Green Deal Nigeria – Alternativen zum Öl

Green Deal Nigeria – Alternativen zum Öl

Dokumentation

Green Deal Nigeria – Alternativen zum Öl

Die Bloggerin und Aktivistin Azeenarh Mohammed.
Foto: Heinrich-Böll-Stiftung

11. Dezember 2012
Gary Wright

In den letzten Monaten hat Nigeria aufgrund der angespannten Sicherheitssituation im Land immer wieder für Schlagzeilen gesorgt: Meldungen über die islamistische Gruppierung Boko Haram, Ex-Rebellen im Niger Delta, nigerianische Streitkräfte in Mali dominieren die Nachrichten. Doch gibt es ein weiteres drängendes Sicherheitsrisiko für das Land und die Bevölkerung: den Klimawandel und dessen verheerende Auswirkungen. Wie in vielen afrikanischen Ländern sind die Auswirkungen des Klimawandels schon seit Jahren spürbar. Hierbei ist Nigeria nicht nur Leidtragender, sondern emittiert u.a. durch seine Ölförderung auch große Mengen an CO2.

Eben diesem Problem ging die Heinrich-Böll-Stiftung in Nigeria nach und veröffentlichte zur Vorbereitung auf die Rio +20-Konferenz der Vereinten Nationen zur Nachhaltigen Entwicklung ihre Studie „Green Deal Nigeria“. Das Green-Deal-Nigeria-Projekt möchte eine landesweite Diskussion über eine alternative Zukunftsvision Nigerias einleiten, die den Bürgern dieses erdölreichen Landes die Möglichkeit geben soll, ihr Geld ohne Korruption und außerhalb des Ölsektors zu verdienen. Es geht also darum, wie Nigeria bis zum Jahr 2020 grün umgestaltet werden kann und die Studie erläutert die Maßnahmen, die das Land unternehmen muss, um das Wirtschaftswachstum im Sinne der 90 Prozent der armen Bevölkerung anzukurbeln.

In Berlin, London und Abuja wurde eine Serie von öffentlichen Veranstaltungen zu Green Deal Nigeria begonnen, auf denen drei junge nigerianische Aktivist/innen und Blogger/innen diese alternative Zukunftsvision aus ihrer Sicht erläutern. Die Blogger/innen sind scharfe Kritiker der Korruption in Politik und Wirtschaft und wollen das korrupte System mit grünen, partizipativen Systemen ersetzen, wie zum Beispiel mit dezentralem Strom aus erneuerbaren Energiequellen, der für Millionen von nigerianischen Frauen und Jugendlichen eine soziale Revolution darstellen würde (momentan haben nur circa 40 Prozent aller Nigerianer Zugang zu Strom).

Unterlegt von Statistiken und bewegenden Filmaufnahmen aus ihrer Heimat, veranschaulichten die Sprecher/innen diverse Aspekte der nigerianischen Erdölindustrie, mögliche Zukunftsperspektiven der Landwirtschaft sowie grüne und nachhaltige Technologien für das Land. Nigeria, so der Tenor des Abends, sei zwar noch weit entfernt von einer nachhaltigen Energiepolitik, aber gerade wegen der Rückständigkeit von Politik und Entwicklung drängen die jungen Leute auf moderne Leistungen, die dem „Giganten Afrikas“ seinen Stolz zurückgeben würden. Die drei Bloggers sind alle Teil der Occupy Nigeria Bewegung, die Anfang 2012 den politischen und wirtschaftlichen Eliten des Landes mehr Transparenz und Bürgerorientierung abfordern

Vertreter einer neuen Energiepolitik

Der Aktivist und Blogger Japheth Omojuwa eröffnete die Green-Deal-Nigeria-Veranstaltung mit Einblicken in die nigerianische Erdölindustrie. Nigeria, als drittgrößter Rohölexporteur weltweit, nehme im Jahr durchschnittlich 60 Milliarden US-Dollar ein. Einnahmen, von denen die Bevölkerung nur wenig profitierte, da mehr als die Hälfte der Erlöse direkt an diverse Interessenvertreter, Mittelsmänner und Unternehmen der Erdölindustrie fließen. Zudem fehle das inländische wirtschaftliche und technologische „Know-How“ im Erdölsektor fast gänzlich. Diverse Vertragsabkommen verlangten, dass sämtliche Materialien und Ausrüstungsgeräte, die für die Erdölerforschung und Förderung benötigt werden, im Ausland produziert werden. Die fehlende Transparenz in diesem Sektor führe zudem zu enormer Korruption auf wirtschaftlicher und politischer Ebene.

