Freiheitsverlust und Freiheitschancen im Globalisierungsprozess

Freiheitsverlust und Freiheitschancen im Globalisierungsprozess

Freiheitsverlust und Freiheitschancen im Globalisierungsprozess

9. Januar 2009
Von Helmut Wiesenthal
Von Helmut Wiesenthal

Über Freiheit zu reden, ohne sich dabei auf einen bestimmten Sachverhalt, eine besondere Problematik oder zumindest einen der vielen Gegenbegriffe wie Zwang, Pflicht, Verantwortung, Sicherheit, Gleichheit usw. zu beziehen, macht wenig Sinn. Ob John Stuart Mills Essay „On Liberty“ oder Luis Buñuels "Gespenst der Freiheit" - stets spiegeln sich im Gebrauch des Begriffs eine oder mehrere Spielarten seines Gegenteils. Denn Freiheit ist für uns, die Bürger der Bundesrepublik im frühen 21. Jahrhundert, eine mehr oder weniger als Selbstverständlichkeit empfundene Grundtatsache der Beziehung von Individuum und Gesellschaft, nicht unähnlich der Atemluft, von der wir, so unverzichtbar sie auch ist, eher unbewusst Gebrauch machen.

Die Risiken der Freiheit

Nur weil wir in ausreichender Menge über Freiheit als Grundstoff moderner Gesellschaftlichkeit und Individualität verfügen, können wir unbehindert über Defizite an Freiheit, die Voraussetzungen von Freiheit oder ihre unangenehmen Folgen räsonieren, die unzähligen Varianten des "Freiheit von" und "Freiheit für" durchspielen, also Freiheit in jeder denkbaren Hinsicht als problematisch behandeln. Damit kommen schon die Risiken von Freiheit – nicht als Qualität sozialer Beziehungen, sondern als Instrument politischer Rhetorik – in den Blick. Wo das Wort in Verruf kam, war das regelmäßig seiner zynischen, kontrafaktischen Verwendung geschuldet. Man erinnere sich nur der Organisationsnamen FDJ und FDGB oder der Erklärung von George W. Bush, er habe den geschundenen Irakern "freedom and democracy" bringen wollen. Auch die Wahlkampfparole "Freiheit statt Sozialismus" entstammt den Nebelwerfern des politisch-ideologischen Meinungskampfes, in dem es üblicherweise um Steuertarife und Sozialleistungen, aber höchst selten um Grundrechte und Grundfreiheiten geht.

Spätestens seit die Politik mit den längerfristigen Folgen ihrer Entscheidungen (und den Folgen gesellschaftlicher Entwicklungen) befasst ist, wofür insbesondere die Themen Ökologie und Staatsschulden stehen, sind wir gelegentlich versucht anzunehmen, dass der Umgang mit Freiheit ein Nullsummenspiel sein könnte. Was lange Zeit eine beliebte Interpretation des Klassenkonflikts gewesen war bis die Nullsummenthese vom Aufstieg der Wohlstandswachstumsstaaten widerlegt wurde, kehrt nun wieder, diesmal nicht in der Sozial-, sondern in der Zeitdimension von Gesellschaft: Die absehbare Erschöpfung fossiler Energieträger, die CO2-Anreicherung der Atmosphäre, der zur Sicherung des staatlichen Handlungsspielraums in Kauf genommene Schuldenanstieg – diese unvermeidlichen Nebenfolgen unserer gegenwärtigen Handlungs- und Konsumfreiheiten gehen bekanntlich zu Lasten der Wahlfreiheit künftiger Generationen. Wollen wir dagegen deren mutmaßliche Interessen in heutige Entscheidungen einbeziehen, müssen wir Entscheidungsfreiheit opfern, indem wir etliche lieb gewonnene Optionen ausschließen.

Der Umgang mit Freiheit - ein Nullsummenspiel ?

Es spricht allerdings einiges dafür, dass der Nullsummencharakter von Freiheit auf wenige Bereiche (wie beispielsweise umverteilende Politiken) beschränkt ist. Eine kluge Verteilung von Freiheitsvoraussetzungen und -garantien vermag vielmehr die Möglichkeiten des individuellen Freiheitsgenusses samt der Zahl der Genießer beträchtlich zu steigern. Das ist durch die Rationalitätschancen der Demokratie, die effektiven Menschenrechtsgarantien demokratischer Staaten und nicht zuletzt das Prosperitäts- und Innovationspotenzial der privatkapitalistischen Marktwirtschaft hinreichend belegt.

