Der Nachlass von Wolfgang Ullmann im Archiv der DDR-Opposition

Der Nachlass von Wolfgang Ullmann im Archiv der DDR-Opposition

Archiv Grünes Gedächtnis

Der Nachlass von Wolfgang Ullmann im Archiv der DDR-Opposition

6. März 2008
Von Tina Krone
Von Tina Krone

Der Theologe und Kirchenhistoriker Wolfgang Ullmann (1929-2004), bis Ende der 1980er Jahre ein Inspirator seiner Studenten, wurde ab 1989 Impulsgeber in der Politik. Als Mitglied im Initiativkreis «Absage an Praxis und Prinzip der Abgrenzung», Mitbegründer von «Demokratie Jetzt», Teilnehmer am zentralen Runden Tisch, Minister ohne Geschäftsbereich in der Regierung Modrow und Mitglied der letzten Volkskammer der DDR war er aktiv im politischen Veränderungsprozess der DDR bis zur Wiederherstellung der deutschen Einheit engagiert. Einer der Autoren der am Runden Tisch erarbeiteten Verfassung der DDR, wurde er als Mitglied von Bündnis 90 im Deutschen Bundestag Streiter für eine neue gesamtdeutsche Verfassung. Als Vorstandsmitglied im «Forum zur Aufklärung und Erneuerung» und im Verein «Gegen Vergessen – Für Demokratie» sowie als Abgeordneter des Europaparlaments blieb er kritischer Begleiter der Entwicklung des vereinigten Deutschlands und des gemeinsamen Europas.

Sein Nachlass, der ca. 20 laufende Meter umfasst, enthält vielfältige Zeugnisse seiner theologischen, politischen und vor allem der publizistischen Tätigkeit. Übernommen wurde das Schriftgut im November 2004 von der Robert-Havemann- Gesellschaft, zusammen mit der Bibliothek, mit Fotos, Graphiken, Noten, Plakaten, Zeitschriften und elektronischen Datenträgern, verpackt in 125 Umzugskisten.

Im Jahr 2006/2007 konnte der Bestand in einem von der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, vom Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR des Landes Berlin und vom Archiv Grünes Gedächtnis der Heinrich-Böll-Stiftung finanzierten Projekt erschlossen werden.

Große Teile des immensen schriftlichen Nachlasses waren nicht geordnet. Sie waren in Benutzung. Mitten in der Arbeit aus dem Leben gerissen, musste Wolfgang Ullmann sein Handwerkszeug zurücklassen. So, wie er dachte, nicht in den Grenzen von Fachdisziplinen, sondern jene überschreitend und diese miteinander verknüpfend, lagen Manuskripte, Aufzeichnungen, Briefe, Studien und anderes mehr aus allen Schaffensjahrzehnten griffbereit auf Tischen und in Regalen in seinen beiden Arbeitszimmern.

Der Publizist

Ab Mitte der 1960er Jahre hat Wolfgang Ullmann in der DDR kirchengeschichtliche und religionsphilosophische Beiträge und Rezensionen veröffentlicht, im Laufe der 1980er Jahre auch in westlichen Zeitschriften und im Samisdat der DDR-Opposition. Mit dem Fall der Mauer explodierte das publizistische Schaffen Wolfgang Ullmanns gleichermaßen. Zahllose im Nachlass vorhandene Manuskripte und Publikationen belegen die Intensität und die Weitsicht, mit der er sich in öffentliche Debatten einmischte oder diese sogar anstieß.

Den bedeutsamsten Teil des Nachlasses stellen diese Manuskripte dar. Sie stammen aus den Jahren 1948 bis 2004. Zu den meisten Veröffentlichungen existieren handschriftliche Manuskripte, Entwürfe oder Aufzeichnungen. Diese fanden sich über den gesamten Nachlass verstreut in Korrespondenzen, verschiedenen thematischen Materialsammlungen, zwischen Zeitungen und auch in den Büchern seiner umfangreichen Bibliothek. In den seltensten Fällen sind die Manuskripte datiert und bis Ende der 1980er Jahre in deutscher Sütterlinschrift geschrieben. Daneben gibt es auch maschinenschriftliche Abschriften bzw. später Computerausdrucke von der Mehrheit der Manuskripte.

