte, öffentliche Intervention, um mit wenig Aufwand Botschaften möglichst öffentlichkeitswirksam auf den Punkt zu bringen. Ich hatte diese Aktion lange ganz vergessen, bis ich irgendwann gefragt wurde, wie das eigentlich gekommen ist mit diesen politischen Aktionsformen. Da fiel mir wieder ein, dass wir das ja in der Bielefelder Zeit auch schon gemacht haben.

Ich könnte mir vorstellen, dass du noch weitere Eisen im Feuer hattest, als du 78 Examen gemacht hast.

Ich hatte bereits Vorverträge für den Entwicklungsdienst abgeschlossen, doch das hatte sich für mich erledigt. Stattdessen habe ich mich beworben als Generalsekretär von Terre des Hommes in Osnabrück und landete auf Platz 2.

Ein ungünstiger Platz.

Es war genau der richtige Platz, weil er mir zeigte, dass man mit dem Studium doch was anfangen kann, und mir gleichzeitig auch die Gelegenheit gab, noch mal darüber nachzudenken, was ich wirklich machen will. Ich hatte eine Vereinbarung mit einer Hamburger Computerfirma, CCS, die hatte eine Lizenz für den heutigen Scanner, damals noch Lesegerät. Die boten mir an, bei ihnen eine Stiftung aufzubauen mit dem Ziel, Gewinne vor Steuern in eine Stiftung zu überführen, die dann für kulturelle Aufgaben zur Verfügung stehen sollten. Wir hatten vereinbart, dass ich dort im Frühjahr 79 anfange.

Gleichzeitig war ich damit nicht ganz zufrieden. Es war so, dass mich schon als Jugendlicher immer wieder der Gedanke begleitet hat: Ich will nach Bonn, in die Politik. Gleich nach dem Diplom bin ich dann auch zunächst nach Bonn gegangen zur Welthungerhilfe für ein Praktikum. Ich dachte: Vielleicht gibt es ja auch eine Möglichkeit, Entwicklungsarbeit hier zu machen und Strukturen zu verändern.

In der Personalabteilung sagten sie: „Es gibt zwei Möglichkeiten: entweder Presse-/Öffentlichkeitsarbeit oder Sie gehen in die Poststelle.“ Ich sagte: „Dann gehe ich in die Poststelle.“ „Das war jetzt aber nicht so gemeint.“ „Doch“, sagte ich, „ich möchte gerne in die Poststelle. Da kommen die Informationen rein und gehen raus von den verschiedensten Abteilungen, und ich möchte diese Struktur verstehen.“

Der wichtige Grund für mich war: Die Welthungerhilfe hatte einen Comic herausgegeben zum Thema „Welthunger“. Dieser Comic war in einer hohen Auflage gedruckt worden, durfte aber auf politischen Beschluss hin nicht verschickt werden.

Der war also gut.

Der war richtig gut, ein Super-Comic! Dann bin ich in die Poststelle. Und als ich dann ein paar Tage da war, fragte ich: „Sagt mal, wo gibt es eigentlich diese Broschüre, diesen Comic?“ Ich hatte über meine Mitgliedschaft im Buko viele Adressen von entwicklungspolitischen Gruppen. Die habe ich dann erst mal versorgt. Wenn die anderen am späteren Nachmittag weg waren, habe ich Broschüren gepackt, Broschüren gepackt, Broschüren gepackt. Kam morgens etwas später und dafür arbeitete ich abends etwas länger. Und so habe ich einige zehntausend verschicken können.

Wie bist du dann nach Düsseldorf gekommen?

Ich fuhr Ende 1978 nach Kassel zu einer zweitägigen Veranstaltung mit Beuys und Dutschke. Es ging um die Frage: Brauchen wir eine neue Partei links von der SPD? Es war saukalt, Schleswig-Holstein wurde mit der Bundeswehr aus der Luft versorgt; alles war zugeschneit. Die Veranstaltung war abgesagt worden wegen der Verkehrsverhältnisse.

Nur ein Freund und Beuys und ich hatten von der Absage nichts erfahren. Ich sitze am zweiten Tag in Kassel in einem Café und irgendwann kommt Beuys rein, der gerade von einer Gastvorlesung aus Wien kam. Wir kamen direkt ins Gespräch, und als ich ihm meine Interessen erläutert hatte, sagt er: „Komm doch nach Düsseldorf! Ich hab jetzt diesen Raum, in der Akademie.“ Im Sommer 78 hatte er durch Entscheidung des Bundesarbeitsgerichts gegen das Land Nordrhein-Westfalen durchgesetzt, nicht mit einer Million abgefunden zu werden. Er wollte stattdessen diesen Arbeitsplatz bis zu seinem Lebensende in der Düsseldorfer Kunstakademie. Er wollte da arbeiten dürfen.

Und dann stellte sich heraus, dass Beuys Kuratoriumsmitglied war für die Stiftung dieser Computerfirma CCS in Hamburg. Diese Firma hatte neben dem Wunsch, eine klassische Stiftung zu gründen, auch die Überlegung, ob sie nicht das Unternehmen in eine Stiftung überführt, um in einer neuen Eigentumsform zu arbeiten. Dann sagt Beuys: „Die haben allen Kuratoriumsmitglieder geschrieben, dass sie jemanden gefunden haben, der für diese Stiftung arbeiten will. Das bist du also?!“ Und seine Reaktion: „Komm trotzdem nach Düsseldorf.“ Was ich dann auch gemacht habe.

In Düsseldorf standen wir dann zur verabredeten Zeit mit einem Polizisten vor dieser Tür, Raum 3 in der Kunstakademie. Die war seit 72, seit mehr als sechs Jahren, verplombt gewesen. So eine Staubschicht! Überall Utensilien, Metall, Holz, Fett. Wir haben in den kommenden Wochen erst mal alles sauber gemacht und den Raum als Büro vorbereitet. Das war dann das FIU-Büro der Freien Internationalen Universität. Wir nannten es Büro für Interentwicklung.

Ich hatte vor, in Zusammenarbeit mit CCS eine Datenbank aufzubauen über weltweite Alternativen, also Entwicklungsland-Industrieland, Nord und Süd. Was kann man anders machen in den Bereichen Landwirtschaft, Medizin, Eigentumsrechte, Einkommensgestaltung? Was gibt es alles? Wer kann wo eine Ausbildung machen, um anderes zu lernen? Mein Geschäftsmodell war: Die erste Information gibt es immer umsonst, dann zahlt jeder 5 Mark.

