Pakistan: Wieder im Krieg mit sich selbst


Die Gebiete Waziristan, FATA und Punjab. © Heinrich-Böll-Stiftung Pakistan

20. Oktober 2009

Von Gregor Enste

Nun hat sie also begonnen, die große Schlacht um Waziristan, vor der Pakistan sehr lange zurückgeschreckt war. Rah-e-Nijat, „Pfad der Erlösung“, heißt die Operation offiziell und selten zuvor schien das Land nach außen hin entschlossener und mutiger im Vorgehen. Aber gleichzeitig war der Staat auch kaum verzweifelter und offensichtlich ohne eine andere Wahl als die der rein militärischen Option.

Nach vorbereitenden Luftangriffen ist die pakistanische Armee am Wochenende mit Bodentruppen gegen militante Gruppen von Taliban und Al-Qaida in dem an Afghanistan grenzenden Stammesgebiet Südwaziristan, eine der so genannten Federally Administered Tribal Areas FATA, vorgegangen (siehe Karte). Dort traf sie auf unerwartet heftige Gegenwehr. Rund 28.000 Soldaten werden in der ersten Phase eingesetzt, auf bis zu 60.000 Soldaten soll das Kontingent aufgestockt werden, was immerhin 10 Prozent der gesamten Armee entspricht. Auf der anderen Seite rechnet man mit bis zu 15.000 hochgerüsteten Guerilla-Kämpfern von Taliban und Al-Qaida, im Schulterschluss mit warlords und arabischen Extremisten.

Die Wunden der letzten Kriege

Nur fünf Monate nach Beginn der großen Militäraktion in der Region Swat und Malakand (siehe dazu Gregor Enste, Pakistanisches Labyrinth) herrscht also wieder Krieg in Pakistan und schon jetzt gibt es 100.000 Flüchtlinge. Dabei sind die Wunden des ersten Krieges gegen die Taliban auf eigenem Boden vom Mai dieses Jahres noch lange nicht verheilt. Von den damals zwei Millionen Binnenflüchtlingen sind derzeit erst dreiviertel wieder in ihre Heimat zurückkekehrt, 9.000 gefangene Talibankämpfer harren ihres Schicksals in den Händen des Militärs und noch nicht alle Distrikte der gebirgigen Malakand Region sind gänzlich von Widerstandsnestern befreit. Nur wenige der aus Angst vor den Taliban geräumten Polizeistationen sind wieder besetzt und nur eine Handvoll der zweihundert niedergebrannten Schulen sind wieder aufgebaut.

Trotzdem sehen sich Militär und politische Führung in Islamabad gezwungen, eine noch größere Offensive auf eigenem Territorium gegen einen „Feind im Inneren“ zu beginnen. Und jeder fürchtet, dass dieser Kampf ungleich härter werden wird als der im Swat-Tal. Denn es ist nicht nur wieder ein asymmetrischer Krieg, sondern das raue und gebirgige Terrain in Waziristan ist für reguläre Bodenoffensiven weitaus weniger geeignet. Das heißt, eine reguläre und auf einen äußeren Feind hin trainierte Armee ist mit Truppen von Guerillakämpfern im Inneren konfrontiert, die zudem die letzten acht Jahre Zeit hatten, ihre Infrastruktur in Südwaziristan aufzubauen - genauer gesagt: seit der überstürzten Flucht der tausend Taliban und Al-Qaida Kohorten um Mullah Omar und Osama bin Laden aus Afghanistan im Oktober 2001 als Folge des 11. September. Damals fanden sie Unterschlupf in den pakistanischen Stammesgebieten auf der anderen Seite der Grenze, verbündeten sich dort mit seit Längerem aktiven Islamisten aus Usbekistan und profitierten nicht nur vom aufblühenden Gewalt- und Drogenmarkt, sondern erfreuten sich auch der Protektion aus Pakistans Geheimdienstkreisen.(1).

Von dort unternahmen die Taliban Angriffe auf die ISAF-Truppen in Afghanistan und seit drei Jahren auch blutige Attentate und immer verlustreichere Angriffe auf Sicherheitsorgane in Pakistan, weil sie Islamabad als Handlanger der Besatzungsmacht USA im benachbarten Afghanistan ansehen. Diese islamistischen Kommandos haben in den meisten Fällen gegenüber der regulären Armee auch noch den taktischen Vorteil, auf aufwändige Eigensicherung verzichten zu können. Denn die Attentäter und Kommandos der Taliban wissen, dass ihre Aktionen mit dem eigenen ruhmreichen Tod enden, sie sehen sich als Märtyrer für eine ehrenvolle Sache sterben.

