Pakistans Kernwaffenarsenal – Status quo und Ausblick

Der Start einer Interkontinentalrakete.
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7. September 2009
Von Prof. Pervez Hoodbhoy

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Von Prof. Pervez Hoodbhoy, Islamabad

Entschlossen, das atomare Potenzial Pakistans zu erhalten und auszubauen, doch verunsichert durch die Reaktion auf Abdul Khadir Khans internationalen Handel mit Atomwaffentechnik, vollführte Musharrafs Regierung im Jahr 2004 eine radikale Kehrtwende. Durch den Bruch mit der Tradition, sämtliche nuklearen Angelegenheiten geheim zu halten, hoffte man, die Welt davon zu überzeugen, dass Pakistans Kernwaffen in sicheren Händen seien. Bald reiste eine Vielzahl hoher pakistanischer Beamter zu Washingtoner Think Tanks und Militärhochschulen in den gesamten Vereinigten Staaten. Noch wenige Jahre zuvor wäre dies undenkbar gewesen. Besuche von Spitzenfunktionären der Strategischen Planungsabteilung (SPD), die für Wartung und Sicherheit von Pakistans Kernwaffenarsenal verantwortlich ist, wurden Routine und dauern bis heute an.

Dabei ist besonders bemerkenswert, dass auch der Generaldirektor der SPD, Generalleutnant Khalid Kidwai, die Vereinigten Staaten besucht. So wurde er beispielsweise dazu eingeladen, einen besonderen Gastvortrag vor Lehrkräften, Studierenden und Gästen der Naval Postgraduate School im kalifornischen Monterey zu halten ("Pakistan’s Evolution as a Nuclear Weapons State", gehalten am 1. Nov. 2006 an der US Naval Postgraduate School, Monterey, USA.). In diesem suchte er Vorstellungen auszuräumen, dass Pakistans Kernwaffen in die Hände religiöser Extremisten fallen könnten bzw. sich ständig im höchsten Bereitschaftszustand befänden und unüberlegt eingesetzt werden könnten. Andere mit dem pakistanischen Kernwaffenprogramm in Verbindung stehende Offiziere erhalten Mittel aus amerikanischen Quellen, um Berichte und Aufsätze für US-Forschungsinstitute und Think Tanks zu verfassen. Außerdem sind Bücher in Arbeit, die „die wahre Geschichte des pakistanischen Atomwaffenprogramms“ enthüllen sollen. So wurde in der in Lahore erscheinenden Daily Times vom 29. Juli 2007 berichtet, dass die SPD bestätigt habe, zwei Forscher eines in Kalifornien ansässigen Think Tanks, Dr. Peter R. Lavoy und Feroz Khan (ehemals Brigadier der pakistanischen Armee), bei der Arbeit an einer umfassenden Darstellung des pakistanischen Atomwaffenprogramms zu unterstützen. Bis dato (2009) ist das Buch noch nicht erschienen.

Angst vor Instabilität

Die Sorge um die Sicherheit von Pakistans „Kronjuwelen“ ist relativ jungen Datums und hat ihre Wurzeln in den Ereignissen des 11. September 2001. Auch wenn Pakistans Militärregierung damals darauf beharrte, dass die 25 bis 40 pakistanischen Kernwaffen vor Übergriffen sicher seien, wollte man doch kein Risiko eingehen. Mehrere dieser Waffen wurden Berichten zufolge an verschiedene als sicherer angesehene abgelegene Orte innerhalb des Landes verlegt (s. Molly Moore und Kamran Khan, „Pakistan Moves Nuclear Weapons“, Washington Post, 11.11.2001). Diese Nervosität war nicht unberechtigt, denn gerade erst waren zwei Generäle mit starken islamistischen Neigungen (der Leiter von Pakistans Nachrichtendienst ISI, Generalleutnant Mehmood Ahmed sowie der stellvertretende Generalstabschef des Heeres, General Muzaffar Hussain Usmani), zwei vormals enge Vertraute General Musharrafs, ihrer Ämter enthoben worden. Musharraf war sich bewusst, dass dieser Schritt innerhalb der pakistanischen Nachrichtendienste als Verrat angesehen werden und ernstzunehmende Folgen haben könnte.

