Pakistan in fünf Jahren: eine Prognose

Pervez Hoodbhoy ist politischer Analyst und Professor für Kernphysik an der Quaid-e-Azam Universität in Islamabad.

12. Juni 2009
Von Pervez Hoodbhoy
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Von Pervez Hoodbhoy

Zunächst Grundsätzliches: Pakistan wird nicht auseinander brechen; es wird keinen weiteren Militärputsch geben; die Taliban werden nicht die Macht übernehmen; Pakistans Atomwaffen werden nicht in die falschen Hände fallen, und die islamische Scharia wird nicht zur Rechtsordnung des Landes werden.

Soweit die guten Nachrichten. Dies steht allerdings in Widerspruch zur generellen Meinung der US-Presse und auch zu dem, was einige Mitglieder der Regierung von Barack Obama sgen. So erklärte beispielsweise im März David Kilcullen, Top-Berater von General David Petraeus, dass der pakistanische Staat innerhalb der nächsten sechs Monate zusammenbrechen könnte. Dies ist jedoch höchst unwahrscheinlich.

Jetzt die schlechten Nachrichten: Die Wolken, die über der Zukunft des pakistanischen Staats und der Gesellschaft hängen, werden immer dunkler. Zwar steht kein Zusammenbruch bevor, doch das Fass läuft allmählich über. Obwohl eine zeitliche, mathematisch genaue Vorhersage dafür nicht möglich ist, so hat doch die Geschwindigkeit des gesellschaftlichen Niedergangs auch diejenigen überrascht, die schon lange davor gewarnt haben, dass religiöser Extremismus Pakistan verschlingen wird.

Und so ging alles bergab: die Taliban wurden 2001 im Zuge der US-Invasion in Afghanistan zerschlagen. Viele Kämpfer waren ein Produkt von Koranschulen in Pakistan, und ihre Niederlage traf auch teilweise ihre einstigen Wohltäter im pakistanischen Militär und Geheimdienst. In der Annahme diese Kräfte würden auch nach wie vor pakistanischen Einfluss in Afghanistan gewährleisten und zudem den schwelenden Krieg in Kaschmir am Laufen halten, hießen die Armee die Taliban auf pakistanischem Boden insgeheim willkommen. Wiederaufbau und -bewaffnung der Taliban erfolgten schnell, vor allem als die Vereinigten Staaten nach ihrem anfänglichen Sieg in Afghanistan ins Wanken gerieten. Die zweigleisige Strategie des damaligen Präsidenten Pervez Musharraf ging zunächst auf. Doch die Forderungen der USA nach Verfolgung der Taliban wurden nachdrücklicher, und Musharrafs Doppelspiel verärgerte schließlich auch die Taliban. Und als die Ziele und Taktiken der Armee an Kohärenz verloren, rückten die Taliban vor.

2007 verkündete die Tehrik-e-Taliban Pakistan (TTP), Vereinigung pakistanischer Taliban, offiziell ihre Existenz. In einem Blitzkrieg gnadenloser Enthauptungen von Soldaten und Selbstmordattentaten vertrieb die TTP die Armee aus vielen Teilen der Grenzprovinz. Zu Beginn des Jahres hatte die TTP etwa 10 Prozent des pakistanischen Staatsgebiets besetzt.

Trotz dieser Tatsache betrachteten nur wenige Pakistanis die Taliban als den eigentlichen Feind. Es gab genügend Fürsprecher, besonders unter den meinungsbildenden, lokalen Fernsehsprechern, die die Grausamkeiten der Taliban beschönigten und darauf beharrten, dass man sich ihnen nicht mit Gewalt widersetzen sollte. Andere unterstützten sie als Kämpfer gegen die imperiale Macht der USA. Der massive Propagandaapparat der Regierung begann zu rosten. Gelähmt durch ideologische Verwirrung konnte er den Behauptungen, dass Pakistan für den Islam geschaffen wurde und die Taliban islamische Kämpfer seien, keine schlüssige Antwort entgegensetzen.

