Afrika steht Großes bevor – wenn die Regierungen ihre Chance rasch ergreifen

Afrika steht Großes bevor – wenn die Regierungen ihre Chance rasch ergreifen

Die afrikanischen Regierungen müssen Maßnahmen ergreifen, die darauf ausgerichtet sind, dass der Motor der Wirtschaft sich wandelt – nämlich hin zum Binnenverbrauch, der Herstellung von Gütern und zu Dienstleistungen, und weg vom Export von Rohstoffen. Auch das Steuersystem muss an diesen Wandel entsprechend angepasst werden.

Keynote von Dr. Carlos Lopes (c) Joerg Farys | Heinrich-Böll-StiftungUrheber/in: Joerg Farys. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Bevölkerungsstruktur, Quellen erneuerbarer Energien und Technologie - Afrika hält viele Trümpfe in der Hand

Gemeinhin wird davon ausgegangen, dass die Chinesen Afrika rasend schnell aufkaufen und andere Investoren aus dem Rennen werfen. Oft zu hören ist auch, dass Afrikas Banken in Sachen Innovation und Verlässlichkeit hinterherhinken, und dass sich kein afrikanisches Land auf Höhe der globalen Modernisierungswelle befindet.


 "Gemeinhin" ist aber häufig schlichtweg falsch. Wir müssen anerkennen, dass wir es nicht mit jenem Afrika zu tun haben, dass wir nur zu gut zu kennen glauben.

Was will ich damit sagen? Zuallererst sollten wir vielleicht wissen, dass China unter den Ländern, die in Afrika investieren, nur den dritten Platz einnimmt. An zweiter Stelle steht Frankreich, dicht gefolgt von Indien. Erstaunt Sie das? Was Dann erstaunt es Sie vielleicht noch mehr, dass über 50 Prozent der weltweiten Bankgeschäfte via Mobiltelefon in Afrika abgewickelt werden, und dass Kenia hierbei weltweit den größten Marktanteil hat?

Über 50 Prozent des internationalen E-Bankings findet in Afrika statt - und zwar überwiegend in Kenia

Ich genieße es, wenn ich ein Publikum mit solchen Zahlen überraschen kann – wie zuletzt Vertreter des Südafrikanischen Insitute of International Affairs, führende UN-Mitarbeiter und eine Versammlung afrikanischer Außenminister. Die Zahlen überraschen, weil das, was man landläufig zu wissen glaubt, oft sehr große Macht über uns hat. Eben dieser Faktor hat im Laufe der Geschichte auch wiederholt die Entwicklung Afrikas behindert, denn Risikoabschätzungen erfolgen häufig auf Grundlage solcher „landläufigen“ Erfahrungswerte.

Wären die richtigen Zahlen bekannt, dann könnte auch die Kreditwürdigkeit Afrikas steigen (ein Thema, das in Südafrika für viel Ärger sorgt). Die landläufige Meinung darüber, wie sich Afrika entwickelt, beruht auf Fakten, die entweder überholt oder ganz und gar gegenstandslos sind. Es ist beispielsweise sehr wahrscheinlich, dass wir Afrikas Bruttoinlandsprodukt (BIP) ganz erheblich unterschätzen.

In einigen Fällen sind die Ausgangszahlen auch einfach nicht zu erhalten. Nur in zwölf der insgesamt 54 afrikanischen Staaten ist die volkswirtschaftliche Gesamtrechung auf dem aktuellen Stand; zumindest dann, wenn wir gängige Berechnungsverfahren nutzen, die vorsehen, dass das zugrundeliegende Basisjahr nicht mehr als fünf Jahre zurückliegen darf. Schwerer noch wiegt, dass etwa 60 Prozent der Bürgerinnen und Bürger afrikanischer Staaten über keine Ausweisdokumente verfügen. Ein tiefgreifender Wandel ist nicht möglich, wenn zwei so grundlegende Eckdaten wie die Zahl der Einwohner und die volkswirtschaftliche Gesamtrechung fehlen, beziehungsweise veraltet sind. Man kann versuchen, das auf anderem Wege auszugleichen, ein Ersatz ist dies jedoch nicht. Entsprechend klug müssen wir sein, um Afrika richtig zu bewerten.

Viele Menschen in Afrika sind enttäuscht von der Erzählung eines aufstrebenden Kontinents. Diese Erzählung zielt ohnehin auch in erster Linie auf das Investitionsklima und nicht auf einen echten Wandel.

Ein wachsendes BIP alleine genügt jedoch nicht. Wie aber müssen Maßnahmen aussehen, durch welche sich das soziale Gefüge grundlegend umkrempeln lässt? Hier müssen unsere Überlegungen ansetzen. Es mag noch lange dauern, bis wir ein verlässliches Bild von Afrika bekommen. Es gibt jedoch mehrere Hinweise, die uns einen guten Eindruck vom Entwicklungspotential des Kontinents liefern.

Drei „Mega-Trends“ beeinflussen die Entwicklung Afrikas ganz besonders. Zum einen ist dies die demographische Entwicklung; bis zum Jahr 2050 wird sich die Bevölkerung des Kontinents voraussichtlich verdoppeln – auf dann zwei Milliarden Menschen. Diese Zahl ist schon an sich verblüffend, gewinnt ihre wirkliche Bedeutung aber erst vor dem Hintergrund eines raschen Wachstums. Afrika wird dann über mehr Arbeitskräfte verfügen, als Indien oder China, und noch dazu über eine hohe Zahl an jungen Menschen – und das zu einer Zeit, in der der Altersdurchschnitt der Bevölkerungen im Westen steigt.

