Worte wie “Einwanderung” oder “Flüchtlinge” sind explosiv

Worte wie “Einwanderung” oder “Flüchtlinge” sind explosiv

Reportage

Immigranten in Hazleton und Flüchtlinge in Lancaster. In beiden Städten hat die Anzahl von Ausländern in den letzten Jahren zugenommen, in beiden haben die Wähler in Massen für Donald Trump gestimmt. Was hat sich ein Jahr nach der Wahl verändert?

Amilcar Arroyo an seinem Schreibtisch.Amilcar Arroyo in seinem Büro. Dort schreibt und layoutet er ganz alleine die gesamte Ausgabe des „El Mensajero“, der spanischsprachigen Lokalzeitung. Als der Peruaner Amilcar 1989 in Hazleton ankam, lebten dort weniger als hundert Latinos, dagegen sind es heute mehr als 10.000. Amilcar ist heute ein respektiertes Mitglied der lokalen Gemeinschaft und gehört zahlreichen Beratungsgremien von Institutionen wie der lokalen Handelskammer oder der Penn State Universität an. – Urheber/in: Cátia Bruno. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Reportage aus Pennsylvania

Als Amilcar Arroyo in Hazleton ankam, lebten hier weniger als 100 Latinos. Im italienischen Stadtteil, in dem er sich niederließ und von wo aus er täglich zu Fuß zur Arbeit in einer Tomatenfabrik lief, war er der Einzige. „Ich bin aus einer Notsituation heraus hierher gekommen, beinahe zufällig“, erzählt er. Er war bis 1989 Bankangestellter in Lima, als er Peru wegen wirtschaftlicher Probleme verließ und in Miami Arbeit suchte. Sein Diplom in Betriebswirtschaft war ihm dabei mehr im Weg als nützlich, und so kam es, dass er mit nur zehn Dollar und einer Stellenanzeige in der Tasche nach Pennsylvania aufbrach.

Heute, 28 Jahre nach seiner Ankunft, ist Amilcar nicht mehr derselbe – und die Kleinstadt Hazleton auch nicht. „Hier kann man gut eine Familie gründen“, bekräftigt der Peruaner, am Schreibtisch in seinem Büro sitzend. „Die Leute sagen, es sei gefährlich, weil die Latinos alles kaputt gemacht hätten, aber das ist nicht wahr.“ In seinem Büro schreibt und layoutet er ganz alleine die gesamte Ausgabe des „El Mensajero“, der spanischsprachigen Lokalzeitung.

Amilcar ist nun ein respektiertes Mitglied der lokalen Gemeinschaft und gehört zahlreichen Beratungsgremien von Institutionen wie der lokalen Handelskammer oder der Penn State Universität an. Er hat zwei Enkel von zwei erwachsenen Töchtern. Die Mutter seiner Töchter, die er in der Tomatenfabrik kennenlernte, ist aus Hazleton und hat deutsche Vorfahren. Sie leben im Valley, einem wohlhabenden Vorort, in dem hauptsächlich Weiße leben, die dem Stadtzentrum den Rücken gekehrt haben. Amilcars Büro befindet sich im Zentrum, wo die wenigen offenen Läden und Restaurants in ihren Schaufenstern auf Spanisch für Frühstücke, Geldtransfers und Frisuren werben, und daneben Schilder in roten Leuchtbuchstaben „Open“ rufen.

Als der Peruaner Amilcar 1989 hier ankam, lebten in Hazleton weniger als hundert Latinos, dagegen sind es heute mehr als 10.000 - bei einer Einwohnerzahl von etwa 25.000. Im Landkreis Luzerne, zu dem die Stadt gehört, hat die spanischsprachige Bevölkerung laut Daten des Pew Research Center zwischen 2000 und 2011 um 523 Prozent zugenommen. Die meisten von ihnen sind dominikanischer Herkunft und kamen aufgrund von Mundpropaganda nach Hazleton. In teuren Städten wie New York oder New Jersey, die nur zwei Stunden entfernt liegen, erzählte man sich über Jobs bei Großunternehmen wie Amazon oder dem Agrarkonzern Cargill, die durch Steuervergünstigungen hierher gelockt wurden. Die Wohnungsmieten in Hazleton liegen um hunderte Dollars unter einer typischen Miete in New York, so dass man hier viel besser über die Runden kommt: „Die Latinos dürstete es nach Geld, ihnen war jede Arbeit recht und den Unternehmen gefiel das gut“, fasst Amilcar zusammen.

