Beruf: Aktivistin gegen die Trump-Präsidentschaft

Beruf: Aktivistin gegen die Trump-Präsidentschaft

Reportage

Sie bilden Gruppen, um gemeinsam Widerstand gegen den neuen Präsidenten zu leisten. Sie organisieren Demonstrationen, führen Debatten und stellen Kongressmitglieder zur Rede. Das Schwierigste allerdings ist es, die Wähler auf der anderen Seite zu erreichen.

Junge Frau mit roter Jacke.Mit 34 Jahren ist Nelly Torres zum ersten Mal in der lokalen Politik aktiv. „Ich hätte nie im Leben gedacht, dass ich einmal Mitglied des demokratischen Komitees der Stadt sein würde“, sagt Nelly. Sie ist die Tochter eines kubanischen Immigranten, die im Southeast, der ärmsten Gegend von Lancaster, aufwuchs. Heute, mit 34 Jahren, schließt sie nicht aus, für das Stadtparlament zu kandidieren. „Manchmal kommen mir die Tränen, weil es mich überrascht, was ich alles erreichen kann. All die Zeit, Arbeit, Schweiß und Tränen... all das lohnt sich, weil wir etwas in der Gesellschaft verändern.“ – Urheber/in: Cátia Bruno. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

“Das ist ein wörtliches Zitat von Ihnen...

Nein, ich habe nur Beispiele...

Sie haben gesagt, dass diese Leute hierher kommen ohne unsere amerikanischen Werte zu teilen und ihre eigenen Werte hier einführen, um ihre Frauen schlagen zu können.“

Von diesem Gespräch, das bei einer öffentlichen Fragestunde zweier Kongressangehöriger aus Pennsylvania stattfand, gibt es Videoaufnahmen. Michelle Hines steht direkt vor Senator Scott Martin, zeigt mit dem Finger auf ihn und blickt ihm direkt in die Augen, als sie klarstellt, dass der Senator in einem Gespräch mit ihr genau dies gesagt habe, und sich dabei auf Immigranten bezog. Um die beiden herum halten ein paar Menschen ihr Smartphone hoch und filmen.

„Wenn Sie wirklich glauben, das wäre so passiert... Sie sind eine Lügnerin“, sagt schließlich der Senator, kurz bevor er sich abwendet und geht. Die Gruppe, die sich um den Senator und die fünfundzwanzigjährige Frau gebildet hatte, ist nach diesem Satz hörbar aufgeregt, und man hört manche ungläubig „Oh mein Gott“ sagen. Allen dort ist klar, dass sich diese Szene möglicherweise im Internet rasend schnell verbreiten wird, da sie den Moment festhält, in dem der Senator die Kontrolle verliert. Das wissen sie deshalb, weil die meisten von ihnen, so wie auch die junge Frau, nicht einfache Wähler, sondern Aktivisten sind. Größtenteils gehören sie zur Gruppe „Lancaster Stands Up“.

Bis vor der letzten Wahl hat sich Michelle Hines noch nie politisch engagiert. „Ich wählte die Demokraten, aber ohne große Begeisterung. Bernie [Sanders] gefiel mir sehr gut, aber ich habe keinen Wahlkampf für ihn betrieben, da ich nicht dachte, dass er eine Chance hätte. Ich dachte, Hillary würde am Ende gewinnen. Es war keine Frage, dass ich sie wählen würde, so wie auch alle anderen sie wählen würden...“ Es fühlt sich für Michelle merkwürdig an, sich heute, ein Jahr später, in die Zeit vor der Wahl zurückzuversetzen. Als sie an jenem Abend des 8. November zu Bett ging, war sie davon überzeugt, Hillary Clinton wäre am nächsten Morgen Präsidentin. Um etwa ein Uhr morgens wollte sie nur kurz sicher gehen, sah die Nachrichten und war schockiert. „Ich bin in Tränen ausgebrochen“, erinnert sie sich.