International bestehen weitreichende Befürchtungen, dass die pakistanischen Atomwaffen und Kernsprengstoffvorräte durch die instabile Lage im Lande nicht ausreichend vor Diebstahl geschützt sind. Wie zu erwarten, bestreitet Pakistan diese Gefahr aufs Heftigste: Der Außenminister behauptet, dass die Arsenale „hundertprozentig sicher“ und mehrfach geschützt sind.

Besänftigende Worte können die allgemeine Beunruhigung jedoch nicht beseitigen. Pakistan befindet sich mitten in einem ausgewachsenen Aufstand islamistischer Gruppen, von denen einige die pakistanischen Kernwaffen als Eigentum nicht Pakistans allein, sondern der Ummah, der Gemeinschaft der Muslime insgesamt, betrachten. „Pakistan and India Under the Nuclear Shadow“, eine Publikation vom Verfasser und Zia Mian für die Eqbal Ahmad Foundation enthält diverse Interviews mit militanten Führern, die Atombomben für den Islam einfordern. Dies hat auf internationaler Ebene den Eindruck verstärkt, dass Pakistans Kernwaffen sowie Spaltstoffe und andere Waffenbestandteile nicht sicher sind.

Pakistans Atomwaffenarsenal ist vier potenziellen Bedrohungen ausgesetzt:

  • einem Angriff durch Indien und die Vereinigten Staaten, einzeln oder gemeinsam; (Israel ist eine entfernte Bedrohung, die jedoch nicht ausgeschlossen werden kann (1);
  • von außen: einem Angriff einer militanten islamistischen Gruppe auf ein Atomwaffenlager oder eine Atomanlage mit dem Ziel, eine Atomwaffe zu erbeuten
  • von innen: islamistischen Elementen in der Armee, die mit der Bewachung oder dem Betrieb von Atomanlagen betraut sind;
  • dem Zusammenwirken innerer und äußerer Akteure.

Nur eine extreme Krise würde Indien und die Vereinigten Staaten – ob einzeln oder gemeinsam – dazu veranlassen, einen über Atomwaffen verfügenden Staat ungeachtet der damit verbundenen Gefahren anzugreifen, denn auch ein massiver Einsatz würde vermutlich nicht alle der gut versteckten und geschützten Atomwaffen Pakistans unschädlich machen. Darüber hinaus müssten auch die wichtigsten Atomwaffenanlagen, Atomreaktoren und Urananreicherungseinrichtungen vollständig zerstört werden – und ein solches Vorhaben wäre nur durch einen totalen Krieg zu verwirklichen.
Dagegen könnten islamistische Extremisten versuchen, sich einer Waffe mit dem Ziel zu bemächtigen, sie gegen eine amerikanische oder europäische Stadt einzusetzen bzw., da dies einfacher zu bewerkstelligen wäre, eine indische oder pakistanische Stadt zu zerstören – in der Hoffnung, dass dies einen Krieg zwischen Pakistan und Indien nach sich zöge. Letzteres wäre kongruent mit der Strategie der Selbstmordattentate, die al-Qaida anderswo verfolgt. Nach der Denkweise der Extremisten ist es am besten, wenn Ungläubige getötet werden. Müssen jedoch Sunni-Muslime sterben, kommen sie eben etwas früher in den Himmel.

Pakistans Sicherheitsdilemma

Die gleichzeitige Verteidigung gegen andere Nationen und Feinde von innen wirft ein schwieriges Sicherheitsdilemma auf: Einerseits möchte Pakistan die Aufbewahrungsorte und Einzelheiten seiner Atomwaffen geheim halten, um deren Wirksamkeit im Falle eines Angriffs durch Indien, die Vereinigten Staaten oder Israel zu erhöhen. Andererseits verfügen die Gegner innerhalb der Armee natürlich bereits über sämtliche dieser Informationen und könnten – möglicherweise in Zusammenarbeit mit einer externen islamistischen Gruppe – bereits eine Aktion planen, ohne dass dies der zuständigen Behörde, der SPD oder dem Generalstabschef des Heeres bekannt wäre. Wie könnte ein solcher Angriffsversuch vereitelt werden?