Ich wollte nicht differenzieren, es sollte nicht viel Verwaltungsaufwand sein, sondern das Grundkonzept ist: Es gibt eine Datenbank, wo man gesellschaftliche, politische und auch wirtschaftliche Alternativen abrufen kann. Die mich leitende Frage war: Welche Alternativen gibt es eigentlich zum Kapitalismus, ohne im Sozialismus zu landen? In meiner Diplomarbeit hatte ich mich u.a. mit den Ansätzen vom Prager Frühling beschäftigt und gab meine Diplomarbeit bewusst am 21.08.1978 ab – genau 10 Jahre nachdem sowjetische Panzer in Prag den Prager Frühling beendeten.

Dann währte das aber gar nicht lange mit der FIU und diesem Büro und mir. Nach wenigen Wochen kam Beuys mit einem Zeitungsartikel morgens ins Büro und sagte: „Da gibt’s jetzt doch Bewegung zur Europawahl und Herbert Gruhl u.a. wollen antreten.“ Beuys hatte Weihnachten 78 in der Frankfurter Rundschau einen ganzseitigen Artikel „Aufruf zur Alternative“ veröffentlicht und darin seine Vorstellungen von einer neuen parlamentarischen Alternative erläutert.

Wann ist das erschienen?

In der Weihnachtsausgabe 1978. Da ging es im Kern um die Frage: Wie bringt man Menschen aus verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen so zusammen, dass sie sich nicht die Köpfe einschlagen? Im Hintergrund stand die Erfahrung vieler Hochschulgruppen, die sich nach 68 sektiererisch bekämpft hatten. Uns war klar, dass man auf so einer Basis keine Partei gründen kann. Wir saßen also in der Kunstakademie und meine Reaktion war: „Da machen wir mit!“ Und Beuys sagt: „Klar machen wir mit!“ Dann haben wir mit Gruhl ein Gespräch geführt.

Gruhl hatte im Juli 78 die Grüne Aktion Zukunft, GAZ, gegründet.

Zuvor hatte er 1978 das Buch „Ein Planet wird geplündert“ geschrieben - Auflage über 400.000. Als ehemaliger CDU-Abgeordneter hatte er noch ein Büro im Langen Eugen, dem Abgeordnetenhaus am Bonner Rheinufer. Dort haben wir ihn besucht. Gruhl hatte aber ein Problem. Auf der einen Seite fand er es sehr attraktiv, mit Beuys als einer international bekannten Persönlichkeit diesen Schritt zur Europa-Wahl zu gehen.

Gleichzeitig war ihm Beuys aber viel zu unberechenbar, zu grundsätzlich: Er kam aber nicht auf den Punkt. Bis ich ihn fragte, wer denn sonst noch alles mitmacht?“ Dann zählte er die Gruppen auf: Grüne Liste Umweltschutz, Grüne Liste Rheinland-Pfalz, Grüne Liste Schleswig-Holstein und die AUD, also die Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher.

Ich fragte: „Und mit wie vielen Leuten machen Sie das?“ Er sagte: „AUD, GAZ und GLU haben jeweils 150 Delegierte, die anderen kommen mit 10, 20 dazu.“ Ich sagte: „Dann lassen Sie uns doch einfach mit 15 Leuten auch dazu kommen.“ Gruhls Gesicht entspannte sich. Ich glaube, er hatte das Gefühl: Die Freie Internationale Universität, das ist eine gewaltige Bewegung. Und wir waren ja nicht so viele, vor allem nicht zentral organisiert. Für uns war die FIU überall dort, wo FIU-Leute waren.

Das waren Kassel, Amsterdam, London, später Berlin. Und so kam es, dass wir mit 15 Leuten an der Gründungsversammlung teilgenommen haben. In den Wochen vor der Gründung am 17./18. März 1979 in Frankfurt-Sindlingen hat die FIU zusammen mit Wilfried Heidt aus Achberg von der Aktion Dritter Weg ein eigenes Programm geschrieben. Wir nannten es „Die grüne Alternative“. Das habe ich am Vorabend der Gründung nach Frankfurt mitgenommen. Da traf ich auch zum ersten Mal Petra Kelly.

Zu Beginn der Gründungsversammlung am nächsten Morgen in Sindlingen gab's gleich Krach: Diese ganzen Gruppen hatten sich schon mehrmals getroffen und bemüht, gemeinsam ein Programm zu verabschieden. Und jetzt kommt die FIU und legt plötzlich ein eigenes vor! Empörung im Saal!

Beuys geht nach vorne und sagt: „Liebe Freunde, was ist das Problem? Wir unterstützen euer Programm. Aber wir würden uns freuen, wenn in dieser Entwicklungsphase verschiedene Programme kursierten, mit denen wir gar nicht nach außen treten, sondern damit wir uns erst mal kennenlernen. Ich weiß doch gar nicht, wie ihr denkt. Und ihr wisst doch gar nicht, wie wir denken!“

Dann kam er zurück auf diesen Begriff ‚Einheit in der Vielfalt‘, ein Kernpunkt in dem Artikel von 78. Er sagt: „Die Einheit ist der Ort, wo wir gemeinsam in die Öffentlichkeit treten. Dafür treten wir zu Wahlen an. Aber es muss auch den Bereich der Freiheit geben. Das ist die Vielfalt, wo wir diskutieren über die Frage: Wo wollen wir eigentlich hin und mit welchen Mitteln wollen wir da hinkommen?“ Der Saal beruhigte sich. Es war eine sehr interessante Situation.

Du hast dann beim Bundeswahlleiter die Kandidatur für 79 eingereicht. Dafür braucht man das Protokoll über die Wahl der Kandidaten. Eines ist beim Bundeswahlleiter gelandet. Im Allgemeinen gibt es ein zweites Exemplar. Niederschriften über Wahlen gehören in Vereinen zu den geheiligten Dokumenten. Von der Gründungsversammlung der Vereinigung Die Grünen ist das Dokument nicht da ist. Wir haben es nie gefunden. Es muss drinstehen, wer angetreten ist, die Stimmenauszählungen und so weiter. Das alles ist im Augenblick nicht nachprüfbar. Besitzt du das zweite Exemplar?

Nee, leider nicht.

Beuys hat 1976 für den Bundestag kandidiert.

Er hat für die AUD kandidiert, in Düsseldorf. In seinem persönlichen Wahlaufruf an die Düsseldorfer waren alle wesentlichen Punkte enthalten, die die Grünen später in den Mittelpunkt gestellt haben: Ökologie, die Gleichberechtigung der Geschlechter, das Verhältnis von Nord und Süd.

Jetzt ist der 17./18. März 79. Und die junge - Listengemeinschaft muss man sie nennen, für eine Partei fehlen eigentlich die Substrukturen -, sie kandidiert und braucht einen, der das Boot zusammenhält. Bist du direkt gefragt worden?