Dabei gewährleisten die Institutionen der Demokratie und Marktwirtschaft keineswegs ein Maximum an abfragbaren Zufriedenheitsbekundungen, eher im Gegenteil. Aber im Vergleich mit den wirtschaftlich und ökologisch eher unansehnlichen Autokratien dieser Welt (mit der Ausnahme Singapur) sticht doch der enge Zusammenhang zwischen politischer und ökonomischer Liberalität einerseits und dem Wohlfahrtsniveau andererseits ins Auge. Die Freiheit, sich für Themen wie Datenschutz, Atomausstieg, Energieeffizienz, gewaltfreie Konfliktbearbeitung und verbesserte soziale Grundsicherung engagieren zu können (oder gar, subjektiv empfunden, zu müssen), zeugt ebenso sehr von der Geltung der rechtsstaatlichen Freiheitsgarantien wie vom ungestillten Verlangen nach „mehr“ Freiheit – erst recht, wenn das Engagement keine guten Erfolgsaussichten hat.

Wenn wir also mit Blick auf politische Entscheidungen und gesellschaftliche Institutionen von Freiheit sprechen, hilft es weder, sich Freiheit als eine feststehende Menge von abzählbaren Freiheitsrechten vorzustellen noch als etwas, das sich problemlos zum allseitigen Vorteil vermehren ließe. Passender ist die Vorstellung von Freiheit als Währung in einer Gleichgewichtsformel, die je nach Aufgabe oder Problemzusammenhang zu Gunsten der Optimierung anderer gesellschaftlicher Werte, einschließlich Wirtschaftswachstums, ökologischer Nachhaltigkeit und sozialer Gerechtigkeit, einstellbar ist. Mit anderen Worten: Will man „mehr“ (bzw. weniger) Wachstum, Nachhaltigkeit oder Gerechtigkeit haben (bzw. in Kauf nehmen), so bedingt das in aller Regel ein verändertes Verhältnis, eine andere Verteilung von Freiheitsgarantien und  beschränkungen. Deshalb muss man die genauen Zusammenhänge kennen, um die Folgen von mehr Liberalität bzw. mehr Handlungsbeschränkungen beurteilen zu können. Bedachtsamkeit ist aktuell denen anzuraten, die die Kreditkrise und ihre gravierenden Folgen zum Anlass für eine pauschale Verdammung des Kapitalismus nehmen und für die Zentralisierung der Wirtschaftslenkung plädieren.

Kreditkrise und Freiheitsverlust

Was die Entstehung und das verblüffend große Ausmaß der Kreditkrise offenbar gemacht haben, ist etwas anderes: das Risiko des Nichtwissens. Gemeint ist die Mischung aus übergroßem Systemvertrauen und unzureichendem Fachwissen, die es den skrupellosen Konstrukteuren „innovativer Finanzprodukte“ so leicht machten. Es war nicht einfach nackte Habgier, wie oft kolportiert wurde, was Anleger und Banker zum Kauf von Anteilsscheinen motivierte, deren Substanzwert auf nichts anderem als der Zusammenfassung ausfallsgefährdeter Kredite beruht. Vielmehr verdankt sich das Desaster vor allem dem Streben derer, die ihre Position gegenüber den Wettbewerbern durch hohe Erträge abzusichern trachteten – selbst um den Preis, dass sie die verwendeten Mittel und deren inhärente Risiken nicht einzuschätzen verstanden. So konnten die Ignoranz und das Nichtwissen von wenigen zur Ursache von Freiheitsverlusten (qua Arbeitsplatzverlust und Vermögensverfall) für viele werden.

Diese Ursache der Kreditkrise ist symptomatisch auch für andere Risiken der Globalisierung. Was den Finanzmarkt angeht, lässt sich vermutlich der Umgang mit ihnen durch staatliche Aufsichtsgremien und die sachkundig-neutrale Bewertung neuer „Produkte“ verbessern. Aber die Finanzkrise verweist auf ein generelles Problem der modernen, sich in vielen Hinsichten rasch verändernden Weltgesellschaft: die Kluft zwischen der Komplexität vieler, für die Individuen bedeutsamer Sachverhalte und der individuellen Fähigkeit, sie einigermaßen rechtzeitig und korrekt wahrzunehmen. Ohne wesentliche Verbesserung der individuellen Kompetenz zur Bewertung von Chancen und Risiken wird die komplexer, dynamischer und riskanter werdende, längst globalisierte Wirtschaftswelt die Individuen – trotz aller rechtsstaatlichen Garantien – mit sukzessiven Einbußen an realer Handlungsfreiheit konfrontieren.

