Mexiko: Feministische Proteste in Zeiten der Pandemie

Interview

Die mexikanische Cyberfeministin Lulú V. Barrera über Gewalt gegen Frauen im Netz und die feministische Bewegung während der Corona-Pandemie. Mit ihrem Medienkollektiv Luchadoras veröffentlichte sie kürzlich einen Bericht über digitale Gewalt. Außerdem arbeiten die Aktivistinnen an kollektiven Antikörpern und Samen für eine andere Zukunft.

Protestierende am 8. März 2020

Lulú V. Barrera

Portrait Mirjana Mitrovic

Lulú V. Barrera ist feministische Aktivistin und Menschenrechtsverteidigerin in Mexiko-Stadt. Sie gründete das Medienkollektiv Luchadoras, von wo aus sie für ein Internet frei von Gewalt gegen Frauen arbeitet.

In Mexiko wird die strukturelle Gewalt an Frauen besonders deutlich. In den letzten Jahren stieg die Zahl von durchschnittlich sieben Feminiziden am Tag auf aktuell elf. Aber auch feministischer Protest ist sichtbarer geworden.

Ja, hier in Mexiko gab es bis März 2020 eine Reihe von sehr großen Demonstrationen und Protesten. Zunächst im August, die sogenannte „Brillantinada“, danach die Demonstrationen zum 25. November, dem internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen und dem 8. März 2020, dem internationalen Frauen*kampftag. Letztere war die größte Demonstration seit sehr langer Zeit. Am nächsten Tag, dem sogenannten 9M, gab es den bisher größten Frauenstreik im der Geschichte Mexikos.

Die sogenannte „Brillantinada“ war sehr präsent in den lokalen Medien und wurde heiß diskutiert. Pinkes Glitzer war das Protestsymbol, zugleich hinterließ der Demonstrationszug einen Weg der Zerstörung: Scheiben wurden eingeschmissen, Monumente angesprayt, kleine Feuer gelegt… War das ein Wendepunkt für die feministischen Protestbewegungen?

Ich würde sagen ja. Aber es war nicht nur dieser Tag. Ich glaube es ist eine Welle, die mit dem 24A, dem „violetten Frühling“ 2016 begann. Bei dieser sich ausbreitenden Welle gab es immer wieder kritische Punkte. Einer war diese Demonstration. Aber ich glaube es gab auch andere, wie MeToo im März, April 2019 oder eben der 8. und 9. März 2020. Dort wurden unerwartet viele Menschen und Orte erreicht. Beim Frauenstreik beteiligten sich sogar Bankangestellte und es gab es eine breite mediale Berichterstattung. Das hätten wir uns so nie erträumt.

Kurz danach veränderte die Pandemie rapide das Weltgeschehen. Welche Auswirkungen hatte das auf den feministischen Aktivismus und für die Frauen allgemein im Land?

Ja, plötzlich nach all dieser Mobilisierung gegen die strukturelle Gewalt und die Feminizide: Isolation. Das war nur ein paar Tage nach den großen Protesten im März. Nach diesem Höhepunkt der Mobilisierung konnten wir nicht mehr auf die Straße. Viele Frauen waren nun zudem gezwungen, mit ihren potentiellen Aggressoren zu Hause zu bleiben. Die Zahlen – auch die offiziellen der 911, einer Telefonnummer um Gewalt zu melden – zeigen, dass die Anzeigen wegen Vergewaltigung oder sexueller Gewalt während dieser Zeit gestiegen sind. Außerdem mussten einige staatliche Behörden ihre Kapazitäten zurückfahren und Anlaufstellen für sexuelle Gesundheit mussten ihre Arbeit aufgrund der Ausgangsperre unterbrechen. All diese Dinge verschlimmerten die Situation der Gewalt an Frauen. Das passiert auf der ganzen Welt, nicht?

Ja, der Anstieg häuslicher Gewalt war auch hier in Deutschland ein Thema. Neben dem Anstieg an Gewalt gab es zudem Debatten über die erhöhte Doppelbelastung von Frauen und insbesondere Müttern in diesen Zeiten. Wie sah das in Mexiko aus?

