"Unsere Klimaziele erreichen wir nur mit sauberer Kohle"

"Unsere Klimaziele erreichen wir nur mit sauberer Kohle"

Interview

In vielen Schwellenländern und in der Stahlproduktion sei Kohle unerlässlich, sagt Benjamin Sporton, Chef der Weltkohlevereinigung. Neue Techniken sollen sie in Zukunft klimafreundlich machen.

Ein Kohlekraftwerk in der Abenddämmerung
Ein Kohlekraftwerk in Minnesota, USA. Derzeit macht Kohle 33 Prozent des Stroms in den USA aus — Bildnachweise

Bernhard Pötter: Herr Sporton, wie fühlt man sich, wenn man verachtet wird?

Benjamin Sporton: Das waren aber nicht meine Worte.

Ihr Kollege Brian Ricketts von der europäischen Kohleindustrie hat behauptet, nach dem Klima-Abkommen von Paris würde die Jagd auf die Kohleindustrie eröffnet.

Ich geniesse es, für die Kohleindustrie zu arbeiten. Denn gerade in den Schwellenländern in Asien spielt Kohle eine wichtige Rolle in der Wirtschaft. Es gibt viele Leute, die mit uns reden wollen über die Rolle der Kohle und wie man Emissionen senkt und wie Kohle in eine sauberere Energiezukunft passt.

Gerade das bestreiten ja viele. Die Kohleindustrie gilt als «Feind des Planeten».

Es gibt Leute, die das sagen. Aber wir sind ja alle Kohle-Konsumenten auf dieser Welt. Kohle stellt 41 Prozent des weltweiten Stroms, 90 Prozent des Zements, 70 Prozent des Stahls, also ist sie ein lebenwichtiger Rohstoff für die Welt. Und das wird sich in der vorhersehbaren Zukunft auch nicht ändern.

Aber in vielen Bereichen ist die Kohle auf dem absterbenden Ast.

Globale Energiemärkte verlagern sich nach Asien. Der Bedarf kommt in Zukunft aus Südostasien und Indien, ein bisschen weniger aus China. Viele dieser Länder haben selbst Kohle oder schätzen sie, weil sie billig und verlässlich ist. Und deshalb sind wir ziemlich optimistisch, was die Zukunft der Kohle angeht.

Es wird wieder mehr Kohleförderung geben

Aber ganz so rosig ist das Bild für Sie auch in Asien nicht. China und Indonesien haben Baustellen für Kohlekraftwerke eingefroren, Indien wird 37 Minen schliessen.

Indien schliesst alte und ineffiziente Minen, damit es mit den neuen Bergwerken besser arbeiten kann. Das Land will in den nächsten 5 bis 10 Jahren seine Produktion ausweiten und auch neue Kraftwerke bauen. China wächst nicht mehr wie früher, aber das kann man auch nicht erwarten. Das Land bewegt sich weg von kleinen Öfen in Betrieben und im Haushalt, das war sehr ineffizient und brachte grosse Luftverschmutzung.

Das dämpft die Nachfrage, aber bei der Stromerzeugung erwarten wir weiterhin einen Anstieg. China hat derzeit etwa 900 GW aus Kohle und plant 1100 GW über die nächsten Jahre. Und dann gibt es Südostasien, wo sich die Stromerzeugung aus der Kohle bis 2040 verdreifachen wird. Asien ist immer noch eine Wachstumsgeschichte.

Aber haben wir weltweit nicht schon das Maximum der Kohleförderung erreicht?

Das glaube ich nicht. In den letzten zwei Jahren hatten wir einen Rückgang, für 2017 erwarten wir wieder ein Wachstum. Wir werden allerdings keine grossen Sprünge beim Wachstum mehr sehen.

Selbst das wäre eine sehr schlechte Nachricht fürs Klima.

Deshalb machen wir uns auch stark für Technik mit niedrigen Emissionen. Alle Vorhersagen zeigen, dass Kohle für die nächsten 20 bis 40 Jahre eine zentrale Rolle im globalen Energiemix spielen wird. Es sind 900 GW neue Kohlekraftwerke geplant oder im Bau, die werden mindestens 20 bis 30 Jahre arbeiten. Deshalb ist es so wichtig, an einer technischen Lösung zu arbeiten. Kraftwerke mit der neuesten Technik reduzieren den CO2-Ausstoss um 25 bis 30 Prozent gegenüber alter Technik. Und deshalb müssen wir an CCS (dem Auffangen und Speichern des CO2) arbeiten. Wenn wir uns nicht auf die Niedrigemissions-Techniken konzentrieren, dann erreichen wir die globalen Klimaziele nicht.

Zur Person

Benjamin Sporton ist Geschäftsführer der Weltkohlevereinigung WCA. Der 40-jährige Australier studierte Politik in Adelaide und Buenos Aires und kam 2010 zum Dachverband der weltweiten Kohleindustrie, in dem Bergbau- und Kohleunternehmen versammelt sind. Sie repräsentieren 20 Prozent der weltweiten Produktion und 31 Prozent des Exports dieses Brennstoffs.

