Archivierter Inhalt

Rendezvous der Kulturen?

Huntingtons Einteilung der Welt in Kulturkreise, diese sind dynamisch, ohne scharfe Grenzen, und entwickeln sich weiter. Trotzdem unternimmt er den Versuch, Kulturkreise zu definieren. Jeder Kulturkreis hat einen Kernstaat bzw. einen potentiellen Kernstaat, dieser bildet das Machtzentrum der Kulturen.

 

Mit Demoskopie und Demographie gegen Huntington

18. Juli 2008
Von Joscha Schmierer
Von Joscha Schmierer

Es gibt viele Einwände gegen das Stereotyp vom Kampf der Kulturen. Ein grundsätzliches Argument macht geltend, dass Kulturen keine Subjekte und Akteure sind, also auch keine Kämpfe führen. Wenn es Individuen, Familien, Gruppen, Gemeinden oder auch Staaten miteinander zu tun haben und eventuell zusammenstoßen, wird man sicherlich deren kulturelle Prägung nicht verkennen, genauso wenig aber bestreiten, dass sie sich nach Art und Grad dieser Prägung erheblich unterscheiden können. Wenn es so gesehen einen Kampf der Kulturen nicht gibt, gibt es auch keinen Dialog der Kulturen. Letzten Endes treffen immer Individuen aufeinander, deren Identitäten keineswegs eindimensional sind. Damit sich Individuen in erster Linie als Vertreter von Kulturen und Religionen gegenüber treten, muss es besondere Gründe geben. Alltäglich ist es nicht. Wir sind nicht Papst.

Mit Demoskopie und Demographie gibt es empirische Möglichkeiten zu erforschen, ob sich bestimmte Konflikte als „Kampf der Kulturen“ verstehen lassen oder ob in ihnen andere als kulturelle und religiöse Differenzen ausgetragen werden. Andrew Kohut ist Direktor des Pew Research Center for the People and the Press und ein renommierter amerikanischer Experte für Demoskopie und den Einfluss der öffentlichen Meinung auf die nationale und internationale Politik. Zusammen mit Bruce Stokes, einem journalistischen Wirtschaftsfachmann, hat er unter dem Titel America Against the World. How we are different and why we are disliked eine Auswertung umfangreicher internationaler Umfrageergebnisse vorgelegt. Der „Kampf der Kulturen“ sieht ja hauptsächlich den Westen und die Welt des Islam im Clinch. Doch die Autoren stellen fest, dass sich auch andere als Amerikaner und Europäer für Demokratie engagieren und es unter Muslimen trotz Antiamerikanismus und Unterstützung für Fundamentalismus einen beträchtlichen Hunger nach bestimmten demokratischen Freiheiten gibt.

Möglichkeiten der Demokratie
In Staaten mit großem muslimischem Bevölkerungsanteil räumten die Befragten der Meinungsfreiheit, der Pressefreiheit, Mehrparteiensystemen und der Gleichheit vor dem Gesetz einen hohen Stellenwert ein. Dies gelte für Monarchien wie Jordanien und für autoritär regierte Staaten wie Usbekistan und Pakistan. „Viele muslimische Öffentlichkeiten äußern einen stärkeren Wunsch nach demokratischen Freiheiten als einige Nationen Osteuropas. Und dieses Vertrauen in die Möglichkeiten der Demokratie gibt es bei einer Mehrheit von Muslimen dieser Länder, unabhängig von Alter und Geschlecht.“

Wenn aber Wertschätzung demokratischer Freiheiten nicht mit einer Wertschätzung der USA und anderer Staaten des Westens Hand in Hand geht, ist Kritik an USA und Westen nicht ohne weiteres als „Clash of Civilizations“ zu interpretieren. Das Fazit eines Kapitels über den „amerikanischen Weg“ ist: „Die ‚Amerikaner unterscheiden sich von anderen Völkern in vieler Hinsicht. Aber die meisten dieser Differenzen deuten nicht auf eine wachsende Kluft zwischen ihnen und dem Rest der Welt hin. Trotz des schlechten Images, das Amerika, sein Volk und seine Politik gegenwärtig haben, gibt es weltweit eine breite Zustimmung zu den ökonomischen und politischen Werten, für die die USA seit langem werben. Sein Modell des freien Marktes und  seine demokratischen Ideale werden in allen Weltwinkeln akzeptiert.“