Die Frage an alle Beteiligten war: Wie organisieren wir das jetzt in der kurzen Zeit bis zum 10. Juni, also bis zur Europawahl? Nach dem Gründungsparteitag bin ich mit Joseph Beuys und Petra Kelly und Milan Horáček in seine Frankfurter Wohnung gefahren. Der Vorstand hatte sich kurz konstituiert und gesagt: Wir brauchen unbedingt ein Büro.

Da war schon klar: Wir können jetzt nicht lange nach Personal suchen. Jede der sechs Gründungsorganisationen sollte eine Person nach Bonn schicken, die den Wahlkampf mit organisiert. Für die FIU war ich das dann.

Dann haben wir angefangen. Wir hatten zunächst ja noch kein Plakat, kein Flugblatt, kein gedrucktes Programm, keinen Fernseh- oder Rundfunkspot. Wir hatten ein Programm und eine Satzung, die aber noch nicht gedruckt waren. Wir hatten einen Kopierer und unten in dem Keller vom angemieteten grünen Bungalow in der Ebert-Allee 120 - 150 m neben der SPD und schräg gegenüber der CDU-Zentrale in Bonn - stand ein Matrizendrucker.

Damit haben wir angefangen. Dann habe ich das erste Flugblatt geschrieben, eine DIN A4-Seite: „Die Grünen auf dem Weg zur Alternative“. Das haben wir dann im Wahlkampf zig tausendmal verteilt als Kurzfassung vom Programm – gedruckt in Bielefeld. So ging das los.

Die Vorstände waren berufstätig und deshalb in der Woche nicht da. Die Sitzungen waren an den Wochenenden. Nur Herbert Gruhl kam auch unter der Woche ab und zu vorbei. In der Geschäftsstelle arbeiteten Frau Wieczorek von der AUD, von der GLU Werner Knecht, von der GAZ Herr Fänger und von der FIU ich. Petra Kelly und Roland Vogt waren die Spitzenkandidaten.

Da hast du eine Lebensentscheidung getroffen?

Damals noch nicht. Im März war die Gründung, am 10. Juni 1979 war die Wahl. Und nach dem überraschend guten Ergebnis mit 3,2% dann die Frage: Wie geht es jetzt weiter? Ich hatte mit Beuys vereinbart, nach dem Wahlkampf nach Düsseldorf zurückzukommen.

Der Bundesvorstand hat mit allen in der Geschäftsstelle Gespräche geführt. „Ich gehe zurück nach Düsseldorf“ war meine Antwort. Nach Abschluss der Gespräche kamen sie erneut auf mich zu: Kannst du das nicht doch weiter machen? Dann habe ich zunächst mit Beuys gesprochen und blieb in Bonn.

Da war ja noch nicht klar, ob das mit der Gründung der Partei im parteirechtlichen Sinne auch klappt. Aber in gewisser Weise war das Fundament gelegt. Wir bekamen 4,8 Millionen DM als Wahlkampfkostenrückerstattung. Wie sollten wir mit diesem Geld den begonnenen Parteibildungsprozess voranbringen?

Der Wahlkampf ist ja nicht aus der Rückfinanzierung bezahlt worden, sondern aus dem Vorschuss von Beuys.

Viele haben einen Beitrag geleistet, Beuys auch. Beuys hat etliche tausend in den Topf geworfen. Wir arbeiteten in dieser Phase alle auf Basis mündlicher Verträge ohne ein Einkommen von den Grünen. Und wer kein sonstiges Einkommen hatte, wurde aus privaten Mitteln unterstützt, nicht aus der Parteikasse. Ich hatte als Geschäftsführer in dieser Zeit keinen schriftlichen Vertrag, erst ab Juni 79.

Es gibt einen Beschluss vom Bundesvorstand, Petra und Roland als politische Geschäftsführer einzustellen. Und dann muss es einen Vertrag mit Milan geben als Pressesprecher, im Wahlkampf.

Petra und Roland waren als Spitzenkandidaten die politischen Geschäftsführer, weniger in der Bonner Geschäftsstelle, sondern vor allem unterwegs auf Wahlkampfreisen. Milan war öfter da, telefonierte schon damals viel und effizient, er machte den Pressespiegel, kam morgens mit einer Stofftasche voll Zeitungen, die er in der Regel schon gelesen hatte, weil er die Ausgabe nachts um zwei vom Frankfurter Bahnhof holte. Dann fing er an zu schnippeln und aufzukleben. Das wurde kopiert, und dann wussten wir, was für uns wichtig war.

Zu größeren Veranstaltungen in Frankfurt, Hannover, Düsseldorf etc. fuhren wir alle zusammen. Ein großer Peugeot, drei Sitzreihen, er gehörte Rolands Frau. Auf dem Beifahrersitz Milan, hinter uns Joseph Beuys und Rudi Dutschke, dahinter Petra und Roland. Wir fuhren nicht, wir segelten – alles war leicht, auch nach Tagen ohne Schlaf. Ein Höhepunkt: An einer Autobahnraststätte halten und mit Beuys eine Bockwurst essen. Ein ästhetischer Genuss!

Jetzt ist dieser August. Du warst einverstanden und hast gesagt: Bonn ist okay. Du machst das. Die Debatten laufen dann einmal über das Programm.

Ja, aber es gab ja die Grün-Bunt-Alternativen-Gespräche in der zweiten Hälfte 79. Sie fanden statt in der Bonner Gaststätte Harmonie - zwei Treffen mit den führenden Köpfen der möglicherweise Beteiligten, der Alternativen Liste Berlin, der Bunten Liste Hamburg, der Grünen Liste Hessen und einigen straff geführten Parteien und Organisationen, die vor allem von der Sorge getrieben waren, dass da ein wichtiges politisches Ereignis endgültig ohne sie stattfinden könnte, wie Christian Semler von der KPD, Joscha Schmierer vom KBW und Jürgen Reents vom KB.

Und natürlich mit allen Repräsentanten, die zur Europawahl das grüne Wahlbündnis gegründet hatten und unterstützt hatten: August Haußleiter (AUD), Helmut Lippelt (GLU), Herbert Gruhl (GAZ), Rudi Dutschke. Auf dem ersten Treffen brachte Milan zum ersten Mal Herbert Gruhl und Rudi Dutschke zusammen, ein gemeinsames Mittagessen.

Es war meine Aufgabe, die Gespräche in der Bonner Harmonie zu moderieren. Da ging’s zur Sache und nicht nur um die Zukunft des Planeten: Mitgliedschaft und Doppelmitgliedschaft? Wie bildet sich die grüne Identität. Was ist mit den alten Organisationen, wenn deren Mitglieder in die Grünen eintreten? Müssen Mitglieder ihre alte Organisation verlassen, müssen die Organisationen ihre jetzigen Strukturen auflösen? Da hat Dutschke eine sehr wichtige Rolle gespielt.