Omojuwa wies auf ein weiteres Problem hin. Erdöl, so der Blogger, sei keine unendliche Energie- und Einkommensquelle. Momentan falle es Nigeria bereits schwer 3 Milliarden Barrel Rohöl am Tag zu produzieren – ein Output der sich in den kommenden Jahren noch verringern werde. Die unausweichliche Tatsache, dass das Erdöl in den kommenden Jahren als nationale Einnahmequelle versiege, spiele die Regierung jedoch systematisch herunter.

Omojuwas Präsentation malte jedoch nicht ausschließlich ein düsteres Bild von Nigerias Energiezukunft. Es gebe durchaus unterstützenswerte Ansätze einer neuen innovativen Energiepolitik, die nicht nur auf fossilen Brennstoffen basiere, sondern auch eine umfassende Bandbreite an alternativen, grünen und nachhaltigen Energiequellen beinhalte. Der Blogger forderte die Einrichtung einer Nationalen Energiekommission, die sich nicht nur mit Öl und Gas beschäftigen solle, sondern ein ganzheitliches Konzept für die Energieversorgung der nächsten 50 bis 100 Jahre vorlegen solle. Im Moment produziert Nigeria 4,000 Gigawatt Strom für 160 Millionen Bürger (verglichen mit 80,000 Gigawatt in Deutschland). Im Jahr 2030 wird das Land 192,000 Gigawatt brauchen. Omojuwa gab zu, dass die reichlichen Gasvorkommen Nigerias zwar keine grüne Energiequelle darstellten, dass Gas aber als Übergangslösung genutzt werden solle, um Millionen von arbeitswilligen Nigerianern und Nigerianerinnen den Strom dazu zu liefern. Andernfalls gäbe es weitere Zuströme zu extremistischen Gruppen wie Boko Haram.

Zurück in die Zukunft – Vorteile einer nachhaltigen Landwirtschaft

Vor dem Beginn der industriellen Erdölförderung Mitte der 1950er Jahre basierte ein Großteil des Nationaleinkommens Nigerias auf der Landwirtschaft – heute befindet sich der Anteil der Agrarindustrie auf einem Rekordtief und ein Großteil der Agrarprodukte werden importiert. Mercy Abang, Bloggerin und Landwirtschaftsaktivistin, plädierte für die (Wieder-)Zuwendung zu einer nachhaltigen Landwirtschaft, mit der man die bereits allgegenwärtigen Folgen des Klimawandels abmildern könnte. Klimawandel sei in Nigeria schon längst keine abstrakte Bedrohung mehr, sondern sorge für verheerende Überschwemmungen sowie gewaltige Bodenverluste durch Wüstenbildung und Erosion. Die Folgen, wie steigende Nahrungsmittelkosten und Einschränkungen der Bewegungsfreiheit der Menschen und der dadurch entstehende ökologische und wirtschaftliche Druck, schürten wiederum zivile Unruhe.

Nigerianische Bauern kamen in Videos selbst zu Wort. Diese berichten von ihrer sicheren Existenzgrundlage und den positiven Auswirkungen nachhaltiger Anbaumethoden: durch den Einsatz von klimaresistentem Saatgut konnte Hunger vermieden werden, die Ernten sind durch die bessere Informations-Vernetzung von Bauern deutlich gestiegen. Nachhaltige Landwirtschaft, so die Erfahrungen der Bauern, könnte Bodenerosion verringern und in manchen Fällen sogar verwüstetes Land in grüne Produktionsflächen verwandeln.

