Heinrich Böll: Frankfurter Vorlesungen

Heinrich Böll: Frankfurter Vorlesungen

In seinen Vorlesungen „Zur Ästhetik des Humanen in der Literatur“ legt Heinrich Böll einige programatische Grundsätze seines Schreibens dar. Anlässlich seines 100. Geburtstages veröffentlichen wir einige Auszüge.

Im Sommersemester 1964 hielt Heinrich Böll an der Universität Frankfurt vier Vorlesungen unter dem Titel „Zur Ästhetik des Humanen in der Literatur“.. Urheber/in: René Böll. All rights reserved.

Im Sommersemester 1964 hielt Heinrich Böll an der Universität Frankfurt vier Vorlesungen unter dem Titel „Zur Ästhetik des Humanen in der Literatur“. Böll nutzte die Dozentur, um einige programmatische Grundsätze seines Schreibens darzulegen und Missverständnissen zu seiner Poetik entgegenzuwirken. So stellte er klar, dass ein Autor auch für einen realistischen Roman nicht einfach Wirklichkeit nehme, sondern dass entscheidend sei, was aus dem Buch „an geschaffener Wirklichkeit herauskommt und wirksam wird“. Anlässlich Bölls 100. Geburtstag veröffentlichen wir hier einige Auszüge aus den Vorlesungen; diese finden sich in Gänze im Band 14 der Kölner Ausgabe der Werke Bölls.

Zur Person nur soviel: Obwohl als einzelner schreibend, ausgestattet nur mit einem Stoß Papier, einem Kasten gespitzter Bleistifte, einer Schreibmaschine, habe ich mich nie als einzelnen empfunden, sondern als Gebundenen. Gebunden an Zeit und Zeitgenossenschaft, an das von einer Generation Erlebte, Erfahrene, Gesehene und Gehörte, das autobiographisch nur selten annähernd bezeichnend genug gewesen ist, um in Sprache gefaßt zu werden; gebunden an die Ruhe- und Heimatlosigkeit einer Generation, die sich plötzlich ins Großvateralter versetzt findet und immer noch nicht – wie nennt man das doch – reif geworden ist. Was fängt man mit solchen Großvätern an – in die psychiatrische Klinik mit ihnen oder ins Krematorium? […]

Wo sich Literatur in Gesellschaft begibt oder, manchmal ohne es zu wollen, in sie hineingerät, wird sie Gegenstand von Interessen, mögen es auch verletzte, möglicherweise gar scheinbar verletzte Interessen sein. […]

Ein Autor aber, der auch nur drei Seiten halbwegs publizierbarer Prosa schreibt, muß eine wenn auch noch so bescheidene ästhetische Empfänglichkeit voraussetzen, nehmen wir die allerbescheidenste, die Fähigkeit, an einen Roman oder an einen Leitartikel in der Bild-Zeitung mit verschiedenen Kriterien heranzugehen. Ich gehe von der Voraussetzung aus, daß Sprache, Liebe, Gebundenheit den Menschen zum Menschen machen, daß sie den Menschen zu sich selbst, zu anderen, zu Gott in Beziehung setzen – Monolog, Dialog, Gebet. Es ist hier nicht meine Sache, zu untersuchen, wie sich eine Ästhetik des Humanen in der gesprochenen Sprache darstellen würde – im Wortschatz des Politikers, des Verkäufers, Lehrers, der Ehepaare, des Professors, des Chefs und ihrer jeweiligen Partner; es ist gewöhnlich das Vokabular der Machtergreifung und -behauptung, des Rechthabens, das sich nicht am Partner bildet, sondern sich vorher in einer Vorstellung von ihm gebildet hat oder durch Schulung erlangt worden ist. Je mehr Macht, desto nichtssagender wird der Wortschatz, wortreich und nichtssagend; ich weigere mich, ihn phrasenhaft zu nennen, eine Phrase ist ja von stilisierter Schönheit, musterhaft, nun ja, auch manieriert, ein Instrument sprachlicher Höflichkeit; sie setzt Konventionen voraus, ist fast wie eine Tanzfigur: unsere Sprache hat diese Höflichkeit, die sich so gut eignet, Achtung wie Verachtung auszudrücken, noch nicht gelernt. Ansätze genug zu philosophischer und soziologischer Forschung. Vielleicht dringt durch Übersetzungen einiges an Manieren, notfalls über einen gewissen Manierismus, in unsere Sprache ein. Es ist wahrhaft provinzlerisch, in sogenannten Übersetzungsfluten eine Bedrohung der deutschen Sprache zu erblicken – jede Übersetzung, auch die eines Kriminalromans, ist eine Bereicherung der eigenen Sprache, sie erweckt Wortbereiche zum Leben, die in der eigenen zu verkümmern drohen, nie vorhanden waren oder nicht mehr vorhanden sind. Bei der Übersetzung einer Kurzgeschichte, in der ein New Yorker Flickschuster vorkam, fiel meiner Frau und mir auf, wie uns Worte entschwunden sind, die uns vor dreißig Jahren noch selbstverständlich waren, als wir, noch Kinder, Schuhe zum Schuster brachten. Mit der rasch fortschreitenden Mechanisierung verschwinden ganze Gruppen von Handwerken, mit ihnen ihr Wortschatz, die Namen für ihr Handwerkszeug, ihre Kleider, ihre Lieder. Vergleichen und sammeln. Arbeit genug für Germanisten. Politik wird mit Worten gemacht, schauen Sie sich die Worte an, sammeln und vergleichen Sie. Es wird viel zuviel Inhaltsanalyse betrieben. Der Inhalt einer Prosa ist doch ihre Voraussetzung, ist geschenkt; und dem geschenkten Gaul sollte man nicht ins Maul schauen. Worte sammeln, Syntax studieren, analysieren, Rhythmen ergründen – es würde sich herausstellen, welchen Rhythmus, welche Syntax, welchen Wortschatz das Humane und Soziale in unserem Land hat. […]

