Sichere Zufluchtsorte? Irrtümer afghanischer Geflüchteter

Sichere Zufluchtsorte? Irrtümer afghanischer Geflüchteter

Politische Entscheidungsträger und die entsprechenden Ansprechpartner der Zivilgesellschaft in Afghanistan und Deutschland müssen die Aufklärung über die Situation afghanischer Asylsuchende in Deutschland verbessern, damit diese vor ihrer Flucht in der Lage sind individuelle und nachhaltige Entscheidungen treffen zu können.

Urheber/in: Heinrich-Böll-Stiftung. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Die Lebensbedingungen für afghanische Asylsuchende während ihres Verfahrens in Deutschland sind sehr schwierig: sie haben keinen Zugang zu Deutschkursen und Integrationsprogrammen und kein Recht auf Arbeit. In Deutschland dürfen nur Asylsuchende mit einer positiven Bleibeperspektive direkt nach Ankunft staatliche Integrationsangebote wahrnehmen. Eine positive Bleibeperspektive bedeutet eine asylsuchende Person aus einem Herkunftsland zu sein, dessen Schutzquote über 50 Prozent liegt. Für Afghanistan lag die Schutzquote 2016 bei 22 Prozent für vollen Schutz und bei 47 Prozent im Jahr 2015. Die durchschnittliche Wartezeit für das Asylverfahren für Afghaninnen und Afghanen liegt derzeit bei 8,7 Monaten. Dies ist zwar eine Verbesserung zu 2015, als die durchschnittliche Bearbeitungsdauer noch 14 Monate betrug (PROASYL). Dennoch müssen sich afghanische Asylsuchende mit dem Stellen ihres Antrags auf zermürbende Wartezeiten einstellen.

Seit 2015 steigt die Zahl abgelehnter Asylsuchender aus Afghanistan. Während 2015 99,7 Prozent und 2016 58 Prozent der syrischen Asylsuchenden vollen Flüchtlingsschutz erhielten, wurden 2015 nur 47 Prozent und 2016 sogar nur 22 Prozent der afghanischen Asylsuchenden voller Flüchtlingsschutz zugesprochen. Erschreckender ist die Ablehnungsquote von 22 Prozent für 2015 und 39 Prozent für 2016. Ein Drittel aller Anträge aus Iran und Afghanistan wurden 2016 unbegründet abgelehnt. Syrische und eritreische Flüchtlinge werden bislang dagegen kaum abgelehnt (Eurostat).

Inzwischen wird nach Afghanistan auch wieder abgeschoben. Das Auswärtige Amt hält die Abschiebung dann für legitim, wenn es sich um Straftäter, potentielle Terroristen und Asylsuchende, die die Mitarbeit im Verfahren verweigern, handelt. Die rechtliche Grundlage für diese Entscheidung ist das Rückübernahmeabkommen zwischen Afghanistan und der EU von 2017.

Trotz der sich verschlechternden Perspektive für afghanische Asylsuchende in Deutschland nimmt die Zahl der Geflüchteten aus Afghanistan nicht ab: 2015 wurden in Deutschland 2.985 Asylanträge von afghanischen Asylsuchenden gestellt. Das sind 4 Prozent aller gestellten Erstasylanträge in Deutschland. 2016 stieg die Zahl auf 19.759 und 11 Prozent und für 2017 sind es bis Juni 5.025 Anträge aus Afghanistan bzw. 10 Prozent aller gestellten Anträge. Auch innerhalb der EU ist Deutschland das Land mit den meisten afghanischen Asylsuchenden: 2015 wurden 23 Prozent der in der EU gestellten Asylanträge von Afghanen in Deutschland gestellt. 2016 waren es 57 Prozent und bis Juni 2017 sind es 40 Prozent (Eurostat).

Die Verschlechterung der Sicherheitslage in Afghanistan drängt weiterhin vermehrt Afghanen und Afghaninnen zur Flucht. Immer noch sind die Mehrzahl der afghanischen Geflüchteten Binnenflüchtlinge. Doch warum wählen von den Geflüchteten in Europa so viele Deutschland als Zielland?

