1987 veröffentlichte der Westberliner Verein „Mütter und Väter gegen atomare Bedrohung“ eine „Einkaufshilfe für den Weihnachtsteller“. Sie zeigt, wie Kinder und ihre Ernährung nach Tschernobyl ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückten.
Der 26. April 1986 markiert eine Zäsur in der Geschichte des Atomzeitalters. Noch heute, 40 Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, steht der Name des sowjetukrainischen Kernkraftwerkes für die Risiken, die Unkontrollierbarkeit und die Generationen andauernden Folgen ziviler Kernenergienutzung. In Deutschland hat Tschernobyl zweifellos zu einem Wandel der öffentlichen Wahrnehmung der Nukleartechnologie und letztlich zum Atomausstieg beigetragen. Dies lag weniger am schieren Ausmaß als vielmehr an der unmittelbaren Erfahrbarkeit der Havarie. Tschernobyl verwandelte das abstrakte Gefahrenpotenzial des Atomzeitalters in eine konkrete, sich im Alltag niederschlagende Bedrohung. Dabei geriet eine Bevölkerungsgruppe ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit, die bis dato häufig übersehen wurde: Kinder.
Die enge Verflechtung von Nuklear- und Kindheitsgeschichte nach Tschernobyl, hat vorrangig medizinische Gründe: Im Vergleich zu Erwachsenen reagieren Kinderkörper wesentlich empfindlicher auf Strahlung, da sie sich noch im Wachstum befinden. Mehr teilungsaktive Zellen, ein sich noch entwickelndes Immunsystem, hormonelle Veränderungen und längere Lebenszeiterwartung, tragen zu einem signifikant höheren Krebsrisiko von Kindern infolge radioaktiver Kontamination bei. Insbesondere für Neugeborene, Säuglinge und Kleinkinder sind weitaus geringere Strahlenwerte als für Erwachsene bereits gesundheitsgefährdend.
Mit der sich von Tschernobyl über Europa ausbreitenden radioaktiven Wolke wurde der Schutz von Kindern in der Bundesrepublik zur Aufgabe hastig eingerichteter Krisenstäbe. Ein einheitliches Krisenmanagement existierte nicht. Im administrativen Chaos beschlossen Bund, Länder und Kommunen jeweils eigene, teils widersprüchliche Sofortmaßnahmen. Diese reichten von beschwichtigenden Aussagen zur radioaktiven Gefahr über die Schließung von Schulen und Kindergärten bis zur Empfehlung, Kinder generell nicht mehr aus dem Haus zu lassen. Wegen „Radioaktivität“ gesperrte und verwaiste Spielplätze lieferten ikonografische Bilder, die für das feindliche Eindringen des „Atoms“ in den Alltag und die Welt der Kindheit standen. Bei der Überwachung von Lebensmitteln rückte insbesondere die Ablagerung von Cäsium-137 in Milchprodukten in den Fokus – und betraf vor allem Säuglings- und Kleinkindnahrung. Verzögert kommunizierte Messwerte sowie regional unterschiedlich festgesetzte Grenzwerte für radioaktiv belastete Lebensmittel schürten das Misstrauen gegenüber den Behörden. Unmittelbar nach Tschernobyl wurde die Frage, wie man Kinder möglichst gesund und strahlungsarm ernähren könnte, zur alltäglichen Herausforderung vieler Familien. Statt Milch und frischem Gemüse standen plötzlich reihenweise Konserven auf den Einkaufslisten.
Zivilgesellschaftliche Überwachung von Kindernahrung
Von solchen Erfahrungen und Reaktionen berichtet auch das Archiv Grünes Gedächtnis der Heinrich-Böll-Stiftung. Viele Dokumente des hier verwahrten Nachlasses von Petra Kelly machen deutlich, wie Tschernobyl den Fokus auf Kinder als besonders vulnerable Gruppe des Atomzeitalters lenkte. Dazu zählen Schreiben besorgter Eltern und Lehrkräfte oder von Schulklassen, der Vortrag einer Kinderärztin über die Folgen radioaktiver Strahlung auf den kindlichen Organismus, Aufrufe zu Demonstrationen gegen Atomkraft mit und im Namen von Kindern sowie Infobroschüren neu gegründeter Bürgerinitiativen, etwa die „Einkaufshilfe für den Weihnachtsteller“ des Westberliner Vereins „Mütter und Väter gegen atomare Bedrohung e. V.“ (Mütter und Väter gegen atomare Bedrohung 1987).
Der Verein war einer von vielen, die sich als Reaktion auf den Super-GAU gegründet hatten und deren Hauptaugenmerk auf der Überwachung und Dokumentation belasteter Lebensmittel lag. Ihr Fokus auf in Becquerel (bq) angegebene Messergebnisse brachte derlei Eltern- und Verbraucherinitiativen auch die Bezeichnung „Becquerel-Bewegung“ ein. Neben der Überwachung von Lebensmitteln beteiligten sie sich an Demonstrationen gegen Atomenergie und organisierten elternspezifische Informationsveranstaltungen, etwa Ernährungsberatungen für Schwangere. Des Weiteren sollte eine Kinderkartei entstehen, um mögliche gesundheitliche Langzeitfolgen des Reaktorunfalls zu dokumentieren.