Er war sehr klar: Wenn, dann muss das für alle gelten. Er knöpfte sich dann August Haußleiter vor und sagte: August, löst du die AUD auf? August druckste rum, wich aus, aber am Ende sagte er ja. Danach konnte auch Gruhl nicht mehr kneifen, für die GLU war eine Auflösung eher selbstverständlich und für die K-Gruppen wurde es eng für eine Doppelmitgliedschaft.

Welche Rolle hat der Nato-Doppelbeschluss von Ende 79 in euren Debatten gespielt?

Die Anti-Atombewegung hat sich anfangs nicht sehr stark damit identifiziert. Das war erstaunlich, weil für Personen wie Petra Kelly und Roland Vogt, die ja aus dem Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz und dem Forum Europa kamen, dieser Zusammenhang völlig selbstverständlich, gelebte Praxis war. Aber in der Bewegung war es nicht selbstverständlich. 1980 gab es in Nordhorn-Lingen die erste Demonstration von Friedensbewegung und Ökologiebewegung mit einem gemeinsamen Aufruf.

Waren die Grünen 1979/80 offen für die Friedensbewegung?

Das war nie strittig. Eine Frage war aber: Ist die Friedensbewegung eine Ein-Punkt-Bewegung gegen die NATO-Nachrüstung mit Pershing II und Cruise Missile oder ist es eine Bewegung gegen militärische Aufrüstung in beiden Militärblöcken? Und ist sie zudem eine Bewegung, die den Zusammenhang zwischen Frieden und Menschenrechten, also den Zusammenhang zwischen Menschenrechten und Bürgerrechten thematisiert? Das war umstritten.

Dahinter war ja auch eine gewaltige Kraft.

Die größte Demonstration der Friedensbewegung war am 10. Juni 1982, die sogenannte Anti-Reagan-Demo. Da waren alleine in Bonn weit über 500.000 Menschen, und viele Busse blieben zwischen Köln und Bonn stecken und kamen gar nicht mehr durch. Das hatte damit zu tun, dass zu dem Zeitpunkt die Auseinandersetzung innerhalb der Friedensbewegung explodiert ist. Es gab im Vorfeld der Demonstration einen Kongress in der Godesberger Stadthalle mit über 1.100 Teilnehmern.

Dort ging es um die Frage: Sprechen wir uns auch aus gegen die Stationierung der sowjetischen SS20-Raketen oder bleibt diese Forderung draußen? Gibt es einen Link zwischen Frieden und Menschenrechten? Ich war für die Grünen im Koordinierungsausschuss der Friedensbewegung, war Teil der Gesprächsleitung und hatte mich mit dem Bundesvorstand, insbesondere mit Petra Kelly und Rudolf Bahro vorbereitet, um uns ganz klar als eine blockübergreifende Bewegung zu positionieren, die weitere Rüstungsspiralen ablehnt und Friedens- und Menschenrechte als unteilbar ansieht.

Das lief ja in den Verhandlungen über den Demonstrationsaufruf, verkürzt gesagt, immer nach dem gleichen Muster: Lasst uns in den Aufruf mit aufnehmen die Solidarität mit den Menschen in Südafrika, also gegen Apartheid. War für alle Konsens. Gegen die Militärdiktatur in Chile. War für alle Konsens. Kurdistan, gegen die Militärregierung in der Türkei. War für alle Konsens.

Und dann kam ich mit Solidarność und Charta 77 und der DDR Opposition. Dann kam der große Aufschrei. Ja, aber… das wird doch alles zu viel und dadurch beliebig und dann lasst uns lieber schreiben: Für Frieden und Menschenrechte weltweit!

Ich hatte einen eigenen, grünen Aufruf als Präambel zum Aufruf des Koordinierungsausschusses vorgetragen. Zwei Drittel lehnten ihn ab, nur die katholische Kirche von unten, Teile des BBU und Teile einiger protestantischer Organisationen unterstützen uns. Daraufhin sind wir mit etwa einem Drittel der Versammelten aus der Godesberger Stadthalle ausgezogen und kündigten an, mit einem eigenen Aufruf zu mobilisieren.

Die Botschaft war: Die Friedensbewegung ist gespalten. Die einen sind nur gegen die westlichen Atomraketen, die anderen sind gegen die der Nato und des Warschauer Pakts und sie sind für die Verbindung von Frieden und Menschenrechten. Diese Auseinandersetzung hat die gesellschaftliche Verankerung der Friedensbewegung stark erweitert.

Wichtige Teile der Bevölkerung konnten sich jetzt in anderer Weise damit identifizieren. Und deshalb kamen 1982 auch viele Menschen nach Bonn - nicht in Gruppen organisiert, sondern mit selbstorganisierten Bussen und ohne sich im Koordinationsbüro anzumelden

Was da 81 passiert ist, das war richtig greifbar.

Das war eine gesellschaftliche Bewegung! Ich bin damals viel unterwegs gewesen. Es galt in der Zuspitzung die Frage: Wie steht man zur Sowjetunion? Wie steht man zur DDR? Wie steht man eigentlich zu den Menschen? Unser Ansatz war: In Friedens- und Menschenrechtsfragen geht es um Loyalität von Bürgern unterschiedlicher Systeme und verschiedener Staaten.

Du sagst jetzt ‚unser Ansatz‘. Wenn ich mir die Bundestagsfraktion angucke, unterstützt ein Großteil diese Politik gar nicht.

Nun ja. Wir waren politisch und auch sozial ein breites Spektrum. Die einen wurden ihren Bedürfnissen eher im Gespräch mit dem Generalsekretär der SED oder anderen „Offiziellen“ gerecht, für andere war die konkrete politische Unterstützung der Opposition entscheidend - auch um den Preis, dass dann die staatliche Ebene Gespräche mit uns eher ablehnen wird. Man könnte es freundlich eine Arbeitsteilung nennen.

Aber das war es nicht. Den Ansätzen lagen unterschiedliche Politikverständnisse, ideologische und mentale Blockaden und vor allem unterschiedliche Verständnisse von gesellschaftlichen Veränderungsprozessen zugrunde, die wir bis 1989, bis zum Fall der Mauer, innerparteilich nicht überwunden haben.

Meinst du, das ist eine Elitenproblematik oder eine Grünen-Problematik?

Nein, es war eine Frage der Haltung. Eine Haltung gegenüber Menschen, die unter autoritären, diktatorischen Bedingungen persönlich und familiär viel riskierten, um für Demokratie und Freiheit zu kämpfen. Für einen Teil der Grünen war es wichtiger, mit der Opposition zu reden, für einen anderen Teil wichtiger, mit der politischen Führung Gespräche führen zu können in der verblendeten Erwartung, auf dieser Ebene deutsch-deutsche Politik gestalten und auf Honecker Einfluss nehmen zu können.