 “In den Geschäften sehe ich sie Dinge kaufen, die ich mir nicht leisten kann”

Trotz der großen Anzahl hier lebenden Latinos, war bei den Präsidentschaftswahlen 2016 Donald Trump der große Gewinner im Landkreis Luzerne. Trump, der Kandidat, der im Wahlkampf behauptet hatte, die Mehrheit der Mexikaner seien “Vergewaltiger, die Drogen nach Amerika bringen”, erreichte 58 Prozent der Stimmen und machte damit aus einem traditionell „blauen“ Wahlbezirk der Demokraten einen „roten“ - die Farbe der Republikaner. Weder das Erbe der 52 Prozent, die Obama in Luzerne errungen hatte, noch die Stimmen der Latinos konnten die Niederlage Hillary Clintons verhindern.

Amilcar spürte am Tag der Wahl, dass sich etwas verändert hatte. “Normalerweise brauche ich fünf Minuten, um zu wählen. Diesmal hat es eine Stunde gedauert. Ich habe weiße Nachbarn in der Schlange stehen sehen, die sonst nie wählen. Ältere Menschen, sogar Menschen in Rollstühlen, alle waren sie da…” Dass Latinos über hundert neue Kleinunternehmen in der Stadt gegründet haben, hat diese Menschen nicht beeindruckt. Genauso wenig wie die Kriminalitätsstatistiken, die zeigen, dass Verbrechen nach Ankunft der Immigranten eben nicht wie befürchtet exponentiell zugenommen haben. Die Mehrheit der weißen Einwohner von Hazleton mag die Latinos ihrer Stadt nicht. Und sie zeigen dies an der Wahlurne ganz deutlich.

„Ja sicherlich habe ich Donald Trump gewählt“, erklärt eine 71-jährige Großmutter auf der Hauptstraße, der Broad Street, wo sie vor der Schule auf ihre Enkelin wartet. „Warum? Wegen der Einwanderung!“ Ihren Namen will sie nicht nennen, aber sie erzählt, während sie nervös am Reißverschluss ihrer rosafarbenen Trainingsjacke nestelt, dass sie ihr Leben lang in einer Fabrik gearbeitet hat. „Ich sehe viele Ausländer mit der Access Card einkaufen [eine Karte für ein Sozialhilfekonto in Pennsylvania], und wir, die wir hier schon immer gelebt haben, bekommen nicht einmal die Hälfte davon“, klagt sie und beschwert sich darüber, dass ihre Rente nie erhöht wird. „Das ist ungerecht. Ich gehe in ein Geschäft, und sehe die Leute Dinge kaufen, die ich mir nicht leisten kann. Das Benzin wird immer teurer, Lebensmittel auch...Ich lebe hier seit ich geboren bin, und hatte bislang nichts von Drogen oder Morden gehört. Das kam erst mit den Illegalen hierher“. Ihre blauen Augen sind halb geschlossen während sie spricht.