Warum also trotzdem und warum gerade jetzt der Einmarsch im halbautonomen paschtunischen Stammesgürtel? Warum ausgerechnet dort, wo sich die zumeist aus der Mehrheitsprovinz Punjab rekrutierte Armee bisher immer zurückgehalten hatte, um die Paschtunen beiderseits der Grenze nicht zu brüskieren und wo sie noch vor drei Jahren einen peace deal mit Stammesführern und dem später als Staatsfeind Nr. 1 berüchtigten Obeidullah Mehsud eingegangen war?

Nun, die jetzige Aktion geschah unter massivem äußerem Druck und unter dem Eindruck einer bisher noch nie erlebten Welle von Terroranschlägen im gesamten Land, die bewusst die Handlungsfähigkeit des Staates in Frage stellte und deren Urheberschaft nach Südwaziristan deutet. Von dort übernahm jedenfalls der Ende 2007 gegründete Dachverband der pakistanischen Taliban (Tehrik-e-Taliban Pakistan) die Verantwortung. Stillschweigend wird in der politischen und militärischen Klasse Islamabads mit dem Einmarsch auch eingestanden, dass das jahrelange Verleugnen der staatlich protegierten Existenz von Al-Qaida und Taliban in Südwaziristan das Land erst in dieses blutige Dilemma gestürzt hat.

Eine Woche des Terrors

Man muss die blutige Woche Mitte Oktober 2009 in Pakistan noch einmal Revue passieren lassen, um dabei auch neue Dimensionen und Qualitäten des Terrors erfassen zu können. Im diesem sowieso schon von Anschlägen geplagten Land kam es nämlich am 15. Oktober zu einem traurigen Rekord. Innerhalb eines Tages gab es drei gut orchestrierte, simultane Angriffe auf Polizeieinrichtungen in Pakistans zweitgrößter Stadt Lahore und ein Selbstmordattentat in Kohat, bei denen Dutzende Menschen ums Leben kamen. Am Abend rundete ein Selbstmordanschlag in der Hauptstadt der Nordwestgrenzprovinz Peshawar den traurigen Tag ab und gleich am nächsten Tag, zur Stunde des Freitagsgebets, gab es dort den nächsten Anschlag. Diese etwas mehr als 24 Stunden forderten insgesamt über 120 Menschenleben. 

Seit dem 10. Oktober haben Terroristen acht Anschläge gegen Pakistans Sicherheitskräfte verübt, darunter auch der bisher dreisteste Angriff von zehn Militanten auf das Hauptquartier der Armee in der Garnisonsstadt Rawalpindi südlich von Islamabad. Sowohl geschockte Pakistanis als auch der Rest der Welt sahen dabei hilflos zu, wie Elitetruppen der Armee 40 Geiseln erst nach 20 langen Stunden aus dem Gebäude des Hauptquartiers befreien konnten. Die ganze Operation kostete 25 Menschen - ein Dutzend Armeeangehörige, fünf Geiseln und acht Terroristen - das Leben. Schon am 5. Oktober waren fünf Mitarbeiter des Welternährungsprogramms der UN (WFP) in Islamabad gestorben, als ein in Militäruniform getarnter Selbstmordattentäter ins Büro des WFP gelang und sich anschließend in die Luft sprengte.  Auch die Attentäter der drei 10 bis 12 Personen umfassenden Terrorgruppen in Lahore traten in Originaluniformen auf, benutzten für ihre Fahrzeuge offizielle Sicherheitsnummernschilder und Embleme – und erstmals gehörten auch drei Frauen zu einem der Selbstmordkommandos.

52 Selbstmordattentäter haben allein in diesem Jahr bereits verschiedene Städte in Pakistan erschüttert und dabei mehr als 500 Menschen umgebracht, die Hälfte davon Angehörige der Sicherheitskräfte. Und auf jeden „erfolgreichen“ Anschlag kommt mindestens ein von den Sicherheitsorganen vorab vereiteltes Attentat. Gleichzeitig ist langfristig die psychologische Wirkung gerade der Angriffe auf Polizeischulen wie in Lahore verheerend. Beim letzten Anschlag auf die Munawan-Polizeiakademie im April 2009 sollen nach Wiedereröffnung nur noch die Hälfte der Polizeischüler wieder zur Ausbildung erschienen sein. Langfristig noch verstörender sind die offenkundigen Beweise dafür, dass es den Taliban gelungen sein muss, zumindest klammheimliche Sympathisanten und tatkräftige Unterstützer für die Anschlagslogistik im Sicherheits- und Militärapparat Pakistans gefunden zu haben.

