Wenige Konzerne entscheiden, was auf dem Feld, im Supermarktregal und auf unserem Teller landet. Kleine Höfe und die Natur geraten dadurch immer stärker unter Druck. Die historischen Wurzeln dieser Marktmacht reichen zurück bis zur Einführung von Erntemaschinen, Pestiziden und Chemiedünger.
Dass sich Bäuer*innen ihre Produktionsmittel auf dem Markt beschaffen, ist historisch gesehen ein recht neues Phänomen. Noch vor knapp 200 Jahren zogen sie ihr Saatgut selbst, fertigten ihre Werkzeuge eigenhändig und düngten mit Abfällen und Mist vom eigenen Hof. Hecken, Baumreihen, Fruchtfolgen und Feuchtbiotope schufen Lebensräume für Nützlinge wie Vögel, Spinnen oder Raubinsekten, um Schädlinge in Schach zu halten.
Mit der Industrialisierung änderte sich all das grundlegend. Ab den 1830er-Jahren hielten bahnbrechende Neuerungen wie die mechanische Erntemaschine und der Stahlpflug Einzug: Mit weniger Arbeitskraft ließ sich nun deutlich mehr Fläche bearbeiten. Gleichzeitig nahm der Handel mit stickstoffhaltigem Guano sowie Kalium und Phosphor zu, das zum Beispiel aus Knochen oder Gestein gewonnen wurde. Diese Substanzen fördern das Pflanzenwachstum. Durch gezielte Düngung wurden plötzlich immer höhere Erträge und der Anbau auf immer größeren Flächen möglich.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts nahm das industrielle Agrarmodell weiter Fahrt auf, etwa durch die Einführung von kraftstoffbetriebenen Traktoren. Neu war auch Agrarchemie: Auf Äckern und Feldern landeten nun synthetischer Stickstoffdünger, Pestizide aus dem Labor sowie Hybrid-Saatgut, das besonders ertragreiche Pflanzen hervorbringen soll. Auch politische Initiativen wie der Agricultural Adjustment Act (AAA) im Rahmen des New Deals ab den frühen 1930er-Jahren in den USA trugen zum Vormarsch der industriellen Landwirtschaft bei, wodurch die führenden Konzerne im Agrarinputsektor profitierten. Bereits Ende des Jahrzehnts prägten vielerorts großflächige Monokulturen das Bild, die stark auf Maschinen, chemische Betriebsmittel und zugekauftes Saatgut angewiesen waren.
Durch die Ausbreitung industrieller Anbaumethoden entstanden schnell stabile Absatzmärkte mit lukrativen Renditen. Früh etablierte Unternehmen entwickelten sich rasch zu dominanten Akteuren – zuerst in Nordamerika und Europa, später weltweit. Im 19. Jahrhundert entstanden die Agrarchemiekonzerne Bayer und BASF und der Landmaschinenhersteller Deere & Company, die allesamt bis heute existieren. Im Laufe ihrer Geschichte haben sie zahlreiche Konkurrenten geschluckt und konnten sich auch dadurch immer mehr Marktanteile sichern. Auch die Wurzeln des jungen Global Players Corteva Agriscience reichen teilweise bis weit in das 19. Jahrhundert zurück: Das Unternehmen entstand als Ausgründung der zuvor fusionierten Agrarchemiegiganten Dow und DuPont.
Die Konzentration setzte zunächst in wenigen Ländern ein, die über große Graslandflächen verfügten. Diese Gebiete wurden oft gewaltsam angeeignet und in industrielle Agrarflächen umgewandelt. Anders gesagt: Indigene und lokale Gemeinschaften wurden vertrieben, um Raum für Siedler*innen und landwirtschaftliche Expansion zu schaffen. Vor allem die USA, Kanada, die Ukraine, Australien und Argentinien setzten früh auf industrielle Methoden, um große Mengen Getreide für den Export produzieren zu können. Die Dampfschifffahrt und der Ausbau von Eisenbahnnetzen machte es ihnen ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer leichter, ihre Überschüsse zunächst nach Europa und später in die ganze Welt zu exportieren. Bis heute sind diese Länder zentrale Akteure im globalen Getreidehandel geblieben.
Parallel zum wachsenden Getreidehandel entstanden zunehmend finanzialisierte Rohstoffmärkte, also: Märkte, auf denen Agrarprodukte nicht nur gehandelt, sondern auch als Investitionsobjekte genutzt werden. Diese Märkte werden von wenigen internationalen Großhändlern kontrolliert. Zwar entstanden landwirtschaftliche Warenterminbörsen bereits ab dem 17. Jahrhundert, damit sich Landwirt*innen gegen Preisschwankungen vor der Erntesaison absichern konnten – etwa die Dojima-Reisbörse in Japan oder der Kaffee- und Gewürzhandel an der Amsterdamer Börse. Doch rasant an Bedeutung gewannen diese Märkte vor allem ab Mitte des 19. Jahrhunderts, vor allem nach dem Wegfall britischer Kornzölle im Jahr 1846. Es entstanden damals einige wenige große und einflussreiche Getreidehandelsunternehmen, die den globalen Getreidehandel bis heute dominieren: Bunge, Louis Dreyfus Company (LDC), Cargill und Archer Daniels Midland (ADM).
Zivilgesellschaftliche und bäuerliche Organisationen kritisieren, dass heute das globale industrielle Ernährungssystem von einer kleinen Zahl sehr großer, sehr mächtiger Konzerne beherrscht wird. Und das entlang der gesamten Lieferkette: von der landwirtschaftlichen Produktion über die Verarbeitung bis hin zum Lebensmitteleinzelhandel. Diese Machtkonzentration zementiert ein einseitiges Produktionsmodell. Es sichert einigen wenigen global agierenden Konzernen die Profite und gefährdet gleichzeitig eine selbstbestimmte, gesunde und vielfältige Ernährung. Monokulturen, hoher Pestizid- und Düngereinsatz und intensive Ressourcennutzung haben gravierende ökologische Folgen: Bodenerosion, Artenverlust und Klimabelastung. Und für kleine Höfe steigt der wirtschaftliche Druck. Sie werden von marktbeherrschenden Zulieferern und Abnehmern abhängig und haben kaum noch Spielraum für eine umweltfreundliche Bewirtschaftung.