Frank Singly stimmt ihr zu. „Mein Geschäft wurde schon zwölfmal überfallen“, beklagt sich der 68 jährige Schweißer, der wie viele Einheimische in die Vororte gezogen ist. Beide Hände tief in den Taschen seiner Levi’s Jeans vergraben sagt er: „Ich habe Trump gewählt, weil er sagt, was er denkt. Er ist nicht wie die anderen Politiker“, nachdem er davor schüchtern zugab, es sei ihm etwas unangenehm, dass der Präsident „nicht gut mit andern Menschen reden kann“. Trotzdem bereut er seine Wahl nicht. „Trump bekämpft die Kriminalität, und ist auch schon erfolgreich - die Einwanderung fängt an abzunehmen“, sagt Frank noch, bevor er sich verabschiedet, um wieder an die Arbeit zu gehen. Er war zum Mittagessen ins Jimmy’s gekommen, das für seine Hot Dogs und die typisch amerikanische „Diner“-Atmosphäre bekannt ist. Wer das Restaurant betritt, wird ins Amerika der 50er Jahre zurückversetzt: Hocker vor einem Edelstahl-Tresen, Bedienungen, die eine Schürze um die Hüfte tragen, einen Schreibblock in der Hand halten und jeden Gast mit „Honey“ anreden; dazu Werbetafeln, auf denen Kürbiskuchen als „genau wie der von Mutti“ angepriesen wird. Alle Gäste, die an diesem Nachmittag im Jimmy’s sitzen, sind weiß.

„Hazleton war schon eine Trump-Stadt, bevor Trump in der Politik auftauchte“, fasst Jack Longazel, Professor für Politikwissenschaft am John Jay College, in unserem Interview zusammen. Er kommt aus dieser Gegend und hat das Buch „Undocumented Fears: Immigration and the Politics of Divide and Conquer in Hazleton, Pennsylvania“ geschrieben. „Man erzählt sich über Hazleton den Witz, dass es hier an jeder Ecke eine katholische Kirche und eine Kneipe gibt – gegründet von den frühen Einwanderern, zum Beispiel Italienern oder Iren. Heute müsste es heißen: eine Kirche, eine Kneipe und eine Zeitarbeitsfirma!“ Obwohl es einige Jobs in Geschäften und Fabriken gibt, herrscht in Hazleton eine hohe Arbeitslosigkeit (9,6 Prozent gegenüber dem nationalen Durchschnitt von 4 Prozent) und die Löhne sind gering. Für diese Stadt und all die anderen in Pennsylvania, die sich von den Demokraten abgewendet haben, ist die wirtschaftliche Flaute ein konkretes Problem.

„Trump legt den Finger auf eine Wunde“, sagt Longazel, der selbst Sohn eines Fabrikarbeiters ist. „Das ‚Make Amerika Great Again’ trifft einen Nerv. Aber hier in Amerika hat alles so viel mit Rassenfragen zu tun, dass es auch immer um Rasse geht, wenn ‚Früher war alles besser’ gesagt wird. Dabei wird für der wirtschaftliche Niedergang ein rassisch definierter Sündenbock erfunden. Es ist bitter, dass aus einem so tiefgreifenden Problem so falsche Schlüsse gezogen werden.“

Eine latinofeindliche Stimmung gab es jedoch in Hazleton schon lange bevor Trump Präsidentschaftskandidat wurde. 2006 machte sich Bürgermeister Lou Barletta die Berichterstattung über einen Mord, bei dem Latinos als Täter verdächtigt wurden, zunutze, um ein autoritäres Anti-Einwanderungs-Gesetz einzubringen. Unter anderem sah das Gesetz Strafen gegen Wohnungseigentümer vor, die an illegale Einwanderer vermieten. Die Lage spitzte sich derartig zu, dass es zu mehreren ausländerfeindlichen Zwischenfällen kam. Auch Amilcar machte eine solche Erfahrung: „Ich war bei einer Demonstration, über die ich für die Zeitung berichten wollte, als mich eine ältere Frau sah und anfing: ‚Illegaler, Verräter, Verdammter Illegaler!’ zu schreien.“

Die Verdächtigen im Mordfall von 2006 wurden schließlich nicht verurteilt. Das Gesetz von Bürgermeister Barletta wurde als verfassungswidrig erachtet, und die Stadt blieb auf Verfahrenskosten von über 1,4 Millionen Dollar sitzen, nachdem Berufungen auf mehreren Instanzen scheiterten. Die schlechte Meinung über die Latinos allerdings blieb. „Das Gesetz von 2006 kam einer Lizenz zum Hass gleich“, stellt Longazel fest. „Die Lage hatte eigentlich begonnen, sich zu verbessern. Nach dem Gesetz jedoch fühlten sich wieder viele ermutigt, eine feindliche Haltung an den Tag zu legen... Als ich klein war, gab es zum Beispiel nicht so viele Konföderierten-Flaggen in Hazleton wie heute.“

