Mit List zur Quote: Genderarbeit der Heinrich-Böll-Stiftung in Somalia

Mit List zur Quote: Genderarbeit der Heinrich-Böll-Stiftung in Somalia

Mit List zur Quote: Genderarbeit der Heinrich-Böll-Stiftung in Somalia

Asha Hagi. Foto: © RLA

Renate Wilke-Launer

Somalia ist seit 1991 im Krieg, es gab in den letzten 17 Jahren 14 Friedensabkommen, die alle gescheitert sind. Kein Wunder, dass man Somalia einen gescheiterten Staat nennt. Aber ich gehe davon aus, dass das nicht das letzte Wort für mein Land ist.“ Asha Hagi, Mitglied des somalischen Parlaments, hat diesen Ausblick im September 2008 formuliert. Ein halbes Jahr später sieht es so aus, als ob sie Recht behält. Ahmedou Ould-Abdallah, der Sonderbeauftragte des UN-Generalsekretärs für Somalia, erklärte dem Sicherheitsrat in New York im März 2009, das Land stehe „nicht mehr am Abgrund“. Das in Djibouti ausgehandelte 15. Friedensabkommen hält bislang, in Mogadischu gibt es wieder eine Regierung.

Beteiligung an den Friedensverhandlungen

Asha Hagi hat für dieses Friedensabkommen gekämpft. Als sie im Dezember 2008 mit dem "Right Livelihood Award" (oft "Alternativer Nobelpreis" genannt) ausgezeichnet wurde, würdigte der UN-Sonderbeauftragte Ould-Abdallah ihr unermüdliches Engagement für Frieden und Stabilität: „Sie hat es mit all ihrer Energie getan.“

Und sie hat es über all die Jahre getan. 1992 hat sie zusammen mit anderen Frauen „Save Somalia Women and Children“ (SSWC) gegründet. Wie sie selbst waren auch ihre Mitstreiterinnen gut ausgebildet, viele saßen aber zwischen zwei Stühlen, weil sie Männer aus anderen Clans geheiratet hatten. Das war zum Höhepunkt der Feindlichkeiten eine extrem ungemütliche Position, weil die Herkunftsfamilie sie nun den Feinden zurechnete und die Schwiegerfamilie ihnen nicht traute. Asha Hagi bekennt freimütig, wie sehr sie darunter gelitten habe. Aber dann hat sie sich darauf besonnen, dass die einzige Identität, die ihr niemand absprechen kann, die ist, eine Frau zu sein.

Auf dieser Basis hat sie den Mangel - an eindeutiger Clan-Zugehörigkeit – einfach positiv gewendet und daraus einen Vorteil – den einer Botschafterin zwischen den Clans – gemacht. Später entstand daraus die Idee eines „sechsten Clans“, dem Clan der Frauen. Und dieser Clan machte Beteiligung an den Friedensverhandlungen geltend. 92 Somalierinnen versammelten sich am 2. Mai 2000 vor dem riesigen Militärzelt im djiboutischen Arta: „Wir wussten, dass Frieden nur dann entsteht, wenn wir uns über die Clan-Grenzen hinweg versöhnen“, sagte eine Delegierte später, „wenn Warlords und Milizienführer hier nur offiziell miteinander verhandeln, kann das nichts werden“.   

Mit List zur Quote

Die Frauen wollten eine Quote, doch für viele Männer war es schlicht unvorstellbar, sich von einer Frau repräsentieren zu lassen. Nach zähem Ringen konnten die Frauen schließlich eine Mindestzahl von 25 Frauen in der 245-köpfigen Übergangsnationalversammlung durchsetzen. Der „sechste Clan“ versteht sich keineswegs nur als Vertretung der Frauen, sondern auch als Repräsentantin gemeinsamer somalischer Interessen und als Mittlerin zwischen den verfeindeten, von Männern geprägten Gruppen.

