„Nachhaltigkeit nicht von Architektur trennen“

Luyanda Mpahlwa ist Architekt und Mitglied des Beraterstabs des South African Local Organising Committee für Stadionkonstruktion im Rahmen der FIFA-Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika. Nach mehrjährigem Gefängnisaufenthalt auf Robben Island infolge seines politischen Engagements in der Anti-Apartheid-Bewegung absolvierte er 1997 im deutschen Exil an der TU Berlin sein Architekturstudium. Nach seiner Rückkehr nach Südafrika leitete er das Architekturbüro MMA Architects in Kapstadt. Mittlerweile hat er sich selbständig gemacht und das Architekturbüro DesignSpaceAfrica gegründet.

20. Mai 2010
Von Christian Eichenmüller

Das Interview führte Christian Eichenmüller

Herr Mpahlwa, Berlin ist Ihnen nicht fremd. Sie haben hier lange Zeit gelebt und studiert. Wie ist es für Sie wieder in Ihre frühere Wahlheimat zurückzukehren?

Ich fühle mich sehr mit Berlin verbunden. Durch die Stadt zu spazieren, das Grün des Tiergartens zu sehen und das Leben auf den Strassen und in den Cafés zu genießen, das bringt schon wirklich sehr gute Erinnerung zurück.

Beim Mauerfall waren Sie in Berlin. Wie empfinden Sie die Stadt heute – sowohl architektonisch als auch aus persönlicher Perspektive?

Bemerkenswert finde ich, dass die Stadt heutzutage dichter bebaut ist, als ich sie in Erinnerung habe. Ich kann mich gut erinnern, wie interessant es für mich war als Architekturstudent in Berlin zu arbeiten. Ich brauchte mich eigentlich nirgends zu bewerben. Es kamen ständig drei, vier, fünf Anrufe mit der Frage: ‚Kannst du einsteigen? Wir haben dieses und jenes Projekt.’

Ich erinnere mich, wie wir den Bau des Potsdamer Platzes beobachtet haben. Damals war auch die Nachhaltigkeit der Stadtentwicklung Berlins im Gespräch. So wurden beispielsweise Maßnahmen zur Kontrolle des Wasserspiegels während der Tiefbauarbeiten diskutiert, damit der Tiergarten nicht austrocknet. Es war wirklich interessant als Architekt die Wendezeit und die darauffolgenden Veränderungen auf diese konkrete Art und Weise zu erfahren. Aber auch die politische Aufbruchstimmung zu erleben war eine Bereicherung. Gleichzeitig waren die Parallelen zu Südafrika für mich sehr stark. Die Freilassung Nelson Mandelas und die Wiedervereinigung fanden ungefähr zur selben Zeit statt. Ich war hier und dachte, zuhause passiert etwas Ähnliches.

Sie haben als Architekt mehrere Preise gewonnen und treten für einen nachhaltigen Architekturstil ein. Was heißt das in Bezug auf Ihr Arbeitsumfeld in Südafrika konkret? Lässt sich Nachhaltigkeit auch im Alltag der Townships architektonisch verankern?

Durch meine Ausbildung kann ich Nachhaltigkeit nicht von Architektur trennen. Ich hatte hier an der Technischen Universität Berlin sehr gute Professoren, die sich mit green design, aber auch mit Nachhaltigkeit in Entwicklungsländern beschäftigt haben. Das hat mich auf die Frage aufmerksam gemacht, was nachhaltige Architektur in meinem eigenen Land bedeutet.

Es ist allerdings in Ländern wie Südafrika nicht einfach Nachhaltigkeitsprinzipien umzusetzen. Die Baubranche und der Wohnungsmarkt sind von konventionellen Methoden und Materialien dominiert und meistens fehlt die notwendige Technologie. Es wird wenig mit neuen oder alternativen Methoden experimentiert und die meisten Projekte im Township sind low budget. Dennoch finde ich es für unser Büro wichtig, dass wir versuchen Alternativen durchzusetzen. Eines der interessantesten von uns entworfenen Projekte war das 10x10 Sandbag low cost house – ein Pilotprojekt im Township von Mitchells Plein in Kapstadt. Dieses Projekt war wirklich einmalig. Die Häuser wurden mit sandgefüllten Kisten und Holzrahmenkonstruktionen errichtet. Wir haben insgesamt zehn Häuser dieser Art gebaut und sind 2008 dafür sogar mit einem Architekturdesign-Preis der Universität Kentucky ausgezeichnet worden. Allerdings war es schwierig die Leute zu überzeugen, dass es eigentlich ein normales Haus sein wird – sogar mehr als das. Klimatisch gesehen hat die Bauweise absolute Vorteile, da der Sand sehr gut isoliert.

Ein solches Projekt ist aber auch mit viel Arbeit und Zeit verbunden. Man muss eben experimentieren, um Lösungen zu finden. Das ist wahrscheinlich in fast allem so. In der Architektur ist dann immer die Frage, ob der Bauherr bereit ist so weit zu gehen. Alternative Baumethoden und green design sind teurer als das Konventionelle. Ich weiß dieses Gebäude hier ist ein green building (Anmerk. Stiftungsgebäude der Böll-Stiftung) und ich sehe, dass es nicht billig ist. Viele Bauherren wollen kein Geld dafür ausgeben, wenn man allerdings langfristig denkt überwiegen die Vorteile. Das ist genau dieser Lernprozess für Architekten. Wir müssen die richtige Technologie finden und die Bauherren müssen bereit sein zu glauben, dass es besser ist und es sich lohnt dafür Geld auszugeben.

Glauben Sie, dass sich eine solche innovative und nachhaltige Bauweise in Südafrika durchsetzen kann?