Als mehr oder weniger bewußte Bestätigung dieses Tatbestandes erkläre ich mir die Proklamation jener Literatur, die das Nichtssagende in musterhafter Schönheit ausdrückt, den Menschen der Humanität, Gebundenheit, Sozialität entkleidet, ihn nichtssagend in nichtssagende Umgebung stellt; die Sprache in ihrem eigenen Leib hält, nichts verlauten, nichts nach außen dringen läßt; keine Mitteilung, kein Wort, das Alarm auslöst; im Zirkel bleiben, im Kränzchen, keine Bewegung nach außen, nur noch den Rhythmus der eigenen Schwingung. Doch selbst den großen Verkündern der Solitude des Dichters – George, Benn, Jünger sind die Gesellschaft und das Publikum nicht erspart geblieben, und es ist nicht Ironie, sondern Tragik, daß auch Musil nicht davon verschont geblieben ist. Das geschriebene Wort, erst recht das gedruckte, ist in dem Augenblick, wo es geschrieben, gedruckt wird, sozial vorhanden, es ist da – mag einer Publikum, Gesellschaft, Veränderung der Welt wollen oder nicht. Die weihevolle Kultivierung der Kunst, wie sie die großen Verkünder der Solitude betrieben haben, bleibt immer, wenn auch nur um einen Hauch, peinlich: wo solcherart stilisiert, das Handwerk in Weihe vollzogen wird, schlägt Kunstgewerbe ein, etwas fatal Dilettantisches entsteht, und wo Sozietät mit Elitevokabeln abgelehnt wird, dringt die Gesellschaft am tiefsten ein: es entsteht Intimität, etwas Privates, Kränzchenhaftes, auch im Mäzenatentum, das sich um solche Kreise bildet. […]

Mit fortschreitendem Alter sehe ich einen Verdacht bestätigt, den ich bisher vor lauter Eile mir nie so recht bewußt gemacht habe: daß der Leser – und ich meine damit auch den Kritiker, den ich mir als einen Leser vorstelle, der einzuordnen und sich zu artikulieren verstehen müßte – nichts lassen kann; daß er darauf aus ist, zu erfahren, was der Autor gemeint haben könnte – und so entsteht dann das schon erwähnte Dickicht von Definitionen, das durch Gekränktheiten, Gereiztheiten, Proteste und allerlei Torheiten noch mehr verdunkelt wird, als es ohnehin schon ist. […]

Die Deutschen sind ein bildungsverletztes Volk, diese Verletztheit schafft die günstigsten Voraussetzungen für Demagogie, sie schafft Bildungsstände, Reserven, Gereiztheiten.

