Spielstand #15: Verfahrene Legitimation

13. Dezember 2010
Von Karin Lenski
Von Karin Lenski

Das Verhältnis von Kultur und Politik trete gewöhnlich vor allem als Gerangel um Subventionen in Erscheinung – so formulierte es Ralf Fücks, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, in seiner Eröffnung der Veranstaltungsreihe Spielstand im Herbst 2006. Je nach Standpunkt erscheine die Kunst in diesen Verteilungsdebatten als teurer Kostgänger oder als Kreativindustrie, die das Zerbröckeln der industriellen Basis kompensieren solle. 

Vier Jahre später stellt sich die Kulturpolitik weiterhin als eine Art Dauerreparaturbetrieb dar. Die Süddeutsche Zeitung vom 2.11.2010 beschreibt die aktuelle Situation für das Land Berlin: „Von 365 Millionen Euro im Kulturhaushalt gehen mehr als 200 Millionen an die Bühnen. Bibliotheken und Musikschulen aber sind oft in erbärmlichem Zustand, den Unwägbarkeiten der Bezirkspolitik überantwortet. Die freie Szene, in der die von Wowereit wortreich geforderte offene, aufgeschlossene, tolerante Gesellschaft Ereignis wird, erhält gerade einmal zehn Millionen Euro im Jahr.“

Die vorerst letzte Ausgabe des Spielstands widmete sich am 7. Dezember 2010 in den Sophiensaelen der schwierigen Debatte über den derzeitigen Stand und die Perspektiven von Kulturpolitik und führte sie damit zurück an den Ausgangspunkt der Reihe. Unter der Gesprächsleitung von Jens Bisky diskutierten Kathrin Tiedemann (Forum Freies Theater Düsseldorf), Veit Sprenger (Mitglied des Performance- und Theaterkollektivs „Showcase Beat Le Mot“), der Publizist und Migrationsforscher Mark Terkessidis (Publizist) sowie die grüne Kulturpolitikerin Alice Ströver (MdA Bündnis 90/ Die Grünen) darüber, wie eine nachhaltige und inklusive Kulturpolitik für das nächste Jahrzehnt aussehen könnte.

Gibt es überhaupt eine Krise?

Die provokante Eingangsfrage von Moderator Jens Bisky, mochten die Vertreter der freien Theaterszene – Kathrin Tiedemann und Veit Sprenger – so pauschal zunächst nicht bejahen. Eine Krise sehe sie am Theater noch nicht, so Tiedemann, durchaus aber Krisensymptome. Man merke, dass die Ansprüche an das Theater wachsen, es solle heute Antworten auf alle möglichen gesellschaftlichen Fragen bieten. Die schwierigen Lebensbedingungen der freien Künstler, die zunehmend unter den gesundheitlichen Folgen von Stress und Selbstausbeutung leiden, seien dagegen unübersehbar. Für ihre Produktionsstätte, das Forum Freie Theater, liest sich der Arbeitsnachweis so: Zehn Leute bewerkstelligen 300 Veranstaltungen im Jahr, die von 20.000 Zuschauern wahrgenommen werden.

Auch Veit Sprenger verwies auf den immer schnelleren Rhythmus in der Branche: Ein größerer Output pro Zeiteinheit werde heute geradezu erwartet. Wo man früher ein Stück pro Jahr inszenierte, seien es heute vier. „Wir versuchen da schon, etwas downzugraden, aber so richtig möglich ist das nicht.“ Kürzere Laufzeiten der Stücke zwängen unweigerlich dazu, sich immer neu zu erfinden. Problematisch sei vor allem die wachsende Bürokratisierung, die mit der Stückelung von Fördergeldern einhergehe und dazu führe, dass Aufwand und Ergebnis in zum Teil „merkwürdigem Verhältnis“ (Tiedemann) stünden. Pro freier Produktion gebe es heute zwei bis vier austragende Städte, die im Gerangel um größtmögliche mediale Aufmerksamkeit alle für sich die Premiere beanspruchten. Mitunter führe dies zu absurden Konstruktionen wie der „Voraufführung zur österreichischen Vorpremiere der deutschsprachigen Uraufführung“, so Veit Sprenger.

„Neofeudale Strukturen“

Kritisch sah Mark Terkessidis die Frage der Teilhabe innerhalb einer Gesellschaft mit einer im internationalen Maßstab reichhaltigen kulturellen Infrastruktur. Wer ist eigentlich das „Publikum“ und wer soll am Kulturbetrieb partizipieren? Die großen Theaterhäuser als hochsubventionierte Institutionen müssten sich der Aufgabe stellen, ein neues Publikum zu generieren, forderte Terkessidis. So könne es nicht sein, dass große Summen des Kulturetats in Bereiche fließe, von denen ein großer Teil der Bevölkerung nahezu komplett ausgeschlossen sei. Den demographische Wandel und der zunehmende Anteil an jungen Menschen mit Migrationshintergrund in einer Stadtöffentlichkeit könne nicht einfach ignoriert werden zugunsten eines „bonbonlutschenden Bildungsbürgertums“.

