"Ich wohne gerne in Böll-Country"

"Ich wohne gerne in Böll-Country"

Rede

Wie wird aus einem, der eigentlich gerne zu Hause am Schreibtisch sitzt und in der Einsamkeit Irlands entspannt, einer der politisch engagiertesten Schriftsteller seiner Zeit, der unentwegt Reden hält und im Radio und Fernsehen auftritt? Und kann es so jemanden heute auch noch geben? Der Schriftsteller und TV-Regisseur Thomas von Steinaecker macht sich in seiner Rede anlässlich unserer Jubiläumsveranstaltung auf die Suche nach Heinrich Böll.

Thomas Steinaecker hält eine Rede über Heinrich BöllUrheber/in: Stephan Röhl / Heinrich-Böll-Stiftung. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Am Anfang steht ein Gefühl. Das Gefühl des Umbruchs, des Verlustes der Sicherheiten und der drohenden Katastrophe. Es ist das Gefühl, in dieser Welt und in Deutschland im Jahr 2017 zu leben. Es ist das Jahr, in dem eine Figur wie Donald Trump Präsident der mächtigsten Nation dieses Planeten wird und täglich Werte in Frage stellt, die eigentlich als nicht verhandelbar galten, weil sie Teil einer aufgeklärten Globalgesellschaft sind: Frieden, Toleranz und Umweltschutz.

Es ist das Jahr, in dem Islamisten wieder eine Reihe grauenvoller Anschläge verübten. Das Jahr des Brexit, in dem das Konstrukt Europa so grundlegend in Frage gestellt wird. Das Jahr, in dem in den Niederlanden und Frankreich rechtsradikale Politiker sehr knapp nicht und in Österreich und Tschechien mit deutlichem Zuspruch in die Regierung gewählt werden.

Und nicht zu vergessen das Jahr, in dem Deutschland, für das 2017 wieder ein Rekordjahr in Sachen Wirtschaftswachstum, Exportweltmeisterschaft und Steuereinnahmen ist, die Volksparteien abgewatscht wurden und die AfD im Bundestag sitzt. Und all das ist am Ende vor allem ein Anzeichen für eine massive Identitätskrise allerorts: Wer sind „wir“, wenn wir Deutschland sagen? Wer, wenn wir Europäer sagen, Amerikaner, Mensch?

Mich als Mensch verunsichert dieses Gefühl der Wandlung, bei der niemand vorhersagen kann, was ihr Ergebnis sein wird. Ich diskutiere mit Bekannten, versuche, ein klareres Bild zu bekommen, erkundige mich, wie ich eventuell als Bürger aktiv werden kann, soweit – und da kommen sofort die bequemen Entschuldigungen – soweit es eben der Alltag, Familie, Beruf, zulässt. Aber diese Entschuldigungen verfangen nicht, je mehr ich in mich hineinhorche.

Denn: Ich bin eben auch Künstler, Regisseur, Journalist und eben vor allem: Schriftsteller. Und gibt es da nicht, gerade in Deutschland, diese, fast könnte man schon sagen, Verpflichtung, als Autor seine Stimme zu erheben? Sich einzumischen – aller Angst zum Trotz vor den vorhersehbaren Erschütterungen des sorgsam errichteten Elfenbeinturms, den Diskussionen, den Shitstorms? Und was kann ich denn als kaum bekannter Künstler bewirken? Auch das alles wieder ein Gefühl. Aber woher rührt es nur?

Der Inbegriff des engagierten Autors

Vor etwa einem halben Jahr wollte ich diesem Gefühl auf den Grund gehen. Und weil seine Bücher gar nicht oder schon lange nicht mehr gelesen in meinem Regal standen, obwohl sie doch eigentlich Teil des Kanons sind, und weil ich ihn doch neben Günter Grass als den Inbegriff des engagierten Autors in Erinnerung hatte, sozusagen ein wenig verdeckt von dessen breiten Schultern und Pfeifenrauch, der Mann mit der Baskenmütze, nahm ich mir vor, mich endlich einmal ausführlicher mit ihm zu beschäftigen: Heinrich Böll.