Drei Männer beschreiben im Folgenden ihren Weg nach Deutschland und was sie mit Deutschland verbinden. Sie erzählen von ihrem Deutschlandbild bevor sie sich auf die Flucht begaben und wie sich diese Vorstellungen verändert haben. Die Vorstellungen handeln nicht von Kenntnissen über spezifische Bleibechancen in Deutschland oder dem individuellen rechtlichen Status und damit verbundenen Möglichkeiten und Auswirkungen auf das weitere Leben. Es sind vielmehr abstrakte Ideen von Sicherheit und einer funktionierenden Wirtschaft, persönliche Netzwerke, Informationen und Gerüchte.

Farid – plant nach Deutschland zu kommen:

Farid ist Vater von zwei Kindern und arbeitet als Fahrer für eine NGO. Im Sommer 2016 hat er das Gefühl, dass er die Situation – Unsicherheit, schlechter Arbeitsmarkt, die Korruption in Afghanistan und Kabul – nicht weiter aushalten kann. Inspiriert von dem Strom an Geflüchteten 2015, welcher Menschen aus Afghanistan und Ländern des Nahen und Mittleren Ostens meint, die Richtung Europa flüchteten beschließt er zusammen mit seiner und befreundeten Familien nach Europa zu gehen. Sie verkaufen ihr Hab und Gut, um die Flucht zu finanzieren. In letzter Minute springt Farid ab – die gefährliche Route und die Fahrt über das Mittelmeer schrecken ihn ab. Auch sein Arbeitgeber, Mitarbeiter einer ausländischen NGO, rät ihm aufgrund der Route von der Flucht ab. Farid bleibt in Kabul. Inzwischen bereut er seine Entscheidung: Die anderen Familien haben Deutschland sicher erreicht, während er und seine Familie noch immer in Kabul leben. Die sich ständig verschlechternde Sicherheitssituation ist auch ein Sicherheitsrisiko für seine Arbeitsstelle. Hätte er die Chance würde er sofort das Land verlassen. Auf die Frage, wie er sich Deutschland vorstellt, erzählt Farid von sauberen Städten, Ruhe, mentaler und physischer Sicherheit, hartarbeitenden und klugen Menschen, die dem Land Entwicklung bringen und es stark machen. Diese Vorstellungen über Deutschland und die Deutschen entspringen seinen Erfahrungen die er durch seine Arbeit als Fahrer gemacht hat, bei der auch deutsche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch Kabul fährt und über Gespräche und Beobachtungen kleine Einblicke in das Leben in Deutschland und Europa erhält. Auf die Frage, ob er – einmal in Deutschland angekommen – Angst vor einer Ablehnung in Deutschland und einer Abschiebung nach Afghanistan habe, antwortet Farid: „Vielleicht sind die Menschen, die abgeschoben werden keine guten Menschen oder haben die Gesetze nicht beachtet. Ich denke, solche Menschen werden abgelehnt. Aber ich habe keine schlechten Absichten. Ich will nur meine Familie und mich beschützen und möchte meinen Kindern eine Ausbildung ermöglichen. Ich denke vor allem an meine Kinder, nicht an mich selbst. Wenn die Fälle unserer befreundeten Familien positiv verlaufen, wird das bei uns auch so der Fall sein.“

