Rede zur Verleihung des Hannah-Arendt-Preises 2006 an Prof. Julia Kristeva

Rede zur Verleihung des Hannah-Arendt-Preises 2006 an Prof. Julia Kristeva

Bremen, 15.12.2006

Wir liegen mit dieser Veranstaltung nahe am 100. Geburtstag Hannah Arendts, die am 14. Oktober 1906 geboren wurde. In ihrem Lebensweg durchmaß sie entscheidende Stationen ihres Jahrhunderts: Sie war ihrer Herkunft nach eine deutsche Jüdin, wurde als Studentin geprägt durch die Existenzphilosophie Heideggers und Jaspers, wurde von der Gestapo verhaftet, musste vor den Nazis fliehen und erfuhr, was es bedeutet, staatenlos zu sein. Im amerikanischen Exil wurde sie als Publizistin und Theoretikerin weltweit bekannt. Deutschland besuchte sie nach dem Krieg als amerikanische Staatsbürgerin wieder.

Es waren vor allem zwei Schriften, die ihr zu Weltruhm verholfen haben: ihre umfassende Analyse des Totalitarismus („Ursprünge totalitärer Herrschaft“) sowie ihre gleichermaßen berühmte und  umstrittene Schrift „Eichmann in Jerusalem – Bericht über die Banalität des Bösen“, die 1963 aus ihren Prozessberichten für den New Yorker hervorging.  Lange Zeit war sie wegen dieser beiden Analysen weder in Israel noch bei der europäischen Linken wohl gelitten.

Hannah Arendt und Israel verbindet ein hoch kompliziertes Verhältnis. Für sie war Israel der Garant für die jüdische politische Existenz; zugleich kritisierte sie nationalistische Tendenzen, die sie im zionistischen Projekt angelegt sah. Am Fall Eichmann beschrieb sie den bürokratischen Mechanismus des Holocausts ohne emotionale Regungen zu zeigen, ja "ohne ausreichende Liebe zum jüdischen Volk", wie ihr der Historiker Gershom Scholem aus Jerusalem vorwarf, als er ihr die Freundschaft aufkündigte. Heute, da in Israel selbst unterschiedliche Lesarten zur Gründungsgeschichte des Staates im Konflikt liegen und das Konzept des Zionismus  kontrovers verhandelt wird, ist auch eine gelassenere Rezeption von Hannah Arendt möglich – einschließlich einer kritischen Sicht auf ihr Eichmann-Buch, das die ideologische  Überzeugungstäterschaft Eichmanns und die Rolle des Terrors hinter dem banalen Funktionieren einer Vernichtungsbürokratie verblassen lässt.

Einem Großteil der europäischen Linken wiederum war ihre Totalitarismus-Theorie suspekt. Das ging bis zum Vorwurf, sie liefere mit ihrer Fundamentalkritik des sowjetischen Systems geistige Munition für den Kalten Krieg. Die Fellow Traveller der Sowjetunion führten gern Thomas Manns verballhorntes Zitat vom „Antikommunismus als Grundtorheit unseres Jahrhunderts“ gegen Hannah Arendt ins Feld, und mit dem Schreckwort Antikommunismus ließen sich auch viele Liberale ins Bockshorn jagen. Bis zum Zusammenbruch der Sowjetwelt  brauchte es durchaus intellektuellen Mut, darauf zu insistieren, dass das 20. Jahrhundert vom Kampf zwischen liberaler Demokratie und totalitären Bewegungen geprägt war. Dieser Konflikt ist historisch keineswegs erledigt, und wer Arendts Analyse des Nationalsozialismus und Bolschewismus als radikal antibürgerliche Bewegungen heute liest, kommt kaum umhin, mit Julia Kristeva beunruhigende Parallelen zum radikalen Islamismus zu ziehen – auch wenn man sich davor hüten muss, zum Gefangenen historischer Analogien zu werden.

Ich bin Prof. Kristeva dankbar, dass sie daran erinnerte, dass Israel heute der Gefahr eines religiös-politischen Fanatismus ausgesetzt ist, der die Existenzberechtigung des jüdischen Staates offen in Frage stellt. Bei aller notwendigen Kritik an der israelischen Besatzungspolitik gilt auch heute der Satz Hannah Arendts, dass Israels Freiheit auch unsere Freiheit ist. Dabei geht es nicht um einen „clash of civilisations“ zwischen der islamischen Welt und dem Westen. Die Konfliktlinie mit dem radikalen Islamismus zieht sich mitten durch die islamisch geprägten Gesellschaften, und es sind vor allem Muslime, die der Gewalt der Extremisten zum Opfer fallen.

Es ist nicht nur die fortwährende Aussagekraft ihrer Untersuchungen zum Totalitarismus, auf der die Aktualität Hannah Arendts gründet. Was heute an ihr fasziniert, ist vor allem ihr  „Republikanismus“, ihr spezifisches Verständnis von Politik als einer Sphäre der Freiheit und ihr Plädoyer für das, was wir heute als „aktive Bürgergesellschaft“ bezeichnen. Es geht in der Tradition von Hannah Arendt um den Dissens als Ausgangspunkt des Politischen und um den streitbaren öffentlichen Diskurs als sein Lebenselixier. Wer Begründungen gegen ein Verständnis von Politik als Exekution von „Sachzwängen“ sucht, wird bei ihr fündig. Das von allen Regierungen weidlich strapazierte  „TINA-Prinzip“ – There Is No Alternative – markiert im Arendtschen Sinn das Ende der Politik.

Für Hannah Arendt beginnt Politik damit, dass jemand aufsteht und öffentlich seine Meinung vertritt – im Wissen, dass er (oder sie) auch irren kann. Die öffentliche Rede ist, wie Julia Kristeva sagt, der erste und grundlegende Akt der Zivilcourage. In der Politik geht es um begründete Meinungen, nicht um absolute Wahrheiten. Und es geht um das gemeinsame Handeln, in dem das politische Gemeinwesen – die Republik – erst entsteht. Arendt sah politische Institutionen nur als demokratisch an, wenn sie sich auf  die kommunikative Macht der Öffentlichkeit stützen. Diese Öffentlichkeit zu hintergehen und zu manipulieren, wie es bei der Begründung des Irak-Kriegs durch das Weiße Haus geschah, legt deshalb die Axt an die Wurzel der Demokratie.

Dass Frau Kristeva das Preisgeld einer Initiative spendet, die sich der medizinischen und sozialen Betreuung afghanischer Frauen widmet, die keinen anderen Ausweg als die Selbstverbrennung mehr sehen, ist nicht nur eine großzügige humanitäre Geste. Sie erinnert uns zugleich daran, worum es in Afghanistan geht: um ein Mindestmaß an Selbstbestimmung und Rechtssicherheit vor allem für Mädchen und Frauen. Und sie erinnert uns daran, dass in vielen Ländern der Welt Frauen die grundlegenden Menschenrechte vorenthalten werden. Für Hannah Arendt war das „Recht, Rechte zu haben“ fundamental als Schutz vor Willkür und Gewalt. Dieses Recht für alle Menschen zu gewährleisten, ist immer noch eine ungelöste Aufgabe.

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