Zu den ersten Eindrücken, die mich bei meiner anschließenden Recherche am meisten berührten, gehörte ein Telefoninterview des WDR mit Böll zu dessen 60. Geburtstag 1977. Gleich zu Beginn fragt der Journalist frei heraus: „In einem der beiden Fernsehinterviews in der ARD und beim ZDF sah ich Sie fast Kette rauchen. Gehen Sie sehr sorgfältig mit Ihrer Gesundheit um?“

Und Böll antwortet, zögerlich und traurig: „Ich fürchte nein. Ich fürchte nein.“ Und der gleiche Eindruck bei einem Fernsehinterview, ebenfalls Mitte der 1970er, wo er sagt: „Ich kann in diesem Lande, in diesem gegenwärtigen Hetzklima nicht arbeiten. Und in einem Land, in dem ich nicht arbeiten kann, kann ich auch nicht leben.“ Böll steht buchstäblich der Schweiß auf der Stirn.

Hier wie überhaupt in allen anderen Ton- oder Bildzeugnissen, die ich mir dann besorgte, entstand bald bei mir das starke Gefühl: anders als sein Kollege Grass genießt dieser Mann es mitnichten, im Rampenlicht zu stehen. So aufrichtig, nachdenklich-langsam, uneitel und zugleich nervös, bringt Böll eigentlich nicht unbedingt die Kernkompetenzen für eine Medienkarriere mit sich; hier erfüllt einer seine Pflicht.

Betrachtet man seinen Werdegang, hat er sie mit einer bemerkenswerten Kontinuität und Konsequenz bis zuletzt getan, die bis zu jenem bewegenden Foto führt: 1983 in Mutlangen. Böll, 66 Jahre alt und doch vor seiner Zeit gealtert, ist bei der Friedens-Demonstration ganz vorne mit dabei, mit Krückstock, gestützt von seiner Frau Annemarie.

Was aber trieb diesen Mann nur an, der ja im Unterschied zu Grass keiner Partei angehörte? Und was waren umgekehrt die gesellschaftlichen Voraussetzungen, dass eine Figur wie Böll, kein Politiker und kein Aktivist, sondern „nur“ ein Schriftsteller, überhaupt derartigen Einfluss gewinnen konnte, sodass seine leise und unaufgeregte Stimme auch gehört wurde?

"Ich hasse den Krieg, ich hasse ihn aus tiefster Seele"

Die Aufstellung von Bölls Kriegseinsätzen zwischen 1940 und 1945 nimmt in der Biografie des dtv-Verlages drei Seiten ein, besteht lediglich aus Daten und liest sich nüchtern. Und trotzdem waren es, glaube ich im Nachhinein, diese Seiten, in denen ich plötzlich dem Menschen Böll am nächsten zu kommen meinte.

Denn was für eine Bedeutung für das konkrete Leben eines Menschen hatten Zahlen wie diese: 26. Juni 1940 Verlegung nach Polen, 2. August 1940 Verlegung nach Frankreich, 21. Dezember 1940 Verlegung nach Bielefeld. Was bedeutet es für zwei Menschen, wenn sie am 6. März 1942 heiraten, Heinrich Böll Annemarie Cech, und der Mann am 7. Mai 1942 nach Frankreich versetzt wird, wo er erfährt, dass dreiundzwanzig Tage später die Familie zu Hause in Köln ausgebombt wird?

Was bleibt von den Fuß- und Kopf-Verwundungen, die Böll 1943 in Russland erleidet, dem Grauen der Lazarette, den Toten auf den hart gefrorenen Schlachtfeldern, den Nachrichten, die ihm aus Deutschland wie aus einer anderen Welt erreichen, Tod der Mutter, Tod des drei Monate alten Sohnes?