Am nächsten Tag raffte sie sich auf, da sie das Gefühl hatte, etwas zu unternehmen zu müssen, und ging mit ihrer Mutter zu einer politischen Kundgebung in Lancaster. Die Stadt, eine traditionelle Hochburg der Demokraten, liegt inmitten eines republikanisch dominierten Landkreises, in dem Trump 57 Prozent der Stimmen gewann. Einige der Menschen, die Michelle bei der Kundgebung traf, luden sie zu weiteren Versammlungen ein. Ehe sie sich versah, war die studierte Wissenschaftlerin Michelle Hines aktives Mitglied einer Gruppe von Bürger/innen, die sich nach den Wahlen formierte und „Lancaster Stands Up“ (LSU) nannte.

Heute steht Michelles Namen unter einigen der Newsletter der Aktivistengruppe. „Man kann sich kaum vorstellen, dass es bald ein Jahr her ist, dass Trump gewählt wurde. In dieser Zeit haben wir soviel unternommen, um Trump und den Repräsentantenhaus-Abgeordneten Smucker zu bekämpfen – von den 2000 Menschen, die gegen den ‚Muslim Ban’ demonstriert haben, bis zur ersten Sitzblockade in der Geschichte Lancasters“, liest man in der Email, die letzte Woche an die Abonnenten verschickt wurde.

Die Gruppe hat bei verschiedenen Gelegenheiten die Begegnung mit politischen Vertretern Lancasters und Pennsylvanias gesucht, um sie persönlich auf ihre politischen Aktivitäten anzusprechen – wie etwa beim Aufeinandertreffen mit Senator Martin oder bei der Stürmung einer Fragestunde des Abgeordneten Lloyd Smucker. Michelle leitet außerdem die „Hausbesuchs“-Gruppe, die Bürger aufsucht, um mit ihnen über Politik zu reden und sie zu motivieren, sich als Wähler einzutragen oder in der Aktivistengruppe mitzuarbeiten, wie uns Michelle und ihre Kollegin Nelly Torres erklären.

„Wir fragen die Leute, ob sie mit dem politischen Establishment zufrieden sind“, erzählt Michelle. „Und nicht eine Menschenseele hat ‚ja’ gesagt“, weiß sie von den zahlreichen Hausbesuchen im vergangenen Jahr zu berichten. „Und genau das ist ein Teil der Erklärung dafür, warum Trump gewonnen hat. Viele sagen ‚ich mag ihn nicht, aber ich habe ihn gewählt, weil er kein Politiker ist’. Bernie und Trump hatten Erfolg, weil sie die bestehende Wut und den Schmerz der Menschen erkannt und ernst genommen haben.“

Die Gruppe versteht sich als parteiunabhängig — „Die professionellen Politiker sind das Problem“, sagt Nelly diesbezüglich — aber die Mitglieder entstammen hauptsächlich dem linken politischen Spektrum und sind mehrheitlich Bernie Sanders Anhänger. So überrascht es auch nicht, dass die sehr links orientierte Zeitschrift The Nation, die LSU als „Vorbild demokratischen Engagements“ bezeichnete.

Die LSU ist Teil einer breiteren Bewegung, die im Laufe des vergangenen Jahres überall in den Vereinigten Staaten an Mitgliedern gewonnen hat: Gruppen, die größtenteils aus Millennials bestehen - darunter viele Anhänger von Bernie Sanders - die sich zusammenschlossen, um außerhalb der traditionellen Parteien politisch aktiv zu werden. Ihre Methoden orientieren sich oft an einem Leitfaden, den die Gruppe „Indivisible“ verfasst hat - wie man einen Politiker in einer öffentlichen Situation zur Rede stellt, wie man einem Abgeordneten oder Senator schreibt oder wie man eine Bürgerinitiative gründet. Ironischerweise hat sich „Indivisible“ einige dieser Techniken bei der konservativen „Tea Party“ Bewegung abgeschaut.

