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Konsumromantik. Lieben und Leben im Kapitalismus

Lesedauer: 2 Minuten

30. September 2008

Wie lassen sich Romantik, Authentizität und Erotik retten, wenn gängiges Markt- und Geschäftsgebaren das soziale Miteinander prägt, ja, mitunter tief in unsere Intimbeziehungen hineinreicht?

So nahe liegend diese Fragen auch sein mögen, aus soziologischer und kulturhistorischer Sicht führen sie auf eine falsche Fährte. Denn das uns bis heute geläufige 'romantische' Liebesideal des frühen 18. Jahrhunderts ist selbst nur ein historisches Symptom oder besser: eine kompensatorische Begleiterscheinung des Kapitalismus. Mit dessen Siegeszug nämlich tritt geradezu zeitgleich die Idee einer authentischen, exklusiven Zwei-in-Einheit auf den Plan, die mit den Gesetzen des Marktes, mit Nützlichkeitserwägungen und Interessenskalkülen so rein gar nichts zu tun haben will. So wird das romantische Liebesnest bis dato als das letzte Refugium einer kalten, kommerzialisierten Welt aufgesucht.

Doch immer häufiger scheint der Liebestaumel direkt in den Sog des Marktes hineinzuführen: Ausgehen, Verreisen, Kino, Bummeln, Schönsein. Was erwerben und konsumieren spätmoderne Menschen, wenn sie romantisch lieben? Nach welchen Kriterien erfolgt die Partnerwahl auf dem Markt der Möglichkeiten? Können selbst Liebes-, Fürsorge- und Familienbeziehungen marktförmig organisiert und als "Arbeit" gerecht entlohnt werden? Und hat der Kapitalismus am Ende vielleicht selbst eine ganz eigene Art von Erotik vorzuweisen? Man hat es mit einem kapitalistisch-libidinösen Grundwiderspruch zu tun: Je leidenschaftlicher und hedonistischer der Mensch des Nachts und in der Freizeit leben und lieben möchte, desto härter muss er am Tage dafür arbeiten.

  • Prof. Dr. Eva Illouz (Hebrew University Jerusalem)
    Vortrag (PDF, 47 KB)

  • Prof. Dr. Dieter Thomä (Universität St. Gallen)
    Kommentar (PDF, 33 KB)

  • Adrienne Goehler (Grüne Akademie)
    Kommentar (PDF, 32 KB)