Ein Viertel der Bevölkerung Europas und Japans ist heute älter als 65. Schätzungen gehen davon aus, dass dieser Anteil bis zum Jahre 2065 auf Dreiviertel ansteigen wird. Im Unterschied dazu beträgt das durchschnittliche Alter in 22 afrikanischen Staaten 20 Jahre oder weniger.

Der zweite Mega-Trend ist die Technologie. Sie ist für unser Leben mittlerweile von so großer Bedeutung, dass Information zu einer Ware geworden ist, wodurch wiederum der Wert von Gütern sinkt.

Die Art, wie wir über Entwicklung denken, muss sich an diese Vorstellung erst noch gewöhnen. Die größten Konzerne, das heißt diejenigen mit der schnellsten Wertschöpfung, erschließen heute nicht Bodenschätze, sondern Informationen. Persönliche Informationen sind heute mehr wert als Platin. Wir durchleben gerade eine Revolution unseres Wirtschaftssystems. Die Frage dabei ist: Wie können wir Arbeitsplätze erhalten, wenn die meisten Volkswirtschaften an dem festhalten, was sie kennen?

Wir sollten die Möglichkeit ergreifen, die Demokratisierung von Informationen zu unseren Gunsten zu nutzen. Denn in der Tat erleben wir heute nicht nur eine technologische Umwälzung, wir erleben möglicherweise auch eine Revolution in der Art und Weise wie wirtschaftliches Handeln reguliert wird.

Ein Beispiel: Wenn Afrika, wie oben gesagt, beim E-Banking international führend ist, was hindert dann Staaten daran, es Telefongesellschaften zu erlauben, als Mikrobanken aufzutreten?

Geht man dies nur mit ein wenig Vorstellungskraft an, könnten die Folgen erstaunlich sein. Finanzfachleute stellten dies kürzlich bei einem Testlauf in Kenia fest, wo Aktien für Mobilfunknetze zu einem Ausgabepreis von 29 US-Dollar angeboten wurden, um die nationale Infrastruktur zu finanzieren. Innerhalb von nur zwei Tagen waren sämtliche Aktien verkauft.

Einfache Technologien sind dabei von ebenso großer Bedeutung wie High-tech.  Handeln wir nur rasch genug, eröffnen sich den Staaten Afrikas große Chancen.

Der dritte Mega-Trend, das kann kaum überraschen, ist der Klimawandel. Das Pariser Klimaabkommen bringt für Afrika nicht allzu viel. Wir haben die schwerwiegendsten Folgen zu tragen, während der Kontinent gleichzeitig mit am wenigsten CO2 ausstößt.  

Es genügt nicht, den globalen Temperaturanstieg auf 1,5 Grad zu begrenzen oder alleine auf freiwillige Selbstverpflichtung zu setzen – unerlässlich sind größere Einschnitte, und sie müssen sofort erfolgen.

Viele Regionen Afrikas haben hervorragende Voraussetzungen für die Erzeugung von Sonnen- und Windenergie. Für den afrikanischen Kontinent wäre es eine realistische Möglichkeit, ohne tiefgreifende Umstrukturierung ganz auf eine Grüne Industrialisierung zu setzen: Afrika ist in der einzigartigen Lage, eine globale Führungsrolle übernehmen zu können, indem es eine Entwicklungsstufe wie die fossile Industrialisierung einfach überspringt.

„Smart Cities - intelligente Städte“ sollten nicht der Ersten Welt vorenthalten sein. Afrika kann seine Wirtschaft wesentlich nachhaltiger gestalten, wenn es nicht auf alte, sondern auf mutige neue Strategien setzt.

Da fossile Brennstoffe und andere industriell genutzte Rohstoffreserven voraussichtlich bald erschöpft sein werden, sind innovative Denkmuster die einzige Alternative. Warum also sollte man die Industrie nicht mit erneuerbaren Energien betreiben, den CO2-Fußabdruck verkleinern, nachhaltige Landwirtschaft aufbauen oder auf eine „Blue Economy“ setzen?

All diese Chancen – der demographische Aufschwung, technische Neuerungen und erneuerbare Energien – werden lediglich Chancen bleiben, wenn die jeweiligen Regierungen sie nicht erkennen und ergreifen, indem sie politisch umschwenken und die Regeln entsprechend ändern.

Die afrikanischen Regierungen müssen Maßnahmen ergreifen, die darauf ausgerichtet sind, dass der Motor der Wirtschaft sich wandelt – nämlich hin zum Binnenverbrauch, der Herstellung von Gütern und zu Dienstleistungen, und weg vom Export von Rohstoffen. Auch das Steuersystem muss an diesen Wandel entsprechend angepasst werden.

Ironischerweise sind es die kleinen Staaten Afrikas, die mit innovativen Wachstumsstrategien aufwarten. Zieht man die „großen Drei“, nämlich Südafrika, Ägypten und Nigeria ab, kam Afrika im Jahr 2016 auf ein Wachstum von 4,4 Prozent. Rechnet man diese drei Staaten hinzu, sind es nur 1,6 Prozent.

Ein Land mag sich, wie Südafrika, „Regenbogen-Nation“ nennen, doch es verschwendet seine Zeit, wenn es am falschen Punkt nach seinem Topf voll Gold am Ende des Regenbogens sucht. *


Aus dem Englischen übersetzt von Bernd Herrmann

Der Beitrag ist im englischen Original zuerst auf BussinessDay (10. Mai 2017) erschienen.

* Pot of gold at the end of the rainbow: Im Englischen geläufiges Sprichwort, nachdem am Ende jedes Regenbogens der Farbenstrahl auf einen ein Topf voll Gold hinweist.

Carlos Lopes war bis November 2016 Vorsitzender der Wirtschaftskommission für Afrika der Vereinten Nationen. Er ist Professor am Graduiertenkolleg für Entwicklungspolitik und -praxis der Universität Kapstadt.

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