Konferenz: Europa und der "American Dream" - eine transatlantische Traumdeutung

Konferenz: Europa und der "American Dream" - eine transatlantische Traumdeutung

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Eröffnungsrede

Konferenz: Europa und der "American Dream" - eine transatlantische Traumdeutung

27. Oktober 2010
Von Ralf Fücks
Sehr geehrte Damen und Herrn,
Ladies and Gentlemen,

ich freue mich, Sie im Namen der Heinrich-Böll-Stiftung begrüßen zu dürfen. Wir freuen uns sehr über die Teilnahme zahlreicher Fachleute und Interessenten an dieser transatlantischen Konferenz.

„Was ist der deutsche Traum?“ heißt die Reihe der Heinrich-Böll-Stiftung, in deren Rahmen die heutige Konferenz stattfindet. Die Anspielung auf den „American Dream“ ist offenkundig: den Traum vom sozialen Aufstieg aus eigener Kraft. Für die deutsche Debatte um Gerechtigkeit und soziale Teilhabe mag das fremd klingen, in manchen Ohren löst dieses Leitbild womöglich sogar Neoliberalismus-Alarm aus.

Hierzulande geht es eher um traditionelle Fragen sozialer Sicherheit: Rente, Krankenversicherung und um die Höhe der sozialen Mindestsicherung. Zugespitzt kann man sagen: die deutsche Debatte der letzten zwei Jahrzehnte drehte sich mehr um die Absicherung vor sozialem Abstieg als um die Chancen für sozialen Aufstieg. Zwar schillerte der Begriff „Teilhabegerechtigkeit“ durch die Programmdebatten der Grünen wie der SPD, aber der egalitäre Zugang zu Bildung, Arbeit und Kultur wurde nur selten als Hebel sozialen Aufstiegs formuliert.

Dennoch gibt es auch in Deutschland historische Anklänge an den „American Dream“. Aufstieg durch Bildung war eine Parole der alten, sozialdemokratischen Arbeiterbewegung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Nach dem 2. Weltkrieg gab es sowohl in West- als auch in Ostdeutschland eine Phase starker sozialer Aufwärtsmobilität, und in den 70er-Jahren ebnete die Bildungsreform im Westen Millionen junger Menschen den Weg zum Abitur und zum Studium.

Heute ist diese Vision nicht weniger aktuell. Die Aussicht, durch Bildung und Arbeit seine Lebensumstände verbessern zu können, ist eine starke individuelle Motivation, seine Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Sie ist zugleich eine zentrale Erfolgsbedingung von Einwanderungsgesellschafen: die Offenheit einer Gesellschaft für Zuwanderer erweist sich in den beruflichen Chancen, die sie ihnen bietet. Auch in der parteipolitischen Debatte spielt das Leitbild einer aufstiegsoffenen Gesellschaft eine zunehmende Rolle.

Das ist gut so. Denn sozialer Aufstieg ist praktische Chancengerechtigkeit. Welchen Sinn soll Chancengerechtigkeit sonst haben, wenn nicht diesen: die Zufälle der sozialen Herkunft nicht zum ausschlaggebenden Faktor für die Biographie eines Menschen werden zu lassen, sondern allen die Möglichkeit zu geben, aus eigener Kraft vorwärts zu kommen?

Nirgendwo ist diese Idee so in die Aspirationen der Gesellschaft eingedrungen wie in den USA. Tatsächlich hat die amerikanische Einwanderungsgesellschaft über viele Jahrzehnte als sozialer Fahrstuhl funktioniert, der es Abermillionen Menschen ermöglichte, durch Bildung und harte Arbeit in die Mittel- und Oberschicht aufzusteigen. Allerdings hat sich die soziale Wirklichkeit in den USA seit den 90er Jahren immer stärker von diesem Traum entfernt. Die amerikanische Gesellschaft ist heute eine sozial segmentierte Gesellschaft mit schwer zu durchdringenden Barrieren, auch wenn sie noch immer märchenhafte Erfolgsgeschichten von Einwanderern und Pionierunternehmern produziert.

Auch bei uns funktioniert der Fahrstuhl nach oben mehr schlecht als recht. Zwar haben wir Zehntausende Erfolgsgeschichten von Menschen mit dem berühmten Migrationshintergrund, aber sie erscheinen immer noch eher als Ausnahme denn als Regel, und oft genug mussten sie sich gegen vielfältige Widerstände, offene und verdeckte Diskriminierungen durchbeißen.

In vielen Großstädten kommt bereits die Hälfte der Kinder aus Migrantenfamilien. Welche Ziele sie sich setzen, welche Erwartungen sie hegen, mit welcher Haltung sie ihr eigenes Leben angehen, ist eine Schlüsselfrage nicht nur für ihre eigene Zukunft. Auch der künftige Wohlstand der Bundesrepublik hängt davon ab, wie viele Forscher, Unternehmer, Experten aus ihren Reihen hervorgehen.

Mit der Studie „Kaum Bewegung, viel Ungleichheit“ legt die Heinrich-Böll-Stiftung eine empirisch fundierte Untersuchung zur Entwicklung sozialer Mobilität in Deutschland vor. Der Autor Dr. Reinhard Pollak vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung kommt zu einem ernüchternden Ergebnis: Im internationalen Vergleich weist die deutsche Gesellschaft insgesamt eine sehr geringe Durchlässigkeit auf. Die Chancen gesellschaftlich auf- oder abzusteigen sind in nur wenigen industriellen Staaten so ungleich verteilt wie in Deutschland. Wir sind auf dem Rückweg in eine Klassengesellschaft, in der soziale Herkunft stärker wiegt als Talent und Leistungsbereitschaft.

Reinhard Pollak wird gleich am Beginn der Konferenz die wichtigsten Ergebnisse der Studie vorstellen. Sie hat schon in den letzten Tagen ein beträchtliches Medienecho gefunden – wir hoffen, dass ihre Ergebnisse auch die Parlamente und Regierungen in unserem Land aufrütteln. Alle Appelle, sich anzustrengen und mehr Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, werden verpuffen, wenn die Politik nicht die Rahmenbedingungen für sozialen Aufstieg verbessert. Das gilt vor allem für die Reform unseres Bildungssystems vom Kindergarten bis zu den Hochschulen. Kaum ein anderes Bildungssystem in Europa reproduziert auf so krasse Weise die Ungleichheit, die durch die soziale Herkunft gesetzt wird, statt systematisch alle Begabungen zu fördern.

Die heutige Transatlantische Konferenz ist eine Kooperation der Böll-Stiftung mit der Vodafone Stiftung Deutschland und dem German Marshall Fund of the United States. Beide Partnerinstitutionen haben maßgeblich zur Realisierung dieser Veranstaltung beigetragen. Ich bedanke mich für die Zusammenarbeit und hoffe, dass wir gemeinsam zur Belebung der Debatte um sozialen Aufstieg beitragen können.

Ralf Fücks

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Ralf Fücks ist Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung

Er publiziert in großen deutschen Tages- und Wochenzeitungen, in internationalen politischen Zeitschriften sowie im Internet zum Themenkreis Ökologie-Ökonomie, Politische Strategie, Europa und Internationale Politik.

Videomitschnitte der Konferenz "Europa und der American Dream"

Fotogalerie: Europa und der "American Dream"

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