Bei der nächsten Runde der Friedensverhandlungen gehörte Asha Hagi als Vertreterin des sechsten Clans zu den Unterzeichnern des Abkommen. Die Übergangsverfassung von 2004 sieht vor, dass mindestens 12 Prozent der Parlamentarier Frauen sein sollen, tatsächlich waren es im August 2008 nur acht Prozent. Asha Hagi hat die Erfahrung machen müssen, dass sich manche Frauen von den Männern benutzen ließen. „Es kommt eben nicht nur auf die Quantität, sondern auch auf die Qualität an“ – wieder hat sie eine strategische Lehre gezogen.       

Das Regionalbüro Nairobi der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt Asha Hagis Arbeit seit 2002, begleitet auch ihren Kampf gegen die in Somalia weit verbreitete Beschneidung von Frauen  Save Somalia Women and Children ist in Somalia eine der wichtigsten NGOs und arbeitet dort seit Jahren unter schwierigen, oft extremen Bedingungen. SSWC leistet humanitäre Arbeit, bildet aber auch aus: Die Organisation hat ein Computertrainingszentrum eingerichtet, „um Somali Frauen zu ermöglichen, die neueste Technologie zu nutzen“.

Vor allen Dingen aber hat SSWC in den letzten Jahren Grundlagen dafür geschaffen, dass Frauen mitreden können, wenn - wie im Februar 2009 erfolgt - Parlament und Regierung nach Mogadischu zurückkehren. Ende Juli 2006 hat SSWC einen Women’s Political Caucus ins Leben gerufen, um Konflikte zu entschärfen und Frauen eine Stimme zu geben. Ihm gehören eine Reihe prominenter Somalierinnen an, und er hat es schnell geschafft, als Interessensvertretung der Frauen und Stimme in nationalen Belangen in Südzentral-Somalia anerkannt zu werden. Der Caucus hat sich seither jeden Monat getroffen, nur ein einziges Mal, im April 2007, musste die Sitzung aus Sicherheitsgründen ausfallen.    

Gender-Foren

Alle zwei Monate gibt es außerdem ein Gender-Forum, zu dem im Schnitt 40 Männer und Frauen kommen. Beim 3. Gender-Forum am 27. und 28. November 2006, einer Phase relativen Friedens,  war der Raum im „Hotel Peace“ in Mogadischu mit 120 Teilnehmerinnen und Teilnehmern bis zum letzten Platz gefüllt. SSWC hatte dazu Sheikh Sharif Sheikh Ahmed, den Vorsitzenden der Union of Islamic Courts (UIC), seinen Stellvertreter und viele Abgeordnete des Übergangsparlaments eingeladen. „Wir sind nicht konfrontativ, wir wissen schon, wie man so etwas macht“, sagt Asha Hagi. Obwohl die Frauen geschickt und mit Takt argumentierten, meinten einige der UIC-Herren hinterher allerdings doch, diese Frauen drängelten zu sehr.        

Asha Hagi hat von Nairobi aus, wo sie aus Sicherheitsgründen leben musste, den Kontakt zu Sheikh Sharif Sheikh Ahmed gehalten; heute ist er Präsident des Landes.

Diskutiert wird auch bei den Gender-Foren nicht nur über Frauenfragen, sondern über alles, was für die Zukunft wichtig ist. Um trotz der prekären Sicherheitslage möglichst viele Menschen teilhaben zu lassen, werden alle öffentlichen Veranstaltungen von Radiosendern übertragen. „Wir haben von Anfang an großen Wert darauf gelegt, die Medien zu nutzen“, betont Asha Hagi.

„Der Caucus hat das Verständnis für Gender-Fragen und die Probleme auf dem Weg zum Frieden verbessert“, urteilt Abdulkadir Hassan Shirwa, der die Arbeit von SSWC im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung untersucht hat. „Wenn man bedenkt, unter welch extrem schwierigen Bedingungen SSWC arbeitet und was einige der Mitarbeiterinnen und viele der Frauen des Caucus an lebensbedrohlichen Erfahrungen gemacht haben, staunt man einfach nur, wie dieses Projekt überhaupt gelingen konnte.“

Der Text ist der Broschüre der Heinrich-Böll-Stiftung "Geschlechterpolitik macht einen Unterschied" entnommen.

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