Die Unterlagen aus der herausgeberischen Tätigkeit Wolfgang Ullmanns betreffen – bis auf die Mitherausgabe der Wochenzeitung Freitag – die Edition theologischer Reihen, Nachschlagewerke und Monographien.

Der Theologe und Lehrer

Von allen Etappen der Tätigkeit Wolfgang Ullmanns bis 1990 sind Unterlagen im Nachlass vorhanden, wenn auch in unterschiedlichem Umfang. Aus der Zeit als Pfarrer in dem sächsischen Ort Colmnitz (1956-1963) sind neben Korrespondenz und dem Gästebuch des Pfarrhauses zwei Einladungen zu Einwohnerversammlungen aus dem Jahr 1961 erhalten. Der Ortsverband der Nationalen Front Colmnitz hatte dazu aufgefordert, örtlichen SED-Funktionären zu lauschen, die unter der Überschrift «Militarismus» über «Pfarrer Dr. Ullmann ..., der nicht unserer Meinung ist» informieren wollten, und ein zweites Mal über Äußerungen eines Bauern, der «die führenden Funktionäre unseres Arbeiter- und Bauernstaates als Lumpen und Strolche» beschimpft hatte.

Sehr viel umfangreicher ist das aus der Tätigkeit als Dozent für Kirchengeschichte und zeitweise auch Rektor am Katechetischen Oberseminar Naumburg und am Sprachenkonvikt Berlin stammende Schriftgut. Hervorzuheben sind hier Materialien, die Auskunft über die Auseinandersetzung mit staatlichen Stellen geben, z. B. wegen der Ermittlungen nach in Naumburg illegal verbreiteten Flugblättern im Jahr 1977 oder der Bewahrung der Studierenden davor, «heimliche Mitarbeiter irgendwelcher staatlicher oder sonstiger Stellen» (Entwurf einer Verschwiegenheitserklärung der Studenten, 1974 - RHG/WU 173) zu werden.

Von November 1982 bis Februar 1983 konnte Wolfgang Ullmann eine Gastdozentur am Trinity Lutheran Seminary in Columbus/Ohio wahrnehmen. Hierzu sind Aufzeichnungen, Korrespondenz, Materialien zu seiner Lehrtätigkeit und nicht zuletzt Reiseunterlagen vorhanden.

Über die Lehrtätigkeit hinaus war Wolfgang Ullmann in mehreren kirchengeschichtlichen Arbeitskreisen engagiert, aus denen ebenfalls Arbeitsunterlagen überliefert sind. International wirksam wurde Dr. Ullmann mit seinen ökumenischen Aktivitäten. In insgesamt 36 Bänden befinden sich die Zeugnisse dieses Engagements. Die Arbeitsunterlagen und Manuskripte der eigenen Beiträge als Mitglied der Vorbereitungsgruppe und Teilnehmer an den «Sagorsker Gesprächen» des Bundes der Ev. Kirchen mit der Russischen Orthodoxen Kirche füllen allein sieben Bände. Besondere Aufmerksamkeit verdient ein Band mit Briefwechseln, die Wolfgang Ullmann 1995 und 2000-2002 führte, um den ökumenischen Prozess vom Stadium der Verhandlungen in das der Anerkennung und Entscheidung zu bringen (Brief von Wolfgang Ullmann an Papst Johannes Paul II, Brüssel, 28.06.1995 - RHG/WU 253).

Der Politiker

Die ersten Zeugnisse oppositionellen Engagements von Wolfgang Ullmann liegen aus dem Jahre 1976 vor: Briefe von ihm an das «Neue Deutschland», mit denen er gegen die Diffamierung von Oskar Brüsewitz nach dessen Selbstverbrennung und gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns protestierte. Korrespondenz und Aufzeichnungen aus den Jahren der Mitarbeit in der Initiative «Praxis und Prinzip der Abgrenzung» (1987 bis 1989) folgen.

