Europas Landwirtschaft hängt stark von Düngern aus fossilen Rohstoffen ab und wird dadurch anfällig. Politisches Zögern, unsichere Märkte und internationale Konflikte treiben die Preise weiter nach oben. Neue Ansätze in der Landwirtschaft zeigen, wie sich Versorgung sicherer und unabhängiger gestalten lässt.
Angesichts der jüngsten Preisspitzen bei Düngemitteln, der Einfuhrbeschränkungen aufgrund des CO2-Grenzausgleichsmechanismus (CBAM), der im Januar dieses Jahres endgültig in Kraft getreten ist, sowie des anhaltenden Iran-Krieges wächst die Sorge unter konventionellen Landwirt*innen in Europa. Viele haben sich zwar bereits für die bevorstehende Aussaat eingedeckt. Doch neue Vorräte für den weiteren Jahresverlauf oder das nächste Jahr dürften deutlich teurer werden.
Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass der europäische Bauernverband COPA-COGECA eine vollständige Aussetzung von CBAM fordert und die Versorgungssicherheit ins Zentrum seiner Forderungen für den EU-Düngemittel-Aktionsplan stellt, dessen Veröffentlichung für das zweite Quartal 2026 angekündigt ist. Eine bloße Aussetzung von CBAM würde jedoch die eigentliche Ursache der aktuellen Krise ausblenden: die Abhängigkeit der europäischen Landwirtschaft von Düngemitteln auf Basis fossiler Brennstoffe. Europas Staats- und Regierungschefs haben es versäumt, dieses Problem systematisch anzugehen.
Bereits vor vier Jahren zeigte sich eine sehr ähnliche Dynamik nach dem russischen Angriff auf die Ukraine. Da synthetischer Stickstoffdünger – die am häufigsten verwendete Düngemittelart – fossiles Gas als Rohstoff benötigt, folgten die Düngerpreise den Gaspreissteigerungen. Zwischen September 2021 und September 2022 stiegen die Preise für Stickstoffdünger in Europa um 149 Prozent, obwohl Düngemittel bis Juni 2025 von jeglichen EU-Sanktionen gegen Russland ausgenommen waren. Russische Hersteller wurden so faktisch zu Kriegsgewinnlern. Ihr Anteil an den EU-Düngemittelimporten stieg von17 Prozent im Jahr 2022 auf etwa 30 Prozent im Jahr 2025. Angesichts der aktuellen Lage ist Russland gut aufgestellt, um auf eine Lockerung der EU-Sanktionen hinzuwirken.
Auch international profitierten vor allem große Konzerne. Die neun größten Düngemittelunternehmen steigerten ihre Gewinnmargen im Jahr 2022 im Schnitt um 36 Prozent. Aktuell verzeichnen die Aktien von Herstellern wie CF Industries oder Nutrien erneut deutliche Kursgewinne.
Preisdruck bei Düngemitteln: CBAM und Hormus-Blockade
Welche Auswirkungen hat CBAM auf Versorgung und Preise in Europa? Die CBAM-Verordnung verpflichtet Importeure CO2-intensiver Produkte, für die darin enthaltenen Emissionen zu zahlen. Sie soll sicherstellen, dass europäische Produzenten, die bereits im Emissionshandelssystem (ETS) für CO2-Emissionen zahlen – nicht durch CO2-intensive Importe in die EU benachteiligt werden. Vor diesem Hintergrund erscheinen die von COPA-COGECA gemeldeten Import-Rückgänge von 80 Prozent im Januar zunächst plausibel. Allerdings greift diese Zahl zu kurz: Im Monat zuvor lagen die Importe deutlich über dem Vorjahresniveau.
Zudem zeigt ein Bericht des Thinktanks Sandbag, dass CBAM nur geringe Preiseffekte haben dürfte. Für Harnstoff werden Zusatzkosten von voraussichtlich 1,40 bis 1,79 Euro pro Tonne erwartet . Eine Ausnahme von CBAM wäre angesichts dieser begrenzten wirtschaftlichen Risiken eine verpasste Chance für mehr Unabhängigkeit und Resilienz des europäischen Marktes.
Deutlich gravierender sind die Auswirkungen des aktuellen Krieges zwischen den USA, Israel und Iran. Mehrere Staaten am Persischen Golf zählen dank des günstigen Erdgases zu den wichtigsten Düngemittelproduzenten. Rund ein Drittel der weltweiten Harnstoffexporte passiert die Straße von Hormus, die derzeit blockiert ist. Im Gegensatz zu Australien, Brasilien, Indien und den USA gehören europäische Länder zwar nicht zu den Hauptimporteuren von Düngemitteln der Region. Dennoch sind sie von den Handelsbeeinträchtigungen indirekt betroffen: Über 1,1 Millionen Tonnen Düngemittel und Vorprodukte stecken derzeit im Persischen Golf fest. Seit Kriegsbeginn ist der Harnstoffpreis bis zum 26. März 2026 um mehr als 45 Prozent gestiegen.