Das zeigte sich ja auch im Oktober 1983, als wir die Demo-Aktion auf dem Alexanderplatz gemacht haben. Da wurde im Grunde genommen die ganze Problematik und Widersprüchlichkeit der westeuropäischen Friedensbewegung sichtbar und auf den Punkt gebracht. Ausgangspunkt war eine END- Konferenz, eine Veranstaltung des European Nuclear Disarmament Bündnisses mit 1200 TeilnehmerInnen im Berliner ICC.

Auch hier vertrat ich im Koordinierungsausschuss die Grünen. Die erste END-Konferenz war in Brüssel, für die zweite in Berlin wollte die Mehrheit der Organisatoren die Zusage, dass es ausschließlich um die Nato-Nachrüstung geht. Und dass es keine Aktivitäten in Richtung Ost-Berlin und UdSSR geben darf. Das war natürlich absurd.

Ich hatte seit 81 Einreiseverbot. Also war die Frage: Wie komme ich trotzdem rein? Ich mietete ein für den Grenzübergang angemessenes Auto, einen 380er Mercedes. Die Grenzer tickten ja strukturell im Grunde genauso wie die bei uns. Damit fuhren wir rüber, ich hatte nur meinen Führerschein gezeigt, meinen Ausweis hatte ich nicht dabei. „Wir bräuchten dann zumindest mal ein aktuelles Foto“, das ich an der Grenze machen konnte. Da ich meinen Personalausweis nicht dabei hatte, konnten sie die Nummer nicht abgleichen. Und so war ich drüben.

Einem Freund hatte ich meine Foto-Kamera gegeben und gesagt: Du musst Morgen kurz vor 12 in Berlin sein an der Weltuhr. Da wirst du mich sehen und ein paar andere auch und du hast höchstens 10 Sekunden Zeit, um ein paar Fotos zu machen. Danach fährst du sofort zurück in den Westen. Um 12 Uhr ging es dann los. Die Transparente hatten wir in der Nacht vorher bei einem Bekannten vorbereitet: „Für Abrüstung in Ost und West. Für Frieden und Menschenrechte in Ost und West“, „Schwerter zu Pflugscharen“.

Wir wurden relativ schnell festgenommen und abgeführt. In dem Verhörraum kam es nur kurz zu einer Auseinandersetzung. Dann wurde ihnen klar, wen sie da festgenommen hatten – u.a. Petra Kelly und Gert Bastian. Beide waren in den DDR-Medien sehr präsent als Kritiker der Nato-Nachrüstung, insbesondere Bastian als ehemaliger Bundeswehrgeneral und Mitglied der Generäle für den Frieden, die - wie später Markus Wolf in seiner Autobiografie schrieb - auch von der DDR mit finanziert wurden.

Wir formulierten dann einen Brief an Honecker und haben ihn auf dem Rückweg zum Grenzübergang Friedrichstraße im Gebäude des Staatsrats der DDR abgegeben. Der Mann wurde kreidebleich, weil er mit der Frage, ob ich Herrn Honecker bitte sofort sprechen kann, nicht klar kam. Honecker war nicht im Haus.

Aber am nächsten Morgen erhielten wir im ICC in Westberlin einen persönlich unterschriebenen Brief von Honecker: Gert Bastian, Petra Kelly und ich. Darin bedauerte er sehr, dass er uns nicht angetroffen habe und dass es ja vielleicht zu einem anderen Zeitpunkt eine Gelegenheit gebe.

Wann kam es zum Treffen?

Ende Oktober 1983. Eine Mitarbeiterin aus der Fraktion hatte handschriftlich einen Friedensvertrag vorbereitet, der damals von den DDR-Kirchen genutzt wurde, um persönliche Friedensverträge zwischen ostdeutschen und westdeutschen Christen zu schließen. Links neben mir saß Häber [3], dann kam Honecker.

Ich reichte Honecker diesen Vertrag rüber und bekundete, dass aus meiner Sicht nach seinen umfassenden Ausführungen zum Friedenswillen des „Arbeiter und Bauernstaates“ (Honecker) einer gegenseitigen Unterzeichnung nichts im Wege stehe. Honecker liest den Text und setzt den Stift an. In dem Augenblick nimmt Häber mit seiner linken Hand die rechte Hand von Honecker, hält sie fest und sagt: „Also, wir sollten jetzt diesem ersten offiziellen Treffen zwischen der SED-Führung und den Grünen nicht die Ernsthaftigkeit nehmen.“

Honecker macht eine kleine Ruckbewegung, zieht seinen rechten Arm wieder los und sagt: „Ja, aber die ersten beiden Punkte kann ich unterschreiben.“ Und unterschreibt dann die ersten beiden Punkte, aber nicht den letzten Punkt. Der hieß: Wir setzen uns im eigenen Land jeweils für eine einseitige Abrüstung ein.

Danach kündigte ich an, einige Tage später wieder in Ostberlin zu sein, um mit einigen Friedensfreunden aus der DDR, aus Holland, England und Westdeutschland eine Petition für Abrüstung in West und Ost bei der amerikanischen und bei der sowjetischen Botschaft zu übergeben; nächste Woche Donnerstag.

Daraufhin Honecker: „Wieso machen Sie das nicht in Bonn? Da gibt es doch auch eine amerikanische und sowjetische Botschaft.“ Und ich: „Sie wissen, dass wir schon öfter mit ein paar hunderttausend in Bonn unterwegs waren. Deshalb, denke ich, ist es jetzt an der Zeit, das auch mal in Ostberlin zu machen.“ Honecker antwortete darauf nicht.

Durch eine Pressekonferenz in Ostberlin wurde die beabsichtigte Petitionsübergabe in Ostberlin öffentlich. Ich hatte diese Aktion länger vorbereitet, hatte Materialien rüber bringen lassen, die u.a. bei Rainer Eppelmann lagerten. Nach dem Gespräch bei Honecker waren wir in verschiedenen Wohnungen, wo jeweils 30, 40 Menschen zusammenkamen, bei Bärbel Bohley, Ulrike und Gerd Poppe, bei Vera und Knut Lengsfeld und bei Rainer Eppelmann. Dort berichteten wir jeweils über das Gespräch mit Honecker und verabredeten uns zur Petitionsübergabe am 4.11. in Ost Berlin.

Zwei Tage nach dem Gespräch bei Honecker ruft mich frühmorgens Gert Bastian an: „Häber steht bei mir im Büro. Er fragt, ob ich Abstand nähme von der Aktion, die in Ostberlin zu einer Unruhe führen würde. Das könnten sie nicht zulassen.“ „Ich bin morgen um 14 Uhr an der Friedrichstraße in Ostberlin verabredet.