In Lancaster waren die LSU Aktionen bislang erfolgreich: Im Januar brachte die Demonstration gegen den “Travel Ban”, den Michelle im Newsletter erwähnt, 2000 Menschen auf dem zentralen Penn Square zusammen. Im August berichtete das lokale Studio des Fernsehsenders Fox darüber, dass die Regierung des Landkreises Übungen abhielt, um Polizei und Rettungskräfte auf mögliche gewalttätige Proteste vorzubereiten. “Lancaster sieht sich gern als beschauliche Gegend mit Landhäusern und Kleinstädten, aber wir sind nicht immun“, sagte dazu Landrat Dennis Stuckey. „Wir sind nicht abgeschirmt von der äußeren Welt.”

“Das politische Klima ist vergiftet”

Auch im weiter nördlich liegenden Landkreis Luzerne wurden Menschen als Reaktion auf den Wahlsieg Trumps von einem Tag zum anderen zu politischen Aktivist/innen. Collyn Hinchey, Einwohnerin der Kleinstadt Wilkes-Barres, ist eine von ihnen. Sie war 35 Jahre alt, als sie zum ersten Mal das Büro eines Senators betrat: das Büro Pat Toomeys, US-Senator für Pennsylvania, dem regelmäßige Protestaktionen gelten. Diese Aktionen organisiert eine Gruppe namens „Tuesday with Toomey“ wöchentlich überall in Pennsylvania. „Ich habe das auf Twitter gesehen“, erzählt die Designerin. „Und weil es auch hier in Wilkes-Barre ein Büro von Toomey gibt, und wir ein kleiner Ort sind, dachte ich, dass ich vielleicht nützlich sein könnte.“

Sie lernte, Briefe an Kongressmitglieder zu schreiben, sich mit den Assistenten von Toomey auseinanderzusetzen und kleine Menschenmengen zu versammeln. Collyn findet Toomeys Passivität angesichts der großen Probleme im Landkreis, wie etwa der Opioid-Krise, erschreckend. „Auch unsere Stadtbibliothek erwägt schon, Bibliothekare im Verabreichen von Narcan zu schulen, weil sich dort Leute auf den Toiletten einen Schuss setzen.“ Eine Maßnahme, die die Bibliothek von Philadelphia bereits eingeführt hat, damit ihre Mitarbeiter im Notfall in der Lage sind, mit Hilfe des Arzneistoffs eine Opioid-Überdosierung zu stoppen. Im Landkreis Luzerne, der 300.000 Einwohner zählt, sind im vergangenen Jahr 137 Menschen an einer Überdosis gestorben. Das ist eine viermal so hohe Rate, wie die der Stadt New York.

Die schlechte Wirtschaftslage, die Angst vor steigenden Gesundheitskosten unter Obamacare, die Immigration in der Nachbarstadt Hazleton – all dies hat zum klaren Sieg Trumps in diesem traditionell demokratischen Landkreis beigetragen. „Früher war Wilkes-Barre gemischt republikanisch und demokratisch“, erklärt Collyn. „Aber seit der letzten Wahl ist es sehr hart geworden. Die Republikaner haben sich in einer ‚fuck you’-Haltung à la Trump verschanzt. Man kommt kaum an sie ran. Gerade neulich gab es im Lesekreis meiner Mutter eine erhitzte Debatte. Es ging darum, ob Obama in diesem Land geboren sei... So niedrig ist das Niveau.“

