Trockenlegung von Mooren: Zerstörung & Gewalt

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Seit Jahrhunderten müssen deutsche Moore Siedlungen und Land­wirtschaft weichen – diese Trockenlegungen gingen oft mit Gewalt einher. Der kritische Blick in die Vergangenheit kann nun dabei helfen, ein Bewusstsein für Moorschutz zu schaffen.
 

Mooratlas Infografik: Auswahl historischer Entwässerungsprojekte von Mooren in Deutschland
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Die erste deutsche Moorkolonie entstand 1630: Papenburg, heutiges Niedersachsen. Über schiffbare Kanäle führten Siedler das Wasser aus den Mooren ab

Im Zuge einer langen Geschichte der Entwässerung sind Moore vielerorts aus dem Landschaftsbild verschwunden – und mit ihnen Hochwasserschutzgebiete und die Lebensräume von Pflanzen und Tieren. Zerstört wurden mit der flächendeckenden Trockenlegung von Mooren auch andere herausragende Funktionen. Im intakten Zustand speichern Moore mehr Kohlenstoff als jedes andere Ökosystem der Welt – werden sie jedoch entwässert, kommt der über Jahrtausende im Torf gebundene Kohlenstoff mit Sauerstoff in Berührung und oxidiert. Dadurch gelangen riesige Mengen der Treibhausgase Kohlenstoffdioxid (CO₂), Methan (CH₄) und Lachgas (N₂O) in die Atmosphäre. Die Geschichte der Moore ist daher immer auch eine Geschichte des Klimas.

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Der Mooratlas 2023

Der Mooratlas beleuchtet in 19 Kapiteln die Folgen der Zerstörung dieser einzigartigen Lebensräume und zeigt die Chancen nasser Moore und ihrer Nutzung für die Gesellschaft auf, um alle Akteur*innen zum Handeln zu ermutigen – „Moor muss nass“!

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In Deutschland wurden Moore großflächig vor allem seit dem 18. Jahrhundert zerstört. Monarchen, Bürokraten und Gelehrte entwarfen ambitionierte Programme, die Moorgebiete nutzbar machen sollten. Sie orientierten sich dabei am Vorbild der Niederlande, wo die Erschließung von Feuchtgebieten durch Entwässerung und Torfabbau zum wirtschaftlichen Aufstieg der Frühen Neuzeit beigetragen hatte. Aus Sicht der Planer waren Moore lediglich Baufehler der Natur, die durch menschliches Handeln „korrigiert“ werden müssten. Der Wunsch, Mensch und Natur in Moorregionen zu „zivilisieren“, entwertete nachhaltige Nutzungsformen wie das Fischen, das Jagen oder das Sammeln nützlicher Pflanzen. Trockenlegung und systematische Erschließung hingegen galten als Rezepte für wirtschaftlichen und kulturellen Fortschritt. Besonders berühmt wurde die Trockenlegung des brandenburgischen Oderbruchs unter dem preußischen König Friedrich II. Das Großprojekt siedelte hunderttausende Menschen an und brachte neue landwirtschaftliche Praktiken in die Region. Lange wurde dies als Triumph der menschlichen Vernunft über die widerspenstige Natur gefeiert.

Planung und Durchführung von Entwässerungsprojekten waren immer auch ein Ausdruck der sozialen und politischen Verhältnisse. Vielfach kamen bei Trockenlegungsarbeiten billige Arbeitskräfte aus ärmeren Bevölkerungsgruppen zum Einsatz – oder gar Strafgefangene. Im Kaiserreich von 1871 bis 1918 galt die Entwässerung als Mittel gegen die Landflucht. Die Nationalsozialisten verbanden die Erschließung der Moore mit völkischem Gedankengut; in verschiedenen Teilen Deutschlands übernahm der Reichsarbeitsdienst die Entwässerung, zu dem ab 1935 junge Männer eingezogen wurden. Im Emsland mussten die Insassen des KZ Börgermoor mit Spaten Gräben ausheben und Torf stechen. Mit dem Widerstandslied „Die Moorsoldaten“, das im August 1933 im Lager uraufgeführt und später durch die Neuvertonung von Hanns Eisler international bekannt wurde, setzten sie sich ein Denkmal. Während des deutschen Vernichtungskriegs in Osteuropa von 1939 bis 1945 plante das NS-Regime, Gebiete entlang des Flusses Prypjat im heutigen Bela­rus und der Nordukraine trockenzulegen. Daran gekoppelt war das Vorhaben, deutschstämmige Bauern im Osten Europas anzusiedeln. Zur Ausführung kamen diese Pläne nicht, stattdessen wurden die Landschaften der Region während des Krieges zu Schauplätzen genozidaler Massenmorde.

Mooratlas Infografik: Wie deutsche Moore genutzt werden, in Prozent
Nasse Moore galten in der Moderne als Hemmnis für den Fortschritt. In Deutschland wurden sie seitdem zu großen Teilen in Nutzflächen umgewandelt

Nach dem Zweiten Weltkrieg verankerten sowohl die Bundesrepublik als auch die DDR die Moorentwässerung fest in ihrer Agrar- und Infrastrukturpolitik. Die DDR begann in den späten 1950er-Jahren in der Friedländer Große Wiese in Mecklenburg-Vorpommern eines ihrer zahlreichen Entwässerungsprojekte. Im Westen leitete die Bundesrepublik mit dem 1950 beschlossenen Emslandplan einen langfristigen regionalen Struktur- und Umweltwandel ein. Trockenlegung gab es in beiden deutschen Staaten aber auch jenseits von Großprojekten. Gräben, Röhren und Pumpen zur Entwässerung wurden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu selbstverständlichen Elementen der landwirtschaftlichen Infrastruktur. Weitgehend unsichtbar durchziehen sie bis heute die Agrarlandschaften Deutschlands. Einer breiten Öffentlichkeit in Erinnerung rufen sie sich immer dann, wenn sie kaputt gehen und Überschwemmungen verursachen. In Norddeutschland sind marode Entwässerungssysteme eine große finanzielle Bürde für Landwirtschaftsbetriebe und Kommunen – allein in Mecklenburg-Vorpommern beläuft sich der Sanierungsbedarf inzwischen auf schätzungsweise 1,4 Milliarden Euro.

Nach Jahrhunderten der Moorzerstörung hat mittlerweile eine Trendwende eingesetzt. Verstärkt finden inzwischen Umweltverbände und Fachleute aus der Wissenschaft Gehör, die bereits seit vielen Jahren auf die ökologische Bedeutung von Mooren hinweisen. Galten Moore lange als nutzlose oder gefährliche Orte, werden sie heute von immer mehr Menschen als unersetzbare Naturräume geschätzt, die aktiv verteidigt werden müssen. Doch auch wenn die Unterstützung für den Erhalt und die Restaurierung dieser Ökosysteme zugenommen hat, ist das enorme Potenzial des Moorschutzes bei weitem nicht ausgeschöpft. Trockengelegte Böden werden meist als Acker oder Grünland genutzt, die keinerlei Ähnlichkeit mehr mit ihren feuchten und artenreichen Vorfahren haben – und daher gar nicht als Moore erkennbar sind. Hier hilft der bewusste Blick in die Vergangenheit: Moorgeschichte hilft aus der ökologischen Amnesie und ist damit eine wichtige Grundlage für den erfolgreichen Schutz von Artenvielfalt und Klima.