Bölls Feldpost, wie jener Brief vom 4. Juni 1944, gibt nicht nur eine Vorstellung davon, sondern enthielt für mich auch eine erste Antwort auf eine Frage danach, woher Bölls Verpflichtung zum Engagement rührt: Zehn Minuten nach meiner Verwundung griffen uns russische Panzer an, und gleichzeitig wurde es 30 Meter vor uns schwarz von russischer Infanterie in bester Ausrüstung. Da wir gegen die Panzer völlig schutzlos waren, blieb uns nichts anderes als die Flucht. Ich hasse den Krieg, ich hasse ihn aus tiefster Seele, den Krieg und jedes Leid, jedes Wort, jede Geste, jeden, der irgendwie etwas anderes kennt für den Krieg als Hass.“

Anfänglicher Misserfolg

Ich glaube, diese Erfahrung des Krieges in all seinen Aspekten ist die Voraussetzung für die gesamte schriftstellerische Arbeit Bölls bis zu seinem letzten Buch. Allerdings erklärt das noch nicht sein lebenslanges, aufopferndes Engagement. Böll war mitnichten von Anfang an erfolgreich. Seinen ersten Roman „Kreuz ohne Liebe“ schreibt er 1947 für das Preisausschreiben einer christlichen Zeitschrift, das er nicht gewinnt; der Text erscheint erst posthum.

Ähnlich ergeht es ihm mit seinen ersten Erzählungen, über deren Ablehnung Böll in einem Brief 1948 sagt: „Keine Sau will was vom Krieg hören!“ Die Anerkennung kommt erst, nachdem Böll 1951 den Preis der Gruppe 47 gewinnt, mit nur einer Stimme Vorsprung gegenüber Milo Dor, ein Ereignis, das Bölls Leben grundlegend ändert.

Und trotzdem, bei all dem anfänglichen Misserfolg, lässt sich Böll nicht beirren, produziert in einer Geschwindigkeit und einem Umfang, der schwindlig macht, allein 1947 sind es über 700 Seiten, während er Freunde immer wieder um das Nötigste, Wäsche und Decken, bitten muss.

Nicht nur die deutliche christliche Metaphorik der ersten Texte gibt Zeugnis von Bölls Gläubigkeit, der begeistert den Vertreter des renouveau catholique Léon Bloy liest und in einem Radiofeature der deutschen Öffentlichkeit vorstellt; in seinen Briefen ergibt sich aus der bohrenden Frage nach dem Warum des eigenen Überlebens ein Auftrag: „Ich bete zu Gott, dass er mich soll heil werden lassen, und dann, dann will ich nicht die Toten auferwecken, denn die Toten sollen ihre Toten begraben, nein, den Ermordeten will ich ein Lied singen.“ Und: „Später einmal werde ich Worte suchen, das schwöre ich dir, und dann sollst du erfahren, wie grässlich es in Wirklichkeit ist.“

Bölls Sonderrolle in der Nachkriegszeit

In seinem allerersten Aufsatz 1952, seinem „Bekenntnis zur Trümmerliteratur“, verwendet Böll zwar für sein Vorhaben optische Metaphern: „Das Auge des Schriftstellers sollte menschlich und unbestechlich sein“; aber in dem poetologischen Programm, das er hier entwickelt, geht es letztlich um die Macht des Wortes. Das Unvorstellbare, das geschehen ist und geschieht, soll buchstäblich zur Sprache und damit zum Bewusstsein gebracht werden.

Dieser Grund ist es, der den Schriftstellern in der Nachkriegszeit eine Sonderrolle unter den Künstlern zukommen lässt. Dabei mag noch das alte, sehr deutsche Bild des Dichters als Seher mitschwingen, wie es in der Frühromantik gepflegt wurde; letztlich ist es aber das Werkzeug der Sprache als das primäre Mittel der Erkenntnis, das der Literatur und den Literaten eine Bedeutung verleiht, die sie nie wieder erlangen werden.

Denn in der Musik und der Malerei hieß das Gebot der Stunde Abstraktion. Mit den seriellen Stücken Karlheinz Stockhausens oder den informellen Gemälden K.O. Götz‘ war aber der Wirklichkeit und unmittelbaren Vergangenheit nicht beizukommen. Der Film, nachdem er mit Werken wie „Die Mörder sind unter uns“ 1946 vielversprechend neu gestartet war, wandte sich schnell unter dem kommerziellen Druck dem neuen Heimatfilm à la „Schwarzwaldmädel“ zu und betrieb auf diese Weise Traumabewältigung durch Verdrängung par excellence.