Frankreich, Deutschland und Polen im Umgang mit der Düngemitelkrise
Die Auswirkungen könnten einige europäische Staaten stärker treffen als andere. Frankreich erwirtschaftet beispielsweise rund 17 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen EU-Produktion und ist damit nicht nur die wichtigste Agrarmacht der EU, sondern mit 9 Milliarden Euro pro Jahr auch größter Profiteur der GAP-Subventionen. Gleichzeitig wurden 2022 etwa 80 Prozent der französischen Düngemittel importiert. Diese doppelte Abhängigkeit von Importen und fossilen Brennstoffen, die zur Herstellung von Düngemitteln verwendet werden, macht das System anfällig. Zwar dürfte dieses Jahr der Bedarf des Landes zu etwa 80 Prozent gedeckt sein, die Versorgungssituation könnte sich aber mittel- und langfristig erheblich verschlechtern, je nachdem, wie sich der Krieg entwickelt.
Als Reaktion auf die aktuelle Krise setzt das französische Landwirtschaftsministerium vor allem auf kurzfristige Maßnahmen. Dazu zählen gestundete Sozialversicherungsbeiträge und Verhandlungen mit Banken über Zahlungsaufschübe für Kredite. Das Ministerium hat solche Notfallmaßnahmen bereits in früheren Krisen eingesetzt, um Landwirt*innen zu unterstützen, beispielsweise während der Covid-19-Pandemie oder nach der russischen Invasion in der Ukraine. Sie stabilisieren kurzfristig, lösen jedoch keine strukturellen Probleme. Aus diesem Grund fordern viele französische zivilgesellschaftliche Organisationen und Bauernverbände, darunter Friends of the Earth, Terre de Liens und Confédération Paysanne, eine agrarökologische Transformation. Ein zentraler Ansatz ist der verstärkte Anbau von Hülsenfrüchten. Diese binden Stickstoff im Boden und können so chemische Düngemittel und Pestizide ersetzen. Ein weiterer Vorteil: Sie setzen dabei kein Lachgas frei und reduzieren so Luftverschmutzung sowie den Treibhauseffekt.
Auch in Deutschland zeigen sich strukturelle Defizite. Wegen anhaltender Nitratbelastung von Gewässern sowie Luftverschmutzung durch Stickstoff und Lachgas steht Deutschland seit Jahren unter Druck und wurde seit 2018 wiederholt vor dem Europäischen Gerichtshof verklagt. Dennoch hat Landwirtschaftsminister Alois Rainer zuletzt ein wichtiges Instrument zur Überwachung des Stickstoffeinsatzes in landwirtschaftlichen Betrieben ausgesetzt: die sogenannte Nährstoffbilanz. Dabei gibt es bislang ungenutzte Alternativen, mit erheblichem Potenzial: die Nutzung menschlicher Exkremente als Düngemittel. Drei Jahre lang untersuchte das umfangreiche Forschungsprojekt „zirkulierbar“ den praktischen Einsatz von Urin und Feststoffen aus Trockentoiletten in der Landwirtschaft. Die Ergebnisse sind faszinierend: Die Akzeptanz sowohl bei Landwirt*innen als auch in der Gesellschaft ist weitaus höher als erwartet. Der Dünger ist für die Betriebe einfach in der Anwendung, erzielt vergleichbare Erträge wie mit Mineraldünger behandelte Kulturen und ist – bei sorgfältiger Aufbereitung – sicher in Bezug auf Krankheitserreger und Arzneimittelrückstände. Wären politische Entscheidungsträger*innen bereit, rechtliche Hürden zu beseitigen und in geschlossene Nährstoffkreisläufe zu investieren, könnte die Stickstoff- und Phosphorversorgung nachhaltig gesichert werden.
Die erheblichen Auswirkungen der aktuellen Düngemittelkrise werden auch in Polen deutlich. Das Land trägt rund sieben Prozent zur landwirtschaftlichen Produktion der EU bei und ist zugleich mit etwa 15 Prozent der gesamten EU-Produktion einer der größten Hersteller von Stickstoffdüngemitteln in der Europäischen Union. Dennoch bleibt Polen stark importabhängig, insbesondere bei Kalidüngern, die fast ausschließlich aus dem Ausland bezogen werden. Der hohe Düngemitteleinsatz ist dort zugleich mit anhaltenden Umweltproblemen verbunden, insbesondere mit der Nitratbelastung von Gewässern infolge unzureichend optimierter Düngungspraktiken. Bislang konzentrieren sich die politischen Maßnahmen vor allem auf kurzfristige finanzielle Unterstützung und Marktstabilisierung, ohne eine kohärente langfristige Strategie zur Verringerung der Abhängigkeit von synthetischen Düngemitteln zu entwickeln. Notfallmaßnahmen wie Düngemittelsubventionen greifen zu kurz und adressieren nicht die strukturellen Probleme des Ernährungssystems.
