Die Kriegsverbrechen in Ahmići: Wie Kroatien seine Vergangenheit (nicht) bewältigt

Die Kriegsverbrechen in Ahmići: Wie Kroatien seine Vergangenheit (nicht) bewältigt

Ein Vierteljahrhundert ist seit dem Verbrechen in Ahmići, einem Dorf in Zentralbosnien, vergangen. Der Autor berichtet von einem jahrzehntelangen Aufbereitungsprozess, der lange nicht beendet ist. 

Marsch im Gedenken an die Opfer der Kriegsverbrechen von Ahmići, Zagreb, Juni 2014
Marsch im Gedenken an die Opfer der Kriegsverbrechen von Ahmići, Zagreb, Juni 2014 — Bildnachweise

Am Morgen des 16. April 1993 töteten das 4. Bataillon der Militärpolizei des Kroatischen Verteidigungsrates (HVO) und die Jokers, die Spezialstreitkräfte dieser Polizei, 116 bosnische Zivilisten. Unter den Opfern befanden sich 32 Frauen und 11 Kinder – das jüngste war erst drei Monate alt.

Zwei Stunden nach dem Verbrechen in Ahmići töteten die Mitglieder der Spezialeinheit der bosnischen Armee Zulfikar 15 Zivilisten und sieben kroatische Soldaten in dem Dorf Trusina in der Gemeinde Konjic (BiH). Die Täter dieser Verbrechen in Ahmići und Trusina, hauptsächlich Kommandanten, wurden zu langen Haftstrafen verurteilt, doch nur einige von ihnen landeten im Gefängnis, nachdem sie jahrelang untergetaucht waren. Dabei wurden sie von den staatlichen Organen unterstützt.

Die Verbrecher von Ahmići versteckten sich vor dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) eine Zeitlang in Kroatien. Dies wurde durch die Regierung von Franjo Tuđman, dem damaligen Präsidenten, ermöglicht. Die unmittelbaren Täter dieses Verbrechens – Paško Ljubičić, Vlado Ćosić, Ante Slišković und Tomo Vlajić – lebten unter falschen Namen in den Vororten zweier kroatischer Städte - Zagreb und Zadar. Die Rettung der Verbrecher von Ahmići wurde von Markica Rebić, dem damaligen Chef des Geheimdienstes der kroatischen Armee, organisiert.

Im Januar dieses Jahres gedachte ich zusammen mit etwa zwanzig anderen Menschenrechtlern aus Kroatien der Opfer von Ahmići und Trusina. Wir wurden herzlich in Ahmići aufgenommen, und die Botschaft war eindeutig:

„Es ist mutig, dass ihr hierher kommt. Wir danken euch dafür, dass ihr unser Leid teilt.“ Besonders berührt waren wir von der Botschaft in Trusina, wo der Vorsitzende des Opferverbandes sagte: „Alle Opfer sind gleichermaßen zu beklagen, ungeachtet ihrer Nationalität. Jede Mutter weint gleich.“

Einer meiner Begleiter auf dieser Reise war der bekannte kroatische Soziologe Dražen Lalić, der Autor des Buches „Vergangenheitsbewältigung in Kroatien: Öffentliche Meinungen und Haltungen nach dem Krieg“. Während der Reise dachte Lalić über den Text nach, den er für die kroatische Tageszeitung “Večernji list” geschrieben hatte und sagte: „Während des Besuchs in Ahmići spürte ich so etwas wie Unbehagen. Bei unserer Ankunft verstand ich den Hauptgrund dafür. Die Verbrechen in diesem Dorf wurden von meinen Landsleuten verübt. Die Tatsache, dass sie aus einem anderen Land kommen, ändert nichts an den Umständen.“

Wie mein Kollege Lalić betont, spielt es keine Rolle, dass „der Verbrecher immer der Einzelne ist… Und es widersetzt sich der Idee, dass das Volk insgesamt moralisch verurteilt werden sollte“ (Karl Jaspers). Doch so einfach liegen die Dinge nicht, und dies ist der Grund, weshalb aus meiner Sicht in dem Prozess der Vergangenheitsbewältigung seine folgende Bemerkung von entscheidender Bedeutung ist:

„Auch wenn nicht alle Angehörigen einer bestimmten Nation für die in ihrem Namen verübten Verbrechen die Schuld tragen, sollten sie sich doch nicht vollständig unschuldig fühlen.“

Natürlich erwartet man eine solche Läuterung in erster Linie von den Mitgliedern der Regierungen bestimmter Nationen.