Die Flüchtlings-Hauptstadt zeigt sich immer noch offen für Fremde

Wenn man Hazleton in Richtung Süden verlässt, führt der Weg über Reading, einer der ärmsten Städte Amerikas, in den agrarisch geprägten Landkreis Lancaster. Hier haben schon immer die Republikaner die Lokalpolitik dominiert, und Trump erlangte mit 57 Prozent einen klaren Sieg. Dass dieser Ort konservativ ist, wird schnell deutlich: man muss nur die Markthalle betreten, um Häubchen tragende Amish-Frauen zu sehen, die dort ihr Obst und Gemüse verkaufen.

Wie auch in Hazleton leben im Landkreis Lancaster (und speziell in der gleichnamigen Stadt Lancaster) viele Menschen ausländischer Herkunft. Allerdings gibt es hier nicht viele Immigranten, sondern Flüchtlinge. Und anders als in Hazleton, handelte es sich in Lancaster – zumindest bis jetzt – nicht um ein Konflikt-Thema. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Lancaster nimmt pro Kopf seiner Bevölkerung 20 Flüchtlinge mehr auf, als der Rest der Vereinigten Staaten, wo durchschnittlich auf 327 Einwohner ein Flüchtling kommt. Zum Vergleich: in New York gibt es einen Flüchtling pro 50.000 Einwohner. Die BBC nannte Lancaster „Die Flüchtlings-Hauptstadt Amerikas“.

„Wir sind eine sehr offene Stadt, schon seitdem hier die Amish und die Mennoniten willkommen geheißen wurden“, erklärt Stephanie Gromek, die für den Church World Service (CWS) arbeitet, der seit 30 Jahren die Aufnahme von Flüchtlingen im Landkreis organisiert. Es sind hauptsächlich Kongolesen, Somalis und Syrier, die hier ankommen. Über das Thema herrscht in der Stadt ein breiter Konsens: als 2015 einmal eine Gruppe von 30 angereisten „White Supremacists“ vor der CWS Geschäftsstelle demonstrierte, tauchten 200 Gegendemonstranten auf und vertrieben sie aus Lancaster.

„Die Flüchtlinge sind hier kein politisches, sondern ein humanitäres Thema, aber es stimmt, dass die Lage in der letzten Zeit etwas heikler ist“, räumt Stephanie ein. Der Verantwortliche für die Veränderung, die sich seit einem Jahr vollzieht, hat einen Namen: Donald Trump. Stephanie erinnert sich gut an den 27. Januar, als Trump verkündete, dass er den „Travel Ban“ unterzeichnet habe, der es Bürgern mehrerer Staaten (darunter Syrien und Somalia) verbietet, in die Vereinigten Staaten einzureisen. Damals versammelte sich fast das gesamte Team um ihren Schreibtisch herum und verfolgte die Unterzeichnung des Dekrets auf CNN. „Nicht zu fassen - das passiert gerade wirklich“, dachte sie in jenem Moment.

Das Dekret wurde mittlerweile von mehreren Gerichten gestoppt. Die Senkung der Obergrenzen für von den Vereinigten Staaten aufgenommene Flüchtlinge wirkt sich allerdings bereits auf die Arbeit des CWS auf. Die letzte Obergrenze hatte Barack Obama auf 110.000 gesetzt. Trump verringerte die Anzahl auf 50.000 – eine Zahl die noch weiter sinken könnte. Beim CWS hängt nun alles in der Luft. Da sich die Anzahl der Flüchtlinge so stark verringert hat, wurden der Institution auch die öffentlichen Mittel gekürzt. Mehrere Mitarbeiter wurden entlassen, so dass die juristischen Verfahren vieler Flüchtlinge nicht fortgesetzt werden können. Es herrscht ein Gefühl große Unsicherheit, da niemand weiß, was der Präsident wohl als nächstes ankündigt.

