Laudatio zur Verleihung des Anne-Klein-Frauenpreises an Lepa Mlađenović

Monika Hauser ist Gründerin und Geschäftsführerin von medica mondiale.  Foto: Rendel Freud/medica mondiale

27. Februar 2013
Monika Hauser
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde, liebe Lepa,

Dich heute zu ehren, ist mir selbst eine Ehre und auch große Freude. Mit wenigen Worten zu beschreiben, wer Du bist und was Du als lesbisch-feministische Frauenrechts- und Friedensaktivistin alles bewirkt hast, bringt mich jedoch auch in Verlegenheit. Du hast so vieles bewegt, so viele Frauen nicht nur in deinem Land, sondern überall auf der Welt, inspiriert und ermutigt, so viele Denkanstöße zu feministischem Handeln und feministischer Ethik gegeben, dass es mir schwer fällt, auszuwählen.

Du warst und bist prägend für die feministische Theorie und Praxis in Jugoslawien – vor, während und nach seiner gewaltsamen Zerschlagung. Von Dir zu sprechen, heißt daher immer auch über die feministische Bewegung Deines – alten und neuen – Landes zu sprechen.

Ich weiß: Du magst es gar nicht, so prominent hervorgehoben zu werden. Du hast immer wieder betont, dass Du das alles zusammen mit anderen erarbeitet und erkämpft hast. Das ist sicher auch richtig. Und doch möchte ich betonen, dass solche Bewegungen und Organisationen nicht ohne Menschen als Motor entstehen, leben und sich weiter-entwickeln können. Deshalb musst Du das heute hier bitteschön einfach aushalten.

Viele Menschen hier haben kaum mehr als eine vage Erinnerung an das Schicksal Jugoslawiens und seiner Menschen. Aber gerade vor dem Hintergrund der Kriege erscheint Dein - und Eurer aller – unerschütterlich klares und öffentliches Eintreten für demokratische, antimilitaristische und feministische Prinzipien umso mutiger und bewundernswerter. Mehr noch, Deine Integrität und Dein Handeln, liebe Lepa, inmitten des mörderischen serbischen Nationalwahns zeigen, was es heißt, Verantwortung zu übernehmen – eine Haltung, an der es nicht nur in Deinem Land, sondern auch in diesem deutschen Nachkriegs-Land immer wieder mangelt.

Eine persönliche Vorbemerkung noch: Diese Laudatio hat zwei Autorinnen. Sie wurde mitgeschrieben von unserer gemeinsamen langjährigen Freundin, Mitstreiterin und medica mondiale-Mitbegründerin Gabi Mischkowski. Sie kann heute leider nicht physisch anwesend sein, ist es aber umso mehr mit dem Herzen und in unseren gemeinsamen Worten.

Lepa Mlađenović gehört zur feministischen Avantgarde Jugoslawiens, die sich seit Ende der 1970er Jahre gegen die staatlich verordnete Frauenpolitik auflehnte und Alternativen entwickelte. In den 80er Jahren entstanden in Städten wie Belgrad, Zagreb und Ljubljana überall kleine, aber sehr aktive autonome Frauengruppen. Die Schaffung noch so kleiner exklusiver Frauenräume erzeugte in einem Land, das die Frauenfrage gelöst zu haben glaubte und in dem die Einheit der Arbeiterklasse in Gestalt einer einzigen Partei als unantastbar galt, sofort heftigen und sicher auch diffamierenden Gegenwind von oben. Dennoch stelle ich mir diese ersten Jahre auch als eine Zeit vor, die geprägt war von Aufbruchstimmung, Workshops und leidenschaftlichen Diskussionen über Gewalt, Abtreibung, Sexualität, Frauenrechte und vielem anderem mehr – wie an so vielen anderen Orten dieser Welt damals in den 70er und 80er Jahren. Es gab auch Rücken-wind von der immer stärker werdenden Demokratiebewegung, die wiederum wichtige Impulse von den jugoslawischen Feministinnen erhielt.

