Zero-Waste: Es geht auch ohne!

Plastikatlas

Kunststoffe zu recyceln – das allein wird die Plastikkrise nicht lösen. Gefragt sind Ideen, die das Problem an der Wurzel anpacken. Eine wachsende Bewegung zeigt, wie es geht – und mutige Städte und Kommunen gehen voran.

Plastikatlas - Infografik: Übersicht wegweisender Strategien zur Eindämmung der Müllflut.

Unter dem Namen „Zero Waste“ (zu deutsch: Null Abfall) ist eine Bewegung entstanden, die die Vermüllung dort zu bekämpfen versucht, wo sie beginnt. Produkte, Verpackungen und Materialien werden verantwortungsbewusst produziert, konsumiert und wiederverwendet. Es wird kein Müll verbrannt. Schadstoffe gelangen nicht in die Erde, ins Wasser oder in die Luft. Kommunen, visionäre politische Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger sowie innovative Unternehmerinnen und Unternehmer beweisen, dass es möglich ist, Ressourcen effizient zu nutzen, die Umwelt intakt zu halten, nachhaltig zu konsumieren und neue Arbeitsplätze zu schaffen.

Über 400 Städte und Gemeinden in Europa und eine zunehmende Anzahl von Kommunen weltweit setzen als Zero-Waste-Städte entsprechende Strategien um. Diese zielen darauf ab, die Müllflut zu stoppen – aber nicht, indem die Abfälle verbrannt oder deponiert, sondern Verfahren und Systeme entwickelt werden, die von vornherein keinen Abfall erzeugen. Der Kampf gegen die Plastikvermüllung setzt ganz vorne an: Einwegprodukte sollen abgeschafft und alternative Vertriebssysteme gefördert werden. Aber es geht auch darum, ein neues Interesse für einen abfallfreien Lebensstil zu wecken.

Zu Beginn des Zero-Waste-Programms ließ San Fernando den täglich anfallenden Abfall zählen. Darauf bauten alle Konzepte auf – von Müllvermeidung bis zur verbesserten Mülltrennung.

Die erste Stadt in Europa, die eine Zero-Waste-Strategie entwickelte, war Capannori. Im Jahr 2007 gab die Gemeinde im Norden der Toskana das Ziel aus, von 2020 an keinen Müll mehr zu erzeugen. Dafür erarbeitete sie einen umfassenden Plan. Die Verwertung von Müll soll durch getrennte Sammelsysteme maximiert werden. Wirtschaftliche Anreize sollen helfen, den Müll an der Quelle zu reduzieren. Zudem versucht die Gemeinde, mit verschiedenen Initiativen den Restmüll zu reduzieren. So haben Geschäfte eröffnet, die Produkte aus der Region ohne Verpackung verkaufen. Es gibt öffentliche Trinkbrunnen, die es überflüssig machen, Wasser in Plastikflaschen zu kaufen. In einer Wiederverwertungsstation können Bürgerinnen und Bürger Kleidung, Schuhe oder Spielzeug abgeben. Dort werden sie repariert und an Menschen mit geringem Einkommen weiterverkauft. Und die Stadt bezuschusst waschbare Windeln. Darüber hinaus veranstaltet sie Zero-Waste-Wettbewerbe, um den Einwohnerinnen und Einwohnern zu helfen, solche Initiativen anzunehmen und umzusetzen.

Die Ergebnisse sind beeindruckend. Zwischen 2004 und 2013 sank die Abfallmenge von 1,92 Kilogramm um 39 Prozent auf 1,18 Kilogramm pro Person und Tag. Noch beeindruckender ist, dass der Restmüllanteil pro Kopf und Jahr von 340 Kilogramm im Jahr 2006 auf nur 146 Kilogramm im Jahr 2011 fiel – ein Rückgang von 57 Prozent. Zum Vergleich: Im selben Jahr fielen in Dänemark durchschnittlich 409 Kilogramm Abfall pro Kopf an.

Für einen gerechten Übergang zu einer kunststofffreien Wirtschaft ist im globalen Süden die Vermittlung dieser Initiativen von entscheidender Bedeutung. Ein Beispiel: Im Jahr 2018 ließ die Stadt San Fernando auf den Philippinen 80 Prozent ihrer Abfälle von einer Genossenschaft recyceln, anstatt diesen Müll auf Deponien zu entsorgen.

Zusätzlich ergriff die Kommune schrittweise weitere Maßnahmen: So verbot sie Plastiktüten, immerhin 9000 Unternehmen waren davon betroffen. Sie erhob eine Abgabe auf Einwegverpackungen und sorgte im Gegenzug für Alternativen. In der Bevölkerung erreichten die Aktionen eine Akzeptanz von 85 Prozent, weil es das kontinuierliche Bemühen gab, den Sinn dahinter zu vermitteln: mit Aufklärungsgesprächen von Haus zu Haus, einer regelmäßigen Radioshow, Dialogen mit Unternehmensgruppen und individuellen Treffen; zum Beispiel mit Einkaufszentren, die große Müllmengen erzeugen.

Das entlastete auch das Stadtbudget: Die jährlichen Kosten für den Mülltransport zu einer etwa 40 Kilometer entfernten Mülldeponie sanken auf diese Weise um 82 Prozent. Mit den Einsparungen finanzierte die Kommune zusätzliche Entsorgungsfachkräfte und bessere Anlagen für die Abfallentsorgung.

Capannori und San Fernando zeigen, dass der Zero-Waste-Pfad aus einer Kombination harter und weicher Maßnahmen besteht. Zum einen die Bioabfallbewirtschaftung, die getrennte Sammlung verschiedener Abfallarten, dezentrale und technisch unaufwändige Modelle, wirtschaftliche Anreize, Verbote bestimmter Materialien sowie Richtlinien und Praktiken zur Abfallminimierung. Zum anderen müssen die Bevölkerung wie auch die Unternehmen in alle Phasen der Strategie- und Politikentwicklung einbezogen werden. So entstehen neue Geschäftsmodelle. Und außerdem Einsparungen, die zurück in die Kommune fließen.

Plastik ist so allgegenwärtig, dass es keine universelle Wunderwaffe dagegen gibt. Die Lösung erfordert einen ganzheitlichen Ansatz. Ist der gefunden, entsteht ein sich selbst verstärkender Kreislauf. Wenn Konsumentinnen und Konsumenten in sozialen Medien unter dem Hashtag #DesnudaLaFruta („Zieh die Frucht aus”) Bilder von Obst und Gemüse veröffentlichen, das unnötig in Plastik verpackt ist, bewerben sie eine neue Norm. Und innovative Unternehmerinnen und Unternehmer tragen dazu bei, dass sich Zero-Waste-Konsumformen etablieren. Man muss nur beginnen, in Frage zu stellen, was scheinbar schon immer so war.

Ein Beitrag aus dem Plastikatlas.