„Die bereits hier lebenden Flüchtlinge hat das sehr mitgenommen“, bedauert Amer Alfayadh, der vor vielen Jahren aus dem Irak flüchtete, und heute Mitarbeiter des CWS ist. „Sie fragen mich, ob ihr Sohn wohl nachkommen dürfe, um hier mit ihnen zu leben. Die Menschen sind verwirrt, sie verstehen nicht, was gerade vor sich geht. Und sie erhoffen sich Antworten von uns, die wir nicht haben.“ Amer ist 34 und hat ein Ingenieurs-Diplom. Der einzige Job, den er zunächst finden konnte, war in einem Warenlager. Damit war er sehr unzufrieden, da er in der Gemeinschaft, die ihm soviel gegeben und mit offenen Armen empfangen hatte, „einen stärkeren Beitrag“ leisten wollte.

Heutzutage ist der Empfang für Flüchtlinge allerdings nicht mehr so warmherzig. „Gerade neulich passierte etwas, als ich beim Sozialamt war“, erzählt Amer. „Da guckte ein Typ mich und die Flüchtlinge an, die mit mir dort waren und fing an zu schimpfen: ’diese Leute nehmen mir mein Geld weg!’ Wahrscheinlich hätte er sich das vor einiger Zeit noch nicht getraut... Aber ich betrachte so etwas als großartige Gelegenheit. Ich kann dann über mich und meine Geschichte sprechen. Ich erklärte ihm, dass ich zwei Jobs habe und promoviere, und dass ich meine Familie ernähre.“

Stephanie Gromek streitet letzten Endes nicht ab, dass die öffentliche Meinung auch in Lancaster zum Teil gespalten ist. “Wir müssen sehr vorsichtig sein, wenn wir über unsere Arbeit sprechen, denn einige derer, die uns unterstützen, haben Trump gewählt. Es mag sein, dass sie über Flüchtlinge anders denken als er, aber in allen anderen Fragen stimmen sie ihm zu.“ Stephanie hatte in Albuquerque während ihres Psychologie-Studiums eine Begegnung mir Flüchtlingen, die sie für immer prägte: Für ein Studienprojekt nahm sie mit einem Ehepaar aus Ruanda kontakt auf - sie Tutsi, er Hutu. Die beiden hatten sich in einem Flüchtlingslager kennengelernt, wo ihr neues Leben in Amerika begann. Von da an war Stephanie Gromek klar, dass sie mit Flüchtlingen arbeiten wollte. Durch Google Recherchen stieß sie auf den CWS und beschloss, nach Lancaster zu ziehen.

Heute, fünf Jahre später, ist sie immer noch glücklich über diese Entscheidung. Sie versucht, ihre positive Einstellung beizubehalten, aber eine gewisse Niedergeschlagenheit angesichts der aktuellen Situation kann sie nicht verdrängen. Sie fürchtet, dass sich in der Stadt, die sie sich als Heimat ausgesucht hat und in der nun auch ihre Tochter geboren ist, die Dinge verändern könnten. „Es könnte hier viel schlimmer sein, so wie es in vielen anderen Städten schon ist“, sagt sie. „Wir versuchen, aus unserer Blase auszubrechen und die Menschen auf der anderen Seite zu erreichen, aber das ist sehr schwierig, sie wollen uns einfach nicht zuhören. Das kommt in meiner eigenen Familie vor, kannst du dir das vorstellen? Kaum spricht man das Wort “Einwanderung” oder “Flüchtlinge” aus, da brennen bei manchen Menschen die Sicherungen durch. Das ist auf Dauer anstrengend. Mein Mann und ich erwägen in letzter Zeit, mit Yoga anzufangen.“ Den letzten Satz beendet Stephanie mit einem kurzem, lauten Lachen.

