Migrationspolitik unter Trump 2.0 – Bilanz nach einem Jahr Trump im Amt

Interview

Im Interview vom Oktober erklärt Carolina Gottardo, wie Trump Unterstützungssysteme für Migrant*innen, unter anderem aus Lateinamerika, systematisch aushebelt. Nach dem völkerrechtswidrigen Angriff auf Venezuela und tödlicher Gewalt durch ICE-Agenten im Januar sind Betroffene nun schutzloser denn je.

Mittelamerikanische Migrant*innen, die vor der Rodolfo-Robles-Brücke an der Grenze zwischen Guatemala und Mexiko festgehalten werden, wo Migrationsbeamte sie daran hindern, mexikanischen Boden zu betreten.
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Mittelamerikanische Migrant*innen, die vor der Rodolfo-Robles-Brücke an der Grenze zwischen Guatemala und Mexiko festgehalten werden, wo Migrationsbeamte sie daran hindern, mexikanischen Boden zu betreten. Es handelte sich um eine von mehreren mittelamerikanischen Migrant*innenkarawanen, die versuchten, die Vereinigten Staaten zu erreichen.

Hinweis der Redaktion: Dieser Beitrag wurde vor dem völkerrechtswidrigen Angriff des US-Präsidenten Trump auf Venezuela am 3. Januar sowie der Erschießung der US-Amerikanerin Renee Nicole Good durch einen ICE-Agenten am 8. Januar 2026 verfasst.

Am 20. Januar 2026 feiert US-Präsident Donald Trump sein erstes Jahr im Amt. Doch der Blick auf die Politik seiner Regierung in diesem ersten Jahr ist erschütternd, demokratiezersetzend und gefüllt mit Menschenrechtsverletzungen. Einer der Schwerpunkte, mit dem Trump schon im Wahlkampf die Stimmung angeheizt hat, ist die extreme Verschärfung der US-amerikanischen Migrationspolitik. 

Was dies im Konkreten für die Betroffenen bedeutet, fragten wir im Oktober 2025 anlässlich der sechsten Tagung des Runden Tisches Zentralamerika in Berlin die Anwältin und Feministin Carolina Gottardo. Sie ist seit 2020 Geschäftsführerin der International Detention Coalition (IDC) und war in unterschiedlichsten Gremien zu den Themen Menschenrechte, Gender, Migration und Geflüchtete in London, Melbourne, Bangkok, Bogotá und Brüssel aktiv. Ihre Expertise beruht auf mehr als 20 Jahren grenzüberschreitender Arbeit in den Themenfeldern Menschenrechte, Migration und Gender.

Diese „Cri-Migration“ äußert sich beispielsweise in der Inhaftierung von Migrant*innen, dem brutalen Vorgehen von ICE, der Auslagerung von Grenzkontrollen und Zwangsrückführungen.

Erika Harzer: Was hat sich im Kontext der Migration unter Trump 2.0 verändert?

Carolina Gottardo: Seit Beginn der ersten Präsidentschaft Trumps können wir weltweit einen Trend zur Kriminalisierung der Migration beobachten. Allerdings haben sich mit seiner zweiten Amtszeit die Dinge in einer Weise beschleunigt, die sehr alarmierend ist. Ich arbeite seit 20 Jahren im Bereich der Menschenrechte, einschließlich der Rechte von Migrant*innen und Geflüchteten, und habe noch nie einen so großen Rückschritt erlebt wie den derzeitigen. Am schlimmsten sind die Kriminalisierung von Migrant*innen und derjenigen, die sie unterstützen. Diese „Cri-Migration“ äußert sich beispielsweise in der Inhaftierung von Migrant*innen, dem brutalen Vorgehen von ICE (Immigration and Customs Enforcement), der Auslagerung von Grenzkontrollen und Zwangsrückführungen. Das alles ist sehr gravierend. Trumps Vorgehen hat nicht nur Auswirkungen auf die USA, sondern auf die ganze Welt.

