Pestizideinsatz in Deutschland: Wenig Vielfalt, wenig Fortschritt

Atlas

Seit 25 Jahren liegt in Deutschland der Absatz von Pestizidwirkstoffen auf relativ konstantem Niveau. Das bedeutet jedoch nicht, dass die negativen Auswirkungen auf die Umwelt konstant bleiben.

Pestizidatlas Infografik: Insgesamt ausgebrachte Pestizide in der EU 2019, in Tonnen
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Pestizide werden auch in Privatgärten, Parks und an Gleisanlagen eingesetzt, hauptsächlich jedoch in der Landwirtschaft

Hohe Wirksamkeit, hohe Belastung

Zwischen 27.000 und 35.000 Tonnen Pestizidwirkstoffe insgesamt werden hierzulande pro Jahr verkauft. Die Menge schwankt vor allem aufgrund von Witterungsbedingungen und aufgrund von unterschiedlichen Preisen für Agrar- und Pestizidprodukte. Der überwiegende Teil wird in der Landwirtschaft eingesetzt. Im Durchschnitt der Jahre 2015 bis 2020 waren Herbizide, die als Mittel gegen Beikräuter verwendet werden, mit durchschnittlich 49 Prozent die größte Gruppe der eingesetzten Pestizide, gefolgt von Fungiziden gegen Pilze mit 37 Prozent. Insektizide – Mittel gegen schädliche Insekten – machen knapp 3 Prozent aus und Wachtumsregulatoren, die beispielsweise das Längenwachstum von Getreidehalmen verkürzen, 9 Prozent. Sonstige Mittel, darunter unter anderem solche gegen Nager und Schnecken, machen weniger als 2 Prozent aus.

Infobox Pestizidatlas 2022

Cover des Pestizidatlas 2022

Der Pestizidatlas 2022

Der Pestizidatlas zeigt in 19 Kapiteln Daten und Fakten rund um die bisherigen und aktuellsten Entwicklungen, Zusammenhänge und Folgen des weltweiten Pestizidhandels und Einsatzes von Pestiziden in der Landwirtschaft.

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Wenig Transparenz

Die Absatzmenge von Pestiziden allein sagt aber wenig über die Risiken für Mensch, Tier und Natur aus. Weitere Faktoren wie die Gesundheitsgefährlichkeit oder Umweltgefährlichkeit der Mittel, die Art und Weise der Ausbringung, der Anwendungstermin und die Anwendungshäufigkeit spielen ebenso eine Rolle. Vor allem Insektizide wirken häufig in niedrigen Konzentrationen bereits hochgiftig – nicht nur für die Zielorganismen, sondern auch für andere Tiere wie Bienen. Sie können daher bereits in kleinen Mengen und mit seltener Anwendung große Schäden verursachen. 

Auf einem großen Teil der Ackerflächen in Deutschland werden mehrmals pro Jahr Pestizide eingesetzt: Laut Berechnungen des Umweltbundesamts auf jedem Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche durchschnittlich 2,8 Kilogramm Pestizidwirkstoffe. Diese Daten sind jedoch nur bedingt akkurat: Landwirtschaftliche Betriebe müssen zwar den Pestizideinsatz auf ihren Flächen dokumentieren, doch diese Daten werden von den Behörden nicht systematisch erfasst und nicht veröffentlicht. Es fehlt somit an Transparenz und an Informationen, die beispielsweise einen Vergleich zwischen Bundesländern ermöglichen oder räumliche Hotspots identifizierbar machen würden.

Pestizidatlas Infografik: Der Behandlungsindex zeigt an, wie intensiv in Deutschland welche Pflanze mit Pestizid behandelt wird, Stand 2020
Von allen Anbaukulturen in Deutschland ist der Apfelbau der Pestizid-intensivste. Apfelbäume werden zwischen 20 bis 30 Mal pro Saison gespritzt.

Langfristige Schädigungen der Lebensräume

Um die Intensität des Pestizideinsatzes darzustellen, verwenden Behörden den Behandlungsindex (BI). Dieser Wert beschreibt, wie oft eine Anbaukultur auf der ganzen Fläche mit der maximal erlaubten Aufwandsmenge eines Pestizidprodukts behandelt wurde. Demnach ist die pestizidintensivste Anbaukultur in Deutschland der Apfelanbau mit einem Behandlungsindex im Jahr 2020 von 28,2 – gefolgt von Wein mit 17,1 und Hopfen mit 13,7. Aussagen über die Gesundheits- oder Umweltauswirkungen der Spritzungen erlaubt der BI nicht. Die geringe genetische Vielfalt bei den typischerweise durch Klonung vermehrten Dauerkulturen (zum Beispiel Apfel oder Wein) macht die Pflanzen anfällig und führt zu hohem Einsatz von Fungiziden. Fehlt die natürliche Artenvielfalt, inklusive der Nützlinge, steigt der Insektizideinsatz. Auch Forderungen nach optisch makelloser Ware führen zu einem vermehrten Einsatz von Pestiziden im Obst- und Gemüsesektor.

Insbesondere wenn man die Umweltauswirkungen betrachtet, spielt auch die insgesamt behandelte Fläche eine wesentliche Rolle. Ein Beispiel bietet der Einsatz von Herbiziden. Wird wiederholt und großflächig der Bewuchs totgespritzt, hat dies erhebliche Auswirkungen auf den Lebensraum von Pflanzen und Tieren. Viele Herbizide sind zudem giftig für Algen und Wasserpflanzen und können das Grundwasser verschmutzen. So können auch auf den ersten Blick wenig pestizidintensive, aber viel Fläche einnehmende Ackerkulturen wie Mais, der gut 22 Prozent des Ackerlands einnimmt, dennoch von großer Relevanz für die Umwelt und die Gewässergüte sein.

Pestizidatlas Infografik: Mit Hilfe des Toxic Load Indicators lassen sich Pestizide bewerten und vergleichen
Der Toxic Load Indicator ist Ausdruck der Giftigkeit eines Pestizids für Menschen und Tiere und seines Verbleibs in der Umwelt

Abbau der Chemie-Abhängigkeit gefordert

Hinsichtlich der Giftigkeit der Spritzmittel lässt sich seit Jahrzehnten ein Trend zu Mitteln beobachten, die schon in geringer Dosierung sehr wirksam sind. Die nahezu konstant bleibende Absatzmenge in Deutschland bedeutet also nicht, dass es keine Änderung hinsichtlich der negativen Auswirkungen auf die Umwelt oder die biologische Vielfalt gab.

Eine effektive Politik, die zu einer Reduktion des Pestizideinsatzes führt, gibt es in Deutschland nicht. Auf Betriebsebene werden verbotene chemisch-synthetische Pestizide in der Regel durch andere chemisch-synthetische Pestizide ersetzt – die Abhängigkeit vom chemischen Pflanzenschutz wird nicht reduziert.

1995 wurden in Deutschland 220 verschiedene Pestizidwirkstoffe verkauft. Etwa die Hälfte davon hatte bis 2019 bereits die Zulassung verloren. Trotzdem befanden sich 2019 wieder 251 Wirkstoffe auf dem Markt. Das bestärkt zivilgesellschaftliche Organisationen in der Annahme, dass die Reduzierung der Abhängigkeit vom chemischen Pflanzenschutz - so wie es von der europäischen Pestizidgesetzgebung gefordert wird - bislang nicht erfolgt.