Erst vor kurzem bestätigte eine staatliche Statistik die Tendenz, dass Frauen mehr Aufgaben des Haushalts übernehmen als Männer. Die Kinder sind in Mexiko bisher nicht wieder in die Schule gegangen. Das Schuljahr hat begonnen und sie haben zu Hause virtuellen Unterricht. Die Väter und Mütter arbeiten also von zu Hause, passen auf die Kinder auf, müssen Lehrer*innen sein und außerdem noch den Haushalt machen. Da fällt weiterhin fiel auf die Frauen zurück.

Aber trotz der Pandemie erreichten uns bis nach Deutschland weiterhin Schlagzeilen zu Aktionen von feministischen Gruppen in Mexiko.

Ja, zu der Zeit der Black-Lives-Matter-Proteste in den USA war die polizeiliche Repression auch hier ein Thema. Das motivierte viele, wieder auf die Straße zu gehen, auch die feministischen Bewegungen. Am 28. September gab es eine feministische Demonstration und die Repression war sehr heftig. Es gab auch eine Aktion von Frauen, die den Sitz der nationalen Menschenrechtskommission in Mexiko-Stadt zu besetzten. Das waren Frauen, deren Töchter ermordet worden sind oder Mitglieder des sogenannten schwarzen Blocks, die feministische Anarchistinnen sind. Das führte dazu, dass auch Frauen in anderen Bundesstaaten – meist symbolisch für wenige Stunden – die örtlichen Büros der Menschenrechtskommission besetzten. Auch das unterstrich, dass trotz der Ausgangssperre weiterhin feministische Bewegungen aktiv sind.

Sie sind Mitbegründerin des feministischen Medienkollektivs Luchadoras, welches sich unter anderem für ein „Internet, das ohne Gewalt genossen werden kann“ einsetzt. Wie hat das Kollektiv auf die Pandemie reagiert und den virtuellen Raum genutzt?

Wir haben uns direkt nach den Demonstrationen im März in Quarantäne begeben, weil wir große Sorge hatten, dass sich jemand auf diesem Weg infiziert haben könnte. Unsere Strategie ging dann in zwei Richtungen. Die Frage der ersten Richtung war: Wie überleben wir diese so furchtbar schreckliche Zeit? (lacht) Also teilten wir mit den Frauen Methoden der Selbstfürsorge: Wie sie sich zu Hause bewegen können, Yoga-Übungen, Meditation, Pflanzen ziehen, all sowas… Sozusagen als Hilfestellung für die Frauen während der Isolation. Danach begannen wir mit der zweiten Strategie: Diesen globalen Moment aus der Perspektive von Frauen denken. Also machten wir eine tolle Serie: „Kollektive Antikörper. Samen einer anderen Zukunft“ – denn in dem Moment dachten wir (lacht verzweifelt)… ich bin total hoffnungslos… aber wir dachten wirklich, dass es ein Moment ist, wo wir die Welt neu pflanzen können. Es war sehr klar, dass die Corona-Krise eine Auswirkung einer sinnlosen Ausbeutung der Welt ist und es schien der Moment zu sein, nun das System auseinanderzunehmen und uns die Welt neu vorzustellen. Also hatten wir drei Wochen lang Reflexionen über die strukturellen Probleme des Kapitalismus, Corona als Krise der Unterdrückung und wie wir die Zukunft gestalten wollen. Dazu die Frage welche Referenzen wir haben, um eine neue Welt zu schaffen. All das besprachen wir mit Philosophinnen, Aktivistinnen, mexikanischen feministischen Frauen. Das war alles sehr cool. Aber ehrlich gesagt, jetzt wo wir erleben, dass alles wieder gleich schlimm ist… Das nimmt ein wenig die Hoffnung.

Luchadoras versucht auch, einen kritischen Blick auf Vor- und Nachteile des virtuellen Raums zu schulen. Was haben Sie durch den plötzlichen Anstieg der Nutzung wahrgenommen?