Die Designerin gibt zu, dass es einseitig wirken könnte, sich nur gegen Senator Toomey zu engagieren (der zweite US-Senator für Pennsylvania, Bob Casey, ist Demokrat). „Mir kommt es darauf an, dass beide Senatoren zusammen einen ‚swing state’ (den keine der beiden Partien klar dominiert) vertreten. Und Casey ist nicht gerade einer der am weitesten links stehenden Senatoren.“ Daher ist sie der Meinung, dass die Haltung Toomeys kritischer beobachtet werden muss: „Toomey weigert sich, die Menschen, die er vertritt, persönlich zu treffen. Es gibt nur Telefongespräche oder Gespräche mit eingeladenen Gruppen. Ich habe es selbst oft versucht und nur Standardabsagen bekommen. Er will einfach nicht mit den Menschen reden.“

Obwohl sie von der politischen Klasse enttäuscht ist, weiß Collyn eins sicher: ein öffentliches Amt strebt sie selbst nicht an. Nachdem sie viele Jahre in New York gelebt hat, ist sie schließlich mit ihrem Freund zurück in ihre kleine Heimatstadt gezogen und möchte sich hauptsächlich ihrem Beruf widmen. Sie hat sich einen Hund aus dem Tierheim zugelegt, der sie nun überall hin begleitet. „Nicht streicheln!“, warnt sie die anderen Menschen auf der Straße und erklärt ihnen, dass der Hund auf Grund seiner Vergangenheit bissig sei.

Die Menschen kennen sich in Wilkens-Barre. Aber seit eineinhalb Jahren verspürt Collyn hier eine Aggressivität, die sie erschreckt, und die es vorher so nicht gab, wie sie versichert. Über Trumps Rolle sagt sie: „Die politische Atmosphäre ist total vergiftet. Der Kaiser ist nackt, er ist nicht fähig dieses Amt auszuüben!“ Collyn wird immer lauter während sie spricht, bis hin zu einem Schreien, dass in ein Lachen umkippt, als ihr klar wird, wie sehr sie sich in Rage geredet hat. Sie verstummt und zündet sich mit leicht zitternden Fingern eine Zigarette an. Nach dem ersten Zug sagt sie nachdenklich über ihr Engagement bei „Tuesdays with Toomey“:

„Manchmal frage ich mich, ob das die neue Normalität ist. Ob ich das hier immer weiter machen werde, ob ich das schon früher hätte machen sollen... Ich weiß nicht. Im Augenblick konzentriere ich mich einfach darauf, eins nach dem anderen zu machen.“

Gruppentherapie wegen Trump

Fragen über Fragen. Und auch in der Versammlung einer anderen Gruppe, diesmal im traditionell republikanischen Landkreis Lycoming, hört man hauptsächlich Fragen. Wir sind bei einem Treffen der Frauenvereinigung „Pennsylvania NOW“ in Williamsport. Die Ortsgruppe Williamsport wurde nach der Wahl Trumps auf Antrag zwei junger Mitglieder, Gwendolyn Rosado und Melissa Stocum, reaktiviert. Sie erklären dazu:

„Während der Regierungszeit Obamas sind wir zu nachsichtig geworden, wie so viele Frauen übrigens... Und jetzt war es Zeit, zurückzukommen.“

Die Versammlungen dienen hauptsächlich der gemeinsamen Einschätzung der Lage in der Region. Der Landkreis Lycoming, in dem Trump mit beeindruckenden 70 Prozent der Stimmen gewann, steht mit Begeisterung hinter dem Präsidenten. Was die Wähler hier am stärksten bewegt sind Themen wie Waffengesetze und Abtreibung. Ins Gewicht fallen aber auch die Probleme dieser Gegend, wie etwa der Anteil der armen Bevölkerung, der bei 27 Prozent liegt und damit doppelt so hoch ist wie durchschnittlich in den Vereinigten Staaten.