Der Preis für die Ausflüchte der Regierung war immens. Ein willensschwacher Staat erlaubte Fanatikern das bis dahin friedliche Swat zu verwüsten - einst ein idyllisches, Touristen freundliches Tal. Bürger wurden ihrer Grundrechte beraubt. Frauen wurden in der Öffentlichkeit geschlagen, hunderte von Mädchenschulen wurden in die Luft gesprengt, Nicht-Muslime mussten eine spezielle Steuer (jizya) zahlen, und jede Form von Kunst und Musik wurde verboten. Polizisten desertierten massenweise und die staatlichen Institutionen brachen zusammen. Berauscht von ihrem Erfolg, brachen die Taliban den Swat Friedensvertrag (Nizam-e-Adl) nur wenige Tage nachdem er im April ausgehandelt wurde. Sie besetzten kurzerhand weitere Gebiete im angrenzenden Buner. Gerade noch 80 Meilen Luftlinie entfernt von Islamabad, prahlte der Taliban Sprecher Muslim Khan, dass die Hauptstadt bald eingenommen werden würde. Armee und Regierung waren noch immer fassungslos, und die Öffentlichkeit war weitgehend gegen die Anwendung militärischer Gewalt.

Und dann geschah etwas Seltsames. Im maßlosen Übermut verlor Sufi Mohammed, der ungebildete und alternde Anführer der Scharia-Bewegung in Swat, seinen Realitätssinn als er während einer Siegeskundgebung Anfang Mai verkündete, dass Demokratie und Islam unvereinbar seien. Er lehnte Pakistans islamische Verfassung und Gerichte ab und beschuldigte selbst Pakistans rechte, islamische Parteien der Häresie. Sogar für eine zur Scharia hingezogene pakistanische Öffentlichkeit waren Mohammeds Äußerungen ein wenig zu viel. Die Armee war nun endlich entschlossen zu kämpfen - erstmalig mit öffentlicher Unterstützung seit Beginn des Aufstands.

Heute ist der Kampf gegen die Taliban in vollem Gang. Schätzungsweise drei Millionen Menschen sind auf der Flucht. Diese Tragödie hätte vermieden werden können, wenn das Militär die Extremisten zuvor nicht derart unterstützt hätte. Gegenwärtig weichen die Taliban zwar zurück. Aber es braucht noch einen langen Atem, um sie ganz aus dem unübersichtlichen, gebirgigen Gebiet von Swat und Malakand zu vertreiben. Der Kampf in Nord- und Südwaziristan, hunderte Meilen entfernt, wird sogar noch mehr abverlangen. Militärische Aktionen in den Stammesgebieten und darauf folgende Vergeltungsanschläge der Taliban in den Städten dürften sich in absehbarer Zukunft eher noch ausweiten.

Unterdessen breitet sich die extremistische Ideologie wie ein Krebs-Geschwür weiter aus. Erst kürzlich hat sich ein Ableger der TTP gegründet – die Tehrik-e-Taliban Punjab. Man kann wohl davon ausgehen, dass sich der Hauptkonflikt schließlich von Pakistans Stammesgebieten ins Kernland, dem südlichen Punjab, verlagern wird. Tatsächlich sind die Punjabi Taliban mittlerweile dabei, ihre Operationen zu verschärfen, zuletzt mit einem erfolgreichen Selbstmord-Anschlag auf die Hauptquartiere von Polizei und Geheimdienst in Lahore Ende Mai.

