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Atommacht im Absturz: Wenig Hoffnung für Pakistan

Demonstration der Jamat e Islami gegen amerikanische Einmischung in Pakistan. Foto: *Muhammad* Dieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

2. März 2011
Can Merey, Lahore
Rawalpindi/Lahore (dpa) - Dil Bazeer sitzt in seinem kleinen Maklerbüro in der Garnisonsstadt Rawalpindi. Hinter ihm hängt ein gerahmtes Bild von Staatsgründer Muhammad Ali Jinnah, der die Vision eines gemäßigten islamischen Pakistans hatte. Bazeers schwarzer Bart ist gepflegt und viel kürzer, als ihn Islamisten tragen. Der 39-Jährige sagt, er schätze sich selber als moderaten Muslim ein. Und dann sagt er Sätze wie diesen: «Jeder, der etwas gegen den Propheten (Mohammed) sagt, muss getötet werden.»

Bazeer weiß, wovon er spricht: Sein 14 Jahre jüngerer Bruder Mumtaz Hussain Qadri war Teil einer Elite-Einheit der Polizei. Sein Job: Den Gouverneur der ostpakistanischen Provinz Punjab, Salman Taseer, zu schützen. Stattdessen erschoss der Leibwächter Taseer im Januar, weil dieser sich aus seiner Sicht der Blasphemie schuldig gemacht hatte. Qadris Begründung: Der Gouverneur hatte das Blasphemie-Gesetz Pakistans als «schwarzes Gesetz» kritisiert. Statt eines Aufschreis der Empörung über den Mord ging eine Welle der Sympathie für den Attentäter durchs Land. Sie ebbt nicht ab.


Islamismus auf dem Vormarsch

Am Fall Taseer zeigt sich exemplarisch, wie beherrschend der Fundamentalismus in der Atommacht Pakistan bereits geworden ist. «Der Islam als politischer Faktor ist dabei, die Oberhand zu gewinnen», sagt die Landeschefin der Heinrich-Böll-Stiftung in Lahore, Britta Petersen. «Ich befürchte, dass das Land in absehbarer Zeit in die Hände von islamistischen Parteien fallen könnte.»

Taseers Ermordung sei ein Schock für die liberale Elite gewesen. «Die Leute haben Angst, dasselbe Schicksal zu erleiden. Wer noch den Mut hat, zu seinem Wort zu stehen, der muss um sein Leben fürchten», sagt Petersen. «Die Islamisten haben die Straße in der Hand.»

Für die Freilassung Qadris, der zum Volkshelden geworden ist, demonstrierten Zehntausende - kein Vergleich mit den kleinen Kundgebungen, bei denen Liberale des Toten gedachten. Als Qadri am Tag der Beerdigung seines Opfers erstmals vor Gericht erschien, warfen Anwälte Rosenblätter auf ihn und küssten seine Hände; 100 von ihnen haben sich gemeldet, um ihn kostenlos zu verteidigen. Zwei Staatsanwälte haben sich geweigert, Qadri anzuklagen - möglicherweise nicht nur aus Sympathie zu ihm, sondern auch aus Angst um ihr Leben.

Schon weit vor dem Haus der Familie des Todesschützen und seines Bruders wehen Spruchbänder über den Straßen. «Mumtaz Qadri, wir bewundern Deinen Mut», steht dort geschrieben. Am Haus selber sind überlebensgroße Bilder des Attentäters angebracht. In der Nachbarschaft kleben Plakate mit Fotos von Qadri nach der Festnahme, auf denen er als «Soldat des Propheten» verehrt wird.


Das Blasphemie-Gesetz

Sein Bruder sagt: «Die ganze islamische Welt ist stolz auf ihn, und wir sind auch stolz auf ihn. (...) Jeder in Pakistan unterstützt uns.» Aus zahlreichen Ländern würden Muslime ihre Sympathie per Mails oder in Anrufen bekunden. Bazeer argumentiert wie viele in Pakistan: Das Blasphemie-Gesetz - in seiner derzeitigen Form von Militärdiktator Mohammad Zia ul-Haq 1986 eingeführt - sei nicht vom Menschen gemacht, sondern von Gott selbst.

Jede Kritik am Gesetz entspreche daher einer Beleidigung nicht nur des Propheten, sondern sowohl Gottes höchstpersönlich als auch des gesamten Islam, so geht Bazeers krude Argumentation - und eine breite
Masse der Pakistaner denkt genauso. Qadri sei daher nur ein Werkzeug einer höheren Macht gewesen, meint der Bruder: «Es war Gott selber, der Gouverneur Taseer bestraft hat, weil er Blasphemie verübt hat.»

Bazeer redet sich in Rage, seine Stimme wird lauter. Die Fragen des Besuchers aus Deutschland gefallen ihm nicht. «Es gibt keine Talibanisierung in Pakistan», ruft er. «Das ist eine Verschwörung von Indien, Israel und Amerika, um Pakistan zu verleumden.» Der Islam sei eine «sehr flexible» Religion. In Pakistan hätten religiöse Minderheiten mehr Rechte als in Europa. So habe die Bundesregierung muslimischen Frauen verboten, einen Schleier zu tragen. Dagegen würden Christen in Pakistan mit «Liebe und Respekt» behandelt. «Nicht
wir sind böse, Ihr seid böse.»