Neue Dimensionen der Terrornetzwerke, deren Vorgeschichte und eine neue Eskalation mit dem Anschlag im Iran

Ein anderer Aspekt der Anschlagsserien betrifft deren Format und Ziele. Der Angriff auf das Armeehauptquartier in Rawalpindi hatte frappierende Ähnlichkeiten mit dem Anschlag auf das Kricketteam Sri Lankas am 3. März 2009 und drei Wochen später auf die Munawan-Polizeischule in Lahore, der Hauptstadt der Provinz Punjab. Dies deutet auf die wachsenden Verbindungen zwischen Militanten aus Waziristan und aus Südpunjab hin. Diese Region in Zentralpakistan war bereits in den 1980iger Jahren Brutstätte für religiös sunnitisch motivierten Terrorismus (sectarian violence). Viele Analysten bezeichnen das neue Terrornetzwerk deshalb als „Punjabi Taliban“. Auch die Tatsache, dass die im Punjab ansässige Gruppe Amjad Farooqi die Verantwortung für die Taten in Lahore übernommen hat, macht die Verbindung zwischen paschtunischen und punjabischen Militanten deutlich. Farooqi gehörte der Terrorgruppe Jaish-e-Mohammad an und wurde 2004 bei einem Schusswechsel mit pakistanischen Sicherheitskräften getötet.

Der Angriff auf das Armeehauptquartier trägt zudem deutlich die Handschrift von Fidayeen-Angriffen, wie sie seit 1998 von der sich als Freiheitskämpfer verstehenden anti-indischen Terrororganisation Lashkar-e-Taiba (LeT) verübt werden. Solche Attacken werden von getarnten Fanatikern durchgeführt und zielen in der Regel auf Militärkasernen und paramilitärische Sicherheitseinrichtungen. Zumeist werden die angegriffenen Ziele durch den schnellen Einsatz von Feuerwaffen und Handgranaten überrascht. Die LeT hat bereits etliche solcher Angriffe in Kaschmir durchgeführt, aber auch in Delhi mit der Belagerung des Parlaments im Dezember 2003 oder in Mumbai am 26. November 2008.

Angesichts des Selbstmordanschlags auf die Revolutionsgarden im Iran, der am vergangenen Sonntag in der an Pakistan grenzenden Provinz Sistan-Baluchistan 40 Tote forderte, muss auch dieser auf den ersten Blick verwirrende Nebenweg des Terrors beleuchtet werden. Dessen Entwicklung begann mit der Finanzierung der Sipah-e Sahaba Pakistan (SSP) im Südpunjab durch Saudi-Arabien, um in den frühen 1980iger Jahren die Ausbreitung der schiitisch motivierten Revolution im Iran auf die Nachbarstaaten zu bekämpfen. Dem damaligen Diktator Zia ul-Haq in Pakistan und dem amerikanischen Sicherheitsestablishment um die CIA kam das sehr gelegen, denn sie fanden mit den Anhängern der SSP auch Freiwillige für den Kampf gegen die Sowjets in Afghanistan. Die iranische Antwort auf die SSP war die schiitische Tehreek-e-Jafria Pakistan (TJP) und dessen militanter Flügel Sipah-e-Mohammad. Als Reaktion darauf legte sich auch die SSP einen militanten Flügel zu - die Lashkar-e-Jhangvi (LeJ). Die jetzt im Iran operierende sunnitische Terrorgruppe Jundullah (Soldaten Gottes) um ihren Führer Abdolmalek Rigi hat über Rückzugsgebiete in der pakistanischen Provinz Baluchistan wiederum Verbindungen zur pakistanischen LeJ und hat sofort die Verantwortung für den Selbstmordanschlag im Iran vom 19. Oktober übernommen. Ultimativ forderte der iranische Präsident Mahmoud Ahmadinejad von Pakistan die Auslieferung Rigis und die „Ausrottung“ anti-iranischen Terrors.

