Südafrika: Männlichkeit und Befreiung


Südafrikanische Männer mit traditionellem Schild und Speer der Zulukrieger bei einer Volljährigkeitszeremonie. Bild: CharlesFred Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA 2.0 Original: flickr.

28. Februar 2012
Raymond Suttner

Alle südafrikanischen Männer machen, ungeachtet der höchst unterschiedlichen Umgebungen, in denen sie aufwachsen, bestimmte Erfahrungen, die eine gewisse Ähnlichkeit aufweisen. Von früher Kindheit an sind wir darauf sozialisiert worden, dass Männlichkeit und maskulinisierte Identitäten gleichbedeutend damit sind, Teil einer rauen und harten Gesellschaft zu werden. Eine Gesellschaft, in der Körperkraft mitunter genauso oft, wenn nicht sogar häufiger als Geisteskraft bewundert und bejubelt wird. Einer Gesellschaft, die Härte als männliche Eigenschaft vor Sensibilität schätzt. Und in der bei alledem Ethik und Integrität keine sonderlich große Rolle spielen.

Als Schüler konnte ich wegen einer Beinverletzung kein Rugby spielen und fühlte mich deswegen minderwertig, weil das (im sozialen Kontext unserer Gesellschaft) eines der Terrains war, auf dem aus Jungen Männer wurden. Als der Kapitän des Rugbyteams der Universität Kapstadt an unserer Schule eine Ansprache hielt, sagte er, dass das Lernen wichtig, aber Rugby „die Hauptsache“ sei. Ich gehörte zu denen, die ihm am lautesten Beifall spendeten.

Harte, körperbetonte Sportarten und die Angewohnheit, Auseinandersetzungen mit Fäusten oder Messern auszutragen, ziehen andere Formen der Aggression nach sich, einschließlich aggressives Verhalten im Straßenverkehr und andere Spielarten alltäglicher Gewalt. Sie alle sind ein integraler Bestandteil der Kulturen in unserer Gesellschaft und der alltäglich gelebten Erfahrungen in diesem Land.

Dem Apartheidsystem war eine systemische Kultur der Dominanz und Unterdrückung zueigen, und zwar nicht nur aus rassischen Gründen, sondern auch durch den Versuch, Identitäten auf eine Art und Weise zu formen, die die Ungleichheit fortschrieb. Sie verband sich mit und verstärkte die in allen Bevölkerungsgruppen, ob schwarz oder weiß, vorhandenen patriarchalischen Machtstrukturen und bekräftigte ein überkommenes Geschlechterbild, das Frauen keinen Platz ließ oder sie als den Männern Untertan behandelte.

Generell stellte die Apartheidherrschaft weiße Männer als Autoritätsfiguren dar und Afrikaner als Kinder, eine Sichtweise, die der Burengeneral und langjährige südafrikanische Premierminister Barry Herztog 1926 folgendermaßen zusammenfasste: „Neben dem Europäer steht der Eingeborene wie ein achtjähriges Kind neben einem Manne mit großer Erfahrung – ein Kind in der Religion, ein Kind in seinen moralischen Überzeugungen, ohne Kunst und ohne Wissenschaft, ausgestattet mit den einfachsten Bedürfnissen und dem elementaren Wissen darum, diese Bedürfnisse zu befriedigen.

Wenn es je eine Rasse gab, die der Anleitung bedurfte und des Schutzes vor einem anderen Volk, mit dem es in Kontakt gebracht wurde, dann ist es der Eingeborene in seinem Kontakt mit dem weißen Manne.“

Die Infantilisierung der Afrikaner und der afrikanischen Männer im Besonderen war eine Grundlage der fortdauernden rassisch begründeten Dominanz und Unterdrückung. Die Freiheitskämpfer reagierten darauf mit der Zurschaustellung afrikanischer Männlichkeit und wehrten sich gegen diesen systematischen Angriff auf ihr Sein und gegen die noch weiter gehende Oberherrschaft, für die Hertzog und die anderen Architekten der Apartheid standen.

Die Freiheitskämpfe sind durchsetzt mit maskulinen Idiomen und maskuliner Sprache. Die afrikanischen Männer fühlten sich durch die Apartheid entmannt; ihr Kampf um die Freiheit wird deshalb auch als der von Männern beschrieben, die ihre Männlichkeit zurückerobern wollten.

Zugleich waren diese Verweise auf die Männlichkeit jedoch auch mehr als lediglich eine Reaktion auf die Ordnung des kolonialen beziehungsweise Apartheidsystems, die afrikanische Männer als „Jungen“ und als Teil dessen konstruierte, was Hertzog und Jan Smuts als „Kinderrasse“ bezeichneten. In maskulinistischen Begriffen ausgedrückt, gehörte die Forderung nach Freiheit und nach Selbstidentifikation als „Mann“ und nicht als „Junge“ für die afrikanischen Männer mit zum Kampf gegen diese Infantilisierung und um die Wiederaneignung ihrer Rechte.