Christliche Minderheit auf der Anklagebank

Von «Liebe und Respekt» ihrer muslimischen Zeitgenossen dürfte die Christin Asia Bibi derzeit wenig spüren. Ihr wird vorgeworfen, sich nach einem Streit in ihrem Dorf im Punjab abfällig über den Propheten Mohammed geäußert zu haben. Die Landarbeiterin wurde im Juni 2009 festgenommen und im vergangenen November zum Tode verurteilt. Das Urteil muss vom Obersten Gericht in der Provinzhauptstadt Lahore noch bestätigt werden. Der Fall sorgte international für Schlagzeilen, Papst Benedikt XVI. setzte sich für Asia Bibis Freilassung ein.

In Pakistan heizte das Todesurteil den Streit über das Blasphemie-Gesetz an. Islamisten drohen für den Fall der Freilassung Bibis mit Gewalt. Der Geistliche Maulana Yousuf Qureshi aus Peshawar lobte einem Zeitungsbericht zufolge 500 000 Rupien (rund 4400 Euro) Kopfgeld für jeden aus, der Bibi ermordet. Ausdrücklich rief er auch die Taliban dazu auf. Konsequenzen für Qureshi hatte das keine.

Taseer dagegen hatte Bibi nach ihrer Verurteilung im Gefängnis besucht und gesagt, sie habe nach seiner Überzeugung keine Blasphemie begangen. «Sie ist eine hilflose christliche Frau», meinte er damals. «Solche hilflosen Minderheiten in solchen Fällen anzuklagen, kommt der Verhöhnung der pakistanischen Verfassung gleich.»

Der Gouverneur übte scharfe Kritik am Blasphemie-Gesetz. «Warum werden nur die Armen und Wehrlosen zum Ziel?», fragte er später in einem Interview. «Wieso sind 50 Prozent von ihnen Christen, wenn sie weniger als 2 Prozent der Bevölkerung stellen? Das weist klar auf die Tatsache hin, dass das Gesetz missbraucht wird, um Minderheiten anzugreifen.» Wenige Tage nach dem Interview war Taseer tot.

Nach Angaben der christlichen Kommission für Gerechtigkeit und Frieden (NCJP) in Lahore betrafen im vergangenen Jahr 17 der 41 Blasphemie-Anklagen Christen - so viele wie nie seit Einführung des Gesetzes vor 25 Jahren. Insgesamt kam es demnach seit 1986 zu 1072 Anklagen: 136 davon gegen Christen, 21 gegen Angehörige der hinduistischen Minderheit und 452 gegen Muslime. Die restlichen 463 Fälle betrafen Ahmadis, die sich selber als Muslime sehen, sich aber unter dem Blasphemie-Gesetz nicht als solche bezeichnen dürfen.

Nach den im Strafgesetzbuch verankerten Blasphemie-Paragrafen können Ahmadis, die sich Muslime nennen oder «in welcher Art auch immer die religiösen Gefühle von Muslimen verletzen», mit bis zu drei Jahren Haft bestraft werden. Generell verbietet das Gesetz die Beleidigung jeder Religion. Die härtesten Strafen aber drohen bei der Schändung des Koran (Paragraf 295-B, lebenslange Haft) und des Namens des Propheten Mohammed - letzteres kann wie im Fall Bibi nach Paragraf 295-C mit dem Tode geahndet werden.


Bislang kein Todesurteil wegen Blasphemie

Zwar ist in Pakistan nie ein Todesurteil wegen Blasphemie vollstreckt worden, zahlreiche Angeklagte aber wurden nach ihrer Freilassung gelyncht. Das Gesetz lädt zum Missbrauch ein. Wie die Statistik zeigt, sind nicht nur Minderheiten betroffen: Auch Muslime nutzen die Möglichkeit, persönliche Rivalen aus dem Weg räumen zu lassen, mögen sie auch Glaubensbrüder sein. Für eine Festnahme und eine Anklage nach Paragraf 295-C kann schon ausreichen, wenn ein vermeintlicher Zeuge bei der Polizei aussagt, er habe den Beschuldigten blasphemische Wörter äußern hören.

An eine Abschaffung des Blasphemie-Gesetzes ist in der aufgeheizten Stimmung in Pakistan überhaupt nicht zu denken. Die Abgeordnete Sherry Rehman von der regierenden Volkspartei PPP wollte zumindest Änderungen am Gesetz durchsetzen, um Anklagen zu erschweren und Missbrauch zu verhindern. Ziel ihres Vorstoßes sei, «unschuldigen Menschen eine Chance zu geben, wie bei allen Gesetzen ihre Unschuld zu beweisen». Doch auch dagegen liefen Islamisten und angeblich moderate Muslime erfolgreich Sturm.