Dabei bleibt es“ sagte ich und flog direkt nach Berlin, um mich mit Jürgen Fuchs und Roland Jahn zu beraten. In einem Café Ecke Ku’damm/Uhlandstraße eröffnete ich ein kleines Büro, um erreichbar zu sein. Dort rief mich zuerst Manfred Stolpe an, damals Sekretär der Kirche. Er habe Gespräche geführt, auch mit dem ZK gesprochen. Ob ich um 15 Uhr einreisen könne, statt 14 Uhr? Ich lehnte ab und wurde um 14 Uhr am Grenzübergang abgewiesen.

Abends konnte ich im SFB-Studio die Aufnahmen von der Friedrichstraße sehen: 250, 300 Menschen hatten sich versammelt, einige Gesichter erkannte ich. Die Kirche versuchte zu vermittelten. Dann wurde bekannt, dass im Vorfeld bereits einige Hundert Personen von der Polizei festgenommen worden waren, um ihre Teilnahme an der Petitionsübergabe zu verhindern. Zum Teil hatte man sie aus den Zügen herausgeholt von Leipzig und anderen Städten.

Dirk Schneider und Antje Vollmer, beide Bundestagsabgeordnete, kritisierten mich scharf und forderten meine Ablösung als Bundesgeschäftsführer. Aus einigen Kreisverbänden kamen Ausschlussanträge aus der Partei. Der Vorwurf: Beckmann bringt Leute ins Gefängnis, er gefährdet sie und hat sich mit niemandem von uns abgesprochen.

Mit wem hätte ich mich absprechen sollen? Wenn Telefone abgehört werden und in den eigenen Reihen genug falsche Freunde waren, die jede Aktion in Ostberlin zu verhindern versucht hätten? Ostdeutsche BürgerrechtlerInnen reagierten mit einem öffentlichen Brief an die Grüne Führung in Partei und Fraktion und schrieben sinngemäß: Wir sind sehr froh, dass unsere politische Situation endlich mal diese Öffentlichkeit erreicht, denn es macht für uns einen großen Unterschied, ob wir mit oder ohne Öffentlichkeit für unsere Freiheitsrechte kämpfen und im Gefängnis sitzen.

Dieser Brief hat Wogen geglättet und verstärkte den Druck, sich innerhalb der Grünen inhaltlich und strategisch mit unserem Verhältnis zur DDR-Opposition zu beschäftigen. Wer sind unsere Verbündeten? Mit wem sind wir solidarisch, zu wem loyal? Das war ein langer Prozess. Ich denke, viele haben seinerzeit nicht verstanden, was mich und andere wie Petra Kelly, Milan Horáček, Wilhelm Knabe, Elisabeth Weber und zahlreiche andere antreibt in dieser Auseinandersetzung.

Ich war ganz stark geprägt von meiner Arbeit bei Amnesty International, die ja zum Grundprinzip erhoben hatte: Wir betreuen nicht nur Gefangene in der Sowjetunion, so wie es die CDU gerne tat, nicht nur Gefangene in Südafrika und Nicaragua, so wie es die Linke gerne tat, sondern wir setzen uns ein für die Würde verfolgter Menschen, und unsere Solidarität mit ihnen darf nicht davon abhängig sein, in welchem System sie leben. Das war der Punkt.

Du hast zum Bundesvorstand kandidiert und dich durchgesetzt, bist gewählt worden. Ist das richtig?

Eine Möglichkeit, diese politische Arbeit fortzusetzen. Bundesvorstandssprecher war eine ehrenamtliche Tätigkeit, die ich seinerzeit nur über Arbeitslosenhilfe finanzieren konnte. Der Bundestagswahlkampf 1983, für den ich als Bundesgeschäftsführer die federführende Verantwortung übernahm, hatte ja neben Ökologie und Frieden die Flick-Affäre als Thema.

Damals war bekannt geworden, dass Flick die Parteien mit großen Barbeträgen bestochen hatte. Nach der Wahl beantragten wir deshalb einen Flick-Untersuchungsausschuss, dessen Arbeit von Otto Schily geprägt wurde. Dies hatte allerdings auch zur Folge, dass wir angefangen haben, Bereiche der nicht gesetzlich geregelten Politikfinanzierung, wie die Finanzierung von parteinahen, politischen Stiftungen, unter die Lupe zu nehmen und das Bundesverfassungsgericht damit zu befassen.

Mit dem Einzug der Grünen in den Bundestag war auch ein erstes Anrecht auf eine uns nahe stehende Stiftung entstanden. Wir wollten jedoch zunächst das Urteil aus Karlsruhe abwarten. Die Entscheidung fiel im Juli 1986.

Es lag auf der Hand, dass die Adenauer-, Ebert-, Naumann- und Seidel-Stiftung nicht verboten werden, sondern dass wahrscheinlich die Grenzen zwischen Partei, Fraktion und Stiftungen noch einmal deutlicher gezogen werden und dass damit auch für uns der Weg sein frei wird, eine eigene Stiftung zu gründen.

Mir lag sehr daran, dass wir keine parteipolitische, sondern eine kulturpolitische Stiftung als parteinahe Stiftung gründen. Ich hatte Heinrich Böll 1978 vor Gründung der Grünen kennengelernt; er gehörte zusammen mit seiner Frau Annemarie Böll zu den ersten Intellektuellen, die uns 1979 per Aufruf zur Europa-Wahl unterstützt haben.

Wenige Wochen vor seinem Tod rief mich sein Sohn René an, sein Vater würde sich freuen, wenn ich ihn besuchen würde. Es entwickelte sich ein sehr langes, für mich sehr denkwürdiges Gespräch. Er schlug einen weiten Bogen über seine Erfahrungen mit Politik und Politikern, erzählte von Wehner, Brandt, Kohl, Adenauer, Schmidt u.a., wie er sie als Menschen erlebt hatte.

Wie kam es zur Gründung einer Initiative für eine Heinrich Böll-Stiftung?

Im Sommer 1986 hatte das Verfassungsgericht in Karlsruhe über unsere Klage entschieden. Heinrich Böll war ein Jahr zuvor verstorben und ich verfolgte das Ziel, einer grünnahen Stiftung seinen Namen zu geben. Heinrich Böll war eine moralische und politische Instanz – selbst bei seinen Gegnern.

Er war Literaturnobelpreisträger und hatte wesentlich dazu beigetragen, dass die deutsche Sprache nach 1945 auch im Ausland wieder sprechbar wurde und öffnete mit seinen Romanen und als Persönlichkeit Türen für erste Gespräche mit Moskau und anderen Ländern.

