Von Rätseln, Tieren und dem vollkommenen Glück

Von Rätseln, Tieren und dem vollkommenen Glück

Von Rätseln, Tieren und dem vollkommenen Glück

Gerbrand Bakker beim Literarischen Abend. Foto: Stephan Röhl Lizenz: CC-BY-SA Original: Flickr 

6. Februar 2013
Veronika Peters
Einige Kritiker/innen haben ihn einen „Meister der Lakonie und der Kargheit“ genannt: Gerbrand Bakker, der 1962 im niederländischen Wieringerwaad geborene Schriftsteller, der seit 2006 mit Titeln wie „Oben ist es still“ und „Im Juni“ ein breites Publikum begeistert und dafür bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde, war mit seinem neuesten Roman, „Der Umweg“ Gast beim ersten „Literarischen Abend“ des Jahres 2013. Wir Moderatorinnen hatten in der Vorbereitung auf diesen Abend den Roman mit großer Freude gelesen und bekamen bereits vorab reichlich Gesprächsstoff geliefert, wie denn wohl die vielen eingestreuten Hinweise oder die oft nur aus Andeutungen zu erahnenden Hintergründe der Figuren zu verstehen sind. 

„Der Umweg“, 2010 im niederländischen Original und 2012 im Deutschen bei Suhrkamp erschienen, ist ein Buch, dessen Intensität man sich kaum entziehen kann, das lange nachhallt und längst nicht alle Fragen, die es aufwirft, beantwortet. Vielleicht liegt auch gerade darin seine Faszination. 

Eine Literaturwissenschaftlerin aus Amsterdam zieht sich in die Einsamkeit eines verlassenen Bauernhauses in Wales zurück. Was sie dazu bewogen hat, verrät der Roman nur nach und nach, indem er Spuren legt, Anspielungen fallen lässt, die Leser/innen auf die Suche nach der „Geschichte hinter der Geschichte“ schickt. Die Frau, deren richtigen Namen man erst am Ende des Romans erfährt, geht viel spazieren, beobachtet die Landschaft und die Tiere, beginnt den Garten anzulegen. Man ahnt früh, dass diese „Stadtpflanze“, wie sie sich selbst nennt, keine Urlauberin, auch keine Aussteigerin im üblichen Sinn ist, diese Frau sucht etwas anderes in der Abwendung von ihrem bisherigen Leben, das sich zwischen Universitätskarriere, der Affäre mit einem Studenten und dem Alltag mit ihrem Ehemann abgespielt hatte. Ohne ein Wort der Erklärung hat sie dieses Leben zurückgelassen. 

Wir fragen Gerbrand Bakker, der fließend Deutsch spricht, was das nun genau ist, das die Frau da macht: Eine Flucht vor etwas oder eine Hinwendung zu etwas, ein Ausbruch oder ein aktives Handeln? Bakker vermittelt den Eindruck, dass auch er seine Figur nicht völlig enträtseln kann oder möchte und antwortet, dass auch er das nicht so genau weiß, beide Deutungen wären möglich, aber nicht zwingend. Er habe den Roman vielleicht nur deshalb geschrieben, um ein bestimmtes Gedicht von Emily Dickinson zu verstehen und zu übersetzen. Das besagte Gedicht steht sowohl am Anfang des Romans, als eine Art Prolog, als auch am Ende, als Epilog: Zunächst lesen wir das englische Original, dann, als letztes Kapitel, die Übersetzung ins Niederländische, bzw. in der uns vorliegenden Ausgabe in die deutsche Sprache. Als wären die beinahe 230 Seiten dazwischen dieser Übersetzungsarbeit geschuldet, ein Gedanke, der gleichzeitig überrascht und ein neues Licht auf die Geschichte wirft. Emily Dickinsons Werk spielt folglich auch eine zentrale Rolle in diesem Roman: Die „Frau aus Holland“, wie sie die Einheimischen nennen, hat einen Gedichtband von Dickinson in ihrem ansonsten spärlichen Gepäck, und wir erfahren, dass sie an einer Doktorarbeit über die Dichterin arbeitet, mit der sie beweisen möchte, dass Dickinson völlig überschätzt wird. Gleichzeitig gibt sie vor, „Emilie“ mit Vornamen zu heißen, als sie von dem jungen Bradwen, der plötzlich bei ihr auftaucht und sich bei ihr einnistet, danach gefragt wird.