Sporton hat seine Arbeit auf die Fragen von Energiearmut, nachhaltiger Entwicklung und Klimawandel fokussiert. Er vertritt die Kohleindustrie in Gremien der Internationalen Energieagentur und bei den UN-Konferenzen zu Klima und Nachhaltigkeit. Sporton lebt in London.

Selbst mit der effizientesten Technik müssten 80 Prozent der Kohle weltweit im Boden bleiben, wenn wir die Klimaziele erreichen wollen.

Es gibt verschiedene Szenarien. Stellen Sie sich vor, wir hätten eine bezahlbare, gut arbeitende CCS-Technologie. Das hieße, es gäbe keinen Grund, fossile Brennstoffe nicht einzusetzen. Wenn wir die Emissionen auffangen können, geht es nicht um die Frage, wie wir den Kohlenstoff im Boden halten, sondern wie wir ihn raus aus der Luft halten.

Beispiele für erfolgreiches Carbon Capture and Storage

Von CCS redet die Industrie seit 20 Jahren. Aber bis jetzt sind die meisten Projekte verschoben worden, sie werden teurer.

CCS ist nicht den Weg gegangen, den wir erhofft hatten, das stimmt. Warum ist das so? Es liegt an der Erfolgsgeschichte der erneuerbaren Energien. Regierungen haben Erneuerbare in den letzten zehn Jahren mit etwa 800 Milliarden Dollar gefördert. In dieser Zeit gab es etwa 20 Milliarden Subventionen für CCS. Investoren legen ihr Geld also in den Erneuerbaren an. Trotzdem gibt es Beispiele für erfolgreiches CCS. Im Moment speichern CCS-Projekte auf der ganzen Welt etwa eine Million Tonnen CO2.

Von 32 Milliarden Tonnen, die weltweit aus der Verbrennung von Rohstoffen stammen.

Wir haben zwei grosse Projekte zu CCS, zuerst Boulder Dam in Kanada, jetzt noch Petra Nova in den USA. Schon das zweite Projekt Petra Nova hat die Kosten um mehr als 30 Prozent gesenkt. Wenn wir mehr CCS machen, wird es noch günstiger.

CCS bedeutet für die Anlagen weniger Effizienz und höhere Kosten. Sie verlieren in vielen Märkten gegen die Erneuerbaren, die immer billiger werden.

Die Erneuerbaren haben tatsächlich ihre Kosten enorm gesenkt. Aber wenn man das Gesamtsystem sieht - die Kosten für Reserven und Netzstabilität - dann hat Kohle immer noch einen Vorteil gegenüber den Erneuerbaren. In Asien sagen viele Länder: Wir werden viele Erneuerbare haben, aber mit der Kohle das Netz stabilisieren. Es gibt jetzt Entwicklungen aus Deutschland, die machen Kohlekraftwerke fast so flexibel wie Gaskraftwerke.

Clean Coal und CCS brauchen eine Menge Unterstützung für Forschung und Entwicklung. Warum sollte eine Regierung hier das Geld ausgeben, wenn sie es direkt in Erneuerbare investieren kann?

Es geht nicht um den Weg, sondern um das Ziel. Regierungen wollen Emissionen reduzieren. Dafür brauchen wir die gleichen Bedingungen für alle Technologien - für Erneuerbare und CCS. Regierungen sollten bei der Technik neutral sein. Derzeit bestimmen sie die Gewinner. Aber Wind und Solar sind nicht der effizienteste Weg, um Emissionen zu reduzieren.

Mit Kohle die Klimaziele erreichen

Sie klagen über mangelnde Unterstützung durch die Politik? Jahrzehntelang haben die Regierungen doch die fossilen Energien massiv gestützt. Jährlich fliessen weltweit etwa 500 Milliarden Dollar in Subventionen für Kohle, Öl und Gas.

Die letzten Zahlen zeigen 340 Milliarden, soweit ich weiss. Weniger als ein Prozent davon geht direkt an die Kohle. Die meisten direkten Subventionen gehen an Öl und Gas und hauptsächlich im Mittleren Osten und in Russland. Aus Sicht der Kohle sehen wir nicht viel davon.

Kohle ist ein grosser Teil des Problems beim Klimawandel. Sie sagen, sie sei auch ein Teil der Lösung?

Offensichtlich ist Kohle ein Teil dieser globalen Herausforderung, weil sie CO2 emittiert. Aber sie kann und sollte Teil der Lösung sein. Wenn wir sehen, welche wichtige Rolle die Kohle in Asien und anderswo spielt, und wenn wir diese ignorieren und einfach denken, die werden wir schon los, dann ignorieren wir einen grossen Teil der Herausforderung. Unsere Klimaziele erreichen wir nur mit sauberer Kohle.