Bevor sie aufbricht, nimmt sie ihr iPhone vom Tisch und schaut kurz auf den Bildschirm. Ihre Augen weiten sich ein wenig, als sie die Nachricht liest, dass ein Richter in Hawaii die letzte Version des „Travel Ban“ vorläufig gestoppt hat. „Die Judikative ist bislang auf unserer Seite... Also auf der richtigen Seite“, sagt sie und lächelt etwas freudlos. Bei der Geschwindigkeit, mit der im Amerika der Trump-Ära neue Entscheidungen getroffen werden, will diese Amerikanerin den Tag nicht vor dem Abend loben.

Latinos als Wähler – „ein schlafender Riese“

Während in Lancaster Flüchtlinge beunruhigt sind, gibt es in Hazleton neben zufriedenen Wählern die Latinos, die sich vor der Rhetorik des Präsidenten fürchten. Ben Medina ist in Puerto Rico geboren, er ist amerikanischer Staatsbürger, aber weit davon entfernt, sich in seiner Haut wohl zu fühlen. “Er hat uns so oft respektlos behandelt... Gerade wieder in Puerto Rico, hat er die Menschen wie Tiere behandelt, als er ihnen Küchenrollen an den Kopf warf“, sagt er. „Hier in Hazleton habe ich zwar noch keine verstärkten Aktivitäten der Polizei gegenüber Illegalen bemerkt, die Menschen haben aber trotzdem Angst.“

Das Gespräch mit Medina führen wir im Sitz des Hazleton Integration Project (HIP), einer Vereinigung, die mit dem Ziel gegründet wurde, die Gemeinschaften von Weißen und von Latinos einander näherzubringen. Neben dem Betrieb einer Tagesbetreuung für Kinder agieren die freiwilligen Mitarbeiter als kulturelle Vermittler: Sie übersetzen Dokumente, helfen bei der Jobsuche und organisieren Feiern und Freizeitaktivitäten.

Eine der Gründerinnen des HIP, Elaine Curry, führt uns durch die Räumlichkeiten der Vereinigung, die in einer ehemaligen katholischen Schule unterkam. „Diese Generation von Immigranten benötigt Hilfe - ihre Eltern sprechen schlecht Englisch und finden sich in unserem Bildungs- und Gesundheitssystem nicht zurecht“, erklärt sie.

Das HIP existiert seit vier Jahren und zählt heute 85 eingeschriebene Kinder, von denen die meisten zur Latino Bevölkerung gehören. 40 weitere Kinder stehen auf einer Warteliste. Um drei Uhr Nachmittags brodelt der untere Gemeinschaftsraum: Dutzende von Kindern verschiedenen Alters kommen aus den Klassenräumen; sie essen und spielen in einem Wirrwarr aus spanischen und englischen Wörtern, deren Klang sich im Raum vermischt. Danach werden sich die Kinder wieder nach Altersgruppen trennen und verschiedenen Aktivitäten nachgehen: Computer-Unterricht, Diskussionen, Fotografie-Workshops und vieles mehr.

Während sie die verschiedenen Angebote aufzählt, zeigt uns Elaine voller Stolz die zahlreichen Räume. Lachend erzählt sie uns die Geschichte eines Mädchens, zu dem sie gesagt hatte, dass sie alles werden könne was sie wolle, sogar Präsidentin, worauf hin das Mädchen antwortete: „Ich glaube ich möchte lieber Richterin am Obersten Gerichtshof werden“. Das sei ein Beispiel für das Selbstvertrauen, dass sie sich für die Kinder wünsche, die hier ein und aus gehen, erklärt Elaine. Aber es ist nicht alles eitel Sonnenschein. Wenn es um Spenden geht, halten sich die Bewohner von Hazleton argwöhnisch zurück. Es werde hier nur den Latinos geholfen, heißt es. Dagegen kann auch der Umstand nichts ausrichten, dass das HIP von einer der wenigen Berühmtheiten, die Hazleton hervorgebracht hat, mitbegründet wurde: Joe Mannon, dem Trainer der Chicago Cubs, die unter ihm ihren ersten Baseball World Series Titel seit 1908 holten.

