„Kurzfristige ökonomische Effekte nicht zu erwarten – mittelfristig positive Imageeffekte“

Wolgang Maennig ist Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität Hamburg. Er wurde 1988 in Seoul Olympiasieger im Rudern und war von 1989 bis 1993 Gründungsmitglied der Anti-Doping-Kommission des Deutschen Sportbundes. Im Jahr 2000 wurde er von IOC-Präsident Samaranch und NOK-Präsident Prof. Tröger für seine Verdienste um die Olympische Bewegung mit dem Olympischen Orden geehrt.

20. Mai 2010
Von Christian Eichenmüller
Das Interview führte Christian Eichenmüller

Herr Maennig, ihr Lebenslauf lässt auf ein Multitalent schließen: Olympiasieger, Unternehmer, Sportfunktionär, Wissenschaftler. Was ist von Ihnen in Zukunft noch alles zu erwarten?

(lacht) Da bin ich auch mal gespannt. Ich wusste früher auch nicht, wohin es mich trägt. Ich lasse mich überraschen.

Sie haben sich in Ihrer Rolle als Wissenschaftler unter anderem mit den wirtschaftlichen Auswirkungen sportlicher Großereignisse beschäftigt. Wie bewerten Sie die herannahende Fußball-WM in Südafrika aus ökonomischer Perspektive?

Auf Grund der vielfältigen Erfahrung, die wir mit solchen Ereignissen in anderen Ländern gemacht haben, glaube ich, dass wir im Falle von Südafrika keine kurzfristigen positiven Beschäftigungseffekte oder ähnliches erwarten sollten. Die Touristenzahlen werden geringer ausfallen als vorhergesagt. Die Hoteleinnahmen werden in der Folge ebenfalls hinter den Erwartungen zurückbleiben.

Kurzfristig wird es trotzdem positive Effekte geben, da – wie wir das hier in Deutschland auch erlebt haben – der Wohlfühl-Effekt riesig sein wird. Die Bevölkerung in Südafrika ist eher noch Fußball-affiner und noch begeisterungsfähiger als die deutsche.

Wie sieht es mit mittel- und langfristigen Effekten aus?

Mittel- und langfristig gibt es möglicherweise auch aus ökonomischer Perspektive positive Effekte. Einerseits generieren neue Stadien einen Neuigkeitseffekt. Da die Menschen neugierig sind und auch der Komfort gestiegen ist, gehen sie vermehrt in die Stadien. In Deutschland ist die Nachfrage in den neuen WM-Stadien um etwa 10% angestiegen.

Der zweite Effekt ist stadtökonomischer Natur. Die neuen Stadien in Südafrika sind zum Teil auffällig, ja fast ikonisch gebaut worden. Sie sollen sog. landmarks werden und einen Beitrag leisten, dass die jeweiligen Städte in unseren Köpfen weltweit visuell besser verankert sind. Man versucht aus ihnen Touristenattraktionen zu machen. Das könnte in dem einen oder anderen Fall gelingen. Wenn dann auch noch die WM gut organisiert ist, das heißt wenn es keine Gewaltdelikte gegenüber den internationalen Touristen gibt, dann wird es langfristig zu mehr Tourismus kommen und damit auch positive Einkommens- und Beschäftigungseffekte auslösen.

Erwarten Sie, dass es auch klare Verlierer geben wird?

Das ist eine Frage, die ein ehrlicher Ökonom immer nur mit ‚Ja’ beantworten kann. In der ökonomischen Literatur ist das Pareto-Kriterium bekannt, welches nie erfüllt werden kann. Es ist schlichtweg kaum eine Situation vorstellbar, in dem eine Seite profitiert, ohne dass eine andere verliert. Das wird auch in Südafrika der Fall sein. Ein Beispiel: Es zeichnet sich bereits jetzt ab, dass zwar die Hotels während der vier WM-Wochen in den Spielorten gut gebucht sind, dass aber die Monate vorher und nachher eher eine geringere Nachfrage verzeichnen. Es sieht aus, als ob die Zahl der Buchungen über das Jahr gerechnet allenfalls konstant bleiben wird.

Im Prinzip ist es auch sehr teuer geworden nach Südafrika zu fliegen. Viele Fluggesellschaften haben die Anzahl ihrer Linienverbindungen gar nicht wesentlich erhöht sondern vor allem die Preise. Und insofern ist klar, dass auch im Tourismusbereich einige verlieren werden. Ganz abgesehen natürlich von der viel breiteren Diskussion, ob man nicht die Gelder, die man jetzt in die Stadien gesteckt hat, auch in social housing, Schulen, Kindergärten und ähnliches hätte investieren können. Aber das ist eine ganz andere Frage.

Was wird diese Fußball-WM besonders kennzeichnen? Was unterscheidet sie von bisher dagewesenen Großveranstaltungen?

Fangen wir mal beim Sportlichen an. Das sollten wir ja nicht ganz vergessen. Dass hier in Deutschland die WM so ein großer emotionaler Erfolg war, lag auch daran, dass unsere Mannschaft erfrischend und erfolgreich gespielt hat. Bafana Bafana, die Nationalmannschaft der Südafrikaner hingegen ist international nicht allzu hoch gerankt. Es ist bekannt, dass es einen home effect gibt, der dazu führt, dass die Heimmannschaften tendenziell weiter kommen, als das sonst der Fall wäre.

Andererseits hat es natürlich sofort Implikationen für die Veranstaltung, falls es zu einem frühen Ausscheiden des Gastgebers kommt. Es wird interessant sein, wie die Südafrikaner, die ich als absolut begeisterungsfähig kennengelernt habe, mit einer solchen Entwicklung umgehen würden. Sie könnten sich international viel Achtung verschaffen, wenn es ihnen gelingt, die WM trotzdem weiter zu feiern.

Abgesehen vom Sportlichen haben viele Menschen außerhalb Südafrikas nicht geglaubt, dass die Stadien rechtzeitig fertig werden, aber das haben die Südafrikaner bravourös geschafft. Auch wenn manche es ihnen nicht zutrauen, die Südafrikaner werden die WM gut organisieren.

Ansonsten ist meines Erachtens noch das Thema Kriminalität wichtig. Südafrika wird einen unglaublichen Fokus bekommen. Die große Frage wird sein, ob es gewalttätige Übergriffe gegen Touristen geben wird. Das wird ganz entscheidend dafür sein, wie die WM wahrgenommen werden wird.

Dossier

WM 2010 - Afrika am Ball!

Das offizielle WM-Motto „Ke Nako - (Es ist Zeit) Afrikas Menschlichkeit zu feiern!“ nehmen wir mit diesem Dossier zum Anlass, genauer auf den Gastgeber und andere afrikanische Teilnehmernehmerländer der Fußball-Weltmeisterschaft zu schauen.