Ich glaube zu Anfang, als es mit Covid begann, hat alle Welt angefangen unbewusst diese Werkzeuge zu nutzen, ohne sich über Praktiken der Sicherheit klar zu sein. Was wir dann sahen waren Vorfälle, beispielsweise bei Zoom, die unter dem Begriff „Zoom-Bombing“ bekannt wurden. Das ist, wenn jemand deine Zoom-Sitzung unterbricht, um dich zu belästigen oder zu destabilisieren. Sie zeigen Pornos, masturbieren oder zeigen andere sexuelle Handlungen. Mit der Zeit verbreitete sich, dass du den Saal mit einem Kennwort schützen musst und du einen Warteraum einrichtest, um nur denen Zugang zu geben, wo du dir sicher bist, wer sie sind. Diese Praktiken wurden weiterentwickelt und so konnten diesen Aggressionen ein wenig entgegengewirkt werden.

Ihr Kollektiv setzt sich dafür ein, dass die Gewalt im Netz nicht nur sichtbar, sondern auch strafbar wird. Sie bringen ein neues Dossier heraus, dass sich mit den dazu relevanten Gesetzen und deren Durchsetzung beschäftigt. Wie ist die aktuelle Lage?

2012 begann die Modifikationen des Strafgesetzbuches, um die Verbreitung von intimen Fotos ohne Einwilligung als Straftat anzuerkennen. Seitdem haben nun 28 Bundesstaaten ihre Strafgesetzbücher entsprechend geändert. Nun hat der Senat einem Gutachten zugestimmt, damit es auch im Bundesstrafgesetzbuch als Straftat aufgenommen wird. Aber das muss noch durch die Abgeordneten abgesegnet werden. Obwohl es daher noch nicht gültig ist, ist es dennoch bereits Realität, da es schon in den meisten bundesstaatlichen Strafgesetzbüchern verankert ist.

Wie wirkt sich dieses Gesetz in der Praxis aus?

Nun, es gibt viele Herausforderungen. Seit März haben wir eine Hilfs-Hotline eingerichtet, aber die haben wir auch schon vor Covid gebraucht. Die Verbreitung von intimen Fotos von Frauen ist außer Kontrolle in Mexiko. In der Welt. Wir haben durch die Forschung für das Dossier, das wir gerade rausbringen, einige Antworten darauf bekommen können. Zunächst muss gesagt werden, dass nicht alle Frauen, die die Verbreitung ihrer Fotos erleben, anzeigen wollen. Nicht alle zeigen an, weil es alternative Lösungen gibt und außerdem unsere Justiz versagt. Eine alternative Lösung ist, dass Plattformen wie Facebook, Twitter oder andere diese Bilder und Inhalte selbst löschen. Die meisten Anfragen, die wir bei unserer Hilfs-Hotline bekommen sind „Hilf mir, dass Facebook oder Twitter meine Fotos runternimmt“. Und da endet es. Damit sind sie zufrieden. Dann gibt es aber auch andere Fälle, die komplexer sind, die andere Arten von Gewalt involvieren. Da sind beispielsweise Netzwerke von Personen, die Fotos austauschen. Dann möchten Frauen anzeigen.

Und ist das Anzeigen mit den neuen Gesetzen nun reibungsfrei möglich?

Bevor das Gesetz existierte, gingen die Frauen zur Staatsanwaltschaft und es wurde ihnen gesagt, dass es keine Straftat sei und sie nichts machen könnten. Jetzt ist die Staatsanwaltschaft wenigstens verpflichtet dem nachzugehen. Wir haben festgestellt, dass in den letzten drei Jahren im ganzen Land – bzw. in den Bundesstaaten wo uns Informationen gegeben worden sind – 2.000 Fälle aufgrund dieser Straftat aufgemacht worden sind. Aber das große Problem ist, dass etwas mehr als 80 Prozent der Fälle noch offen sind. Sie bleiben in den Ermittlungen stecken. Stellen Sie sich das vor: Von 2.000 aufgenommenen Anzeigen wurden nur 24 Strafverfahren eröffnet! Also auch wenn das Gesetz anerkannt ist und die Behörden einsehen, dass sie handeln müssen, gibt es immer noch keine Gerechtigkeit.

Dieser Artikel ist Teil des Dossiers Geschlechterdemokratie in Lateinamerika