Bei der „Einkaufshilfe für den Weihnachtsteller“ handelte es sich um eine Art Ratgeber, der eine kommentiere Liste von Lebensmitteln mit aktuellen Messungen radioaktiver Strahlung enthielt. Der Fokus lag auf bei Kindern hoch im Kurs stehenden Weihnachtsleckereien und Süßigkeiten. In Kooperation mit dem Kieler Verein „Eltern für unbelastete Nahrung e. V.“ hatten die Atomkraft-Gegner*innen rund 300 Saisonartikel aus Supermärkten und Reformhäusern zusammengetragen und sie von der, durch den Verein selbst maßgeblich unterstützen und finanzierten, „Unabhängigen Strahlenmeßstelle Berlin“ untersuchen lassen. Diese im Dezember 1986 eingerichtete, von dem Chemiker Bernd Lehmann und dem Kerntechniker Peter Pielinger geleitete Messstelle war eine Art Stiftung Warentest für das Atomzeitalter. Parallel zu den staatlichen Stellen nahm sie eigene Messungen vor, sammelte Daten und veröffentlichte sie im 14-tägig erscheinenden „Strahlentelex“. Neben der eigenständigen und viel detailreicheren Untersuchung von Kindernahrung bot die „Unabhängige Strahlenmeßstelle“ zusätzlich den Vorteil, die Produkt- und Herstellernamen untersuchter Lebensmittel mit zu veröffentlichen, was den staatlichen Messstellen untersagt war. Die „Mütter und Väter gegen atomare Bedrohung“ verbanden damit die Hoffnung, den Druck auf Firmen hinsichtlich strengerer Qualitätskontrollen und der Auswahl verwendeter Zutaten zu erhöhen.
Kontrovers und offene Kritik an der Politik war die Festsetzung der Grenzwerte. Die Bundesregierung orientierte sich an den für den Notfall gedachten Vorgaben der Europäischen Gemeinschaft, die 600 Becquerel Cäsium-137 pro Kilogramm (bc/kg) für Erwachsene und 370 bq/kg für Kindernahrung als Höchstgrenzen vorschrieben. Die „Unabhängige Strahlenmeßstelle Berlin“ bezog sich wiederum auf die 1976 erlassene bundesdeutsche Strahlenschutzverordnung, die einen Katastrophenfall gar nicht berücksichtigte und bezüglich einer Dauerbelastung eine Grenze von 10 bis 20 bq/kg für Kindernahrung vorsah. Die Berliner Elterninitiative setzte ihrerseits am unteren Grenzwert an und empfahl in ihrer „Einkaufshilfe“ „allen Risikogruppen, die 10-bq-Grenze nicht zu überschreiten“ (ebd.: 3).
Die „Einkaufshilfe für den Weihnachtsteller“ gewährt sowohl einen Einblick in die Dokumentation und Überwachung strahlenbelasteter Nahrung nach Tschernobyl als auch in die aufflammende Debatte um Atomenergie und Kinderschutz. Die meisten in der „Einkaufshilfe“ veröffentlichten Messwerte erweisen sich als ausgesprochen unspektakulär: Der Großteil der 1987 ausgewählten Produkte lag deutlich unter der Grenze von 10 bq/kg und somit im wenig bis nicht relevanten Bereich. Befürchtungen einer flächendeckenden oder langfristigen Gefährdung der Lebensmittelversorgung konnten die Zahlen nicht erhärten. Dennoch, so betonten die Verfasser*innen, bestünde „kein Grund zur Beruhigung“ (ebd.: 2).
Schenkt man den publizierten Messergebnissen Glauben, konnten in Einzelfällen sehr wohl deutlich erhöhte Werte nachgewiesen werden, die auf lückenhafte Qualitätskontrollen hindeuteten. Ebenso fielen einige Schokoladen, Nuss- und Nougatprodukte durch, was den sonst so reichlich gefüllten Gabenteller empfindlich auszudünnen drohte. Bereits das Cover der „Einkaufshilfe“ illustrierte die von der Kernenergienutzung ausgehende, bis in die kleinsten Poren der Gesellschaft eindringende Gefahr: Es zeigt zwei Kinder, die mit freudlos fragendem Blick einen Weihnachtsbaum betrachten. Dieser wird nicht nur von Kerzen hell erleuchtet: Zwischen seinen Ästen sowie im darunter stehenden Weihnachtsteller verbergen sich Warnzeichen für Radioaktivität, die „strahlende Weihnachten“ ankündigen. Die Darstellung unterstreicht das zentrale Argument der Broschüre: Tschernobyl habe gezeigt, dass der „Zustand unserer Industriegesellschaft in Wahrheit Notstandsmaßnahmen für Kinder erforderlich macht“. Man werde zwar kein sicheres Endlager für radioaktive Abfallstoffe in Gestalt der Kinder, wohl aber eines für den Tschernobyl-Fallout finden, heißt es in düsterer Prophetie weiter (ebd.: 1f.).