Wenn ich den Begriff der Ästhetik des Humanen noch weiter fassen würde, als ich ihn fasse, dürfte die Injektionsnadel so wenig fehlen wie der weiße Kittel, dessen Werbewirksamkeit bei der Anpreisung von kosmetischen Mitteln und Medikamenten unbestritten ist. In solchen Details kündigt sich an, daß die Bildung in ihrer Vollendung, der Wissenschaft, eine Macht geworden ist. Man schuldet ihr Gehorsam, Unterordnung, und wo die Wissenschaft in ihrer Korporation, der Universität, ihre eigene Gesetzlichkeit, eigene Gerichtsbarkeit besitzt, durch zahlreiche geschriebene und ungeschriebene Ehrenkodices gestützt, kann ihr von außen keine Gefahr mehr drohen. Eine solche Position in einem Volk, das in seiner Bildung verletzt ist, kommt einer Inthronisation gleich. Damit fällt auch der Wissenschaft die Rolle der Reaktion zu, und da Gehorsam, Unterordnung die einzige bisher im Verlauf der Geschichte erkennbare soziale Wirklichkeit für die Deutschen sind, potenziert sich die Macht. In diesem Augenblick erst hat Galilei wirklich auch in Deutschland gesiegt, er ist an der Macht, ist an der Reihe zu zeigen, was er damit anfängt. Gewiß sind die Kirchen noch in Machtpositionen, in Gremien, haben Einfluß, erwirken sich gelegentlich neuen – das sind Gefechte, denen vergleichbar, wie sie japanische Soldaten im Dschungel noch zwei, drei und mehr Jahre nach der Kapitulation geführt haben. Der Kampf ist entschieden, es wird noch zu überraschend perversen Frontverwechslungen und -verschiebungen kommen. Die Religion als solche in allen ihren gesellschaftlichen Erscheinungsformen ist nicht mehr im Angriff, nur noch in der Defensive. Noch ist sie verstrickt, vielleicht wird sie bald verfolgt sein oder in den Zustand geraten, in dem sie sich im östlichen Teil Europas befindet, in den Zustand der Verstrickung und Verfolgung zugleich. Es wird sich zeigen müssen, ob dann die Atheisten denen, die keine sind, aber mit für ihre Freiheit gekämpft haben, Treue zu halten und Vertrauen zu bewahren vermögen. […]

In diesem von mir angedeuteten Stadium wächst jedem Autor zwischen Bildungsverletztheit und Wissenschaft eine ungeheure Verantwortung zu, die durch gesellschaftliche Wirkung allein weder gerechtfertigt noch gestärkt wird. Stärkung aber braucht er. Er ist gebildet, ohne daß er irgendeinen der Bildungswege absolviert haben muß – er muß es sein und käme er noch so naiv aus Moor und Heide daher, aus Slum oder Dschungel: sich ausdrücken können in einer fast ausdruckslosen Welt, diese Tatsache erhebt ihn, ohne daß er gefragt wäre, in den Stand der Bildung: sich ein Bild machen können, ist ja der höchste Stand der Bildung. Als Autor aber hat er nicht, was die Wissenschaft hat: er hat keinen Apparat, keine Hilfstruppen, er kann die Voraussetzungen weder kontrollieren noch schaffen. […]

Ein Autor sucht Ausdruck, er sucht Stil, und da er mit dem schwierigen Geschäft zu tun hat, die Moral des Ausdrucks, des Stils, der Form mit der Moral des Mitgeteilten übereinzubringen, werden Politik und Gesellschaft, ihr Wortschatz, ihre Riten, Mythen, Gebräuche zum vorkommenden, vorhandenen Material. Wenn sich die Politiker und die Gesellschaft gekränkt oder bedroht fühlen, so erkennen sie nicht, daß es dabei immer um mehr als um sie geht. Sie sind nicht einmal ein Vorwand, nur selten ein Anlaß, kaum jemals auch als Modell geeignet: Es geht über sie hinweg, an ihnen vorbei. Ein Autor nimmt nicht Wirklichkeit, er hat sie, schafft sie, und die komplizierte Dämonie auch eines vergleichsweise realistischen Romans besteht darin, daß es ganz und gar unwichtig ist, was an Wirklichem in ihn hineingeraten, in ihm verarbeitet, zusammengesetzt, verwandelt sein mag. Wichtig ist, was aus ihm an geschaffener Wirklichkeit herauskommt und wirksam wird.

Aus:
"Heinrich Böll. Werke. Kölner Ausgabe. Band 14. 1963-1965"
Herausgegeben von Jochen Schubert
© 2002, Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KG, Köln

Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des Verlags Kiepenheuer & Witsch.

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