Aus der Zeit von Herbst 1989 bis Oktober 1990 sind umfangreiche Überlieferungen zu den Aktivitäten in der Bürgerbewegung «Demokratie Jetzt», am zentralen Runden Tisch, als Minister ohne Geschäftsbereich in der Modrow-Regierung sowie als Mitglied und Vizepräsident der Volkskammer erhalten. Die Unterlagen waren soaufbewahrt worden, wie sie in der arbeitsreichen Zeit entstanden sind, ohne Einhaltung der Provenienzen in Mappen bzw. lose in Stößen abgelegt. Sie mussten völlig neu geordnet werden.

Unter dem Schriftgut zu «Demokratie Jetzt» sind zahlreiche Zuschriften an Wolfgang Ullmann als Erstunterzeichner des Gründungsaufrufs und prominentes Mitglied. Die Unterlagen zum zentralen Runden Tisch umfassen auch Materialien aus den Arbeitsgruppen «Wahlgesetz» und «Sicherheit». Aus den wenigen Wochen als Minister ohne Geschäftsbereich stammen Sitzungsmaterialien, Korrespondenz und Unterlagen zu den Verhandlungen des damaligen Ministerpräsidenten Hans Modrow in Bonn und Moskau sowie zu einem Treffen mit dem Vorsitzenden der Regierung der CSSR in Prag, an denen Wolfgang Ullmann jeweils teilgenommen hatte. Aus der Zeit als Mitglied des Präsidiums und der Volkskammerfraktion sind Sitzungsmaterialien und Beschlüsse des Präsidiums, Korrespondenz, verschiedene Unterschriftensammlungen und Materialien aus dem Ausschuss für Verfassung und Verwaltungsreform überliefert. Parallel hatte sich Wolfgang Ullmann für den Aufbau einer Treuhandanstalt eingesetzt. Korrespondenz, Vorschläge für den Aufbau einer treuhänderischen Verwaltung des Volkseigentums, Studien, Materialien des zentralen Runden Tisches und der Volkskammer der DDR sowie eine Unterschriftensammlung zur Überreichung der Volksaktien zeugen von seinen Aktivitäten in dieser Hinsicht.

Das Schriftgut zur politischen Tätigkeit ab Oktober 1990 lag relativ geordnet vor. Das betrifft den Zeitraum von Oktober 1990 bis 1994 als Mitglied im Deutschen Bundestag, die Zeit als Mitglied der Gemeinsamen Verfassungskommission von Bundesrat und Bundestag 1991 bis 1993 und im Europäischen Parlament 1994 bis 1999.

Unter den Materialien zum Bundestag befinden sich eine Sammlung aller gedruckten Reden Wolfgang Ullmanns, Korrespondenz, persönliche Arbeitsunterlagen zur Arbeit im Bundestag und in der Fraktion bzw. Gruppe Bündnis 90/Die Grünen sowie zum Wahlkampf 1990. Den größten Teil macht das Schriftgut zu verschiedenen Arbeitsschwerpunkten aus, welches aus dem Arbeitskreis III «Innenund Rechtspolitik» der Gruppe Bündnis 90/Die Grünen und aus verschiedenen Ausschüssen stammt, u. a. zur Verfassungsdiskussion, zur Treuhandanstalt, zum SED-Unrechtsbereinigungsgesetz und zu Eigentums- und Vermögensfragen in den ostdeutschen Ländern.

In dem Schriftgut zur Tätigkeit in der Gemeinsamen Verfassungskommission von Bundesrat und Bundestag finden sich neben den Unterlagen zu Einsetzung, Sitzungen und Hearings der Kommission auch Korrespondenz und Presserklärungen zum Antrag Wolfgang Ullmanns zur Änderung der staatskirchenrechtlichen Vorschriften im Grundgesetz und zu seinem Austritt aus der Kommission.

Die Hinterlassenschaft aus dem Europäischen Parlament umfasst die persönlichen Unterlagen zur Arbeit im Parlament und in der Fraktion Die Grünen sowie Korrespondenz und thematische Sammlungen zu den Arbeitsfeldern: Bioethik/ Biotechnologie, Sekten in Europa, Menschenrechte, Kirchenklausel im Europäischen Unionsvertrag und Copyright.