Welche technischen Vorkehrungen auch getroffen werden, ist doch allenfalls partielle Sicherheit zu erzielen. Eine auf der Hand liegende Maßnahme wäre die Herabsetzung des Bereitschaftsgrads. Es wird weithin angenommen, dass Pakistan das Kernmaterial und die Bombenmechanismen getrennt in streng bewachten Sicherheitsräumen aufbewahrt. Angefragt hatte Pakistan bereits im Dezember 1999 bei hohen US-Beamten, die Islamabad besuchten, so genannte Permissive Action Links (PALs) und Environmental Sensing Devices (ESDs). PALs sind in den Zündmechanismus und die Elektronik einer Atombombe integrierte Sicherheitsvorrichtungen, die zum Zünden der Bombe die Eingabe eines geheimen Codes erfordern; die ESDs sind Vorrichtungen, die das Zünden der Bombe nur bei Vorliegen der für einen ordnungsgemäßen Bombenabwurf erwartbaren Umwelteigenschaften zulassen. Damals hatten die Vereinigten Staaten das Ersuchen aus naheliegenden Gründen abgelehnt, denn diese Sicherheitsvorrichtungen ermöglichen es, Atomwaffen ohne Abstriche an der Sicherheit in einem höheren Bereitschaftsgrad zu halten, was die von Indien empfundene Bedrohung gesteigert hätte. Es ist jedoch denkbar, dass die USA nach der dramatischen Veränderung in ihren Beziehungen zu Pakistan nach dem 11. September 2001 Pakistans Ersuchen stattgegeben haben, ohne auf der Bekanntgabe von Standorten und Einzelheiten der Atomwaffen zu bestehen.

Einem ISIS-Bericht zufolge bot der damalige US-Außenminister Colin Powell Pakistan nach dem 11. September Unterstützung bei der Sicherung seiner Atomwaffen an (s. "Nuclear Black Markets, Pakistan, A. Q. Khan and the rise of proliferation networks. A net assessment". The International Institute for Strategic Studies, London, 2. Mai 2007). Pakistan schätzte die angebotene Technologie als sehr rudimentär ein, nahm die Offerte jedoch unter der Bedingung an, keine genauen Angaben über den letztendlichen Einsatz machen zu müssen. Die von den Amerikanern angebotene Unterstützung beinhaltete auch in US-Atomlaboren stattfindende Schulungskurse zu Themen der Nuklearsicherheit und zur Absicherung von Atomanlagen für pakistanisches Personal.

David Albright, amerikanischer Nuklearsicherheitsexperte, empfahl nach dem 11. September zusätzlich folgende Formen der Unterstützung:

Allgemeine Objektschutz- und Materialnachweisroutinen, theoretische Übungen, nicht unter Geheimhaltung fallende Militärhandbücher zu Themen der Kernwaffensicherheit, höher entwickelte Lagereinrichtungen und Zugangstüren, Schleusenkontrollausstattung, bessere Überwachungsgeräte, moderne Ausstattung zur Materialüberwachung, Programme zur Überprüfung der Verlässlichkeit der Mitarbeiter und zur Minimierung der Wahrscheinlichkeit von Informationslecks. Darüber hinaus können sich Unterstützungsbestrebungen auf Methoden konzentrieren, die Sicherung von Kernwaffen gegen unbefugte Benutzung durch Vorrichtungen, die nicht Teil der Waffe sind, bzw. durch spezielle Betriebs- oder administrative Beschränkungen zu verbessern. Von derartiger Hilfe ausgenommen wären Entwurfsdaten für die Konstruktion sicherer oder zuverlässigerer Kernwaffen, PALs, kodierte Startkontrollgeräte und ESDs.“ (2)

Während technische Maßnahmen zur Reduzierung des Risikos von nuklearer Sabotage und von Unfällen zweifellos umgesetzt werden sollten, bleibt doch ein fundamentaler Widerspruch bestehen: Absolut sicher ist eine Kernwaffe nur dann, wenn sie nicht benutzt werden kann – und somit per Definition nutzlos ist. In Zeiten von Krisen und Krieg, wenn Opferzahlen steigen und die Stimmung den Siedepunkt erreicht, wird es immer das Verlangen nach einer Abmilderung der vorhandenen Sicherungsmechanismen geben.

Die künftige Entwicklung von Pakistans Kernwaffenpolitik – ein Ausblick

Für die nächsten fünf bis zehn Jahre lassen sich hinsichtlich der Entwicklung des pakistanischen Kernwaffenprogramms und der Ausrichtung seiner Kernwaffenpolitik naheliegende Annahmen machen.