Im kulturpolitischen Diskurs gehe es seiner Meinung nach vor allem um Besitzstandswahrung und die Verteidigung von Privilegien. In einigen hochsubventionierten Häusern agierten Intendanten quasi als Fürsten an ihrem Publikum vorbei und spiegelten damit wenig durchlässige Strukturen. Veit Sprenger ergänzte, dass eine größere Durchlässigkeit von Kulturbetrieben keinesfalls nur als Einbahnstraße zu denken sei: „Wenn Nurkan Erpulat am Ballhaus Naunynstraße inszeniert, fühle ich mich als Integrierter.“

Existenz alleine reicht nicht

Kümmern wir uns also mehr um den Erhalt von Objekten als um Inhalte? An der Absurdität, in Berlin drei Opernhäuser zu finanzieren, während kleine Theater geschlossen würden, komme man nicht vorbei, so Bisky. Noch deutlicher sei dies zu beobachten am Beispiel der Hamburger Elbphilharmonie, deren Bau auf Kosten der finanziellen Spielräume für die freie Szene gehe. „Dort wurde in den letzten Jahren ein Dschungel abgeholzt und Kunstrasen ausgelegt“, sagte Veit Sprenger. Er prognostizierte, dass man in Hamburg schon bald wieder nach der Antriebsenergie der freien Szene Ausschau halten werde, „um den Kunstrasen einzuparfümieren, damit er authentisch wirkt.“

Woran lässt sich aber der Erfolg von Theaterarbeit messen – sind Kriterien wie Auslastung, Feuilleton oder Publikum dafür geeignete Indikatoren? Als Kulturpolitikerin interessierten sie Auslastungszahlen weniger als die Frage, wie Inhalte vermittelt werden, so Alice Ströver. Aber seien Kulturhäuser – wie etwa zur Zeit des Mitbestimmungstheaters an der Berliner Schaubühne in den 70ern – heute noch Zentren des gesellschaftlichen Diskurses? Dieser Frage müssten sich Institutionen ehrlich stellen, denn: „Existenz alleine reicht definitiv nicht mehr.“ Alice Ströver kam zu der Bewertung, dass eigentlich eine komplette Revision der Kulturförderung nötig wäre: „Man müsste grundsätzlich alle Erbhöfe in Frage stellen.“ Aber auch die Freie Szene sei ihrerseits aufgefordert, den gesellschaftlichen Druck auf die Politik zu erhöhen, indem sie beispielsweise auf angemessene Honorare besteht, die sich an denen der etablierten Künstler im Subventionsbetrieb zu orientieren hätten.

„Körperliches Wohlgefühl“

Was also legitimiert die Förderung von Kunst und Kultur? Kathrin Tiedemann fände es problematisch, „wenn das Verhältnis zum Theater nur über den Staat oder einen Bildungsauftrag organisiert wird“. Um den Aufklärungsgedanken oder Identität könne es heute nicht mehr gehen, so Terkessidis. Dem Zeitgeist entspreche wohl am ehesten das Bedürfnis nach kurzfristigen Stimuli, die ein körperlich positives Grundgefühl erzeugten. Diese Einschätzung forderte den anwesenden Ulrich Khuon, Intendant am Deutschen Theater, heraus. Für ihn bliebe es die Grundfrage des Theaters, inwiefern die Gesellschaft gemeinschaftsfähig ist und wie sie auf der Bühne abgebildet wird. Er verstehe Institutionen lediglich als Gefäße, die es inhaltlich zu füllen gelte – was umgehend weitere Fragen nach dem Begriff von Repräsentation in einer zunehmend fragmentierten Gesellschaft nach sich zog.

So zeigt sich, dass die Arbeit von Kulturschaffenden immer neu ästhetisch und konzeptionell begründet werden muss, will man sie vor überstürzten Eingriffen bewahren. Die Verteilungskämpfe, die faktisch zwischen den Sparten, vor allem aber zwischen den Institutionen und der freien Szene bestehen, sind für die breitere Öffentlichkeit selten genügend nachvollziehbar. Mit bundesweiten Aktionen und Aktivitäten vor Ort soll nun am 21. Mai 2011, dem UNESCO-Welttag der Kulturellen Vielfalt, auf die finanziell schlechte Lage vieler Kultureinrichtungen aufmerksam gemacht werden. Der Aktionstag soll als Protest gegen den massiven Kulturabbau in Deutschland dienen und wurde bei der diesjährigen Mitgliederversammlung des Deutschen Kulturrates beschlossen. Ein hehres Ziel, das dennoch allzu bemüht erscheint. Mitmachen mochte dort jedenfalls keine/r der Anwesenden.

© Michael Rudolph, Andreas Töpfer

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