Müll, Wut, Selbstinitiative

Einführung

In vielen Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas sind die Probleme mit der Müllentsorgung so gravierend, dass sie die Leute auf die Straße bringen. Die Hoffnung auf eine nachhaltige Abfallwirtschaft kommt von lokalen und privaten Initiativen.

Beirut - Straßenschild
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Wegen des Mülls kam es 2015 im Libanon zu wochenlangen Protesten und fast einer Staatskrise

Als die überfüllte Naameh-Mülldeponie in Beirut im Sommer 2015 nach Protesten von Anwohnern geschlossen wurde, dauerte es keine 24 Stunden, bis sich die Straßen mit Abfall füllten. Innerhalb weniger Tage lag der Müll überall in der Stadt, weil die Entsorgungsfirma ihn nirgendwo mehr deponieren konnte. Anwohner/innen begannen, ihren Hausmüll zu verbrennen. Und immer mehr junge Menschen gingen auf die Straße. Aus der Wut über die dysfunktionale Abfallentsorgung wurde eine Protestbewegung, die unter dem Namen "You Stink" über Wochen hinweg die jahrelange Korruption und Misswirtschaft der Regierung anprangerte.

Damit die Schließung einer Mülldeponie ein Land an den Rand einer Staatskrise bringt, muss vorher einiges schief gelaufen sein. Und das war es: Die Naameh-Mülldeponie im Süden Beiruts war 1997 als Provisorium eröffnet worden, 2004 sollte sie wieder schließen. Stattdessen wurde ihre Nutzung viermal verlängert und Naameh blieb die wichtigste Deponie für den Großraum Beirut. Das Monopol für die Entsorgung liegt bei einer Firma, die rund 150 Dollar für jede entsorgte Tonne vom Staat kriegt – doppelt so viel wie in New York. Dass davon vermutlich auch Schmiergelder an Politiker gehen, heizte die Wut der Demonstrant/innen zusätzlich an.

Ein Problem ohne Staatsgrenzen

Der Libanon ist ein extremes Beispiel dafür, was geschieht, wenn ein Staat sich nicht über Jahre um nachhaltige Wege für den Abfall bemüht. Doch eine verantwortungslose Müllentsorgung ist kein Problem, das an Staatsgrenzen halt macht. Erst im März 2018 wurde bekannt, dass der Müllstrudel im Pazifik größer ist als bisher vermutet: die Fläche dieser im Meer treibenden Ansammlung von Abfall ist dreimal so groß wie Frankreich.

Im Mittelmeer, schreibt der WWF im Juni 2018 in einem Bericht, sammeln sich sieben Prozent des Mikroplastikmülls in den Weltmeeren. Und das, obwohl es nur rund ein Prozent der gesamten Meeresfläche ausmacht. Wohlgemerkt: Der meiste Abfall kommt zwar aus der Türkei – allerdings direkt gefolgt von den europäischen Ländern Spanien und Italien. Der sommerliche Massentourismus an den Stränden verstärkt das Problem.

Auch der Libanon grenzt ans Mittelmeer. Die vermeintliche Lösung der Regierung für die Müllkrise unter anderem – zwei neue Landaufschüttungen, einmal vor der Küste Burj Hammouds und Jdeideh und die zweite in der Nähe des Flughafens – lösten Kritik aus von lokalen und internationalen Umweltschützer/innen. Sie fürchten, die Biodiversität im Mittelmeer könnte durch  das unkontrollierte Auffüllen mit ungefilterten Abfällen gefährdet werden.

Erfreulich ist, dass in vielen Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas langsam ein Umdenken stattfindet. Marokko verhängte 2016 ein Verbot auf den Verkauf, das Verteilen und den Import von Plastiktüten, Tunesien untersagte 2017 den Verkauf von Plastiktüten in Supermärkten, bis Ende 2019 soll das Verbot ebenfalls umfassend werden. In Ägypten startete jüngst eine Aufklärungskampagne unter dem Namen "Enough Plastic Bags".

Wo der Staat fehlt, springen lokale Initiativen ein

Dennoch: Der Anteil des Mülls, der recycelt wird, liegt in allen Ländern der Region noch immer unter zehn Prozent. Und diese werden in der Regel nicht staatlich organisiert. In vielen Fällen sind es inoffiziell arbeitende Müllsammler, die verkauf- und wiederverwertbare Bestandteile aus dem Abfall filtern. Das bekannteste Beispiel dafür sind die "Zabaleen" in Kairo, die seit den 1940er Jahren Kairos Abfall einsammeln, ihn in ihr Viertel am Stadtrand bringen und dort zu beinahe achtzig Prozent recyceln.

Die Probleme bei der Müllentsorgung im Nahen Osten und Nordafrika sind gravierend. In Ägypten wird gerademal sechzig Prozent des Abfalls regulär entsorgt – der Rest landet in der Umwelt, vor allem im Nil und schließlich im Mittelmeer. In Tunesien macht die notorisch überfüllte Mülldeponie Borj Chakir die Anwohner in den umliegenden Vierteln krank. Im besetzten Westjordanland werden große Mengen von Giftmüll aus Israel entsorgt zu Lasten der lokalen palästinensischen Bevölkerung.  

Dort, wo der Staat seiner Aufgabe nicht nachkommt, springen immer häufiger lokale Initiativen ein. In Rabat, Marokko, haben sich ehemalige Müllsammler zusammengetan und die Gruppe "Attawafouk" – Vertrauen – gegründet. Sie betreiben inzwischen die erste Kooperative im Land, die Abfall recycelt.

Im Westjordanland gibt es verschiedene Initiativen, unter anderem jene der NGO "Revivers of the Land of Palestine", die 2013 mit Workshops anfingen und heute Papier einsammeln und wiederverwerten. Im Gazastreifen werden die Trümmer des letzten Krieges zu neuen Baustoffen verarbeitet.

Und im Libanon? Hier holen seit 2015 verschiedene private Recyclingfirmen Hunderte Tonnen Müll monatlich zur Wiedervorwertung von Haushalten, Restaurants oder Botschaften ab. Die Müllkrise hat in Teilen der Bevölkerung ein Bewusstsein dafür geschaffen, dass Recycling die einzig nachhaltige Lösung für das Müllproblem sein könne.