Adnan – lebt in Deutschland

Adnan ist ein studierter Mann in seinen frühen Dreißigern. Er ist verheiratet und lebt mit seiner Frau in einer Flüchtlingsunterkunft in Berlin Neukölln. Beide haben subsidiären Schutz für drei Jahre erhalten. Ursprünglich wollte das Paar in Schweden leben, doch aufgrund des Dublin-Verfahrens mussten sie von Schweden zurück nach Deutschland und ihren Asylantrag in Berlin stellen. In Afghanistan hatte Adnan nie geplant, dass er einmal in Europa leben würde. Doch die große Korruption belastete sein Geschäft und er fing an zu überlegen nach Iran zurückzugehen, wo er aufgewachsen ist. Er erzählt, dass seine Frau und er sich 2015 spontan den Flüchtigen anschlossen. Ihr Weg führte sie durch die Türkei über das Mittelmeer nach Griechenland. Den Zielort bestimmten sie nicht im Vorhinein, sondern machten sie von den Informationen abhängig, die sie auf der Route erhielten. Für Adnan ist Deutschland ein entwickeltes Land, das seinen Menschen eine Zukunft bietet. Hier kann er seinem Leben einen Sinn geben. Er fühlt sich sicher und ist optimistisch ein eigenes Unternehmen zu gründen, sobald er besser Deutsch spricht. An Deutschland schätzt er auch gesellschaftliche Werte wie Gleichheit, das Recht auf Bildung und das grundsätzliche Vertrauensverhältnis zwischen Staat und Bürgerinnen und Bürgern. Trotz der provisorischen Heimunterkunft fühlt er sich sicher und aufgehoben – physisch wie ökonomisch. Alles was Adnan vor seiner Flucht über Deutschland wusste, kommt aus dem Iran. Im Iran, erinnert er sich, loben die Leute deutsche Produkte für ihre Qualität und das Land für seine Wirtschaft, den Fortschritt und die schöne Natur. Auf die Frage, ob er denkt, dass er langfristig in Deutschland bleiben kann und hier beruflich aktiv sein kann, antwortet er: „Das ist die gängige Behandlung von Flüchtlingen. Die Regierung stellt eine Frist von drei Jahren aus und verlängert sie dann für weitere drei oder fünf Jahre. Das ist immer so. Und wenn ich sage, dass ich hoffnungsvoll bin, dann sage ich das im Vergleich zu meiner Situation in Afghanistan. Doch es muss auch an anderen Stellen viel getan werden – wir brauchen viel mehr Kontakt zu Deutschen.“

Pervez – kehrte nach Afghanistan zurück

Pervez ist ein 27 Jahre alter Student und lebt in Kabul. 2015 verbrachte er drei Monate in Hamburg und kehrte dann freiwillig zurück nach Afghanistan. Für ihn begann die Idee von einem Leben in Deutschland mit einer Einladung für ein IT-Programm an einer Universität in Norwegen. Seine Familie und Freunde empfahlen ihm an dem Programm teilzunehmen und im Anschluss nicht nach Afghanistan zurückzukommen. Seine Familie hoffte durch ihn nach Europa nachkommen zu können. Pervez nahm die Einladung schließlich an, traf aber noch keine Entscheidung über die Länge seines Aufenthalts in Europa. Erst in Norwegen rief er seine Verwandten in Deutschland an, die ihn dann von seinem Hotel in Norwegen abholten und nach Deutschland brachten. In Hamburg beantragte er Asyl. Er bekam ein eigenes Zimmer, finanzielle Unterstützung und besuchte einen Deutschkurs. Sehr bald bekam er Heimweh. Er fühlte sich einsam, depressiv, vermisste Familie und Freunde. Kurze Zeit später kehrte er zurück nach Afghanistan. Inzwischen bereut er seine Rückkehr. Der Traum von Sicherheit und Frieden für ihn und seine Familie wird hier nicht wahr werden. Pervez ärgert sich, dass er nicht geduldiger und ausdauernder war. Wäre seine Familie bald nachgekommen, hätte er sich weniger allein gefühlt. Außerdem werden seine Eltern älter und müssen von ihm versorgt werden. Ohne Arbeit ist das nicht möglich. Pervez erkennt, dass der Weg für seine Verwandten, die bereits früher nach Deutschland gingen einfacher war. Die gegenwärtigen Bedingungen für Menschen auf der Flucht werden durch die Schließung der Balkanroute schwieriger und gefährlicher und die lange Wartezeit während des Verfahrens wirken sich oft zermürbend auf die Psyche aus. Als Pervez nach Norwegen reiste, hielt er Deutschland für einen schönen und friedlichen Ort, an dem die Leute selbst entscheiden wie sie sich kleiden und aussehen. An der Uni hat er über Deutschland und das Wirtschaftswunder nach dem 2. Weltkrieg gelesen. Dies waren alle Informationen, die er bei seiner Ankunft in Hamburg über Deutschland hatte. Rückblickend schätzt Pervez vor allem die Sicherheit, das Sozialsystem und die Bildungsmöglichkeiten in Deutschland. Hätte er die Möglichkeit würde er Afghanistan sofort wieder verlassen, dieses Mal aber nur mit seiner Familie. Seine Angst über eine mögliche Ablehnung in Deutschland wägt er ab mit den Worten: ‚Ich leide hier, vor allem weil ich keine Arbeit habe. Wie kann ich meine Familie unterstützen? Ich bin jung, ich habe Energie und bin aktiv. Arbeit wird gebraucht und als gute Arbeitskraft werde ich sicherlich auch in einer Gesellschaft Akzeptanz erfahren.‘