Handlungsbedarf für die EU
Selbst wenn die europäische Landwirtschaft weniger stark betroffen ist als andere Regionen, bleibt es alarmierend, diese erneute Düngemittelkrise zu beobachten – in dem Wissen, dass die EU-Mitgliedstaaten ihre Abhängigkeit von fossilen Düngemitteln weiterhin nicht wirksam reduzieren. Während viele EU-Staaten bereits massiv in erneuerbare Energien investiert haben, um ihre Abhängigkeit von Brennstoffimporten zu verringen, sind im europäischen Ernährungssystem kaum Fortschritte erkennbar.
Das Mindeste, worauf sich die EU-Kommission und die Mitgliedstaaten derzeit konzentrieren sollten, ist die Verbesserung der Stickstoffnutzungseffizienz. Im Rahmen des EU-Green Deal hatte sich die letzte EU-Kommission das Ziel gesetzt, den Einsatz synthetischer Düngemittel um mindestens 20 Prozent zu reduzieren – allein durch effizientere Stickstoffnutzung. Dieses Ziel war ohnehin sehr moderat. Dennoch wurden angesichts massiver Bauernproteste gegen Stickstoffmaßnahmen in den Niederlanden, die 2022 sogar zum Aufstieg einer neuen populistischen Partei beitrugen, sowie einer weiteren Protestwelle in vielen europäischen Ländern Anfang 2024 keine wirksamen politischen Maßnahmen ergriffen, um dieses Ziel zu erreichen.
Im Gegenteil: Ein Bündnis aus COPA-COGECA, der Pestizid- und Düngemittelindustrie sowie konservativen Parlamentariern instrumentalisierte die Bauernproteste, um zentrale Regulierungsvorhaben zu blockieren. Dazu zählen die „Verordnung über die nachhaltige Verwendung von Pestiziden“ sowie die Verwässerung der ursprünglich als Bodengesundheitsgesetz konzipierten Bodenüberwachungsrichtlinie. Darüber hinaus setzt die derzeitige EU-Kommission eine Deregulierung fort, weitgehend auf Kosten der Umweltstandards in der europäischen Landwirtschaft.
Stattdessen sollte der bevorstehende Düngemittel-Aktionsplan vorrangig darauf abzielen, die Stickstoffeffizienz zu verbessern. Dazu gehört den Einsatz in landwirtschaftlichen Betrieben genau zu überwachen und übermäßige Nutzung zu sanktionieren. Zugleich sollte die lokale Produktion von Biodüngemitteln subventioniert sowie Forschung und der Austausch über Best Practices zwischen Landwirt*innen gestärkt werden. Ebenso braucht es einen klaren rechtlichen Rahmen für die sichere Verwendung von Düngemitteln auf Basis menschlicher Abfälle. Schließlich sollten Subventionen und Anreize für die Umstellung auf ökologischen Landbau und agrarökologische Praktiken erhöht werden. Diverse agrarökologische Praktiken wären auf den meisten Betrieben schnell umsetzbar: Insbesondere gut konzipierte Fruchtfolgen können den Bedarf an Düngemitteln senken, ohne die Erträge zu beeinträchtigen. Um dieses Potenzial auszuschöpfen, sind jedoch stärkere GAP-Instrumente erforderlich, darunter wirksamere Eco-Schemes, Investitionen in natürliche Düngemittel und Biogas sowie bessere Beratungsangebote. Derzeit bleibt ihre Wirkung begrenzt, unter anderem aufgrund administrativer Komplexität, unzureichender Reichweite und fehlender verbindlicher Vorgaben zur tatsächlichen Reduzierung des Düngemitteleinsatzes.
Progressive Bauernverbände und Umweltaktivist*innen setzen sich seit Langem dafür ein, die Abhängigkeit von importierten, fossilen Düngemitteln zu verringern. Dies gilt umso mehr, als sich geopolitische Krisen in den letzten Jahren häufen und die Preise für wichtige landwirtschaftliche Betriebsmittel stark erhöht haben. Eine Verringerung dieser Abhängigkeit würde nicht nur unsere Ernährungssouveränität stärken, sondern wäre auch wesentlich kosteneffizienter.