Auch dieses Rätsel wird im Roman nicht aufgeklärt. Wir fragen Gerbrand Bakker, wie sein eigenes Verhältnis zu Emily Dickinson aussieht. Bakker erzählt, ihm sei es genau so ergangen wie seiner Protagonistin. Er habe die Gedichte Dickinsons gelesen und dabei gedacht: ,Da ist aber auch eine Menge Schrott dabei‘. Diese Einsicht habe er dann in seine Geschichte transportiert und seine Figur quasi stellvertretend durchleben lassen. Aber gleichzeitig sei da auch im Lauf der Geschichte die bereits erwähnte Annäherung an dieses eine Gedicht entstanden, das zum Schlüsseltext für dieses Buch wurde. Auch da sei es ihm genau wie seiner Figur ergangen. Die Beziehung zur Dichterin ist also, man könnte vermuten auch bei Bakker selbst, eine gespaltene oder zumindest durchwachsene.

Abgesehen davon, scheint der Frau im Roman etwas Anderes zunehmend wichtiger zu werden als die Abfassung einer Doktorarbeit. Es ist beinahe unmöglich, von diesem „Anderen“, das die Frau umtreibt, zu sprechen, ohne das Ende des Romans vorwegzunehmen, weshalb wir als Moderatorinnen tapfer darum herum zu fragen versuchen. Aber Bakker selbst deutet das Weitere mit einem bewegenden Bild an: Vielleicht sei seine Figur wie eine Katze, die sich an einen einsamen Ort zurückzieht, um zu sterben, auf ihre ganz eigene, selbstbestimmte Art. Und dabei sei sie alles andere als passiv! 

Die Behauptung allerdings, in seinen Werken kämen ansonsten zwar stets unzählige Tiere, aber keine Katzen vor, konnte Hilal Sezgin anhand von Textbeispielen zur allgemeinen Erheiterung widerlegen.

Überhaupt, die Tiere: Sie sind aus dem Werk Bakkers nicht wegzudenken: Kühe, Schafe, Vögel, immer wieder tauchen sie auf, bestimmen das Geschehen mit. Ein ganzes Buch hat Bakker seinen Tierbeobachtungen und Reflexionen gewidmet, die Textsammlung „Komische Vögel - Tiertagebuch“, im Niederländischen unter dem schönen Titel „Eze, schaap en tureluur“ erschienen. Im Fall von „Der Umweg“ sind es besonders die zehn auf dem verlassenen Gelände noch lebenden Gänse, die eine zentrale Rolle spielen. Ihre Zahl verringert sich im Lauf des Romans ständig, obwohl die Protagonistin versucht, sie vor dem Fuchs zu beschützen. Man kann darin vielleicht eine weitere Metapher für das Verschwinden sehen, Bakker gilt nicht zu Unrecht als ein Chronist des untergehenden bäuerlichen Milieus. Er selbst, obwohl auf einem Bauernhof aufgewachsen, lebte die letzten Jahre, während er seine Romane schrieb, in der Großstadt.

Dass er seine Texte nur aus diesem Abstand heraus hätte schreiben können, berichtet er, denn ohne den Blick auf das lebhafte Treiben der Stadt unter seinem Fenster wäre ihm der literarische Blick in die ländliche Abgeschiedenheit nicht möglich gewesen. Seit einiger Zeit renoviert er  ein Haus in der Eifel, und vielleicht, so mutmaßt er, wird er auf dem Land dann auch mal eine Geschichte schreiben können, die im Gewühl der Großstadt spielt. 

Schreiben, so Bakker, das sei für ihn in jedem Fall Glück. Er könne nun schon seit drei Jahren nicht die Zeit und die Energie für einen neuen Roman finden, aber wenn er sich, wie bei „Der Umweg“, ein halbes Jahr lang täglich in die Arbeit des Schreibens versenken dürfe, dann sei das das Beste überhaupt: Beim Schreiben sei er stets vollkommen glücklich.

 

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