Verantwortung des Einzelnen

Unter den Kroaten, gleich ob sie in Kroatien oder in Bosnien und Herzegowina sind, fehlen Politiker, die die erwähnte menschliche und rationale Forderung akzeptieren würden, dass im Namen dieser Völker in den 1990er Jahren auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens zahlreiche schwere Verbrechen begangen wurden. Dies ist vor allem in den vergangenen Jahren deutlich geworden, insbesondere in Situationen, in denen der Gerichtshof der Vereinten Nationen in Den Haag Urteile auf der Basis der Verantwortung des Einzelnen gefällt hat, ungeachtet ob „unsere Jungs“ für schuldig befunden wurden oder nicht.

Suizid von Ex-General Praljak

Ich war bei der letzten Urteilsverkündung des Ad-hoc-Tribunal der Vereinten Nationen im Fall Prlić et al. anwesend.

Mit seiner öffentlichen Vergiftung während der Urteilsverkündung beim UN-Tribunal macht Slobodan Praljaks sich praktisch unsterblich. Statt ihn zu verurteilen wird ihm für seinen vermeintlichen Heldentod Respekt entgegengebracht. Bedauerlicherweise war es für die Opfer ein harter Schlag, denn durch den tragischen Akt, war es für den Einzelnen nicht mehr möglich Gerechtigkeit zu erfahren.

Mile Lasić von der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften in Mostar sagte im vergangenen Dezember in seinem Interview für die “Slobodna Dalmacija”: „Das Haager Urteil gegen die Kroaten aus Bosnien und Herzegowina, das durch den tragischen Suizid von General Praljak verfälscht wurde, wird als endgültiger Sieg der selektiven Erinnerungskultur bei allen drei Völkern von Bosnien und Herzegowina dienen, was bedeutet, dass alle Seiten die Opfer vergessen und diejenigen als Helden verherrlichen werden, die für die Schande und den Verfall in die Barbarei verantwortlich sind. Im Unterschied zu der selektiven Erinnerungskultur, die im Wesentlichen eine bewusst genährte Vergessenheit ist, erstreckt sich die wahre kritische Erinnerungskultur zuallererst auf die Verbrechen und anderen Missetaten, die in unserem Namen gegen das humanitäre Völkerrecht begangen wurden.“ Und er fügt hinzu:

„Wir trauern nur um unsere eigenen Opfer und feiern unsere eigenen Helden, die in den Augen der anderen meist die Schuldigen sind.“

Ein Urteil gegen Einzeltäter und nicht gegen das kroatische Volk

Das Urteil im Fall Prlić et al. ist in der kroatischen Öffentlichkeit noch immer Anlass zu Auseinandersetzungen, obwohl es mehr als eindeutig ist. Die Beschwerdekammer bestätigte die wichtigsten Schlussfolgerungen in dem erstinstanzlichen Urteil über den internationalen Charakter des Krieges in Bosnien und Herzegowina aufgrund der Beteiligung von Kroatien, das – so die Schlussfolgerung – „durch den HVO in einigen Bezirken die wirkliche Autorität inne hatte.“

Die Kammer bestätigte außerdem, dass das gemeinsame kriminelle Unternehmen ein Ziel hatte, das Präsident Franjo Tuđman und andere kroatische Funktionäre gemeinsam verfolgten, und dass bestimmte kroatische Bezirke „militärisch besetzt“ waren.

Statt Wehklagen gab es einmal mehr Reaktionen einiger Politiker in Kroatien und in Bosnien und Herzegowina – nämlich jener, die die größte Verantwortung für die Verbrechen tragen – welche die vor Gericht festgestellten Tatbestände leugneten und die Opfer vollständig vergaßen, obwohl die Fakten mehr denn je untermauerten, dass das Urteil vor allem aufgrund der Verantwortlichkeit der überführten Einzeltäter und der damaligen kroatischen politischen Führer gefällt wurde und nicht gegen das kroatische Volk.

Fehlende Aufarbeitung und Bewältigung

Wieder einmal fand keine Bewältigung im Namen der Gemeinschaft statt – die Angehörigen der eigenen Nation, die überführten Täter wurden in kollektivem Wehklagen über das Schicksal des kroatischen Volkes, das in dem angeblichen Verteidigungskrieg keine Verbrechen begehen konnte, zu Opfern. Wie wir am Beispiel von Serbien im Fall Mladić und in anderen Fällen gesehen haben, identifizieren Politiker noch immer ganze Nationen mit Kriegsverbrechen, was eine Schande und inakzeptabel ist.