Heinrich Böll hatte uns zusammen mit seiner Frau Annemarie bei der Europawahl 1979 unterstützt, ebenso bei der Bundestagswahl 1983. Seine Unterschrift unter einem Wahlaufruf war vertrauensbildend für viele weitere Persönlichkeiten aus den intellektuellen und künstlerischen Milieus der alten Bundesrepublik.

Ich fuhr zu Annemarie Böll und sprach zunächst mit ihr und Sohn René Böll über die Idee einer grünnahen Heinrich-Böll-Stiftung. Einige Wochen später kam Renés Bruder Vincent hinzu, ebenso Lew Kopelew und einige weitere enge Freunde der Familie. Mein Vorschlag fand Unterstützung. Umso mehr sah ich mich in der Pflicht, offen über mögliche Probleme bei der innerparteilichen Durchsetzung zu sprechen.

„Es gibt drei Punkte, die es nicht einfach machen“, sagte ich: „Böll war ein Mann, Böll war Katholik und Böll war bürgerlich.“ Annemarie Böll hat gelassen reagiert: „Es ist nicht unsere Initiative“, sagte sie, „kein Vorschlag der Familie. Aber wenn Sie den Vorschlag machen, werden wir ihn unterstützen. Und machen Sie sich wegen öffentlicher Diskussionen keine Sorgen. Das kennen wir alles. Die Stadt Köln hat fünf Jahre gebraucht, um sich nach heftigen Diskussionen für eine Ehrenbürgerschaft meines Mannes zu entscheiden.“

Ich habe diese Initiative zur Böll-Stiftung als Parteimitglied und Bürger angestoßen, nicht in meiner damaligen Funktion als einer der drei Vorstandssprecher der Partei. Nach außen nicht leicht zu trennen, aber mir war klar: Wenn ich mit diesem Vorschlag durch die Mühlen unserer Gremien muss, ist der Vorschlag tot, bevor er das Licht der Öffentlichkeit erreicht.

Nach einer öffentlichen Einladung zur Gründung der Initiative über den Kölner Stadtanzeiger forderte mich der Bundesvorstand auf, die Initiative sofort zurückzuziehen. Fast alle Landesvorstände folgten dieser Aufforderung. Nur Baden-Württemberg schloss sich nicht an. Für mich war klar, dass ich den Gründungstermin der Initiative für eine Böll-Stiftung nicht absagen würde. Es folgte eine heftige öffentliche Auseinandersetzung.

Und wie erwartet, schaltete sich die SPD ein. Willy Brandt, Johannes Rau und weitere führenden Sozialdemokraten riefen bei Annemarie Böll an. Sie erinnerten daran, dass die Familie Böll doch eigentlich sozialdemokratisch sei und Heinrich Böll die Kanzlerkandidatur von Willy Brandt und ihn auch 1972 nachdrücklich unterstützt habe. Auch das Angebot, in der Friedrich-Ebert-Stiftung einen Kulturbereich mit Heinrich Böll als Namensgeber einzurichten, stand im Raum.

Dann habe ich zu einer Bundespressekonferenz eingeladen, um mein Anliegen zu begründen und zu erläutern, warum ich für eine kulturpolitische Stiftung mit dem Namen Heinrich Böll als parteinahe grüne Stiftung eintrete. Und das ging gut! Die führenden Medien honorierten mehrheitlich das kulturpolitische Anliegen und begleiteten den öffentlichen Diskurs.

Das erste Treffen der Initiative für eine Heinrich-Böll-Stiftung fand in Köln wie geplant statt. Es waren auch viele Grüne dabei und viele unterstützten das Projekt von Beginn an: Christa Nickels, Michael Vesper, Willi Hoss, Claudia Roth und viele andere. Tagsüber tippte ich auf meiner Schreibmaschine Vorlagen für die Initiativtreffen.

Als arbeitsloser Parteivorsitzender konnte ich die Kopien nicht bezahlen. Deshalb bin ich nachts ins Hochhaus Tulpenfeld und hab die Vorlagen dort auf mehrere Etagen und Kopierer verteilt, die Treppen rauf und runter, bis ich die Sachen zusammen hatte.

Beim Sonderparteitag der Grünen 1987 in Oldenburg erhielt das Angebot einer Böll-Stiftung keine Mehrheit. Ebenso nicht der Buntstift, die Frauenanstiftung und ein weiteres Dritte-Welt-Modell. Nach der Entscheidung ging René Böll ans Redepult: „Die Initiative zieht ihr Angebot an die Grünen zurück.

Wir werden die Stiftung nun unabhängig von den Grünen gründen.“ So hatten wir uns im Initiativkreis im Vorfeld verständigt. Im November 1987 folgte -  unabhängig von den Grünen - die Gründung der Heinrich-Böll-Stiftung in der Kölner Flora. Über 500 Menschen nahmen teil, viele von ihnen auch MandatsträgerInnen der Grünen. Vor allem auch viele bekannte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, Intellektuelle, Schriftsteller, Künstler, Wissenschaftler.

Wie geht es dann weiter?

Die Grünen wollten ja eine Stiftung, gleichzeitig war bei der Böll-Stiftung ein Spektrum an Persönlichkeiten vertreten, deren politische Unterstützung von der Führung der Partei durchaus hoch geschätzt wurde.

Nach Gründung der Initiative für die Heinrich-Böll-Stiftung hatten sich der Buntstift, ein Bündnis aus Landesstiftungen, und die Frauenanstiftung in Hamburg konstituiert. Ich fuhr mit einem gutachtenerfahrenen Verwaltungswissenschaftler zum zuständigen Referatsleiter ins Innenministerium, um informell anzufragen, ob grundsätzlich auch das Modell einer Holding mit drei Stiftungen denkbar sei.

Da ging es um die Frage: Auf wie vielen Ebenen darf eine Stiftung Mittel an untere Gliederungen weiterleiten? Adenauer-, Ebert-, Naumann- und Seidel-Stiftung leiteten Teile der Finanzmittel aus dem Bundeshaushalt an ihre Landesstiftungen weiter. Im Fall einer Holding mit drei Bundesstiftungen brauchten wir eine weitere Ebene, um einen Geldfluss an Länderstiftungen zu ermöglichen.

„Ich kann Ihnen das nicht versprechen“ sagte der Beamte, „aber wenn Ihre Fraktion den Antrag heute einbringen würde, hätte die angedachte Stiftungskonstruktion eine gute Chance, unsere Zustimmung für eine Empfehlung an den Haushaltsausschuss zu erhalten.“ Das reichte für´s Erste.

Wie ist es zu dem gemeinsamen Vorgehen mit der Frauenanstiftung gekommen?