Frühzeitige Aufklärung notwendig

Die Erzählungen zeigen, dass die drei Männer ihre Entscheidung nach Deutschland zu kommen nicht aufgrund expliziten Wissens über Deutschland trafen. Vielmehr scheint die Entscheidung für einen Zielort eine Entwicklung zu sein, die durch Netzwerke wie Verwandtschaft oder über Gespräche und Informationen mit anderen Geflüchteten angeschoben werden. Keiner der Erzählenden kannte die Gesetze und die eigenen Rechte bevor er nach Deutschland kam und Asyl beantragte.

Dies liegt sicher auch an einem mangelnden Zugang zu expliziten Informationen. In Afghanistan führen Rückkehrende negative Erlebnisse oder eine Ablehnung des Asylantrags oft nicht weiter aus und assoziieren diese häufig mit persönlichem Versagen oder Verletzung der Ehre. Des Weiteren haben viele Asylsuchenden keine Erfahrung im Beschaffen von Informationen, beispielsweise in Form einer Internetrecherche; oder sie sind Analphabeten, was Zugang zu Wissen über Europa zusätzlich erschwert. Häufig kann eine Flucht aus Zeitdruck nicht ausführlich geplant werden. Letztlich mag auch Überlebensangst und der Wunsch nach einem besseren Leben stärker sein als Rationalität; Träume und Illusionen agieren als Selberhaltungstrieb. Zudem geht aus den Erzählungen hervor, dass die Legitimierung der Flucht häufig auf der persönlichen Einschätzung der eigenen Situation oder eigenen Erfahrungen beruht und nicht auf Gesetzen, welche die individuelle Situation bemessen.

Es geht nicht darum, ob die Asylablehnungen oder staatlich verweigerter Zugang zu Integrationsangeboten abschreckend wirken oder wirken sollen, sondern vor allem darum, dass diese Information bei Menschen in Afghanistan, die flüchten wollen, gar nicht ankommen. Der Appell an politische Entscheidungsträger und die entsprechenden Ansprechpartner der Zivilgesellschaft in Afghanistan und Deutschland muss also lauten die Aufklärung über die Situation afghanischer Asylsuchende in Deutschland zu verbessern, damit diese vor ihrer Flucht in der Lage sind individuelle und nachhaltige Entscheidungen treffen zu können. Es muss dafür gesorgt werden, dass Menschen, die hierherkommen schon früher wissen, worauf sie sich einlassen und was sie erwarten wird. Zudem sollten auch afghanische Asylsuchende sofort nach ihrer Ankunft beginnen dürfen Deutsch zu lernen und Integrationsangebote wahrzunehmen. Menschen, die nach einer lebensgefährlichen Reise in Deutschland mit der Vision eines besseren Lebens ankommen, dürfen hier nicht weiter ins Leere treten und auf bessere Zeiten warten. Sie brauchen die Möglichkeit sich zu entwickeln und an der Gesellschaft teilzuhaben. Sprache ist essentiell um ein neues Land kennenzulernen und sich dort einen Platz zu einzurichten. Die Voraussetzung einer guten Bleibeperspektive darf nicht weiter die Eingangstür zu Integrationskursen sein. Stattdessen gilt es den Einzelfall zu prüfen anstatt derartige Entscheidungen von Statistiken abhängig zu machen. Beides – fehlende Aufklärung in Afghanistan über die Rechte als Asylsuchende und ein Leben in Deutschland, sowie nicht die Möglichkeit zu haben in Deutschland am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben – führt ansonsten dazu, dass die Zeit in Deutschland für viele dieser Menschen verlorene Zeit und einen Schritt ins Leere bedeutet, der zusätzlichen Schmerz und Trauma verursacht.

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