Wie hat sich das Narrativ verändert?

Die Trump-Regierung schafft mit ihrem Populismus Informationsblasen, die keine Informationen in sich tragen, sondern Desinformation. Ihre populistischen Migrationsmaßnahmen basieren nicht auf Erkenntnissen, was in der staatlichen Politik funktioniert und was nicht. Es ist eine Politik mit kriminellen Absichten, die auf die Politisierung der Migration und die Verwendung einer Reihe von Lügen zurückzuführen ist. So entstehen in den Medien Mythen, in denen ohne Belege behauptet wird, die meisten Migrant*innen seien Kriminelle.

Was bedeutet dies konkret für die Betroffenen?

Unter der Trump-Regierung beobachten wir Festnahmen, die zu Abschiebungen führen und noch weiter gehen. Wir sehen gewaltsames Verschwindenlassen, sehen Migrant*innen, die plötzlich in einem Flugzeug sitzen und an einem Ort in einem anderen Teil der Welt ankommen, nicht nur in Mittelamerika, nicht nur in El Salvador. Ohne jegliche individuelle Prüfung des Einzelfalls oder der Gefahren, denen die Person ausgesetzt sein könnte. Damit verstößt die US-Regierung gegen alle Menschenrechte. In vielen Fällen sehen Familien zufällig im Fernsehen, was mit ihren Angehörigen passiert ist und wo sie sind. Aber viele haben keine Ahnung, wo ihre Angehörigen verblieben sind. Die Menschen, die auf diese Weise abgeschoben werden, wissen nicht einmal, wohin sie gehen, warum und für wie lange.

Was hat sich seit Trump 2.0 in der finanziellen Unterstützung von Menschen auf der Flucht geändert?

Wir sehen eine Demontage des Unterstützungssystems in den Bereichen Menschenrechte und Migration. Die Einstellung der Finanzierung von USAID und dem US-amerikanischen Amt für Bevölkerung, Flüchtlinge und Migration (PRM) und all diesen Organisationen, die bisher das System der Vereinten Nationen und große NGOs unterstützt haben, hatte einen enormen Dominoeffekt auf den Multilateralismus als Ganzes. 

Die Folge ist eine Unterstützungskrise: die Vereinten Nationen haben einen Großteil ihres Personals verloren und ihre Standorte aufgegeben. Die NGOs schließen ihre Programme und ziehen ebenfalls weg. Es gibt keine Finanzierung mehr für die kleinen lokalen Organisationen, die den Migrant*innen Anlaufstellen auf der Route boten. Dabei ist die Nachfrage gewachsen, da es offensichtlich mehr Migrant*innen gibt, die aus Nordmexiko, dem Grenzgebiet zu den USA, zurückkehren.

Diese Nebenwirkungen sind beabsichtigt. Denn nicht nur die Finanzierung des multilateralen Systems und der Zivilgesellschaft wird zerstört. Auch diejenigen, die der Zivilgesellschaft Mittel zur Verfügung stellen, werden verteufelt, so auch der Philanthrop George Soros und die von ihm gegründete Open Society Foundation (OSF), die zu den größten Geldgebern überhaupt gehört. Ein aktueller Vorschlag von Trump ist, dass diese philanthropischen Organisationen kein Geld mehr an andere Länder weitergeben können. Was dann? Ohne Gelder dieser Wohltätigkeitsorganisationen, ohne Gelder der UN, ohne NGOs und Basisorganisationen vor Ort – wer wird dann die Migrant*innen unterstützen? Was passiert mit den lokalen Behörden, die sich um die Migrant*innen kümmern müssten und keine Gelder mehr erhalten?

Wir können keine isolierten Bemühungen mehr unternehmen, wir brauchen eine bessere Taktik und müssen uns mit denen verbünden, mit denen wir uns bisher nicht verbündet haben.

Was ist also die größte Herausforderung? 