Was genau wollen die pakistanischen Taliban eigentlich? Ähnlich wie bei ihren afghanischen Kollegen ist der Kampf gegen die Vereinigten Staaten in Afghanistan eines ihrer Ziele. Doch weitaus wichtiger ist es ihnen, säkulares und traditionelles Recht und Bräuche in den pakistanischen Stammesgebieten durch ihre Version der Scharia zu ersetzen. Dieses Ziel, das sie mit religiösen politischen Parteien wie der Jamat-e-Islami teilen, bedeutet eine totale Umgestaltung der Gesellschaft. Gefordert wird die Abschaffung von Musik, Kunst, Unterhaltung sowie aller Erscheinungsformen der Moderne und der westlichen Welt. Des Weiteren beinhaltet es die Vernichtung der Schiiten, die von der sunnitischen Taliban als Häretiker betrachtet werden, und die Vertreibung der wenigen verbliebenen, einheimischen Christen, Sikhs und Hindus aus der Grenzprovinz. Obwohl die extremistischen Führer wie Baitullah Mehsud und Maulana Fazlullah von marginalisierten sozialen Gruppen unterstützt werden, fordern sie weder Beschäftigung, Landreformen, bessere Gesundheitsversorgung noch andere soziale Dienste. Dies ist also nicht im Geringsten eine „Befreiungsbewegung“, auch wenn einige marginalisierte linke Pakistanis dieser Täuschung unterliegen.

Was die Zukunft betrifft: Aufständische aus den Stammesgebieten werden weder Islamabad noch Pakistans wichtigste Städte, die durch Tausende von schwer bewaffneten Militärs und paramilitärischen Truppen beschützt werden, einnehmen können. Abtrünnige innerhalb des Militärs und Geheimdienstes haben zwar Selbstmord-Anschläge gegen ihre eigenen Kollegen angestiftet oder organisiert. Doch betäubt von der Brutalität dieser Angriffe, scheinen sich die Offizierskorps nun endlich von ihrer früheren Sympathie und Förderung von Extremismus zu distanzieren. Dies macht eine Übernahme des nuklearen Arsenals unwahrscheinlich. Gefahr für die Nuklearwaffen stellen vielmehr Pakistans „städtische Taliban“ dar, als die ungebildeten Stammeskämpfer. Denn es gibt in der Tat mehr als nur ein paar Wissenschaftler und Ingenieure im nuklearen Sektor mit extremen, religiösen Ansichten.

Während sie nach staatlicher Macht greifen, haben es die Taliban nicht einmal nötig, einen bemerkenswerten Erfolg zu erzielen. Durch Terror und Selbstmordattentate haben sie Angst allgegenwärtig gemacht. Frauen wird die Burka aufgezwungen, besorgte Arbeitgeber im privaten Sektor sowie in Regierungsbehörden haben ihren männlichen Mitarbeitern in Peshawar und anderen Städten dazu geraten, den traditionellen Shalwar-Kameez anstatt Hosen zu tragen. Gemischte Schulen in Pakistan befürchten mehr und mehr Anschläge – einige haben sich bereits entweder in reine Mädchen- oder Jungenschulen verwandelt. Videoläden haben ihren Verkauf eingestellt und einheimische Musiker und Tänzer sind geflohen oder haben ihren Beruf gewechselt. Damit gewinnt ein steriler saudi-arabischer Wahabismus zunehmend Einfluss auf Pakistans einstmals so lebendige Kultur und Gesellschaft.

Allerdings könnte es noch viel schlimmer sein. Angenommen General Ashfaq Parvez Kayani würde durch einen Putsch von radikal-islamistischen Offizieren gestürzt werden und die neuen Machthaber würden die Kontrolle über die Atomwaffen des Landes übernehmen, dann wäre ein Eingreifen von äußeren Kräften quasi unmöglich. Der Jihad zur Befreiung Kaschmirs würde zur höchsten Priorität Pakistans erklärt und frühere Politiken zur Überschreitung der Waffenstillstandslinie (Line of Control) würden wiederbelebt werden. Schiiten würden in den Iran und Hindus nach Indien vertrieben werden und ethnische und religiöse Minderheiten in den Northern Areas würden vor paschtunischen Invasoren fliehen. Anti-Taliban-Kräfte wie die ethnische Muttahida-Qaumi-Bewegung und belutschische Nationalisten würden durch die Islamisten zerschlagen und schließlich würde auch die Scharia im gesamten Land durchgesetzt werden. Glücklicherweise scheint dies unwahrscheinlich, solange das Militär zusammenhält.