Tschernobyl und bedrohte Kindheit
Derlei dystopische Rhetorik und die Frage, ob die zivile Nutzung der Atomenergie generationengerecht sei, waren nicht neu. Nach Tschernobyl lässt sich jedoch eine Diskursverschiebung beobachten. Zuvor lange als dezidierte, gar kinderfreundliche Zukunftstechnologie beworben, haftete der Atomenergie nun das Stigma einer evident kinderfeindlichen und damit nur bedingt zukunftsfähigen Technologie an. Ein Image, das sie zumindest in Deutschland nie mehr vollständig abstreifen konnte und ihre öffentliche Wahrnehmung bis heute beeinflusst.
So blieb der Reaktorunfall von Tschernobyl als ein Ereignis, das Kinder und Kindheit bedrohte, weit über die unmittelbaren Tage nach dem 26. April 1986 hinaus präsent. Die sogenannte „Becquerel-Bewegung“ und die hier vorgestellte „Einkaufshilfe“ liefern dabei nur einen kleinen Ausschnitt des bigger picture. Nach interner Diskussion und Expertenanhörung sprach sich 1987 auch der Deutsche Kinderschutzbund „im Interesse aller Kinder“ für den sofortigen Atomausstieg aus (Deutscher Kinderschutzbund 1987). Die 1990 einsetzende Verschickung von aus der Ukraine und Belarus stammenden „Tschernobylkindern“ nach Deutschland zwecks medizinischer Behandlung und Erholung verstetigte zivilgesellschaftliches Engagement und rückte abermals Kinder ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit (vgl. Arndt 2020).
Auch in der Pädagogik und in Kinder- und Jugendmedien hat Tschernobyl Spuren hinterlassen. Zum vierten Jahrestag der Reaktorkatastrophe organisierte die aus dem Verein „Mütter und Väter gegen atomare Bedrohung“ hervorgegangene „Frauenaktion gegen Atom“ eine Kinderbuchausstellung zum Thema Umwelt. Die ebenfalls im Archiv Grünes Gedächtnis überlieferte Begleitbroschüre zur Ausstellung enthält eine ausführliche Bibliografie zum Thema „atomare Bedrohung“ für Kinder ab dem Grundschulalter (Frauenaktion gegen Atom/Aktiv gegen Strahlung 1990).
Die ausgestellten Medien waren zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht mehr ein ausschließlich subkulturelles Phänomen eines ohnehin atomkraftkritisch eingestellten links-grünen Milieus, vielmehr eroberten sie auch den Mainstream. Gudrun Pausewangs Roman „Die Wolke“ stürmte Bestsellerlisten, wurde zur verpflichtenden Schullektüre im Deutschunterricht und im Jahr 2006 sogar verfilmt. Der plötzliche, schwer begreifbare Einschnitt in den kindlichen Alltag durch den Reaktorunfall von Tschernobyl veranlasste 1988 die „Sendung mit der Maus“ zu einer ihrer allerersten Sondersendungen. Um Wissensvermittlung und politische Ausgewogenheit bemüht, stand in der „Atommaus“ zwar die Erklärung der Funktionsweise eines Atomkraftwerks im Mittelpunkt, doch vor den Bildern gesperrter Spielplätze sahen sich auch die Autor*innen der Sendung zu nachdenklichen Tönen veranlasst – und bezweifelten, dass das mit dem „Atom“ eine so gute Sache sei. Für die Zukunft, so das Fazit im Kinderfernsehen, müsse einem etwas Besseres einfallen als Atomenergie. Die Sondersendung wurde vielfach wiederholt und nach Fukushima in überarbeiteter Fassung ausgestrahlt. So blieb die Erinnerung an Tschernobyl und eine durch das Atomzeitalter bedrohte Kindheit weit über die in den 1980er-Jahren aufgewachsene Generation präsent (vgl. Brenner 2024).
Quellen- und Literaturverzeichnis
- Arndt, Melanie (2020): Tschernobylkinder. Die transnationale Geschichte einer nuklearen Katastrophe. Umwelt und Gesellschaft, Bd. 21. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
- Brenner, Joachim (2024): Kindheit in der Risikogesellschaft – Tschernobyl in Medien für Grund- und Vorschulkinder. In: Enfance menacée, enfance protégée/Bedrohte Kindheit, beschützte Kindheit/Infanzia minacciata, infanzia protetta. Didactica Historica 10/2024, S. 71–76
- Deutscher Kinderschutzbund, Bundesverband (Hrsg.) (1987): Die Nutzung der Kernenergie und die Zukunft der Kinder. Arbeitspapiere und Protokolle des Diskussionsverlaufs einer Expertenanhörung am 13.2.1987 in Bonn, Hannover.
- Frauenaktion gegen Atom/Aktiv gegen Strahlung (1990): Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geliehen. Kinderbücher zum Thema Umwelt. Archiv Grünes Gedächtnis, SBe 040-13. Berlin.
- Mütter und Väter gegen atomare Bedrohung (1987): Äpfel, Nuss und Mandelkern … Einkaufshilfe für den Weihnachtsteller, Strahlenmeßwerte von Weihnachtsprodukten, Berlin. Archiv Grünes Gedächtnis, A-Kelly 931.