Schwarzes Gold in Zahlen

48%
Beträgt Chinas Anteil an der Kohleförderung weltweit.


325 kg Kohle
Sind nötig, um eine 100-Watt-Glühbirne ein Jahr ohne Unterbrechung leuchten zu lassen.


6000 Jahre
Mindestens so lange schon nutzt der Mensch die Kohle. Die ältesten archäologischen Hinweise findet man in China.

Sie haben über Projekte gesprochen, die jetzt gebaut werden. Aber wenn die Emissionen schnell sinken müssen, werden sich diese Investitionen niemals amortisieren, sie werden zu «gestrandeten Kosten».

Erklären Sie das einmal einem Schwellenland! Diese Länder verlassen sich auf Kohlekraft, um Jobs zu schaffen und die Armut zu bekämpfen. Man kann nicht einfach sagen: Das sind bald gestrandete Kosten. Das schädigt ihre Wirtschaft, denn die Länder brauchen den Strom. Es ist nicht realistisch, zu sagen: Stellt diese Kraftwerke ab. Wichtig ist, mit welcher Technik wie sie heute bauen.

Durch die Investitionen jetzt schaffen Sie Sachzwänge: Wenn die Projekte einmal realisiert sind, müssen sie Jahrzehnte laufen.

Deshalb sollten wir die fortschrittlichsten Kraftwerke mit den niedrigsten Emissionen bauen. Sie stossen 25 bis 30 Prozent weniger CO2 aus, dazu brauchen wir CCS, um ihre Lebensdauer zu verlängern. Indien etwa braucht die Kohle und will trotzdem Emissionen verringern, sie nehmen die neueste Technik. Das ist viel effizienter, als von Gas zu Wind zu wechseln, wie es in Europa gemacht wird.

Fracking-Gas als Herausforderung für die Kohle

In vielen Gegenden der Welt ist Kohle auf dem Rückzug. Südostasien ist heute der grosse Kohlemarkt. Ist das morgen Afrika?

Asien ist ein grosser Markt, der noch viele Jahrzehnte so bleiben wird: Indien, Pakistan, Bangladesh. Aber auch in Afrika haben viele Länder in ihren Plänen den Ausbau der Kohle stehen, etwa Nigeria, Ghana, Tansania.

Bringt Donald Trump die Kohle in den USA zurück?

Selbst unter Obama hat die US-Regierung damit gerechnet, dass Kohle 2030 noch immerhin 27 Prozent des Stroms ausmachen werde, derzeit sind es etwa 33 Prozent. Es gab die Vorstellung, dass Obamas Clean Power Plan die Kohle auslöschte, aber das stimmte ganz einfach nicht.

Also führte Obama gar keinen «Krieg gegen die Kohle», wie Trump behauptet?

Die Wahrnehmung war, dass die USA Kohle loswerden wollten. Aber Kohle sollte durchaus eine Rolle spielen. Mit dem Clean Power Plan setzte Obama auf Erneuerbare und ignorierte die Kohle und die Idee von sauberer Technologie dafür, die etwa Japan oder China verfolgen. Auch CCS bekam zwar ein wenig Unterstützung, war aber nicht so im Fokus, wie die Unternehmen es sich gewünscht hätten.

Sie klingen so, als seien das Problem für die Kohle in den USA Erneuerbare und Gesetze. Aber es ist doch vor allem das billige Fracking-Gas, das die Kohle aus dem Markt drängt.

Gas ist eine riesige Herausforderung für uns, das ist richtig. Dieser Wettbewerb geht auch in Zukunft weiter. Mal sehen, wohin der Gasmarkt geht, auch dort werden die Preise steigen.

Ihr Verband sitzt in England, wo die industrielle Revolution begann. Nun steigt Grossbritannien bis 2025 aus der Kohle aus. Wäre es nicht das Beste zu sagen: Danke, Kohle, das war’s - und den Sitz nach Indonesien zu verlagern?

Der Ort hier ist historisch gewählt und ein guter Ort. Die Finanzindustrie ist hier, in Grossbritannien gibt es viel Forschung zu sauberer Kohle, wir schaffen es gut nach Asien und in die USA.

Aber die Zeit der Kohle ist vorbei, zumindest in den Industrieländern.

Bei der Stromerzeugung wird Asien immer wichtiger, wichtiger als Europa oder die USA. Aber denken Sie an die Kohle für die Stahlerzeugung. Da öffnen auch bei uns neue Minen. Wir vergessen oft die Bedeutung dieser metallurgischen Kohle. Wenn wir sehen, wie viele Menschen in den nächsten Jahren in die Städte ziehen werden, da wird eine Menge Stahl und Zement gebraucht. Und da werden auch in Grossbritannien Kohle und Stahl eine Rolle spielen.

Das Interview beruht auf einer Recherche von Bernhard Pötter im Rahmen unseres Journalismus-Stipendiums Europäische Energiepolitik. Es erschien zuerst bei NZZ am Sonntag.

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