Doch diese hoffnungsvolle Zeit währte nur kurz. Die nationalistischen, rassistischen und opportunistischen Passagiere, die im Wind der Demokratiebewegung mitsegelten, nahmen überall unübersehbar und unüberhörbar zu. Die Feministinnen in Jugoslawien reagierten darauf, indem sie die neugewonnenen politischen Instrumentarien nutzten: Sie gründeten eine Frauenlobby und organisierten zur ersten Mehrparteienwahl in Jugoslawien landesweit Aufrufe gegen nationalistische Parteien und Kriegstreiber; sie halfen, eine Frauenpartei zur Wahl aufzustellen und initiierten schließlich zum 8. März 1991 ein eigenes Frauenparlament, nachdem die nationalistischen Parteien siegten und der Prozentsatz von Frauen im Parlament schmerzhaft niedrig blieb. Bei all dem war Lepa Mlađenović maßgeblich dabei.

Die rassistische Propaganda wurde stärker und schließlich auch zum Katalysator männlichen Aggressionspotenzials, das sich jenseits von Rasse und Ethnie gegen Frauen richtete und sexualisierte wie häusliche Gewalt explodieren ließ. Lepa Mlađenovićs Antwort darauf war ebenso politisch wie unmittelbar praktisch: Sie gründete eine SOS-Telefonhotline in Belgrad für Frauen und Kinder.

Dann bewahrheiteten sich die schlimmsten Befürchtungen. Der Krieg war da, Jugoslawien hörte auf als Staat zu existieren und die Feministinnen Jugoslawiens fanden sich nicht nur als Bürgerinnen verschiedener Staaten wieder, sondern auch vermeintlich als Angehörige befeindeter Ethnien. Doch sie hielten auch unter den schwierigsten Bedingungen Verbindung und traten offen und demonstrativ für Antinationalismus und Antimilitarismus ein, in Belgrad ebenso wie in Zagreb – in Sarajewo sollte es bald schon nur noch um das nackte Überleben gehen. Für ihr eindeutiges Bekenntnis zum Frieden wurden sie hüben wie drüben erneut als Staatsfeindinnen und Verräterinnen diffamiert, verfolgt und körperlich angegriffen.

Doch sie zogen sich nicht zurück. Und Lepa Mlađenović wäre nicht Lepa Mlađenović, würde sie sich der Verantwortung entziehen – selbst für einen Krieg, den sie nie gewollt hatte. Gemeinsam mit anderen Frauen gründete sie nach israelischem Vorbild die „Frauen in Schwarz“. Seit dem 9. Oktober 1991 standen sie jahrelang, Mittwoch für Mittwoch, deutlich sichtbar im Herzen Belgrads, im stummen aber vielberedten Protest gegen den Krieg. „Ihr sprecht nicht für uns“, so ihre Schilder, „Wir sprechen für uns selbst.“ Sie waren die einzige Antikriegsgruppe in Serbien, die eine derartig öffentliche Präsenz über einen so langen Zeitraum aufrechterhielt – einschließlich der Zeit während des Kosovo-Kriegs 1998/99.

Dass Lepa Mlađenović so kompromisslos die eigene serbische Regierung als Kriegstreiber und hauptverantwortlich für Vertreibungen, Zerstörung der Städte, für Massenmord und Massenvergewaltigung anprangerte, lässt bosnisch-muslimische Frauengruppen bis heute mit großem Respekt von ihr sprechen. Sie organisierte während des ganzen Krieges Hilfe und Unterstützung für traumatisierte Frauen und Mädchen; und gleich nach dem Krieg moderierte sie eine der allerersten Begegnungen von Frauen aus dem muslimisch-kroatischen und dem serbischen Teil des jetzt gespaltenen Landes. Sie half Medica Zenica dabei, in Bosnien-Herzegowina eine der ersten SOS-Hotlines aufzubauen und ließ sich umgekehrt von Medicas Psychologinnen in Psychodrama weiterbilden.