Damit oblag es einzig der Literatur das Projekt der Aufklärung fortzuführen. Allein in den Gedichten, Theaterstücken, Erzählungen und Romane wird nach einem Ausgang aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit gesucht.

Und es verdankt sich der historisch einmaligen Situation, dass dieses schriftstellerische Projekt gelingt. Denn was meines Erachtens historisch einmalig ist, ist die Reaktion der Alliierten nach 1945: Ausnahmsweise einmal nicht nur Rache und Vergeltung, sondern der Versuch eines äußeren wie inneren Wiederaufbaus, einer Re-education.

Einer Gesellschaft wurden die Mittel zur Umerziehung bereitgestellt, und die Gesellschaft nahm sie im Großen und Ganzen an. Anders ist es nicht zu erklären, dass ein Schriftsteller wie Böll, der wieder und wieder den Finger in die Wunden Deutschlands legte, reüssieren konnte. Die Zahlen sprechen für sich: Fünfzehn Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs kann Böll mit einer weltweiten Gesamtauflage von über zwei Millionen Exemplaren nicht nur vom Schreiben leben, eine Seltenheit, damals wie heute; er ist auch im Ausland der Inbegriff des „anderen“, des „guten“ Deutschen geworden.

Verlängert man den Zeitraum bis 1972, bis zur Verleihung des Nobelpreises, der auch Bölls Bestseller „Ansichten eines Clowns“ 1963 mit allein 3, 5 Millionen verkauften Exemplaren und den Eingang seiner Texte in die Schulbücher miteinschließt – man könnte von einer beispiellosen Erfolgsgeschichte sprechen.

Die öffentliche Person Böll gewinnt die Oberhand

Böll hat aber danach noch dreizehn Jahre gelebt, Jahre, die in meinen Augen von einer gewissen Tragik überschattet sind. Zum einen ist da die auffällige Reduktion der literarischen Produktion: Sechzehn Originalausgaben in den 1950ern, darunter vier Romane, stehen sechs in den 1960ern mit einem einzigen Roman gegenüber, fünf in den 1970ern mit zwei Romanen, und vier in den 1980ern mit dem erst posthum erschienenen Roman in Dialogform „Frauen vor Flusslandschaft“.

Proportional zur Abnahme der literarischen Produktion verhält sich die Zunahme der Interviews, Zeitungsartikel und Reden, Irgendwann Mitte der 1960er Jahre tritt neben dem bloßen Schriftsteller Böll gleichbedeutend der engagierte Autor, gewinnt die öffentliche Person Böll schließlich die Oberhand.

Das mag mit jener profanen, aber folgenschweren Entwicklung zu tun haben, die Reinhold Neven DuMont, Bölls späterer Verleger, treffend in den Sätzen zusammengefasst hat: „Ob eine neue Bibliothek eröffnet wurde, ob ein Geburtstag gefeiert wurde, nehmen Sie, was Sie wollen: Böll passte immer.“

Dahinter steht aber auch die Einsicht, dass das, was Böll Anfang der 1950er als poetologisches Bekenntnis formuliert hatte, das genaue Hinschauen und unbeirrte Benennen der politischen Missstände mit dem Ziel einer Aufklärung der Gesellschaft, nicht mehr allein mit literarischen Mitteln zu bewerkstelligen war.

Wirken doch zwei Qualitäten der Literatur ihrer direkten Einflussnahme auf das Tagesgeschehen entgegen: In ihrer Produktion und Rezeption ist Literatur langsam und kann immer nur aus der zeitlichen Distanz reagieren; und: Literatur ist ambivalent; ihren Reiz macht ja gerade aus, dass sie sich nicht auf eine eindeutige Botschaft reduzieren lässt. Die Entwicklungen in der BRD schienen aber für Böll unmittelbare Einmischung nötig zu machen.