Rund um die Welt werden Befreiungsbewegungen eher von Männern dominiert und ist auch die dominante Sprache der politischen Identität und des politischen Diskurses mit männlicher Metaphorik durchsetzt.

Von denen, die den bewaffneten Kampf überstehen, und ganz gleich, wie gerecht ihre Sache auch gewesen sein mag, tragen viele ein militaristisches Denken und von Gewalt geprägte Verhaltensweisen mit in die Zeit des Friedens hinein.

Im heutigen Südafrika begegnet uns diese Sprache des Kriegs in Schlachtrufen wie „Kill for Zuma“ – „Tötet für (Präsident Jacob) Zuma“ – und „Shoot to Kill“ – „Schießt, um zu töten“ – oder bei dem Polizeigeneral, der sagt, wir sollten „wieder zu den Speeren greifen“. Wie andere Befreiungsbewegungen auf dem afrikanischen Kontinent auch entstand der ANC als eine Organisation afrikanischer Männer. Frauen stand die Vollmitgliedschaft im ANC erst ab 1943 offen, auch wenn es Hinweise gibt, dass Frauen lange davor schon eine wichtige politische Rolle innerhalb und außerhalb der Organisation gespielt hatten.

Dennoch wird die ANC-Führung auch heute noch von Männern dominiert und ist die Kultur der Befreiungsbewegung nach wie vor eine maskulinisierte.

Wenn Frauen dem ANC beitreten, schließen sie sich maskulinisierten Strukturen an, sprich Organisationen und Institutionen, die durch eine patriarchalische Kultur definiert sind und Frauen oftmals auf ein eingeschränktes Rollenspektrum begrenzen. So sind die meisten strategischen Denker im ANC immer noch Männer und sind so positioniert, dass sie die Kultur und die Form der Beziehungen innerhalb der Organisation prägen.

Mit dem Beginn des bewaffneten Kampfes entstand ein neues Terrain, auf dem Maskulinität einen mit dem Kampf assoziierten Heldenstatus erwarb. Doch die Aggressivität, die ein Krieg erfordert, geht der Aufstellung von Armeen voraus und nimmt auch hinterher noch eine herausragende Stellung ein. Nelson Mandela war Boxer, bevor er Soldat wurde. Wer ein guter Amateurboxer sein will, braucht dafür, heißt es, eine „mönchhafte Disziplin“, und wir wissen, dass dasselbe auch von einem Freiheitskämpfer verlangt wird. Mandela war also keineswegs untypisch.

Ben „TNT“ Lekalaka legte, wie Sydney Seshibedi in The Times schrieb, im Ring eine beeindruckende Karriere als Leichtgewichtler hin und gewann 15 von 22 Kämpfen, 11 davon durch K.O. Nachdem er zwei Mal im Kampf um einen nationalen Titel angetreten war, fand seine Karriere 1976 ein abruptes Ende, als er das Land verließ, um sich dem MK, dem Umkhonto We Sizwe, anzuschließen. Und es gibt noch viele andere raue und harte Aktivitäten, in denen man eine Vorbereitung auf den bewaffneten Kampf sehen kann.

Frauen haben in Südafrika eine bedeutende Rolle in allen Aspekten des Freiheitskampfs gespielt und dabei auch mit die gefährlichsten Aufgaben übernommen. Vor Missbrauch in den Militärlagern hat sie das aber nicht gefeit.

Damit soll nicht gesagt werden, dass alle Soldaten Frauen missbraucht hätten oder alle Frau missbraucht worden wären – aber in der hierarchischen Kommandostruktur waren weibliche Soldaten sehr verwundbar. Das gilt im Übrigen auch für reguläre Armeen. Das US-Militär wurde in den letzten 20 Jahren immer wieder durch Enthüllungen über den sexuellen Missbrauch von Soldatinnen und ähnliche Übergriffe erschüttert. Doch Neigungen müssen sich nicht unweigerlich zur gängigen Praxis auswachsen, und eine Möglichkeit, gewaltsame Maskulinitäten zu verhindern, besteht darin, in der Geschichte des Befreiungskampfes nach solchen männlichen Anführern zu suchen, die für ein alternatives Modell stehen, eines, das Patriarchalismus und Sexismus ablehnt.

Die Geschichte des ANC und des MK kennt viele Beispiele von Anführen und Kämpfern, die in ihrem Denken und in der Praxis die Vorstellung zurückwiesen, nicht Vernunft, sondern ein Akt der Gewalt könnte das endgültige Argument in einer Auseinandersetzung sein.

Mandela war Boxer und Soldat, aber die Bilder und Vorstellungen, die sich um ihn herum ranken, erzählen von einer Weichheit und von Liebe zu kleinen Kindern und allen, die schwach sind.