Was können die Vereinigten Staaten als die noch immer unübertroffene Weltmacht dagegen tun? Erstaunlich wenig.

Pakistan ist wahrscheinlich das Amerika-feindlichste Land der Welt, obwohl es auf die US-amerikanische Unterstützung angewiesen ist. Dies hat endlos viele Gründe. Einige sind pan-islamischen Ursprungs, doch andere stammen aus der bitteren Erfahrung als Amerikas Verbündeter in den 1980er Jahren. Während des von den USA organisierten Jihad gegen die Sowjetunion stand Pakistan an vorderster Front, wurde jedoch nach Ende des Kriegs wieder fallengelassen, und blieb mit vielen gefährlichen Konsequenzen allein zurück. Wenn auch sehr verspätet, so ist Hillary Clintons jüngstes Schuldzugeständnis begrüßenswert. Doch tief sitzende Ressentiments haben bereits eine geradezu paranoide Haltung erzeugt, die Washington für jegliche Übel in Pakistan – alte wie neue – verantwortlich macht. Vor Kurzem hielt ich eine Rede bei einem Treffen junger Menschen in Islamabad. Viele Anwesende waren der Meinung, dass die Taliban US-Agenten wären, die dafür bezahlt werden, Instabilität zu erzeugen, so dass Pakistans Atomwaffen von Washington übernommen werden könnten. Viele solcher absurden Verschwörungstheorien erfreuen sich hier großer Beliebtheit.

Dennoch sind die Vereinigten Staaten nicht völlig machtlos. Die Chancen einer positiven Zusammenarbeit mit Pakistan haben sich unter der Obama-Administration verbessert. Echte Fortschritte im Hinblick auf die Schaffung eines palästinensischen Staates und im Umgang mit Muslimen weltweit hätten enorme Resonanz in Pakistan.

Obwohl eine bessere Überwachung der finanziellen Unterstützung Pakistans notwendig ist, so darf diese jedoch nicht gesenkt werden, da ein wirtschaftlicher Kollaps (und ein sicherer Sieg der Taliban) dann nur noch eine Frage von Monaten wäre. Die Regierung und Armee müssen solange über Wasser gehalten werden bis Pakistan in der Lage ist, allein gegen Extremismus vorzugehen. Die Vereinigten Staaten sollten außerdem eine Konferenz initiieren, die Iran, Indien und China an einen Tisch bringt. Jedes dieser Länder muss erkennen, dass Extremismus eine regionale und auch globale Gefahr darstellt, und daher müssen sie einen Aktionsplan entwerfen, der die Vernichtung von Extremismus zum Ziel hat.

Folglich müssen Pakistans politische Führung und die Armee sich der extremistischen Bedrohung entgegenstellen, die Vereinigten Staaten und Indien als Partner und nicht als Gegner anerkennen, wichtige Reformen in Bezug auf Einkommen und Verteilung von Land umsetzen, das Bildungs- und Rechtssystem verbessern und sich den tatsächlichen Bedürfnissen der Bevölkerung annehmen. Am Wichtigsten ist jedoch, dass Pakistan unnachgiebig gegen die aufwieglerischen Mullahs, die Hass von Moscheen aus verbreiten, vorgeht und die Züchtung von Selbstmordattentätern in Koranschulen stoppt. Was auch immer geschieht, die Pakistanis müssen selbst herauszufinden, wie sie damit umgehen.


Dieser Artikel erschien zunächst am 03. Juni 2009 im englischen Original im Bulletin of the Atomic Scientists.