Hetzkampagne gegen Böll

So in der Ausgabe des „Spiegels“ vom 10.1.1972 in dem folgenreichen Aufsatz „So viel Liebe auf einmal. Oder: Will Ulrike Meinhof Gnade oder freies Geleit?“ Anlass war ein Artikel in der „Bild“-Zeitung gewesen, die in gewohnt scharfmachender Weise der Baader-Meinhof-Bande, damals wohlgemerkt noch nicht die Terrororganisation, die sie dann bald werden würde, einen Banküberfall zuschrieb und auf diese Weise mit Fake-News avant la lettre die Stimmung im Land anfachte.

Als ein Schriftsteller, der um die Mechanismen der verbalen Manipulation wusste, mahnte Böll dann in seiner Reaktion zu nichts anderem als zur Besonnenheit. Was aus der Distanz der Jahrzehnte überrascht: zu was für einer Hysterie die Republik damals fähig war, die in dieser Zeit mit Rasterfahndungen und dem Radikalenerlass Verhaltensmuster an den Tag legte, die eigentlich als überwunden galten.

Allein aufgrund des „Spiegel“-Textes, wegen dem Böll plötzlich öffentlich als Sympathisant der Terroristen galt, wurden er und seine Söhne wiederholt zum Ziel von brutal durchgeführten polizeilichen Hausdurchsuchungen; wiederholt diffamierte die „Bild“-Zeitung ihn und seine Familie und rückte ihn in die Nähe der RAF; ja, der Fall Böll schlug so hohe Wellen, dass er zum Thema der Hauptnachrichten der ARD wurde, wo der SFB-Journalist Matthias Walden im „Tagesthemen“-Kommentar tatsächlich sagte: „Der Boden der Gewalt wurde durch den Ungeist der Sympathie mit den Gewalttätern gedüngt.

Jahrelang warfen renommierte Verlage revolutionäre Druckerzeugnisse massenhaft auf den Büchermarkt. Heinrich Böll bezeichnete den Rechtsstaat, gegen den die Gewalt sich richtete, als ‚Misthaufen‘.“

Was zu diesen Hetzkampagnen hinzukommt: Je mehr sich Böll engagiert, desto mehr sinkt sein Ansehen als ernstzunehmender Autor, spätestens ab dem Nobelpreis. So schreibt Joachim Kaiser über „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“: „Falsche Parenthesen, absichtslose Wiederholungen, fade Witzeleien.“

Und über Bölls letzten zu Lebzeiten erschienenen Roman „Fürsorgliche Belagerung“ 1979 jammert Marcel Reich-Ranicki: „Mein Gott, was habe ich in diesen Tagen durchgemacht, was habe ich gelitten!“ Der Schriftsteller Robert Gernhardt bringt die Sicht auf Böll nach seinem Tod schließlich auf den Punkt: „Der Böll war als Typ wirklich Klasse. / Da stimmten Gesinnung und Kasse. / Er wär’ überhaupt erste Sahne, / wären da nicht die Romane.“

Böll war weder als engagierter Bürger noch als Autor je ganz fertig

Ein literaturhistorisches Urteil steht mir über Bölls Werke nicht zu; bei der Lektüre seiner Werke im Rahmen meiner Beschäftigung mit ihm vor einem guten halben Jahr überraschte mich jedoch, wie vielseitig Böll doch war: Geradlinig erzählerisch, beeinflusst von der amerikanischen Short Story, schrieb Böll ja nur am Anfang.

Auf prägnante kürzere Texte folgt ein extrem ausgewogen komponierter Roman wie „Billard um halb zehn“, fein-satirische Texte wie „Nicht nur zur Weihnachtszeit“, Reiseliteratur wie das „Irische Tagebuch“, ein enorm komplexer Roman wie „Gruppenbild mit Dame“, mit seiner Materialfülle und Metaebenen postmodern anmutend; an den Protokollstil und die Krimianklänge bei „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ schließt mein persönlicher Favorit „Fürsorgliche Belagerung“ mit seinen mäandernden Sätzen und einer flirrend-genauen Darstellung einer Welt im paranoiden Ausnahmezustand an, bis hin zu „Frauen vor Flusslandschaft“, der sich als Dialogroman jeder Kategorie eigentlich entzieht.