Feministische Analyse und Theoriebildung gehen bei Lepa Mlađenović stets Hand in Hand mit praktischer Frauensolidarität. Sie beteiligte sich noch während des Krieges an der Gründung des Zentrums für Frauenstudien in Belgrad und gab zugleich den Anstoß dazu, die SOS-Hotline um die praktische Unterstützung kriegsvergewaltigter Frauen zu erweitern. Daraus ging dann konsequenterweise das „Autonome Frauenzentrum gegen sexuelle Gewalt“ hervor. Diese Entwicklung zeigt vielleicht besonders deutlich, wie fruchtbar die Fäden sind, die Lepa Mlađenović zu spinnen versteht. Das Zentrum leistet bis heute nicht nur direkte Unterstützung für von Gewalt betroffene Frauen, es wurde zugleich durch Weiterbildungsarbeit zum Ausgangspunkt eines immer breiter werdenden feministischen Netzwerkes von Frauenzentren in ganz Serbien –  einschließlich neuer Abzweige wie etwa das Inzest-Traumazentrum oder das Roma-Frauenzentrum.

Lepa Mlađenović ist nicht nur Feministin, sie ist vor allem lesbische Feministin. Dies ist kein bloß adjektivischer Zusatz. Ihr Lesbisch-Sein bedeutet für Lepa Mladjenovic in einer heute wie damals homophoben Gesellschaft zusätzliche Anfeindungen bis hin zu tätlichen Angriffen. Aber es ist auch eine Quelle ihrer Kraft, ihrer Zuversicht und ihrer spezifischen Beiträge zur feministischen Theoriebildung und Praxis der Frauensolidarität.

Angesichts der Gräueltaten des Krieges wurde innerhalb der Menschenrechts- und Antikriegsgruppen die Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung eine Menschenrechtsverletzung zweiter Klasse. Lepa Mlađenović war jedoch nicht damit einverstanden, eine ihrer Identitäten zu verstecken. Und sie sah zu Recht eine gemeinsame Wurzel zwischen nationalistischem Wahn und Homophobie – den, wie sie später schrieb, „patriarchalen Code vom Hass gegen die anderen’“. Zusammen mit gleichgesinnten Frauen gründete sie 1994 die lesbische Gruppe „Labris“ in Belgrad. Sie begehrten gegen Homophobie auf und wurden dafür verprügelt und von der Polizei verfolgt.

Die Selbstverständlichkeit, mit der Lepa Mlađenović ihr Lesbisch-Sein lebt, ermutigt immer wieder so viele andere Frauen, die Fesseln einer nicht frei gewählten Sexualität und Lebensweise abzuwerfen - nicht nur in den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens, sondern überall auf der Welt, wo Lepa Mlađenović lebt, lehrt, arbeitet und einfach da ist. Ihr Beharren auf Sichtbarkeit ihrer lesbischen Identität ist zugleich ein feministisches Beharren auf einer Ethik der Differenz, der Anerkennung des Anderen.

Bertolt Brecht warnte einmal, auch der Hass gegen die Niedrigkeit und der Zorn über das Unrecht verzerrten die Züge. Er schrieb: „Wir, die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit, konnten selber nicht freundlich sein.“ Nun, er kannte Lepa Mlađenović nicht. Auch wenn sie selbst erschöpft ist, findet sie immer Worte, um andere aufzumuntern, zum Lachen zu bringen, sich besser zu fühlen. Der Ethik der Differenz fügt sie die Frauensolidarität und die Ethik der Sorge um sich und um andere hinzu als Ausgangspunkt und Weg hin zu einer besseren Welt.

Wir sind froh und stolz, Lepa, mit Dir zusammen ein Teil dieser Bewegung zu sein und weiter von dir zu lernen.


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Monika Hauser ist Gründerin und Geschäftsführerin von medica mondiale. 2008 erhielt sie den Alternativen Nobelpreis (Right Livelihood Award).