Europäische Union: Ehrgeiz ist Mangelware

Europäische Union: Ehrgeiz ist Mangelware

Energieatlas

Keine Institution spielt für die Energiewende in Europa eine größere Rolle als die EU. Doch ihre Initiativen sind nicht mutig genug, die Erfolge sind zu verstreut, und die Reformen haben viele Gegner/innen.

Der ausgeprägte Mix innerhalb der Erneuerbaren in der EU umfasst auch Biokraftstoffe und Wasserkraftwerke – beides kann ökologisch fragwürdig sein – Urheber/in: Bartz/Stockmar (Lizenz-Infos). Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Im Jahr 1997 formulierte die EU-Kommission folgendes Ziel: Bis 2010 sollten 22,1 Prozent des Stromverbrauchs und 12 Prozent des gesamten Energieverbrauchs der EU aus den Erneuerbaren stammen. Für jedes einzelne Mitgliedsland gesondert gab die Kommission die Marschrichtung vor. Seither basiert ein Großteil der neuen Anlagen zur Energieerzeugung in der EU auf erneuerbaren Energiequellen, allen voran auf Wind- und Solarenergie.

Die Vorgaben von 1997 waren jedoch nicht bindend. Weder die EU insgesamt noch die meisten Länder erreichten ihre Ziele. Erst mit einem neuen EU-Gesetz, der Erneuerbare-Energien-Richtlinie von 2009, kamen verbindliche Vorgaben. Und ein Gesamtziel für die EU: mindestens 20 Prozent Erneuerbare bis 2020.

Die Ziele der EU sind noch zu wenig

Die EU selbst wollte 2014 noch mehr als die Mitgliedsländer: 27 Prozent aus erneuerbaren Energien bis 2030. Doch selbst diese Zahl oder ihre Erhöhung auf 30 Prozent ist zu bescheiden angesetzt. Sie beizubehalten, würde das derzeitige Wachstum erneuerbarer Energien verlangsamen. Um die Mitgliedstaaten zu ermutigen, ihre Potenziale an Erneuerbaren zu nutzen, sind höhere Anteile erforderlich. Laut einem Bericht über ehrgeizigere Ziele der EU und ihrer Mitglieder, der von der Energieberatungsfirma Ecofys und der Technischen Universität Wien verfasst wurde, würde ein 45-prozentiger Anteil der Erneuerbaren bis zum Jahr 2030 nicht nur den Klimawandel mildern, sondern auch Innovationen, Wirtschaft und Beschäftigung fördern.

Die Photovoltaik spielt in mehreren EU-Ländern eine große Rolle. Auf sie entfielen 2016 bereits 7,3 Prozent der Stromnachfrage in Italien, 7,2 Prozent in Griechenland und 6,4 Prozent in Deutschland; weitere Länder in Europa haben 2 Prozent überschritten. Kleine Photovoltaikanlagen werden hauptsächlich für kommunale Gewerbeflächen und Wohnanlagen installiert, aber in mehreren Ländern sind auch große Solarparks errichtet worden. Die Photovoltaik kann immer stärker mit den traditionellen Stromquellen konkurrieren. Auch international ist das Potenzial der Solarenergie beeindruckend. Die Internationale Energieagentur schätzt, dass bis 2050 über die Hälfte der weltweiten Stromproduktion aus Sonnenenergie kommen könnte.

Innerhalb der EU sind jedoch noch viele Hindernisse zu überwinden. Auch Rückschritte bleiben nicht aus. In Spanien, einst aktiver Förderer der Erneuerbaren, sind die Initiativen fast zum Erliegen gekommen. Geänderte Förderbestimmungen behindern den Fortschritt in Rumänien, Tschechien, Polen und anderswo. Auch im Bereich der Wasserkraft stagniert die Entwicklung: In den vergangenen Jahren ist in der EU kaum eine neue Wasserkraftanlage geplant oder gebaut worden. Dabei haben kleine und mittlere Wasserkraftwerke mit neuester Technologie und ausreichenden Speicherkapazitäten ein beträchtliches Leistungsvermögen.

Zur Nutzung der Windenergie sind Onshore-Anlagen die kostengünstigste Option. Doch im Bereich der Offshore-Windenergie kam es 2016 durch gemeinsame Ausschreibungen zur Kooperation von neun europäischen Ländern. Daraufhin boten Firmen an der dänischen und niederländischen Küste Projekte mit rekordhaft niedrigen Strompreisen an. In Deutschland wurde Anfang 2017 der erste Offshore-Windpark ohne staatliche Unterstützung genehmigt.

28 Energiessysteme fließen in die Gesamtdarstellung der EU ein. Sie zeigt den weiten Weg zur Energiewende – Urheber/in: Bartz/Stockmar (Lizenz-Infos). Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Die EU und ihre Mitgliedstaaten müssen ihre Anstrengungen verstärken

Der Aufwärtstrend der Erneuerbaren im Stromsektor täuscht jedoch darüber hinweg, dass es in anderen Bereichen hapert: zum Beispiel bei der Heizung und Kühlung für gewerbliche Gebäude und Wohnungen sowie beim Transport. Doch auch hier sind Erfolge zu verzeichnen. Die Fernwärmeversorgung erfolgt hauptsächlich auf Grundlage von Biomasse wie Holz, Pflanzenreste oder Bioabfälle. Solarthermie mit ihren Kollektoren zur Warmwassergewinnung wird zunehmend in Fernwärmesysteme integriert – in der gesamten Europäischen Union sind große Projekte entstanden.

Dänemark liegt an der Spitze; das Land hat 2016 eine große Anlage mit 110 Megawatt thermischer Leistung (MWth) in Betrieb genommen. Länder mit traditionellen Fernwärmesystemen wie Deutschland, Dänemark, Finnland und Schweden modernisieren ihre Einrichtungen mit einem integrierten Mix aus intelligenten Stromnetzen, Großwärmepumpen, Erdgas- und Wärmenetzen sowie energieeffizienten Gebäuden und einer darauf abgestellten langfristigen Planung der Infrastruktur. In der geothermischen Entwicklung ist Europa nicht gerade ein globaler Spitzenreiter. Dennoch schreiten Erdwärmeprojekte voran.

Die EU verfügt über ein großes Potenzial erneuerbarer Energien. Stromproduktion, Verkehr, Heizung und Kühlung nutzen verschiedene erneuerbare Energiequellen. Die Verknüpfung dieser Sektoren würde zusätzliche Vorteile bringen. Eine Studie der Forschungsgruppe CE Delft von 2016 ergab, dass bis 2050 die Hälfte aller EU-Bürgerinnen und -bürger ihren eigenen Strom produzieren und allein damit 45 Prozent des Energiebedarfs der EU decken könnte. Andere Studien zeigen, dass Energiesysteme, die vollständig mit erneuerbaren Energien betrieben werden, sowohl machbar als auch kosteneffektiv sind.

Die Technologien existieren bereits. Die EU und ihre Mitgliedstaaten müssen ihre Anstrengungen jedoch verstärken, um die Energiewende tatsächlich zu schaffen.

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