Dieser Aushöhlung der Menschenrechte, die über die Migration hinausgeht, zu begegnen ist die Herausforderung, der wir derzeit gegenüberstehen. Wir sprechen über Migration, über den Zugang zur Justiz, über Demokratie, über geschlechterpolitische Fragen, über alles. Wir sehen, wie das System zusammenbricht oder wie das System, an das wir geglaubt und das wir aufgebaut haben, demontiert wird. Für solche großen Herausforderungen sind strategische Lösungen erforderlich, die Zusammenarbeit und unterschiedliches Denken in verschiedenen Bereichen beinhalten. Wir können keine isolierten Bemühungen mehr unternehmen, wir brauchen eine bessere Taktik und müssen uns mit denen verbünden, mit denen wir uns bisher nicht verbündet haben. Wir brauchen Koalitionen, die Menschen zusammenbringen. Auch sollten wir uns mit den Regierungen der Regionen (weltweit) verbinden, denn diese werden eine wichtige Rolle spielen, wenn es beispielsweise um Abschiebungen und bilaterale Abkommen geht. Es ist wichtig, dass die jeweiligen Regierungen dies nicht akzeptieren. Wie können wir diese Regierungen beeinflussen? Wie können wir mit den lokalen Behörden in Kontakt treten? Wie können wir uns untereinander vernetzen? Wir brauchen große und innovative Lösungen für schwierige Zeiten.

Können diese Organisationen diese Herausforderung bewältigen und Veränderungen erreichen?

In der aktuellen Situation haben wir keine andere Wahl: wir müssen strategischer denken. Tun wir das nicht, reicht das Finanzierungssystem nicht aus, um die Dinge so zu belassen, wie sie waren. Auch in Europa nimmt die Finanzierung für die internationale Zusammenarbeit ab, nicht nur in den USA. Die Entwicklungsgelder für die Unterstützung anderer Länder werden gekürzt und, gleichzeitig die für die Verteidigung erhöht. Wo sind nun die Geldgeber? 

Ein anderes mögliches Szenario könnte aber auch eine zugespitzte Konkurrenz zwischen den Organisationen sein. Schließlich geht es auch da um Arbeitsplätze.

Betrachten wir den multilateralen Ansatz, gibt es tatsächlich Organisationen, die versuchen, ihr Mandat zu verteidigen. Das Gleiche gilt für die NGOs. Wir leisten sehr gute Arbeit, aber verfügen nicht über die erforderlichen Ressourcen, müssen sie dringend suchen. So geht es uns allen. Verschiedene NGOs, verschiedene multilaterale Organisationen, große Organisationen versuchen, ihren Platz zu bewahren. Doch die große Krise fordert uns auf, mehr über Zusammenarbeit als über Wettbewerb nachzudenken, denn es gibt die notwendige Finanzierung nicht mehr. Die Welt, wie sie einmal war, existiert nicht mehr.

Das gekappte Finanzierungssystem von USAID und all diesen Organisationen hat enorme Auswirkungen auf Lateinamerika, aber auch Afrika und den Nahen Osten.

Was passiert nach dem Finanzcrash beim UN-Geflüchtetenhilfswerk (UNHCR) und der Internationalen Organisation für Migration (IOM) mit den großen Geflüchteten-Camps weltweit? Was bedeutet dies für die Länder, in denen die Camps errichtet sind?

Dabei sprechen wir über ein wichtiges Thema, über das wir eigentlich nicht reden wollen. In den Ländern des so genannten Globalen Südens waren wir zu stark abhängig von den USA. Das gekappte Finanzierungssystem von USAID und all diesen Organisationen hat enorme Auswirkungen auf Lateinamerika, aber auch Afrika und den Nahen Osten. Durch deren Finanzierung entstand eine Abhängigkeit und eine sehr große Soft Power seitens der USA. Was nun passiert ist, ist für mich ein Weckruf. Wir brauchen mehr Resilienz. Um dorthin zu gelangen, muss es uns gelingen, das seit vielen Jahren geforderte Recht auf Arbeit für Asylbewerber*innen und Geflüchtete zu erkämpfen.

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