Freiburg und Bad Wildungen: Stadtplanung für und mit Menschen

Freiburg und Bad Wildungen: Stadtplanung für und mit Menschen

Best Practice

Was in Großstädten funktioniert, können auch kleinere Städte umsetzen: eine menschenfreundliche Stadtentwicklung gemeinsam mit den Einwohnern und Einwohnerinnen. Ergebnis solcher Planungen: Sie identifizieren sich in hohem Maße mit den Projekten, mit ihrem Viertel und mit ihrer Stadt.

Kommunale Verkehrswende in Freiburg und Bad Wildungen. Stadtplanung und Verkehrsplanung. Foto einer Fahrradstraße in Freiburg

Freiburg im Breisgau ist in vielerlei Hinsicht eine Vorbildstadt: Fahrradstadt, Solarstadt, Klimaschutzkommune. Hier entstanden in den 90er Jahren die bundesweit ersten Stadtviertel, in denen Autos möglichst draußen bleiben sollen.

Die 230.000-Einwohner-Stadt im Schwarzwald setzt sich seit vielen Jahrzehnten ehrgeizige Ziele. So will sie beispielsweise bis 2050 klimaneutral sein. Das Freiburger Leitbild der Stadtentwicklung hilft, dieses Ziel zu erreichen: Es heißt „Stadt der kurzen Wege“. Und das bereits, seit der Begriff Anfang der 80er Jahre aufgekommen ist. Diesen Leitgedanken setzen Verwaltung und Politik in der gesamten Stadt und in allen einzelnen Quartieren um.

Ziel der Freiburger Verkehrspolitik ist es, Autoverkehr zu vermeiden.

Der Verkehrsentwicklungsplan 2020 enthält die notwendigen Bausteine:

  1. Die Hauptstrecken des öffentlichen Nahverkehrs, besonders die Schienen und Haltestellen der Stadtbahn, sind bereits seit den 70er Jahren das Rückgrat der Stadtentwicklung. Entlang der Linien und im Umkreis der Haltestellen siedelt die Stadt gezielt Infrastruktur wie Supermärkte, Ärztehäuser, Freizeiteinrichtungen an. „Diese Strategie zeigt nun, nach rund 40 Jahren, ihre Erfolge, denn im Ergebnis ist ein kompakter und gegliederter Stadtkörper entlang der Bahnstrecken entstanden“, heißt es in einem Fachartikel des Freiburger Baubürgermeisters Martin Haag und der Abteilungsleiterin der Stadtentwicklung, Babette Köhler.
  2. Neue Stadtteile wie Vauban und Rieselfeld, in denen viele Haushalte aufs Auto verzichten, werden von Baubeginn an ans Stadtbahnnetz angeschlossen.  
  3. Mit ihrem Märkte- und Zentrenkonzept stärkt die Stadt die wohnortnahe Versorgung und kurze Transportwege: Sie macht es für Einzelhändler/innen attraktiv, sich in der Innenstadt oder in Stadtteilzentren anzusiedeln, und verhindert auch, dass große Einzelhandelsbetriebe auf der grünen Wiese bauen. Außerdem fördert sie Erzeugermärkte in den Quartieren mit Produkten aus der Region.
  4. Freiburg baut sein dichtes Radverkehrsnetz immer weiter aus, unter anderem mit Rad-Vorrang-Routen, also Radschnellwegen durch die Stadt.
  5. Gleichzeitig fördert die Stadt gezielt den Fußverkehr, lässt unter anderem Wege breiter und barrierefrei bauen und beseitigt Lücken im Fußwegenetz. 
  6. Fußgänger/innen und Radfahrer/innen profitieren von einer flächendeckenden Verkehrsberuhigung. 90 Prozent der Freiburger/innen leben in Straßen mit einem Tempolimit von 30 Stundenkilometern oder weniger.

Politik, Verwaltung und Bürger/innen planen gemeinsam

Stadtentwicklung läuft in Freiburg also konsequent nachhaltig, Politik und Verwaltung ziehen an einem Strang. Nachhaltigkeit ist in Freiburg ein politisches Konsensthema, das alle Fraktionen im Gemeinderat unterstützen – so beschreibt es die Verwaltung auf ihrer umfangreichen Webpräsenz zum Freiburger Nachhaltigkeitsprozess, der auch Stadtentwicklung umfasst. Und die Stadtplanung findet nicht ohne die Bürger/innen statt. Konzepte und Entwürfe für größere Bauprojekte werden mit den Freiburger/innen diskutiert und erstellt. Auch bei der Entwicklung ihrer Viertel entscheiden die Einwohner/innen mit.