Böll, so scheint es mir, war weder als engagierter Bürger noch als Autor je ganz fertig; seine Bereitschaft, sich permanent stilistisch zu entwickeln, lässt so manchen jüngeren Autor der Gegenwart recht alt aussehen. Und obwohl sich die Gleichung „guter Mensch = nicht ganz so guter Schriftsteller“ nach Bölls Tod in den Köpfen festgesetzt hat, verwundert es, wie sehr die Figur des engagierten Autors – nicht Musikers, Malers, Regisseurs, sondern Autors – als öffentliches Gewissen weiterhin als Wunsch- und Phantombild präsent ist.

Das mag sich in erster Linie aus der eben dargelegten typisch deutschen Tradition heraus erklären. Angesichts der unbestrittenen Leistung Bölls stellt sich jedoch die entscheidende Frage: Wäre so jemand wie er heute überhaupt möglich? Ja, könnte er als Schriftsteller heute etwas bewirken, und wenn ja, was?

Literatur hat an Bedeutung verloren

Im Vergleich zu Bölls Zeiten hat die Literatur dramatisch an Bedeutung verloren. Am offensichtlichsten liegt der Grund hierfür im Wandel der Leitmedien. Das Buch und auch das Radio hatten im Nachkriegsdeutschland eine Monopolstellung inne, was die Vermittlung von Fiktionen und Meinungen betraf.

Von dieser Position wurden sie allerspätestens mit der Einführung des Privatfernsehens Mitte der 1980er verdrängt, das diese im 21. Jahrhundert wiederum an das Internet abtreten musste. Mit letzterem, dem World Wide Web, ändert sich auch die Fokussierung von nationalen hin zu globalen Ereignissen.

Eine zusätzliche Qualität des Internets ist dabei seine Aktualität – und zwar in einem Maße, die der Literatur sowieso, aber auch jenen Aktualitätsmedien fehlt, die daraus seine Existenzberechtigung ableitet: die TV-Nachrichten und mit ihnen die Tages-Zeitung. Nichts ist langweiliger als die Nachrichten von gestern, hieß es einmal; heute ist nichts langweiliger als die Nachrichten von vor einer Stunde.

Ein Tag nach den Anschlägen auf die Redaktion des Satire-Magazins „Charlie Hebdo“ im Januar 2015, ein Donnerstag, wurde ich von einer Tageszeitung gefragt, ob ich zusammen mit einer Comiczeichnerin einen Kommentar dazu für die Wochenendausgabe verfassen wolle. Ich sagte ab, überlegte aber insgeheim, wie ich wohl mein Statement formuliert hätte.

Nichts anderes als eine Solidaritätsbekundung voller Trauer und Wut wäre denkbar gewesen. Am Samstag jedoch waren die „Je suis Charlie“-Bekundungen, die allerorts zu sehen waren, inklusive erstem Charlie Hebdo-Merchandise, derart inflationär geworden, dass mein Beitrag nicht nur beschämend überflüssig, sondern auch hoffnungslos veraltet gewesen wäre, begann doch nun bereits die Metadiskussion, die kritische Analyse der Solidarisierungen.

Medien fördern heute die Ausbildung von Parallelgesellschaften

Die enorme Kurzlebigkeit in den neuen Medien geht mit einer anderen neuen Entwicklung einher: Operierten die Medien noch bis in die 1970er Jahre hinein mit drei Fernsehprogrammen und zwei, drei maßgeblichen Zeitungen gesellschaftsübergreifend, fördern sie nun die Ausbildung von Parallelgesellschaften, deren Mitglieder selten miteinander und immer öfter aneinander vorbeireden.

Innerhalb dieser einzelnen medialen Gesellschaften wird wiederum ein reger Meinungsaustausch gepflegt. Hier die unüberschaubare Anzahl von Blogs, dort die täglichen Talk-Shows, in denen das aktuelle Weltgeschehen durchdiskutiert wird.

Stellen das gemeinsame Debattieren und die Einübung von Kritik fundamentale Werkzeuge der Aufklärung dar, könnte man also überaus frohgestimmt sein angesichts der gegenwärtigen medialen Landschaft. Dem entgegen steht, dass beides heute nach immer demselben Gesetz funktioniert, das ausnahmsweise sowohl im Internet, im Fernsehen als auch in der Presse gilt: dem der Unterhaltung, des Entertainments.