Irgendwann rief Adrienne Goehler mich an, eine der Initiatorinnen der Frauenanstiftung und ihre Wortführerin. Adrienne sagte: „Wir haben kein Interesse an einer Mehrheit auf dem nächsten Parteitag für das Modell der Länderbildungswerke. Das wird dann eine klassische Parteistiftung.

Deshalb sollten wir gemeinsam zu einer anderen Lösung finden.“ Ich sagte: „Adrienne, wir kommen aus ganz verschiedenen politischen Perspektiven. Du aus der Hamburger Szene des Kommunistischen Bundes, auch wenn Du dort nie Mitglied warst, so sind die Bindungen doch zu eng, als dass ich Vertrauen habe.

Aber Adrienne rief mich mehrmals wieder an. Dann folgten über mehrere Wochen stundenlange Telefonate in der Nacht, in denen wir uns darüber austauschten, was wir jenseits von parteipolitischen Gesichtspunkten mit einer Stiftung wirklich erreichen wollen. Dabei lernte ich Adrienne neu kennen, sie mich sicher auch. Wir kannten uns bis dahin nur aus innerparteilichen Gremiendiskussionen. Die nächtlichen, stundenlangen Telefonate haben eine neue Vertrauensbasis geschaffen.

Am Ende haben wir zusammen einen Antrag formuliert für den nächsten Parteitag in Ludwigshaven 88. Wir sind zusammen ans Mikrofon, haben zur Überraschung vieler gemeinsam den Antrag und unsere Ziele und unser Selbstverständnis einer grünnahen Stiftung begründet und am Ende fand unser Antrag für eine Holding, den Stiftungsverband Regenbogen, darunter drei Stiftungen, eine klare Mehrheit. Und das hat dann funktioniert bis 1996. 1994 hat die Bundestagsfraktion eine Stiftungsreform angestoßen, um die Strukturen zu verschlanken.

Wie ging es dann weiter?

Ich war Geschäftsführer der Böll-Stiftung und Vorstand des Stiftungsverbandes Regenbogen. Hier waren alle drei Stiftungen vertreten. Im Sommer 1989 hatte der Regenbogen die ersten staatlichen Mittel erhalten. Anfang 1990 schrieb ich dem Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung einen Brief mit dem Hinweis, dass wir uns strukturell darauf vorbereiten sollten, dass die Grünen aus dem Bundestag fliegen.

Für mich war das Ergebnis im Dezember 1990 keine Überraschung. Woher soll dann das Geld kommen für die grünennahe Stiftung? Ein Teil der Strategie war, möglichst viele Auslandsprojekte anzustoßen und nicht nur Barmittel, sondern vor allem auch Verpflichtungsermächtigungen für die Folgejahre zu akquirieren, damit im Fall der Fälle zumindest unsere Auslandsprojekte mit Mitteln aus dem Bundesministerium für Entwicklungszusammenarbeit (BMZ) weiter finanziert werden.

Einige Wochen nach der Bundestagswahl 1990 kam Werner Schulz auf mich zu: „Jetzt haben wir die kleine ostdeutsche Fraktion mit acht Abgeordneten im Bundestag, wir kennen uns in den Bonner Gefilden jedoch kaum aus. Kannst du uns unterstützen?“ Ich wusste nicht, wie das gehen soll. „Die Böll-Stiftung war neu, der Regenbogen war neu.

Auch stand ich in einer besonderen Verantwortung für die Böll-Stiftung und deren Ruf nach außen. Wir hatten gerade die ersten fünf Millionen an staatlichen Geldern bekommen. Eines der ersten Projekte waren die Mütter vom Plazo de Mayo in Argentinien. Das lief gut an.

Da gab es politische Verwicklungen.

Beim ersten Projekt hat sich der deutsche Botschafter in Argentinien an das Auswärtige Amt gewandt und wollte unsere Unterstützung verhindern mit dem Hinweis auf eine „Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines anderen Landes“, wovon er dringend abrate. Das BMZ lehnte unseren Antrag ab, die Böll-Stiftung reichte eine Verwaltungsklage ein, wir haben gewonnen, das Projekt wurde finanziert. Glück gehabt. Und vor allem gute Richter.

Und wie kamst du dennoch zur Bundestagsgruppe?

Werner Schulz kam im Frühjahr 1991 erneut auf mich zu und bat mich um Unterstützung. Die nächste Wahl 1994 vor Augen, konnte ich nicht erneut nein sagen. Ich blieb noch eine Zeit bei der Böll-Stiftung und dem Regenbogen, arbeitete parallel als Geschäftsführer der Bundestagsgruppe, bis ich im Sommer ganz in den Bundestag wechselte.

Die Haushaltsverhandlungen standen an und damit auch die Frage, wie geht es weiter mit der grünnahen Stiftung? Darüber habe ich ein Gespräch geführt mit Bernhard Vogel, dem Chef der Adenauer-Stiftung. Meine Frage und Bitte war, ob die Stiftung bis zur nächsten Wahl in der bisherigen Höhe weiter finanziert werden könne, damit kein Schaden entstünde und der Name Böll nicht beschädigt würde.

Vogel hatte dafür Verständnis und hat sich danach nachdrücklich für uns eingesetzt - im Gegensatz zu Holger Börner von der Ebert-Stiftung. Allerdings musste jemand im Haushaltsausschuss den Antrag stellen für die grünnahe Stiftung, aber unsere West-Fraktion war uns ja abhanden gekommen.

Damit bin ich dann zu Werner Schulz: Was machen wir jetzt, sagte Werner: „Bei uns gibt es eine Diskussion über die Gründung einer Robert-Havemann-Stiftung.“ Mein Vorschlag: „Ich wechsele in die Bundestagsgruppe, unterstütze euch, ihr beantragt die Mittel für den Regenbogen.

Und wir bilden in der Bundestagsgruppe eine Kerngruppe, die die Assoziation von Bündnis 90 und den Grünen vorbereitet, ohne die weder die Grünen, noch das Bündnis 90 bei der nächsten Bundestagswahl in drei Jahren eine Chance haben werden.“ So sind wir dann verfahren – eine programmatisch und politisch sehr wichtige Entwicklungszeit für beide Seiten.   

 

[1] Das Interview hat Christoph Becker-Schaum am 9.10.2016 mit Lukas Beckmann geführt. Petra Kirberger hat den Text redaktionell bearbeitet. Es erschien im Jahrbuch Grünes Gedächtnis 2016.

[2] An allen hier beschriebenen Prozessen waren viele Menschen beteiligt. Dass ich (Lukas Beckmann) nur wenige namentlich erwähne, liegt in der Natur des mit Christoph Becker-Schaum geführten Gesprächs. Dafür bitte ich um Verständnis und Nachsicht.

[3] Herbert Häber war zu dieser Zeit Leiter der Westabteilung des Zentralkomitees der SED.

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