Trumps Wahlsieg hat sich auch auf ihre Institution ausgewirkt, erzählt Elaine: „Von den Kindern höre ich, dass sie nun viel öfter rassistischen Beleidigungen ausgesetzt sind. Der Sohn einer peruanischen Freundin wird in der Schule plötzlich ‚Mexikaner’ gerufen, und manche Kinder sagen, dass er in sein Land zurückkehren müsse. Er ist jetzt in der dritten Klasse...“

Entlang der kurzen, asphaltierten Straße ohne Bürgersteige, die vom HIP ins Stadtzentrum führt, stecken in den kleinen Vorgärten der braunen und grauen Holzhäuser unzählige rosafarbene Wahlplakate, auf denen „Ich unterstütze Allison Barletta“ steht. Barletta ist eine Cousine des ehemaligen Bürgermeisters, der für das Anti-Immigrations-Gesetz von 2006 verantwortlich war, und sie kandidiert für das Stadtparlament. Lou Barletta selbst ist auch noch in der Politik tätig. Als sein Bürgermeisteramt 2010 endete, wurde er ins Repräsentantenhaus gewählt. Nun beabsichtigt er den Sprung in den Senat, wobei er von Donald Trump unterstützt wird. „Er ist ein hervorragender Kerl“, hat der Präsident Barletta schon mehrfach gelobt.

Überraschenderweise stimmt Amilcar Arroyo, der schon als Übersetzer für Barletta gearbeitet hat, dem zu. „Er ist ein guter Typ, kein Rassist“, erklärt der peruanische Journalist. „Aber er ist auch ein gerissener Politiker, der verstanden hat, dass die weißen Wähler diese Ressentiments in sich tragen. Die Latinos hier sind ein schlafender Riese, wir wählen nicht auf lokaler Ebene, nur bei den Präsidentschaftswahlen. Im Fernsehen sehen wir als einzigen Sender das spanischsprachige Univision...“ Und er fügt hinzu, dass viele der Latinos in Hazleton sich hauptsächlich für die Politik ihres Ursprungslands interessieren.

„Wir sind Immigranten der ersten Generation“, sagt der Peruaner. „Für uns zählt nur arbeiten, arbeiten, arbeiten. Die zweite Generation spricht bereits gut Englisch, sie kennen die Verfassung und wollen wählen. Mit dieser Generation wird sich etwas verändern.“ Er kann das unmittelbar bei sich zu Hause beobachten: die beiden Töchter, die vollständig integriert sind, sehen sich nicht ausschließlich als Latinas. Dies hat auf der anderen Seite zur Folge, dass Amilcar befürchten muss, seine Enkel würden möglicherweise niemals Spanisch sprechen. Daher hat er den Versuch begonnen, einem von ihnen die Sprache zu unterrichten.

Bislang beteiligen sich sein Enkel und die Kinder im HIP allerdings noch nicht an der amerikanischen Politik, und der Peruaner bindet sich weiterhin jeden Tag eine Krawatte um und fährt in sein Büro im Stadtzentrum von Hazleton, wo er im Alleingang ganze Ausgaben einer spanischsprachigen Zeitung verfasst. Die Texte, mit denen er versucht, politische Themen sichtbarer zu machen, sind umgeben von sehr praktisch orientierten Anzeigen, in denen es um den Wohnungsmarkt, Autoverkauf oder Geldtransfers nach Lateinamerika geht.

„Die althergebrachte und die neue Bevölkerung müssen eng zusammenarbeiten“, wiederholt Amilcar immer wieder. Es ist wie ein Mantra, das ihm die Kraft gibt, trotz des fortgeschrittenen Alters jeden Tag das Haus zu verlassen und zur Arbeit zu gehen. „Wir waren dem Ziel schon mal näher, aber dann kam Donald Trump und der Graben hat sich wieder weiter aufgetan.“

„O Observador“ reiste mit Unterstützung des Transatlantic Media Fellowship, der Heinrich-Böll-Stiftung.

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