Die Aktivistin Abang begrüßte das steigende Interesse junger Nigerianer/innen in die Landwirtschaft, einen landesweiten auf die Landwirtschaft fokussierten Bildungsplan gebe es aber nicht. Der sei jedoch zwingend notwendig, um die Jugend mit der notwendigen Agrarexpertise auszubilden. Eine engere Kooperation zwischen Agrar- und Bildungsministerium könnte hier der Weg in die richtige Richtung sein.

Grüne Technologieentwicklung - lokal und nachhaltig

Abgeschlossen wurde die Veranstaltung von einem Beitrag der Aktivistin und Bloggerin Azeenarh Mohammed, die dem Publikum Eindrücke in die technologischen Entwicklungen von nachhaltigen Energiequellen verschaffte. Azeenarh ist der Meinung, dass grüne und nachhaltige Energietechnologien sich die „Bocksprung“-Entwicklung der nigerianischen Kommunikationsindustrie zum Vorbild nehmen sollten: von Null auf fast landesweite Mobilnetze in einer Dekade. So sollte es auch mit der Stromversorgung passieren: Nigeria habe genug Solarpotential und mehr als 4,000 Standorte für kleine Wasserkraftwerke, so dass die dezentrale Stromversorgung bereits heute beginnen könnte. Der Markt für Erneuerbare Energien in Nigeria ist kleiner als der markt in viel kleineren Ländern wie z.B. Kenya. Trotzdem zeigte Arzeenarh Videobeiträge von solarbetriebenen Wasserpumpen, die zeigten, wie kleinere Gemeinden mit Erneuerbaren Energien finanziell und gesundheitlich besser dastehen: der Anführer der Dorfjugend betonte, es hätte seit dem Auftauchen des solarbetriebenen Wassertanks keine Cholera und keine Magen-Darm-Krankheiten in seinem Dorf gegeben.

Das größte Hindernis auf dem Weg zur grünen Energieversorgung sei der Mangel an politischem Willen, so Azeenarh. Es gäbe zwar genug Politiken auf Papier, aber es werde kaum etwas umgesetzt, und auch die Regulierungsbehörden seien so inaktiv, dass sich Billigprodukte auf den nigerianischen Markt einschlichen – besonders im Solarbereich, die den potentiell sehr lukrativen Markt im Keim erstickten, weil die Produkte nach kurzer Zeit auseinander fielen.

„There is no Planet B and there can be no Plan B“

Omojuwa, Abang, Mohammed und Nollywoodschauspieler Ejike Asiegbu, der als internationaler Botschafter der Umweltbewegung in Nigeria die Green Deal Nigeria Veranstaltung unterstütze, waren sich einig, dass eine der größten Hürden zur nachhaltigen Energieproduktion in Nigeria die institutionelle Korruption sei, die durch die intransparenten Einflüsse der fossilen Brennstoffindustrie und das Eigeninteresse vieler Politiker geschürt würde. Zwar gebe es seit den 1980er Jahren seitens der Regierung immer wieder das Versprechen Energiereformen durchzuführen, doch handele es sich hierbei meist um bloße Lippenbekenntnisse.

Dennoch, so stimmten die Panelisten überein, würde ein stetig wachsender Teil der Bevölkerung am politischen Diskurs des Landes teilnehmen. Die drei Blogger seien ein Beweis dafür, dass diese Teilnahme besonders durch die sozialen Medien enorm gefördert würde. Mehr politische Verantwortung, so die Hoffnung der Panelisten, ermögliche eine grüne und nachhaltige Energiezukunft für Nigeria. Denn, so das Fazit des Abends: „There is no Planet B and there can be no Plan B“.

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Die nächsten Green-Deal-Nigeria-Veranstaltungen finden in mehreren Landesteilen Nigerias statt. Die Diskussion kann auf dem Webportal greendealnigeria.org und dem Twitter Hashtag #greendealnigeria verfolgt werden.

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