Kürzlich geriet Williamsport durch den Skandal um ihren Kongressabgeordneten Tom Marino in die Schlagzeilen, den Trump im September als neuen „Drogen-Zar“, also als Leiter des Amts für nationale Drogenpolitik, nominiert hatte. Die Nominierung wurde einen Monat später zurückgezogen, nachdem Recherchen der Fernsehsendung „60 Minutes“ und der Washington Post ergeben hatten, dass Marino für ein Gesetzesprojekt verantwortlich war, das den Kampf gegen Opioide erschwert hätte. Dass das Land von einer Opioid-Epidemie heimgesucht wird, bestätige Trump vor kurzem öffentlich. „Mir wäre fast lieber, Marino wäre Drogen-Zar geworden“, sagt Gwendolyn lachend, „dann wären wir ihn hier wenigstens los.“

Die Frauen sind niedergeschlagen, und die Versammlung ähnelt einer Art Gruppentherapie über die Situation in der Region. „Es gibt in dieser ländlichen Gegend viel Sexismus und Rassismus. Nach acht Jahren eines schwarzen Präsidenten eine Frau im Präsidentenamt... Das wäre für die meisten hier zu viel gewesen. Ich habe sogar einmal in einem Laden eine Frau sagen hören ‚wenn Obama hier her gekommen wäre, hätte ich auf ihn geschossen’. Diese Geschichte erzählt uns Mary Sieminski, die seit 60 Jahren in Williamsport wohnt. Und sie fügt noch hinzu:

„Meiner Tochter und deren Frau, die in Massachusetts leben, jagt dieser Präsident Angst ein.“

Kathy Ryan beschwert sich, dass sie mit ihrer Meinung gegenüber Kollegen extrem zurückhaltend sein muss. Sie erzählt, wie sie vor kurzem wieder einmal völlig entnervt von der Arbeit nach Hause kam und dort den Fernsehsender MSNBC anschaltete, der für seine linksorientierte Berichterstattung bekannt ist. „Und da dachte ich mir, ob es wohl für die Anderen ähnlich war, ob sie sich als Flucht vor der Realität, die sie verängstigte, Fox News ansahen. Es ist schwierig durch diese Mauer der Dummheit hindurch zu kommen.“ Kathys Gesicht verzieht sich dabei in einem Ausdruck völliger Verständnislosigkeit. „Eine Mauer aus Angst“, fügt Gwendolyn hinzu.

In der Versammlung wird noch über Maßnahmen der Regierung Trump gesprochen, die nach Meinung der Gruppe Frauen benachteiligen. So etwa die Entscheidung, den Unternehmen nicht weiter vorzuschreiben, ihre Gehaltslisten öffentlich zu machen, was die Untersuchung der Gehaltsunterschiede zwischen den Geschlechtern erschwert. Insgesamt herrscht in der Versammlung eine Stimmung, die zwischen Ungläubigkeit und Bedauern schwankt. Als die Frauen am Ende der Versammlung den Raum verlassen, kommt Mary, die mehr zugehört als geredet hat, zu uns und möchte vor der Verabschiedung noch etwas klarstellen: „Ich glaube, dass es keine gute Idee ist, die Anhänger Trumps als dumm zu bezeichnen. Wir sollten viel eher versuchen zu verstehen, wie das passieren konnte.“


Die meisten in der Gruppe sind unglücklich über die Wahl Trumps

Während sich in Wilkes-Barre Collyn von politischen Ämtern fernhält und in Williamsport die Frauenvereinigung noch versucht, das Puzzle zusammenzusetzen, sind in Lancaster einige Menschen mehr denn je in der Lokalpolitik aktiv. So zum Beispiel Nelly Torres, die den Ort für das Interview bestimmt hat, an dem auch Michelle teilnimmt. „Ich hätte nie im Leben gedacht, dass ich einmal Mitglied des demokratischen Komitees der Stadt sein würde“, sagt Nelly, „und heute sitze ich da. Vor einem Jahr war mein Leben ein völlig anderes: Ich habe schon drei Tumore gehabt, heutzutage lebe ich mit chronischen Schmerzen. Dieser Schritt, Freiwillige zu werden und dieser Gruppe beizutreten, hat mein Leben unwahrscheinlich bereichert.“ Nelly ist die Tochter eines kubanischen Immigranten, die im Southeast, der ärmsten Gegend von Lancaster, aufwuchs. Heute, mit 34 Jahren, schließt sie nicht aus, für das Stadtparlament zu kandidieren. „Manchmal kommen mir die Tränen, weil es mich überrascht, was ich alles erreichen kann. All die Zeit, Arbeit, Schweiß und Tränen... all das lohnt sich, weil wir etwas in der Gesellschaft verändern.“