Weitere politische Aktivitäten, die Niederschlag im hinterlassenen Schriftgutgefunden haben, betreffen die «Charta 99» des Forums Bürgerinnen- und Bürgerbewegung (in Bündnis 90/Die Grünen) aus den Jahren 1997 bis 1999 und Protestbriefe, Appelle und Erklärungen, die von Wolfgang Ullmann verfasst, initiiert oder unterzeichnet wurden. Zur Erklärung «Wir haben es satt» aus dem Jahr 2001 sind Zuschriften und Briefwechsel, Materialien zu Veranstaltungen, auf denen Wolfgang Ullmann als Unterzeichner aufgetreten ist, und zu einem Gespräch mit dem Bundespräsidenten Johannes Rau 2003 vorhanden.

Von erheblichem Umfang ist die Korrespondenz aus den Jahren 1944 bis 2004. Die bei einzelnen Arbeitsstellen, politischen Gruppierungen und Körperschaften sowie am Runden Tisch entstandene bzw. empfangene Korrespondenz verblieb auch bei diesen Unterlagen. Briefe und Schreiben darüber hinaus wurden in eigenen Bänden zusammengefasst, wie die Briefwechsel mit Forschungskollegen aus dem Inund Ausland, mit Politikern, Theologen und ehemaligen Studenten, darunter mit Freya v. Moltke, Wolfgang Thierse, Christa Wolf oder Hans Modrow.

Zu den zahlreichen Ämtern und Mitgliedschaften Wolfgang Ullmanns in Kuratorien, Stiftungen und Vereinen liegen Überlieferungen ganz unterschiedlichen Umfangs vor. Diese enthalten Korrespondenz, Sitzungsunterlagen, Notizen und Arbeitsunterlagen zu Projekten der jeweiligen Vereinigungen. Hervorzuheben sind die Unterlagen des «Forum zur Aufklärung und Erneuerung e.V.», dessen Initiator und Vorstandsvorsitzender Wolfgang Ullmann war. Hier finden sich Materialien zu den Arbeitskonferenzen und Buchprojekten des Forums, zum Einsatz für die Rehabilitierung von Opfern der staatlichen Willkür in der DDR und zu einem Ermittlungsverfahren zum Verbleib von Schmuck- und Wertgegenständen aus der Abteilung Kommerzielle Koordinierung aus dem Zeitraum 1991 bis 2004. Stellvertretend für das breitgefächerte gemeinnützige Engagement Wolfgang Ullmanns sollen an dieser Stelle noch die Überlieferungen aus der Tätigkeit als Mitglied des «Kuratorium für einen demokratisch verfassten Bund Deutscher Länder», aus der Zeit als Kuratoriumsmitglied in der Stiftung «Haus der Demokratie», als Vorstandsmitglied im Verein «Gegen Vergessen – Für Demokratie», als Mitglied im Förderkreis «Denkmal für die ermordeten Juden Europas» und aus der Mitgliedschaft im Verein zur Förderung der Ausstellung «Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944» genannt werden.

Ergänzt wird die Überlieferung durch Schriftgut zu Tagungen, Veranstaltungen und Podiumsgesprächen aus der Zeit von 1966 bis 2004, auf denen er mit Vorträgen auftrat bzw. an denen er teilnahm. Hier sind Ankündigungen und Korrespondenz zu Vorträgen zu finden, zu denen keine Manuskripte oder Aufzeichnungen erhalten sind. Bei den Materialien zu einigen internationalen Kongressen in westlichen Ländern vor dem Fall der Mauer befindet sich auch Korrespondenz zu Genehmigung bzw. Ablehnung der dafür beantragten Reisen.

Zum Nachlass gehören des Weiteren persönliche Unterlagen wie Geburtsurkunde, Zeugnisse, Berufungsurkunden, Ausweise, Pässe und Dienstkarten sowie Urkunden und Medaillen. Kalender sind mit wenigen Lücken von 1951 bis 2004 und Notizhefte aus der Zeit 1943 bis 2000 überliefert. Verschiedene Sammlungen runden die Hinterlassenschaft Wolfgang Ullmanns ab.

0 Kommentare

Neuen Kommentar schreiben

Neuen Kommentar schreiben