Falls nicht auf internationaler Ebene eine Produktionssperre für spaltbares Material vereinbart und umgesetzt werden kann, wird Pakistans weiterhin spaltbares Material, Atombomben und Mittelstreckenraketen herstellen, so schnell es seine technischen Voraussetzungen und Ressourcen irgend erlauben. Sobald die für militärische Zwecke vorgesehen Reaktoren in Khushab in Betrieb gehen, ist eine Verlagerung der Produktion hin zu kleineren Plutoniumwaffen oder Verbundsprengköpfen zu erwarten.
Die zunehmende Zahl an Sprengköpfen wird den Ruf nach weiteren Einsatzmitteln nach sich ziehen. Trotz der Einführung der JF-17-Jagdflugzeuge und der Neuanschaffung von F-16-Jets werden Raketen Flugzeuge als Einsatzmittel für Kernwaffen mehr und mehr verdrängen. Flugtests und Kommandoübungen werden weiterhin in regelmäßigen Abständen erfolgen. Wenn Pakistan sich auch bemühen wird, mit Indiens Anstrengungen hinsichtlich der Nutzung des Weltraums für Aufklärungs- und Frühwarnsysteme gleichzuziehen, wird es dazu doch nicht in der Lage sein.

Falls es Indien gelingt, ein Raketenabwehrsystem zu erwerben und einzusetzen, MIRV-Fähigkeit zu erlangen oder U-Boot-gestützte ballistische Raketen (SBLMs) zu nutzen, wird Pakistan darauf mit einer Herabstufung seiner Einsatzhemmschwelle, der weiteren Verbreitung seiner fahrbaren Raketenwerfer, der Nutzung von Scheinanlagen und der Bemühung um SBLMs reagieren.
In der Vergangenheit hat Pakistan seine Atomwaffenpolitik fest an die Indiens gekoppelt; in der Annahme, dass Indiens nukleare Aufrüstung die pakistanische rechtfertigen würde. Doch die „Abkopplung“ Pakistans von Indien – ein Konzept, das insbesondere nach der Indien- und Pakistan-Reise George W. Bushs im Jahre 2006 an Bedeutung gewann – zwingt Pakistan dazu, eine eigene Politik zu entwickeln, statt lediglich auf Indiens Vorhaben zu reagieren.

Die auf die Reduzierung der amerikanischen und russischen Kernwaffen ausgerichteten Initiativen der Obama-Regierung bringen neue Herausforderungen mit sich. Eine Ratifizierung des Kernwaffenteststopp-Vertrags durch die Vereinigten Staaten, die während der Bush-Jahre im amerikanischen Senat scheiterte, würde auch den Druck auf Indien und Pakistan erhöhen. Würde Pakistan den Vertrag unterzeichnen? Die Antwort lautet: wahrscheinlich schon. Sofern Indien seine Kernwaffenversuche nicht wieder aufnimmt, wird auch Pakistan keine weiteren Versuche durchführen.

Es steht zudem fest, dass die USA die Gespräche zu einem „verifizierbaren“ Vertrag über das Verbot der Produktion von spaltbarem Material fortsetzen wollen (die Bush-Regierung hatte die Verifizierbarkeit nicht unterstützt). Pakistan wird schon jetzt als obstruktiv betrachtet. Wäre es zu Verhandlungen bereit? Würde es den Vertrag unterzeichnen? Inspektionen zulassen?

Pakistans Atomdiplomatie

Obwohl Pakistan in vielerlei Hinsicht von den Vereinigten Staaten abhängig ist, hat es die Bemühungen der USA, es zur Aufgabe seiner Kernwaffen zu bewegen, resolut zurückgewiesen. Pakistans diplomatische Bemühungen reflektieren den Wunsch militärischer und ziviler Kreise, Kritik abzuwehren – insbesondere im Kielwasser spannungsgeladener Phasen zwischen Pakistan und Indien. Pakistan hat den Wunsch, das Bild eines Staats zu projizieren, der sich seiner bewusst ist und gänzlich unter eigener Kontrolle steht.

Nukleare Respektabilität ist in der Tat ein gemeinsames Ziel der indischen und pakistanischen Eliten, sowohl der militärischen als auch der zivilen. Beide Länder wollen zeigen, dass sich ihre Kernwaffen in verantwortungsvollen Händen befinden, dass man ebenso gut wie andere Staaten mit Kernwaffen umgehen könne, gegen ihre Weiterverbreitung eintrete und Opfer, nicht Unterstützer von Terrorismus sei. Beamte und Experten beider Länder begegnen sich bei Arbeitstreffen und Seminaren zur Rüstungskontrolle, gehen höflich (wenn auch nicht freundschaftlich) miteinander um und treten als rational Handelnde auf. Begriffe wie „vertrauensbildende Maßnahmen“, „Risikoreduzierung“ usw. sind Teil ihres Standardvokabulars geworden und verdecken das unterschwellige Misstrauen und die vorhandene Feindseligkeit auf effektive Weise.