In Talk-Shows mit Themen wie „Außer Kontrolle – wie gefährlich ist Trump für die Welt?“ oder „Giftgas gegen syrische Kinder – werden wir schuldig durch Wegschauen?“ ist die Rollenverteilung der Teilnehmer von vornherein klar. Natürlich castet eine Redaktion die Besetzung der Runde bewusst in Antizipation der Argumente und vor allem der hoffentlich spannenden Dramaturgie. Der kann nicht mit dem oder der, cool: Konflikt!

Auch jemand wie jene Autorin, die heute am ehesten Bölls Rolle einnimmt, Juli Zeh, wird ja vorrangig als rhetorisch brillante Frau – Achtung: Alleinstellungsmerkmal! – besetzt, die noch dazu als Bestsellerautorin eine gewisse Prominenz erreicht hat. Von einem offenen oder überraschenden Diskussionsverlauf kann bei solchen Inszenierungen von Demokratie nicht die Rede sein.

Niemand wird hier ernsthaft den Klimaschutz in Frage stellen, die Spähprogramme der Regierung oder der NSA gutheißen oder gar Partei für die Afd ergreifen. Das Ergebnis sind Nulldebatten der jeweiligen Gesellschaftsschicht, die sich nur mehr innerhalb ihrer eigenen Filter Bubble bewegen will, weil eine ihrer größten Ängste darin besteht, in dem Selbstbild, in dem sie es sich bequem gemacht hat, in Frage gestellt zu werden. 

Die letzte und mächtigste Währung heißt Authentizität

Die Kraft des Arguments spielt hier eine untergeordnete Rolle. Denn: Das haben wir doch schon alles gehört und in Gedanken durchgespielt! Oder aber: Puh, das ist mir jetzt echt zu hoch! Die globale Welt ist so komplex, da verstehe ich all die Zusammenhänge eh nicht. Wenn aber keine Argumente mehr greifen, heißt die letzte und mächtigste Währung innerhalb unserer durchmedialisierten Bubbles: Authentizität.

Authentizität verleiht Glaubwürdigkeit und damit Autorität in einer Gesellschaft, die eigentlich an nichts mehr glaubt, weil das meiste ohnehin virtuell ist, und sie sich gleichzeitig nach nichts anderem mehr sehnt als nach echter Orientierung. Wann aber wirkt jemand authentisch? In den allermeisten Fällen ist es die immergleiche Biografie von Aufstieg, Fall und Läuterung oder, seltener, nichtsdestotrotz mindestens ebenso wirksam, ein unaufhaltsamer, unbeirrter Aufstieg.

Was sich über solche Lebensgeschichten mitteilt, ist etwas schwer zu Fassendes, und dennoch universal und sofort spürbar: nämlich ein Gefühl. Häufig Rührung – im ersten Fall – oder eben Überwältigung – im zweiten. In der Politik führt diese Sucht nach dem Gefühl des Authentischen zum Bedeutungsverlust der Partei gegenüber der Personalisierung. Ob sie nun Macron, Trump, Kurtz oder Merkel heißen, für ihre Anhänger hat dieser neue Typus von Politikern vor allem eine Qualität: Er ist so, wie er eben ist. Ich bin ich. Alles echt.

In der Kunst wiederum steht die Fiktion und der Entwurf von Gegenwelten schlecht im Kurs. In der Literatur boomt die Lebensbeichte, am auffälligsten bei jemanden wie Karl Ove Knausgård; im Theater heißt der neueste Trend Performance, wo „echte“ Menschen Schauspieler ablösen; Filme werden von pseudo-dokumentarischen Elementen durchsetzt und die Malerei verwandelt sich der Fotografie an.

Was dabei allerdings oft vergessen wird, ist, dass es sich natürlich auch bei der Authentizität um ein Konstrukt handelt, das zum größten Teil auf biografischen, gestischen oder eben sprachlichen Strategien beruht. Das Ergebnis ist, genau genommen, nicht ein Gefühl sondern eine stets zum richtigen Zeitpunkt ausgestellte, in ihrer Wirkung präzise kalkulierte Gefühligkeit.