Die Tatsache, dass die punjabischen Taliban damit mittlerweile fast überall in Pakistan ansässig sind und entweder mit den Pakistanischen Taliban (Tehrik-i-Taliban Pakistan) oder anderen terroristischen Gruppen affiliiert sind, zeigt deutlich die ideologische Verbindung zwischen den Gruppen innerhalb und außerhalb der Stammesgebiete. Kurz nachdem der damalige Alleinherrscher General Pervez Musharraf in einer am 12. Januar 2002 landesweit ausgestrahlten Fernsehansprache die meisten sektiererischen extremistischen Organisationen verboten hatte - u.a. Jaish-e-Muhammad, Sipahe Sahaba Pakistan, Sipah-e-Mohammad, Lashkar-e- Taiba und Harkatul Mujahideen -  verlegten viele Gruppen ihren Sitz ganz einfach in die Stammesgebiete oder firmierten unter anderem Namen weiterhin im Südpunjab.

Etliche punjabische Terrorgruppen haben ihren Ursprung im Befreiungskampf der Mujaheddin in Afghanistan und wandten sich nach dem Rückzug der Sowjets aus Afghanistan im Februar 1989 der „Befreiung“ Kaschmirs zu. Die Kontakte zu den dann Taliban (Koranschüler) gewordenen Freiheitskämpfern in Afghanistan blieben jedoch bestehen, hauptsächlich durch dortige Trainingslager, die von Jaish-e-Muhammad, Lashkar-e-Taiba und Harkatul Mujahideen unterhalten wurden.

Als dann die Taliban in Afghanistan Ende 2001 entmachtet wurden und General Musharraf auf Druck Washingtons die militanten Gruppen in Pakistan verbannte, fanden viele ihrer Führungskräfte und andere extremistische Aktivisten gleichwohl Zuflucht in den pakistanischen Stammesgebieten, wo sie mit verschiedenen dorthin geflüchteten Al-Qaida und afghanischen Taliban Allianzen eingingen. Zahlreiche Kämpfer dieser pakistanischen Jihadi Organisationen waren zu dem Zeitpunkt bereits in Afghanistan aktiv gewesen, als der „Krieg gegen den Terror“ begann. Sie hatten erhebliche Verluste, wichtige Kommandeure und hunderte Kämpfer verloren im Krieg gegen die internationalen Koalitionstruppen ihr Leben. Rund 70 pakistanische Staatsbürger wurden nach Gefangennahme in Afghanistan im berüchtigten Gefängnis Guantanamo Bay interniert, darunter auch Mitglieder der erwähnten Harkatul Mujahideen, Jaish-e-Muhammad und Harkatul Jihad, die nach ihrer Freilassung wieder im Südpunjab auftauchten.

Dies untermauert die Tatsache, dass auch militante Jihadisten aus Punjab militärische Positionen sowohl innerhalb der Taliban aber auch Al-Qaida übernommen haben und sich der Anschlagsterror in Pakistan nicht nur aus Waziristan speist. Im Gebiet zwischen Dera Ismail Khan und Bahawalpur südlich von Lahore ist die dutzendfache Existenz von den an örtliche Madrassen angebundenen militanten Trainingslagern evident. Gleichwohl bezeichnen Militär und Provinzregierung in Lahore kategorisch das Problem als „nicht existent“, ein Verhaltensmuster, das sich schon bei den Problemkomplexen Waziristan und Swat zeigte.

Pakistans ureigene Herausforderung

Insgesamt hat sich über die letzten zehn Jahre ein übles Gebräu islamistischer Militanz unter Duldung bis Aufsicht von Teilen des pakistanischen Sicherheitsapparats entwickelt, das nur wenige Experten noch durchschauen. Dieses Krebsgeschwür hat dabei auch Metastasen in die Seele Pakistans gestreut. Die Gesellschaft droht nämlich durch ertragene oder geduldete Beschränkungen von als „unislamisch“ gebrandmarkten Freiräumen, an einer schleichenden „Talibanisierung“ zu erkranken.

Offenkundiger aber ist der Befund, dass mittlerweile ganz Pakistan vor einer militanten Al-Qaida-inspirierten Herausforderung des Terrors steht. Einige pakistanische Meinungsmacher aus Parteien und Geheimdienst wollen das Volk aber immer noch glauben machen, dass externe und pakistanfeindliche Kräfte diese militanten Gruppen nähren und nur benutzen, um die pakistanische Armee zu schwächen.

Gebetsmühlenartig hört man nach fast jedem Anschlag als erste Erklärung die Phrase „Foreign hands cannot be ruled out“. Und insgesamt ist das Gefühl immer noch verbreitet, Pakistan führe einen Stellvertreterkrieg für den Westen. „We are fighting America´s war on terror and we are suffering most“, hört man selbst in intellektuellen Kreisen Islamabads.