Die PPP bekennt sich zur multikulturellen Gesellschaft, zu Demokratie und Menschenrechten. Premierminister Syed Yousuf Raza Gilani kündigte Anfang Februar an, Rehman werde ihre Änderungsvorschläge zurückziehen. Nach Angaben der Abgeordneten hatte Gilani sie vor dem Beschluss nicht einmal konsultiert. Zuvor hatte Rehman der britischen BBC gesagt, sie bekomme jede halbe Stunde Todesdrohungen per E-Mail oder Telefon.

Nachdem die Abgeordnete von ihrem Premierminister zurückgepfiffen wird, findet ein vereinbartes Interview mit ihr nicht statt - Rehman geht nicht mehr ans Telefon. Auch Salman Taseers Sohn will sich nicht mit ausländischen Reportern treffen, er verweist darauf, dass seine Familie immer noch Todesdrohungen bekomme.

Der Anwalt von Asia Bibi willigt in ein Gespräch ein, hat das Handy dann aber ausgeschaltet, als der Treffpunkt vereinbart werden soll. Er wirkt überrascht, als er im Gewimmel des Gerichts in Lahore aufgespürt wird, und will sich lieber doch nicht äußern. Der nervöse Jurist sagt nur, er hoffe, der Fall werde bald entschieden werden.

Doch danach sieht es nicht aus. Peter Jacob ist der Sekretär der christlichen Kommission für Gerechtigkeit und Frieden (NCJP) in Lahore, die die Statistiken über Blasphemie-Anklagen führt und Bibi den Anwalt stellt. Er sagt: «Die allgemeine Stimmung ist so feindlich, dass die Regierung den Fall lieber verzögern würde.» Bibi, die seit mehr als eineinhalb Jahren im Gefängnis sitzt, «ist zu einem gewissen Maße demoralisiert und fürchtet um ihre Sicherheit».

Die Radikalisierung des Landes schreite voran, sagt Jacob. «In der pakistanischen Geschichte sind Minderheiten noch nie in einer schlimmeren Lage gewesen.» In den 90er Jahren seien christliche Prozessionen noch möglich gewesen, doch das sei vorbei. «Die Zivilgesellschaft ist vorsichtig. Wir können uns keine weiteren Begräbnisse und Auswanderungen von Kameraden erlauben.» Jacob fügt hinzu: «Die Zivilgesellschaft verliert gegen die Extremisten, weil sie nicht bewaffnet ist und der Staat sie nicht beschützt.»

Petersen von der Heinrich-Böll-Stiftung sagt: «Die Zivilgesellschaft war schon immer zu schwach, um grundsätzlich etwas zu ändern.» Die Regierung sei kaum noch handlungsfähig. Dass die Islamisten bislang wenig Wahlsiege verbuchen konnten, sei kein Beleg dafür, dass es eine schweigende moderate Mehrheit gebe. Die Menschen auf dem Land wählten, wie es die Feudalherren ihnen vorgäben. «Möglicherweise hat es eine schweigende Mehrheit nie gegeben, wie wir und die (liberalen) Pakistaner uns das eingeredet haben.»


Hoffnung auf die junge Generation?

Der Bestseller-Autor Ahmed Rashid ist ein Jahr jünger als sein 1947 gegründetes Heimatland, er sieht Pakistan «ohne Zweifel» in der bislang schlimmsten Krise. Und er wirft eine alarmierende Frage auf: Wenn es Taseer-Mörder Qadri gelungen ist, eine Elite-Polizeieinheit zu penetrieren - wie zuverlässig sind dann die Elite-Einheiten der Armee, die die Atomwaffen Pakistans bewachen? Rashid sagt, seine Generation habe dabei versagt, der verheerenden Entwicklung des Landes Einhalt zu gebieten. Er hoffe nun auf die jungen Pakistaner.

Diese Hoffnung könnte trügerisch sein. «Natürlich hat er (Taseer) verdient, getötet zu werden», sagt Sishan Nagra. Der 25-Jährige studiert an der Punjab-Universität in Lahore Jura. Er sagt, sollte einer seiner Freunde sich blasphemisch äußern, würde er ihn persönlich töten wollen. Die Studentin Iram Altaf ist modisch gekleidet und trägt ein rosa Kopftuch. «Schwarzes Gesetz», sagt die 21-Jährige. «Pah. Wir können nicht erlauben, dass jemand so etwas sagt.» Fast alle Kommilitonen hätten Qadris Tat richtig gefunden. Sie meint: «Der Islam ist eine tolerante Religion.»

Professor Tariq Rahman von der Quaid-i-Azam-Universität in Islamabad setzt kein Vertrauen mehr in die junge Generation. Sein Ausblick in die Zukunft sei «sehr pessimistisch», sagt er. Es sei gut möglich, dass nach der Macht auf der Straße «auch die politische Macht in die Hände der Mullahs fällt»; die «Talibanisierung» des Landes sei eine reale Gefahr. Sein eigener Sohn wolle in die USA auswandern, weil er seine Heimat für unsicher halte. «Ich werde sehr einsam sein, aber ich werde ihn nicht aufhalten», sagt Rahman. «Ich habe wenig Hoffnung für dieses Land.»

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Dieser Artikel von Can Merey wurde mit freundlicher Gehmigung der dpa veröffentlicht.