Niemand kümmert es, dass die in dem Haager-Urteil festgestellten Tatbestände eine nicht erschöpfende Quelle von Materialien zur Prävention der Leugnung von Kriegsverbrechen, zur detaillierten Rekonstruktion der Vergangenheit und für eine wirkliche Vergangenheitsbewältigung darstellen. Es ist nicht die Schuld des Tribunals, dass diese Quellen heutzutage selten oder gar nicht genutzt werden und dass die Öffentlichkeit in der Region oder diejenigen, welche das Bewusstsein der Öffentlichkeit formen, nur am Ausgang der Prozesse interessiert sind: das Urteil und das Strafmaß. Gleichzeitig wird all das, was zu diesem Ergebnis geführt hat – alle Feststellungen in rigorosen Beweisverfahren unter Beachtung der Rechte der Angeklagten – ignoriert.

Bedauerlicherweise müht sich gerade Kroatien mit dem ganzen Prozess ab. Im Juni 2014 luden Menschenrechtler die Bürger von Zagreb zu einem friedlichen Protest vor der Zagreber Kathedrale ein, der „Marsch im Gedenken an die Opfer der Kriegsverbrechen von Ahmići“ genannt wurde. In diesen Tagen ist Dario Kordić, der wegen mehrerer Verbrechen, darunter das in Ahmići verurteilt wurde, nach Kroatien gekommen, nachdem er zwei Drittel seiner Strafe verbüßt hat. Von den kroatischen Bischöfen, die ihn am Flughafen Zagreb abholten und einen Gottesdienst für ihn feierten, für einen Mann, der vom Haager Tribunal für ein Massaker an der Zivilbevölkerung in Ahmići verurteilt wurde, wurde er als Held begrüßt.

Wie mein Kollege Lalić schlussfolgert, herrscht in Kroatien und anderen Ländern des ehemaligen Jugoslawien (vor allem in Serbien, das die Kriege in Jugoslawien begann) noch immer das Paradox, wonach: „bestimmte Intellektuelle, Friedensaktivisten der Zivilgesellschaft, Theologen, Reporter und andere, die nicht von der Gewalt betroffen waren, sich für die Brutalität und die Verletzung der Menschenrechte verantwortlich fühlen, während andere, die die Verbrechen verübt haben oder politisch oder moralisch dafür verantwortlich sind, diese leugnen und die Ansicht vertreten, dass sie „auf unserer Seite“ wohl kaum stattgefunden haben können, oder versuchen, sie zu rechtfertigen, und die Täter verherrlichen.“ Andererseits müht sich die kroatische Justiz noch immer mit einer großen Zahl ungeklärter Kriegsverbrechen.

Vielzahl ungeklärter Kriegsverbrechen

In 169 von 490 registrierten Fällen sind die Täter nach wie vor unbekannt. Umso länger es dauert, desto schwieriger wird es, die Anfang der 1990er Jahre verübten Verbrechen zu untersuchen – es wird weniger Sachbeweise und überlebende Opfer und Zeugen geben. In ihren früheren Jahresberichten hat Documenta vor der Ermüdung sowohl der Opfer als auch der Zeugen bei den wiederholten Aussagen in Strafverfahren gewarnt.

Mirko Klarin, der Gründer der Haager Nachrichtenagentur SENSE wies in einer seiner von Documenta [1] herausgegebenen Publikationen auf Folgendes hin: Regionale Staatsanwälte haben hunderte, wenn nicht tausende Akten aus Den Haag übernommen. Es sind die Akten der Verdächtigen, gegen die die Staatsanwälte ermitteln, doch man ließ sie durchs Netz schlüpfen, das nur für die großen Fische gedacht war. Für Kriegsverbrechen gibt es keine Verjährungsfrist und bis vor kurzem gab es in Deutschland, Ungarn, Italien und anderen Ländern Prozesse im Zusammenhang mit Verbrechen, die im 2. Weltkrieg begangen wurden. Es gibt keinen Grund, weshalb dies in den nächsten Jahrzehnten in dieser Region nicht auch der Fall sein sollte.

[1] Zentrum für Vergangenheitsbewältigung, einer Menschenrechtsorganisation, für die ich ein ganzes Jahrzehnt gearbeitet habe und die sich für die Bestrafung von Kriegsverbrechen einsetzt

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