Mit viel Geduld und viel harter Arbeit. Aber es wird noch Zeit brauchen, weil Bauherren in der Regel schnell bauen, wenig Geld ausgeben, aber Paläste errichten wollen.

…es bleibt also eine erstrebenswerte Vision…

Ja. Green building wächst in Südafrika. Jedes Jahr findet eine Konferenz zu diesem Thema statt auf der Standards für green design erstellt werden, die an Südafrika angepasst sind. Nachhaltigkeit, Innovationen und alternative Energien werden in Südafrika zunehmend thematisiert. Zum Beispiel haben wir viel Sonne, aber sehr wenig Solarenergie – das ist bisher zu teuer. Aber auch Windenergie wird in Südafrika durch die Krise in der Stromversorgung zunehmen.

Kommen wir zur FIFA-Fußball-WM, können Sie uns kurz Ihre Rolle als Mitglied des Beraterstabs des Local Organising Committee erläutern? Was sind Ihre Aufgaben?

Ich bin Mitglied des Technical Teams des Organisationskomitees und damit mehr oder weniger Berater auf der technischen Ebene. Wir haben kurz gefasst drei Kontroll-Funktionen wahrzunehmen: die Stadien müssen rechtzeitig fertig gestellt werden…

…was gelungen ist…

…Richtig, das haben wir sechs Monate vor der WM geschafft. Zweitens kontrollieren wir die Kosten und Budgets, weil die Gelder für die Konstruktion vom Staat kamen und deshalb die Städte Rechenschaft ablegen müssen. Drittens müssen die Stadien die FIFA-Auflagen und Anforderungen erfüllen. Wir haben daher auch sehr eng mit den FIFA-Kollegen in Zürich zusammengearbeitet. Ich selbst war 2005/2006 als Beobachter in Deutschland, um die Vorbereitungen auf die letzte Fußball-WM zu studieren.

Gibt es Lehren aus der jahrelangen Vorbereitungszeit, die Sie gezogen haben? Was haben Sie mitgenommen?

Erstens, es ist eine sehr große Veranstaltung. Man kann die Dimensionen eigentlich nicht verstehen, wenn man nicht beteiligt ist.

Zweitens, es ist komplex. Man steht zwischen den Anforderungen der FIFA und der Realität des Landes und versucht das Beste rauszuholen. Es handelt sich um eine Veranstaltung der FIFA und die Gastgeberländer müssen erst lernen, wie sie sich die Spiele zu Eigen machen können. Das ist ein wichtiger Prozess.

Drittens es geht auch als Architekt nicht nur um Stadienbau sondern auch um das Areal im Stadionumfeld, bzw. die Möglichkeit nachhaltige Stadtentwicklung durch die WM zu beschleunigen. Die Auswirkungen auf die Stadtentwicklung und Stadtplanung waren für mich schon eine sehr interessante Erfahrung.

Sind Sie, als ehemaliger Anti-Apartheid-Aktivist, zufrieden mit den Fortschritten, die die südafrikanische Gesellschaft in den letzten zwei Jahrzehnten gemacht hat?

Zum großen Teil ja. Ich denke Demokratie ist eine wichtige Errungenschaft und trotz aller Probleme, die das Land hat, versucht man letztendlich alles mit demokratischen Mitteln zu lösen. Daran arbeiten wir auch als Bevölkerung sehr hart, dass Südafrika diesen demokratischen Weg beibehält. Es gibt natürlich auch Bereiche, in denen ich nicht zufrieden bin. Ein Beispiel ist Bildung, insbesondere im technischen Bereich. Hier sehe ich viel Bedarf, aber auch Potenzial.

In diesem Sinne kann man Sie als Vorbild bezeichnen. Sehen Sie sich denn selbst in dieser Position – mit Vorbildfunktion auch für viele junge Südafrikaner?

Ich möchte glauben, dass ich ein Vorbild sein kann. Ich gehöre zu einer bestimmten Generation Südafrikas. Wir sind durch den Widerstand ins Gefängnis und ins Exil gegangen, wir haben uns ausgebildet und wir sind zurückgekommen, um nun Teil der Demokratisierung des Landes zu sein. Wir sind schon eine besondere Generation und es ist wichtig, dass wir der jüngeren Generation beibringen zu Südafrikas Zukunft beizutragen. Ich denke dies bleibt auch meine Aufgabe.

Darüber hinaus, führe ich ein Büro mit jungen Architekten und gebe ab und zu Seminare an der Uni. In Verbindung mit dem Sandbag low cost house Projekt habe ich zum Beispiel eine Gruppe von fünfzig jungen Studierenden in Townships gebracht. Es war schockierend für mich, dass die meisten noch nie dort waren.

Sie haben bisher nicht immer den einfachen Weg gewählt. Wo sehen Sie sich in – sagen wir – zwanzig Jahren?

Schwierig. Ich werde da 71 sein, unglaublich! Ja, ich werde ein leidenschaftlicher Architekt bleiben. Für mich ist es das Beste, das ich überhaupt machen kann. Ich denke, dass ich Architektur und Stadtplanung verbinden will. Ich habe auch vor mich in dieser Richtung weiterzubilden.

Außerdem hoffe ich natürlich auf ein besseres Südafrika und auch Afrika allgemein. Genau kann ich es zwar noch nicht sagen, aber ich denke, dass ich im Bereich Innovation und Nachhaltigkeit im Städtebau meinen Beitrag leisten möchte.

Dossier

WM 2010 - Afrika am Ball!

Das offizielle WM-Motto „Ke Nako - (Es ist Zeit) Afrikas Menschlichkeit zu feiern!“ nehmen wir mit diesem Dossier zum Anlass, genauer auf den Gastgeber und andere afrikanische Teilnehmernehmerländer der Fußball-Weltmeisterschaft zu schauen.