Die Aneignung von und die Fähigkeit zur stetigen Erneuerung von positivem und kritischem Weltwissen wird über kurz oder lang der Zentralschlüssel zur Sicherung individueller Entscheidungsfähigkeit in vielen Fragen der Lebensführung werden. Damit ist nicht gemeint, man könne den jeweils kursierenden Prognosen entnehmen, welche Informationsquellen, Berufe oder Sparpläne das höchste Lebenseinkommen bringen. Vielmehr geht es darum, dass in der modernen Gesellschaft die immer größer werdende Ungleichverteilung des relevanten Weltwissens, die Kluft in den Fähigkeiten, zwischen Wissen und Mythen, Vermutung und Glauben unterscheiden zu können, sich allmählich zum gefährlichsten Gesellschaftsrisiko auswächst.

Freiheitsoptionen und soziale Gerechtigkeit

Dieser realen Bedrohung ist nicht mit verbesserten Rangplätzen in PISA-Tests beizukommen, obwohl höhere Niveaus des Allgemeinwissens und der schulisch vermittelten Fertigkeiten sinnvoll bleiben. Was vor allem anderen fehlt und wovon die meisten Schulreformer schweigen, ist besser mit dem altmodischen Begriff der Persönlichkeitsbildung bezeichnet: Urteilsfähigkeit und Selbsterkenntnis, Differenzverständnis und Ambiguitätstoleranz, Unsicherheitsakzeptanz und Entscheidungskompetenz, Institutionenkenntnis und Partizipationsbereitschaft sowie das Wissen um die im öffentlichen Raum geltenden Spielregeln.

Da heute kein Zweifel mehr besteht, dass die frühindustrialisierten Gesellschaften Westeuropas ihre Rolle als Vorreiter von Fortschritt und Modernität allmählich an die neuen Wachstumszentren der Weltwirtschaft abgeben, werden zwangsläufig auch einige der traditionellen Mechanismen sozialer Integration und kontinuierlicher Lebensläufe weiter an Geltungskraft verlieren. Der Abbau ihrer Sicherheit suggerierenden Leistungen wird als Freiheitsbeschränkung erlebt, die sich oftmals in irrealen Sehnsüchten und einer Verklärung der Vergangenheit ausdrückt. Aber die Gesellschaft kann ihre Institutionen, ihre Spielregeln und Sicherheitsgaranten, nur dann erfolgreich an veränderte Bedingungen anpassen, wenn die Individuen diese Prozesse aus Einsicht in ihre Notwendigkeit mittragen, mitgestalten und zu einem akzeptablen, wenngleich niemals endgültigen, sondern stets vorläufigen Ende bringen. Das setzt voraus, dass die in jeder neuen Variante von gesellschaftlicher Ordnung versteckten Freiheitsoptionen erkannt und effektiv genutzt werden.

Im Augenblick scheint es, als bestünden dafür eher ungünstige Voraussetzungen. Bildungsgipfel, Schulreformen und curriculare Innovationen, wie wir sie bis heute erlebt haben, gehen am Kern der auf uns zu rollenden Problematik vorbei, und zwar umso mehr, je strikter sie auf den Austausch oder die Erweiterung der Lerninhalte abstellen. Eine gründlichere und ehrlichere Bestandsaufnahme – mit der Konsequenz eines reformierten, allgemeinverbindlichen Zielverständnisses der öffentlichen Bildung – tut not. Vorausgesetzt ist allerdings die Erkenntnis, dass mit dem ökonomischen, kulturellen und sozialen Wandel im Gefolge der Globalisierung auch das tradierte Bildungsverständnis und die Bildungsziele der Revision bedürfen.  Da die real wahrnehmbaren Freiheitschancen in Zukunft mehr denn je fähigkeitsbestimmt, d.h. zum Großteil bildungsabhängig sein werden, ist ihre ungleiche Verteilung der wahrscheinlich gravierendste Faktor sozialer Ungerechtigkeit. Um diese Ungleichheit zu überwinden, scheinen sogar – allemal begrenzte – Freiheitsbeschränkungen angebracht, insbesondere auf Seiten von Lehrern, Professoren, Bildungsbürokraten und  -politikern: nämlich die Beschränkung der Freiheit, so weiter zu machen wie bisher.


Helmut Wiesenthal ist em. Professor der Politikwissenschaft und Mitglied der Grünen Akademie.

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