Damit erreicht die Stadtverwaltung, wie sie es selbst formuliert, das Wichtigste für die Stadtentwicklung: „Die Bürgerinnen und Bürger identifizieren sich in hohem Maße mit dieser Politik und mit der Stadt.“

Bad Wildungen: Platz für Fußgänger/innen, Radfahrer/innen und Bus-Rendezvous

Auch die Menschen in Bad Wildungen identifizieren sich mit ihrer neu gestalteten Innenstadt. Die 18.000-Einwohner-Kurstadt in Hessen ließ einen Teil des Zentrums und des Innenstadtrings in den Jahren 2006 bis 2014 Schritt für Schritt zu einer Begegnungszone nach Schweizer Vorbild umgestalten. Das „Scharnier“ verbindet den historischen Kurbereich mit der mittelalterlichen Altstadt. Zuvor hatte der viel befahrene Innenstadtring mit einer zweispurigen Einbahnstraße die Viertel getrennt.

Entlang der Haupteinkaufsstraße sind breite, barrierefreie Gehbereiche vor den Geschäften entstanden und Plätze mit Sitzbänken, Brunnen und Spielgeräten. Die Fahrbahn des Innenstadtrings wurde von 9 auf 4,75 Meter verschmälert, die Einbahnstraße ist für Autos nur noch einspurig befahrbar. Dafür haben Radfahrer/innen in beiden Richtungen Platz.

Auch das Busfahren ist attraktiver geworden: Für den Stadtbus entstand angrenzend an die Begegnungszone eine sogenannte überdachte Rendezvous-Haltestelle für vier Busse. Fahrgäste können bequem umsteigen, mit Wetterschutz und ohne die Fahrbahn überqueren zu müssen.

Auf einzelnen Abschnitten des knapp zwei Kilometer langen Innenstadtrings gilt nun Tempo 30 oder Tempo 20. Da Ampeln durch Kreisverkehre ersetzt wurden, stehen Autofahrer/innen weniger im Stau. Die Unfallzahlen haben sich mehr als halbiert. Die Zahl der Autos im Bereich des Scharniers ist um mehr als 10.000 auf unter 4.000 pro Tag zurückgegangen. Dafür sind 1.300 Fußgänger/innen mehr unterwegs: 8.200 Menschen flanieren täglich über die Straße. Der Umbau kostete die Kommune 3,8 Millionen Euro, davon stammten 70 Prozent aus Fördermitteln. 

Da die deutsche Straßenverkehrsordnung die Ausweisung einer Begegnungszone nicht zulässt, weist zurzeit ein Tempo-20-Schild auf den Shared-Space-Bereich hin. Das Land Hessen hat eine wissenschaftliche Begleitung des Straßenumbaus gefördert. Die Vorher-nachher-Betrachtung des Kasseler Planungsbüros hat unter anderem ergeben: Die Begegnungszone trägt dazu bei, dass alle Verkehrsteilnehmer/innen Rücksicht aufeinander nehmen und Autofahrer/innen umsichtiger unterwegs sind. In seiner Fachbroschüre „Straßen und Plätze neu denken“ beschreibt das Umweltbundesamt das Bad Wildunger Projekt als gelungenes Beispiel.

Probleme auf kurzem Wege lösen

Auch in Bad Wildungen lautete das Erfolgsrezept der Verwaltung: gemeinsam mit allen Beteiligten aus Politik, Bürgerschaft und Einzelhandel planen. Über jeden Abschnitt der Planungen informierte die Verwaltung nicht nur die politischen Gremien, sondern auch Einwohner/innen sowie Einzelhandel und bezog ihre Ideen und Wünsche ein.

Robert Hilligus vom Stadtbauamt berichtet, dass es wie bei jedem größeren Bauprojekt natürlich auch hakte. Die Mitarbeiter/innen der Stadt taten ihr Bestes, Ärger abzufangen. So richteten sie während der Bauarbeiten unter anderem ein „Baustellenbüro“ ein: Hilligus und eine Kollegin waren einmal in der Woche vor Ort, hörten sich die Wünsche der Anwohner/innen und Einzelhändler/innen an und versuchten, Probleme auf kurzem Wege zu lösen. Auch während der regelmäßigen Baustellentermine konnten Bürger/innen Anregungen und Hinweise loswerden – und jederzeit telefonisch.

Der Einsatz hat sich gelohnt. „Früher kursierte in Bad Wildungen der Spruch: Am Ende des Kurbereichs drehen die Kurgäste um. Der Einzelhandel in der Altstadt hatte das Nachsehen“, erzählt Stadtplaner Hilligus. Heute leitet das barrierefreie Scharnier Besucher/innen weiter durch die Begegnungszone in die Altstadt. Eine Befragung der Gewerbetreibenden ergab eine grundsätzliche Zufriedenheit mit der Umgestaltung.

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