Dass wir für sie das Projekt der Aufklärung in den Wind schießen und ihr heute mehr denn je auf den Leim gehen, ja, dass wir süchtig nach ihr sind, macht unsere Gegenwart so gefährlich – und, wie ich meine, den engagierten Autor so nötig, allerdings wesentlich grundsätzlicher als er in der Nachkriegszeit in Erscheinung trat.

Wie werden wir unsere Lebensblasen zum Platzen bringen?

Auch wenn Literatur stark an Bedeutung eingebüßt hat, so ist die Krise unserer Gegenwart doch eine in nicht geringem Ausmaß sprachliche. Es geht nicht allein darum, die Worthülsen, in denen heute unser gesamtes Leben stattfindet, stets aufs Neue bewusst zu machen und damit ganz altmodisch das Projekt der Aufklärung fortzuführen.

Wir werden unsere Lebensblasen, die uns zugleich schützen und abschotten, nur zum Platzen bringen, wenn wir der Gefühligkeit etwas entgegensetzen, das zum Kern der Literatur gehört, zumindest wie ich sie verstehe: Einfühlungsvermögen, Empathie. Gefühligkeit lebt davon, Reflexe zu triggern, Vorurteile zu bestätigen, das Gemeinschaftsgefühl einer Gruppe zu stärken.

Sie trägt, so wie sie heute eingesetzt wird, zur Abgrenzung bei. Einfühlungsvermögen hingegen erfordert eine Anstrengung, ich muss mich gegenüber Menschen und Positionen öffnen, die mir vorher unbekannt, vielleicht sogar unsympathisch waren.

Gerade die Literatur – mehr noch als die Malerei, die Musik, vielleicht auch mehr als der Film, weil sie eine größere Innenschau ermöglicht – gerade die Literatur hält für uns das unschätzbare Angebot bereit, uns in einen anderen Menschen, ja, ein anderes Lebewesen hinzuversetzen. In Form von Geschichten.

Durch sie können wir zu wirklich allem werden, zu Gegenständen, zu Tieren, zu Menschen, die uns als Freunde ein Leben lang begleiten, wie meinetwegen Tolstois Anna Karenina, aber auch zu Charakteren, die wir eigentlich verabscheuen und am Ende vielleicht doch verstehen lernen wie Annie Wilkes aus Stephen Kings „Sie“. In dieser Kraft der Verwandlung in das andere, das Fremde per se, liegt für mich ihr Zauber der Literatur, ihre ethische Grundierung und damit auch ihre absolute gesellschaftliche Notwendigkeit.  

Auch Bücher formen Gemeinschaften

Wenn wir von Parallelgesellschaften reden, stelle ich mir gerne vor, dass es nicht nur Nationen und Kontinente gibt, Europäer, Amerikaner, Asiaten oder Afrikaner, jene Länder also, die ihre Grenzen und damit ihre Identitäten in jahrtausendelangen Konflikten herausgebildet haben und die die Frage, wer sie sind und sein wollen, stets aufs Neue in Krisen stürzt, so auch gegenwärtig uns Deutsche.

Auch Autoren und ihre Bücher formen, manche von ihnen länger als einzelne Länder existieren, Gesellschaften oder besser: Gemeinschaften, deren Umrisse auf keinen Karten eingezeichnet sind, vielleicht auch deshalb, weil sie potenziell grenzenlos sind. Trotzdem werden sie bewohnt.

Es gibt das Land Dante, das Land Shakespeare, das Land Kafka und unzählige mehr. Die Bewohner eines anderen, verhältnismäßig jungen, sind wach; sie haben nicht vergessen, was es für Anstrengungen bedarf, um eine Demokratie zu etablieren und am Leben zu erhalten; sie sind besonnen und heißen Fremde willkommen. Ich wohne gerne in diesem Land. Es heißt: Böll-Country.

Die Rede wurde gekürzt ebenfalls in der Welt am Sonntag und auf www.welt.de veröffentlicht.

Zum Weiterhören: Radiofeature "Heinrich Böll: Das Gewissen der Literatur" von Thomas Steinaecker.

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