Pestizide im Wasser: Da schwimmt was mit

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Umweltfachleute weisen regelmäßig nach, wie stark Flüsse, Seen, Küstengewässer und Grundwasser durch Pestizide belastet sind. Die Schadstoffe stammen häufig aus der Landwirtschaft und gelangen durch Versickerung, Oberflächenabfluss und Abdrift in die Gewässer.
 

Pestizidatlas Infografik: Chemischer Zustand der Grundwasserkörper in Deutschland, Stand 2016
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Wenn ein Wirkstoff als zu gefährlich erkannt und aus dem Verkehr gezogen wird, ist er damit nicht aus der Welt. Die lange Verweildauer in Böden und Gewässern wird in Zulassungsverfahren oft unzureichend berücksichtigt

Kleine Bäche besonders belastet

Bei der Belastung von Gewässern durch Pestizide ist ein Wert in Zulassungsverfahren besonders aussagekräftig: die regulatorisch akzeptable Konzentration pro Wirkstoff. Die Annahme ist, dass die schädlichen Auswirkungen der Pestizide auf Gewässerlebewesen gering sind, solange diese Konzentration im Wasser nicht überschritten wird. Trotz dieser Vorgabe aus der Zulassung sind kleine Bäche mit einer Breite von bis zu drei Metern, die einen großen Teil der gesamten Fließstrecke in Deutschland ausmachen, laut Umweltmonitoring mit Pestiziden belastet. Häufig liegen sie inmitten landwirtschaftlich genutzter Flächen und sind dadurch Pestiziden in besonderem Maße ausgesetzt, wie eine Untersuchung des Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung zeigt. Zusammen mit dem Umweltbundesamt wurden 2018 und 2019 mehr als 100 kleine Fließgewässer in zwölf Bundesländern auf Rückstände von Pestiziden aus der Landwirtschaft hin untersucht. Die Wasserproben wurden gezielt nach Regenfällen genommen, also dann, wenn Pestizide mit dem von Ackerflächen abfließenden Wasser in die Bäche gespült werden. Der Befund: Im Frühjahr und Sommer, wenn Pflanzen besonders häufig mit Pestiziden behandelt werden, waren die regulatorisch akzeptablen Konzentrationen aus der Zulassung in vier von fünf Bächen überschritten. In jedem dritten Bach überschritten sogar mehrere Pestizide gleichzeitig diese Konzentrationen.

Infobox Pestizidatlas 2022

Cover des Pestizidatlas 2022

Der Pestizidatlas 2022

Der Pestizidatlas zeigt in 19 Kapiteln Daten und Fakten rund um die bisherigen und aktuellsten Entwicklungen, Zusammenhänge und Folgen des weltweiten Pestizidhandels und Einsatzes von Pestiziden in der Landwirtschaft.

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Von den Bächen über die Flüsse ins Meer

Pestizide aus der Landwirtschaft stellen damit einen entscheidenden Stressfaktor für Insekten in kleinen Gewässern dar. Studien belegen, dass in den belasteten Bächen der Anteil an empfindlichen Arten wie Libellen und Köcherfliegen deutlich abnimmt. Aber nicht nur kleine Bäche sind gefährdet. Denn über Flüsse gelangen die Pestizide letztlich ins Meer. Umweltfachleute haben im EU-Projekt LIFE APEX Anreicherung von Pestiziden in Seehunden und anderen Meeressäugern untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass vor allem jene Pestizide besonders problematisch sind, die sich langsam abbauen, weiträumig verteilen und in der Nahrungskette anreichern. Solche Stoffe bleiben über sehr lange Zeiträume in der Umwelt und können unabsehbare Spätfolgen haben. Ein Beispiel dafür ist Hexachlorbenzol (HCB). Eigentlich ist dieses Pestizid, das ursprünglich gegen Pilze eingesetzt wurde, in der deutschen Landwirtschaft bereits seit 40 Jahren verboten. Und dennoch sind Delfine, Schweinswale und Seehunde in den europäischen Meeren bis heute stark mit ihm belastet. Mögliche Folgen der Schadstoffbelastung sind verringerte Fortpflanzung und ein geschwächtes Immunsystem. Um die Meere zu schützen, unterstützen zivilgesellschaftliche Organisationen und Fachleute aus der Wissenschaft die behördlichen Ansätze, den Einsatz von langlebigen und sich in Organismen anreichernden Pestiziden weiter zu reduzieren.

Pestizidatlas Infografik: Bedenklicher Zustand deutscher Gewässer
Viele Faktoren haben Einfluss auf den eher schlechten Zustand der Gewässer in Deutschland. Dass die Pestizidgrenzwerte für Kleingewässer an 81 Prozent aller Messstationen überschritten wird, macht die Situation noch schwieriger

Grundwasser im schlechtem Zustand

Über Versickerung mit Regen gelangen Pestizide von der Ackerfläche auch bis ins Grundwasser, wo sie nur langsam abgebaut werden. In Deutschland gilt fast ein Drittel der Grundwasserkörper als belastet. Pestizidwirkstoffe und deren Abbauprodukte sind – nach dem ebenfalls aus der Landwirtschaft stammenden Nitrat – die zweithäufigste Ursache für den schlechten chemischen Zustand des Grundwassers. Bei der letzten deutschlandweiten Erhebung wurden an knapp jeder fünften der 14.500 Messstellen Pestizidwirkstoffe nachgewiesen. Bei 3,8 Prozent der untersuchten Stellen lag die Pestizid-Konzentration sogar oberhalb des erlaubten Grenzwertes. Bei 58 Prozent der Messstellen konnten darüber hinaus Abbauprodukten von Pestiziden festgestellt werden. Viele von ihnen gelten als deutlich weniger giftig als die Pestizide selbst. Trotzdem sind sie im Grund- und Trinkwasser unerwünscht, da sich viele von ihnen im Grundwasser anreichern und nur schwer entfernt werden können. Für einige Stoffe wurde später festgestellt, dass sie doch negative Effekte auf Umwelt und Gesundheit haben können. Ihre Einträge sollten daher so gering wie möglich gehalten werden. Ein einheitlicher und verbindlicher Schwellenwert auch für diese Abbauprodukte von Pestiziden würde eine bessere Regulierung ermöglichen – bislang existieren lediglich unverbindliche Richtwerte und Empfehlungen.

Pestizidatlas Infografik: Gemessene Belastung von wasserlebenden Säugern mit dem Fungizid Hexachlorbenzol, das seit 1981 verboten ist, in Nanogramm pro Gramm Nassgewicht
Viele Seen, Fließ-, Übergangsund Küstengewässer sind laut der Europäischen Umweltagentur in keinem guten ökologischen Zustand

Eine weitere wichtige Maßnahme, die Gewässer besser vor Pestiziden schützen kann, sind durchgehende Gewässerrandstreifen. Sie wirken wie eine Art Pufferzone und können so Pestizideinträge in Gewässer reduzieren. Zusätzlich stellen sie einen wichtigen Lebensraum für Pflanzen und Wanderkorridore für Tiere dar. Nur in wenigen Bundesländern sind solche Gewässerrandstreifen, in denen auch die Anwendung von Pestiziden untersagt ist, verbindlich vorgeschrieben. Umweltfachleute weisen außerdem darauf hin, dass eine umfassende und langfristige Abnahme der Belastung aller Gewässer mit Pestiziden langfristig nur durch einen Umbau der konventionellen Landwirtschaft hin zu weniger Einsatz chemischer Pflanzenschutzmittel gelingen kann.