Der Griff nach lokaler politischer Macht ist ein wichtiges Ziel der Mitglieder von „Lancaster Stands Up“, denen schnell klar wurde, dass sie auf der lokalen Ebene den größten Einfluss haben könnten. „Das Ausmaß an Korruption, das ich in der Lokalpolitik schon gesehen habe, ist unglaublich“, erklärt Michelle. „Wir konzentrieren uns jetzt auf die lokalen Wahlen, weil wir glauben, dass wir dort am meisten ausrichten können.“

Nachdem sie mehrfach zur Seite geblickt hat, flüstert die Aktivistin plötzlich: „Siehst du den Mann da am Nebentisch? Das ist einer der Mitarbeiter des Abgeordneten Smucker, den kennen wir gut. Mit dem hatten wir schon so viele Besprechungen...“ Der Mann am anderen Tisch des Cafés in der Prince Street trägt Kopfhörer und starrt gerade auf den Bildschirm seines Laptops. Entweder ist er sehr in der Arbeit versunken oder er will unbedingt Augenkontakt mit anderen Gästen vermeiden. „Lancaster ist wirklich ein Dorf“, sagt Michelle schließlich und lächelt.

Michelle und Nelly wissen, dass ihre Aktivistengruppe erfolgreich Demokraten, Junge Menschen und einige Politikverdrossene zusammenbringt. Aber wenn man sie fragt, ob sie auch Trump-Wähler anziehen, müssen sie einräumen, dass sie damit meist scheitern. „Bei Leuten die Trump ganz großartig finden, ist es sehr schwer“, geben sie zu, und erklären, dass sie sich lieber auf unentschiedene Wähler oder solche, die von Trumps Präsidentschaft enttäuscht sind, konzentrieren. „Die meisten in der Gruppe sind unglücklich über die Wahl Trumps, so wie wir beiden“, sagt Nelly.

Michelle, die nun ein Jahr ihres Lebens damit verbracht hat, dutzende von Trump-Wählern in ihren Häusern zu besuchen, seufzt, und sagt: „Politik ist nicht in Stein gemeißelt, es gibt Raum für Zwischentöne. Es sind diese Parteien, die wie Fußballvereine funktionieren, die alles so schwierig machen. Natürlich habe ich schon vieles gehört, was mir nicht gefallen hat, aber... Meistens sind die Leute einfach froh, dass jemand mal bei ihnen an die Tür klopft. Das kommt sonst nicht vor.“

Diese Aktivistengruppe, die bei Begegnungen mit republikanischen Politikern so fordernd auftritt, die schnell Straßen-Aktionen auf die Beine stellen kann und schlagkräftig in der Lokalpolitik agiert, stößt an Grenzen, wenn es darum geht, die eigene Basis auszuweiten und „zur anderen Seite“ durchzudringen. Es ist eine Aufgabe, die eher Zeit und Geduld erfordert als revolutionäre Taktik. Bislang konnten die Aktivist/innen der LSU einige wenige Trump-Anhänger bei ihren Sitzungen begrüßen. Aber normalerweise schaffen sie es nur, sie zum Abonnieren des Newsletters zu überreden, in denen sie die Texte von Michelle und anderen Autoren lesen können. „Das ist nicht viel, aber es sind die ersten Schritte. Wir können nur Schritt für Schritt weiterkommen “

„O Observador“ reiste mit Unterstützung des Transatlantic Media Fellowship, der Heinrich-Böll-Stiftung.

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