Zu Besuch in Böll-Country

Zu Besuch in Böll-Country

Hintergrund

Achill-Island, eine Insel am westlichsten Zipfel Irlands, war für Heinrich Böll Inspiration und Rückzugsort. Er verewigte sie im „Irischen Tagebuch“ und die Menschen vor Ort danken es ihm bis heute mit einem jährlichen Memorial Weekend. Dieses ist fester Bestandteil der deutsch-irischen Beziehungen, die mit dem Brexit noch an Bedeutung gewinnen werden – ganz im Sinne einer europäischen Kulturpolitik.

Als der Dichter Thomas Steinaecker 2017 zum 100. Geburtstag von Heinrich Böll bekannte, gern in Böll-Country zu wohnen, in dem vernünftige und aufgeschlossene Menschen leben, dachte er sicher weniger an Achill Island, den westlichsten Zipfel Irlands. Dabei finden sich die vielleicht enthusiastischsten Bewohner von Böll-Country genau hier - auf jener meerumtosten, windzerzausten Insel mit ihren erstaunlichen Bewohnern, die Heinrich Böll im Irischen Tagebuch verewigte.

An diesem Ende Europas ist das Bewusstsein groß dafür, dass die nächstgrößere Stadt in westliche Richtung New York ist, wo die Freiheitsstatue über mehr als zwei Jahrhunderte Tausende Menschen in ein besseres Leben lockte. Sie wollten dem grassierenden Hunger und der bis in die 1950er hinein spürbaren Armut auf der Insel entfliehen.

Liebe zur Landschaft und zur Literatur des Landes lockten Heinrich Böll Mitte der 1950er Jahre nach Irland. Bis heute ist sein Wirken lebendig auf Achill Island. Was er nicht ahnen konnte: dass er im irischen Tagebuch eine ganz eigene Welt gerade noch festhielt, bevor sie verschwand. Die moderne Industriegesellschaft seit den 1970er und das irische Wirtschaftswunder seit den 1990er Jahren veränderten die Lebensbedingungen auch in den abgelegenen Teilen des Landes. Auswanderung gab und gibt es, aber heute haben die Iren eine Wahl - niemand ist gezwungen, das Land zu verlassen. Seit der Osterweiterung 2004 haben viele EU-Bürger/innen aus Zentral- und Mitteleuropa das Land zum Einwanderungsland gemacht.

Achill Island, inzwischen von nicht mehr als 2500 Menschen bewohnt, hat sich zur Insel der Künstler/innen entwickelt, von Graham Greene bis zur Malerin Camille Souter - und immer wieder die Spuren von Heinrich Bölls Wirken. Gerade weil Achill Island sein Refugium war, ließ er sich ein auf die Menschen, das Wetter und das Leben der Inselbewohner. So lebt die Erinnerung an ihn fort und es kann passieren, dass mitten am Vormittag ein Wirt aus seinem Inn gelaufen kommt, als er Heinrich Bölls Sohn auf der Straße vorbeigehen sieht. Was er schon immer fragen wollte: ob der Herr mit der Zigarette auf dem alten Familienfoto Heinrich Böll ist? René Böll betrachtet das Bild und sagt: leider nein. Aber in dem Inn ist er gewesen. Das ist sicher.

So ist das Irische Tagebuch mehr als eine Reportage über das abgelegene Land, es ist ein Erinnerungsraum und ein Schlüssel für Kontinentaleuropäer zur irischen Mentalität und Kultur. In dieser Atmosphäre stellt die Achill Heinrich Böll Association jährlich ein Memorial Weekend auf die Beine - mit hoch engagierten Ehrenamtlichen und bescheidenen finanziellen Mitteln. Der Ablauf ist seit fast 15 Jahren traditionserprobt. Dass die Botschafterin der Bundesrepublik Deutschland persönlich kommt - es sind immerhin fast vier Stunden Anreise von Dublin - und warmherzige Eröffnungsworte spricht, mag in einem kleinen Land selbstverständlich erscheinen, zeigt aber auch die Bedeutung, die das kleine Memorial Weekend für die deutsch-irischen Beziehungen hat.

Der Aufschwung, den diese mit ungewohnt zahlreichen Besuchen hochrangiger deutscher Regierungsvertreter/innen in den vergangenen Monaten nahmen, hat mit dem von den Iren als 'mess' empfundenen Brexit zu tun. Aber sollte er kommen, der Brexit, wird das die Rolle Irlands in der EU stärken und die Nachfrage nach deutsch-irischen Dialog-Formaten erhöhen. Ein solches ist das Heinrich Böll Memorial Weekend.

Mit seiner sparsamen Online-Präsenz ist es bisher ein Geheimtipp geblieben, eine gute Mischung aus Vorträgen, Workshops der deutsch-irischen Wissenschafts-Community, Autorenlesungen, Konzerten, archäologischen Wanderungen über grünbraune Hügel mit atemberaubenden Blicken über den smaragdgrünen Atlantik und - einem Tag der offenen Tür im Böll-Cottage. Das kleine gepflegte Anwesen, verborgen hinter, im Tagebuch beschriebenen Fuchsien-Hecken, ist das Herzstück der Vereinsarbeit. Seine Erhaltung erfordert einige Mühe, von der die Künstlerinnen und Künstler profitieren, die hier jeweils für zwei Wochen Inspiration und Muße finden.

Hier ermöglicht ein kleiner, lokaler Verein etwas, wofür in Los Angeles Millionen verausgabt wurden - das Haus eines deutschsprachigen Literatur-Nobelpreisträgers für Stipendiatinnen und Stipendiaten zur Verfügung zu stellen und ihre künstlerische Arbeit zu unterstützen. Auch das zweiwöchige Stipendium ist fast ein Geheimtipp. Dennoch gehen mehr als fünfmal so viele Bewerbungen ein, wie tatsächlich Aufenthalte möglich sind. Das Besondere am Böll-Stipendium ist - im Sinne des Namensgebers - die Verbundenheit mit den lokalen Aktivitäten - Ausstellungen, Lesungen oder ein Projekt mit den Schülerinnen und Schüler des örtlichen Colleges gehören dazu.

Das Heinrich-Böll-Memorial-Weekend geht sonntags zu Ende. Was nicht zu Ende gehen darf, ist das deutsche Interesse an einem langjährigen, tief verwurzelten europäischen Projekt, das der Literatur-Nobelpreisträger Heinrich Böll begründet hat. Das Böll-Cottage ist fester Bestandteil der deutsch-irischen Beziehungen, die mit dem Austritt Großbritanniens aus der EU an Bedeutung gewinnen werden. Im Sinne einer europäischen Kulturpolitik verdient dieses, an der Basis gut verankerte Projekt mehr Aufmerksamkeit von deutscher Seite.

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