Dasselbe kann man von Walter und Albertina Sisulu sagen, die manchmal fälschlicherweise als „Gemäßigte“ gesehen werden.

Auch Chief Albert Luthuli war ein starker Mann, der willens war, dem Tod ins Angesicht zu blicken. Schon 1952, als er sich der Forderung der Regierung verweigerte, zwischen dem Freiheitskampf und seiner Stellung als Stammesführer der Zulu zu entscheiden, sah er eine Zukunft vor sich, die ihm Verbannung, Verspottung, Erniedrigung oder sogar den Tod bescheren konnte.

Doch er ließ sich davon nicht schrecken. Er war stark, aber er war auch sanft und kümmerte sich stets mit um seine Kinder. Wenn er, lange nachdem sie schon eingeschlafen waren, noch am Tisch saß und las oder schrieb, deckte er hier ein Kind wieder zu, dem die Decke heruntergerutscht war, oder geleitete ein anderes, das schlafwandelte, zurück ins Bett.

Chris Hani könnte man als südafrikanischen Che Guevara bezeichnen – aber Hani bewies Mut nicht nur im Angesicht des Feindes. Er war im MK auch deshalb so einflussreich und beliebt, weil ihm jeder einzelne Soldat am Herzen lag.

Jedes Mal, wenn seine Leute zum Kampf gegen das Apartheid-Regime über die Grenze nach Südafrika gingen, fragte er alle, ob sie sich sicher waren, dass sie für das, was vor ihnen lag, bereit waren? Ob es irgendwelche unerledigten Dinge gab, die ihre Fähigkeit einschränken könnten, unter widrigen Umständen zu operieren? Hani sah in seinen Soldaten nicht nur Kampfmaschinen, er sah auch die Menschen, mit den ganzen Verletzlichkeiten, die wir alle haben, selbst wenn wir das nicht zugeben möchten.

Die gängigen Vorstellungen von Heroismus beziehen sich stark auf militärischen Heldenmut und legen allzu wenig Wert auf andere Modelle der Maskulinität, wie sie zum Beispiel Führungsfiguren wie Luthuli verkörperten, der militant und kämpferisch war, aber auch sanft und einfühlsam.

Wir müssen Konzepte eines männlichen Heldentums propagieren, die den Menschen als Ganzes sehen, als stark und sanft, als tapfer und als unerschrocken genug, die eigenen Verletzlichkeiten einzugestehen. Indem wir diese anderen Formen des Heroismus entdecken, entdecken wir vielleicht auch Wege, wie wir dem Fluch gewalttätiger Maskulinitäten ein Ende bereiten können.

Die Verbindung zwischen Militarismus und Gewalt gegen Frauen, die ein Thema in der ^am 10. Dezember zu Ende gegangenen Kampagne „16 Tage gegen Gewalt an Frauen“ war, ist eine Aufforderung, die komplexen Beziehungen zu untersuchen, die auch heute noch die politischen Entwicklungen in Südafrika dominieren.

Eine der drängendsten Herausforderungen, vor denen Südafrika heute steht, liegt darin, ein Konzept von Männlichkeit und Maskulinität einzufordern, das eine Vielzahl von Qualitäten feiert, die zum Aufbau konstruktiver und respektvoller Beziehungen zwischen allen Menschen beitragen, die in diesem Land leben. Uns der Art und Weise stellen, wie wir durch Sexismus und Militarismus geformt werden, ist von entscheidender Bedeutung, wollen wir diese uns alle in unseren Grundrechten beschränkende Hierarchie der Rechte durchbrechen.

Ebenso wenig, wie wir Rassismus tolerieren, dürfen wir zulassen, dass das Recht auf Gleichbehandlung der Geschlechter missachtet wird. Und dazu müssen wir vor allem anderen eine Kultur aufbauen, in der Chauvinismus und bloße körperliche Stärke nicht hochgehalten und bejubelt werden.

Die Werte der Verfassung sind Pfeiler, die in allen – privaten wie öffentlichen – Bereichen der Gesellschaft gestärkt, gestützt und ausgebaut werden müssen, wollen wir die in Südafrika grassierende Misogynie erfolgreich bekämpfen.

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Raymond Suttner war im Untergrund für den ANC aktiv und wurde zwei Mal zu Haftstrafen verurteilt. Insgesamt verbrachte er über zehn Jahre in südafrikanischen Gefängnissen. Suttner ist Autor von zwei Büchern – Apartheid’s Prisons (2001) und The ANC Underground (2008) – und (in Teilzeit) Professor an der Rhodes-Universität sowie Professor Emeritus der Universität von Südafrika (UNISA)

Der hier übersetzte Artikel erschien zuerst im „Sunday Independent“.

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