Allerdings mehren sich auch nachdenklichere Stimmen, von denen stellvertretend die pakistanische Zeitung DAWN vom 17. Oktober zitiert werden soll: "In Wahrheit haben wir nur versucht, die Symptome zu heilen und nicht die Krankheit. Bis heute haben wir uns nicht eingestanden, dass die Ursache für die Krise nicht in den entlegenen Stammesgebieten zu suchen ist, sondern in unserer kollektiven Psyche. Wer behauptet, dass diese Jihad-Gruppen einst von der CIA geformt wurden, um die Sowjets aus Afghanistan zu vertreiben, macht es sich zu einfach. In der Vergangenheit finden sich sicher schlüssige Gründe für die gegenwärtige Misere. Aber all das reicht nicht, um eine Frage zu beantworten: Warum fällt der islamistische Extremismus in Pakistan auf so fruchtbaren Boden?"

Die Operation Rah-e-Nijat, der eingangs erwähnte militärische „Pfad der Erlösung“ befreit Pakistan jedenfalls nicht allein vom Grundübel des militanten Jihad und des religiös motivierten Extremismus. Ein erster Schritt in die richtige Richtung, könnte in diesen Tagen darin liegen, dass die politische Klasse in Islamabad dem Volk ganz einfach mal erklärt, worum es in dem neuen Krieg geht. Und warum die Behörden sich gezwungen sehen, Schulen in bestimmten Teilen der Großstädte zu schließen. Nachdem Premierminister Yousuf Gilani den Einsatz des Militärs im Swat-Tal in einer landesweiten Fernsehbotschaft im Mai noch als „Schlacht um das Überleben Pakistans“ angekündigt hatte, herrscht jetzt Schweigen. Man überlässt die öffentliche Deutungshoheit über den neuen Krieg den Militärsprechern und den aufgeregten TV-Talkshows. So wie man auch die Aburteilung gefangener Terroristen und anderer Verdächtiger der jüngsten Anschläge aus Gründen des Staatsschutzes nicht-öffentlichen Militärgerichten überlässt. Bis heute hat es in den letzten vier Jahren keinen öffentlichen Strafprozess gegen gefangen genommene Terrorverdächtige gegeben, dessen generalpräventive und aufklärerische Wirkung ebenfalls ein Mittel gegen allgegenwärtige Verschwörungstheorien sein könnte.

Was zur innen- und gesellschaftspolitischen Problematik im bisherigen Kampf gegen den Feind im Inneren noch hinzu kommt, ist der enorme außenpolitische Schaden, der vor allem regionalpolitisch desaströse Ausmaße angenommen hat. Mit drei der vier Nachbarstaaten, nämlich Iran, Afghanistan und Indien, sind die diplomatischen Beziehungen Pakistans aufgrund terroristischer Verwicklungen auf einem Tiefpunkt.

Nach den Angriffen auf das Nervenzentrum des Staates, dem Anschlag auf das Armeehauptquartier am 11. Oktober, „flüchtete“ sich der pakistanische Premierminister Gilani noch am selben Tag zum Staatsbesuch beim vierten Nachbarn China. Präsident Ali Asif Zardari will nach eigener Aussage jedes Vierteljahr nach China reisen und hat es tatsächlich im gerade abgelaufenen ersten Amtsjahr schon auf vier Besuche gebracht. Zunehmend sieht sich die politische Führung Pakistans aber auch bei Besuchen in Peking mit Befürchtungen konfrontiert, vom militanten Boden der Nordwestgrenzprovinz Pakistans könnten islamistische Gruppen der Uiguren in der chinesischen Provinz Xinjiang unterstützt werden.

Angesichts der das Land gleichzeitig noch plagenden riesigen Wirtschafts-, Finanz- und Energiekrise, der separatistischen Tendenzen in einigen Provinzen und der innenpolitischen Achterbahn muss Pakistan aufpassen, dass sich die düstere Prophezeiung im jüngsten Buchtitel von Ahmed Rashid nicht bewahrheitet. Er schreibt, dass sich der Staat Pakistan auf einer „Rutschbahn ins Chaos“ befinde und die ganze Region dabei mit in den zerstörerischen Strudel des Extremismus reißen werde.

Gregor Enste leitet das Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Lahore, Pakistan.

Bemerkung:
Vgl. dazu Ahmed Rashid, Descent into Chaos, 2008 und Imtiaz Gul, The Al Qaida Connection: The Taliban and Terror in Pakistan.

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