Führende indische Intellektuelle hatten den Nutzen eines Images des „verantwortlich Handelnden“ lange vor ihren pakistanischen Gegenübern erkannt. Der Abschluss des US-indischen Atomvertrags im Jahr 2007 ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen. Der indische Strategieanalytiker C. Raja Mohan hatte schon Jahre zuvor geschrieben, dass:

Neu-Delhi und Islamabad sich bewusst sein sollten, dass die Bereitschaft der übrigen Welt, sie offiziell als Mitglieder des Kreises atomwaffenbesitzender Staaten zu akzeptieren, von Indiens und Pakistans Fähigkeit abhängt, ihre gegenseitige Beziehung in nuklearer Hinsicht verantwortlich zu gestalten. (...) Wenn Indien und Pakistan ernst genommen werden wollen, müssen ihre bilateralen Nukleargespräche Erfolge zeigen.“ (3)

Musharrafs Vorgänger als Generalstabschef des Heeres, General Jehangir Karamat, war während seiner Amtszeit als Botschafter Pakistans in den Vereinigten Staaten ebenfalls darauf bedacht, Pakistan und Indien als keineswegs kriegslüstern darzustellen:

Vielen, die Südasien von außen betrachten, erscheint es als eine äußerst gefährliche Region, in der der Ausbruch eines Atomkriegs eine reale Möglichkeit darstellt. Man ist der Ansicht, dass die indisch-pakistanischen Konfrontationen in den Jahren 1987, 1990 und 2002 sowie der Kargil-Konflikt 1999 sämtlich über eine nukleare Dimension verfügten. Die Mehrzahl der Einwohner der Region sieht das nicht so.“ (4)

Dennoch gab auch General Karamat zu, dass „Erklärungen und durch Raketentests gegebene Signale“ sowohl während der Kargil-Krise als auch nach dem Angriff militanter Islamisten auf das indische Parlament im Jahr 2001 „unbeabsichtigte Konsequenzen“ hätten haben können (Karamat, ibid).

Wie vom Verfasser bereits im ersten Teil dieses Aufsatzes festgestellt: Im Ernstfall werden die Samthandschuhe schnellstens abgestreift. Höfliche Umgangsformen sind zwar zu begrüßen, verdecken jedoch lediglich die darunter liegenden, tiefsitzenden Gefühle.


Auszug aus der demnächst erscheinenden Veröffentlichung „Pakistan: Reality, Denial and the Complexity of its State“ der Heinrich-Böll-Stiftung mit freundlicher Genehmigung von Pervez Hoodbhoy.

Fußnoten:

(1) In Pakistan herrscht Beunruhigung ob der Ausweitung der strategischen Allianz zwischen Israel und Indien, die durch die Lieferung von vier Phalcon-AWAC-Systemen unterstrichen wurde. Diese sind in der Lage, pakistanische Flugzeuge über die gesamte Region hinweg zu verfolgen. Indien hat bereits zwei Radare vom Typ „Green Pine“ von Israel erworben, die Raketen aus einer Entfernung von 400 km aufspüren können und in der Regel in Verbindung mit dem Arrow-II-Raketenabwehrsystem eingesetzt werden. Diese Frühwarnsysteme könnten von Israel dazu genutzt werden, einen Präventivschlag auf Pakistans Atomanlagen durchzuführen – entweder mit Indiens direkter Hilfe oder von indischem Boden aus.

(2) Securing Pakistan’s Nuclear Weapons Complex, David Albright; Aufsatz im Auftrag der Stanley Foundation für die 42. „Strategy for Peace“-Konferenz, Strategies for Regional Security (South Asia Working Group), 25. - 27. Oktober 2001, Airlie Conference Center, Warrenton, Virginia, USA.

(3) C. Raja Mohan: „Beyond Nuclear Stability: Towards Military Peace and Tranquility on the Indo-Pak Border“, The Indian Express, 14. Dez. 2004.

(4) General (a. D.) Jehangir Karamat, „Nuclear Risk Reduction Centres in South Asia“, SASSU Research Report, 2005.