In Who Speaks for Islam? What a Billion Muslims Really Think, der Auswertung der von Gallup durchgeführten, bisher breitesten weltweiten Umfrage unter Muslimen, schreiben die Autoren John L. Esposito und Dalia Mogahed, dass moderate wie radikale Muslime auf die Frage, was sie am Westen bewunderten, gleichermaßen drei Antworten bereit hielten: (1) die Technologie; (2) das westliche Wertesystem, harte Arbeit, Eigenverantwortung, Herrschaft des Gesetzes, Kooperation; und (3) faire politische Systeme, Demokratie, Respekt der Menschenrechte, Redefreiheit, Gleichberechtigung der Geschlechter. Entgegen der verbreiteten Annahme, dass Extremisten antidemokratisch seien, meinte ein signifikant höherer Anteil unter ihnen (50% gegenüber 35% unter den Gemäßigten), dass ein „Vorankommen auf dem Weg zu größerer Demokratie“ den Fortschritt in der arabischen/muslimischen Welt fördern würde. Als Extremisten gelten in dieser Untersuchung jene 7% der Befragten, die die Anschläge vom 11. September 2001 rechtfertigen. Was diese von anderen Muslimen unterscheide, sei wie sie die Politik des Westens, nicht wie sie seine Kultur wahrnähmen.

Politische Konflikte, kein „clash of principles“
Die Autoren meinen, statt einem „clash of civilizations“ gebe es eher einen „clash of ignorance“. Im Westen wie in den muslimischen Nationen gebe es bei signifikanten Anteilen der Befragten die Fehleinschätzung, dass sie der anderen Seite egal seien. Doch zeigten die Daten, dass nur Minderheiten auf beiden Seiten sich keine besseren Beziehungen zwischen dem Westen und den muslimischen Gesellschaften wünschten. Es gebe politische Konflikte, aber keinen „clash of principles“. „Sie hassen uns nicht wegen unserer Freiheiten, sie wollen unsere Freiheiten“, bringt Esposito seine Interpretation der Umfrageergebnisse in einem Interview auf den Punkt.  

Mögen Esposito und Mogahed sich die Daten etwas zurecht legen zugunsten ihrer guten Ratschläge an die Amerikaner, den Islam nicht zu dämonisieren. Beide genannten Untersuchungen, deren Ergebnisse hier natürlich nur angedeutet werden, belegen die Entstehung einer die Kulturen durchdringenden politischen Weltmeinung. Sie ist alles andere als konfliktfrei, schließt aber politische Verständigung nicht aus. Doppelstandards und Verstöße gegen die vom Westen selbst deklarierten Werte sind ja so verheerend, weil sie längst nicht mehr als eigene Angelegenheit gelten können.

Differenziert die Demoskopie die Kulturen in Individuen, um sie dann wieder nach Ländern zusammenzufassen und Meinungsströme zu vergleichen, sieht eine Demographie, wie sie Youssef Courbage und Emmanuel Todd am Institut National d’Études Démographiques in Paris betreiben, sich in der Lage, gegenüber dem vermeintlichen Kampf der Kulturen einen universellen Lauf der Geschichte, ein Rendezvous der Zivilisationen, empirisch nachzuweisen. Das verspricht der französische Originaltitel von Die unaufhaltsame Revolution. Wie die Werte der Moderne die islamische Welt verändern. Der Geburtenrückgang kristallisiere sich immer mehr als ein Grundzug der Weltgeschichte heraus und die entscheidende Variable, um ihn zu erklären, sei die Alphabetisierungsrate der Frauen, obwohl er manchmal, gerade in muslimischen Ländern schon einsetze, wenn erst die Mehrheit der Männer schreiben und lesen könne.

Einflussverlust der Religion
Das Zwischenglied der Erklärung ist für die beiden Demoskopen ein Einflussverlust der Religion: „Offenbar ist die demographische Revolution durch keinen Glauben aufzuhalten, weder durch den Islam noch durch das Christentum oder den Buddhismus.“ Dabei komme es zu Krisen des Übergangs. Das erste Kapitel Die muslimischen Länder im Strom der Geschichte  dient dem statistischen Nachweis, dass auch die muslimischen Länder sich weder der Modernisierung, wie sie sich in der Alphabetisierung ausdrückt, noch deren Folge, dem Geburtenrückgang, entziehen können. Dabei zeigt sich ein Widerspruch zwischen dem „Gesetz“, wonach dem Geburtenrückgang ein Zusammenbruch der Religiosität vorangeht, und dem Aufkommen fundamentalistischer Tendenzen, nachdem der Geburtenrückgang bereits eingesetzt hat. Doch mit Verweis auf europäische Entwicklungen erklären die Autoren das zeitweise Zusammenfallen der Erschütterung der Religion mit einem Vormarsch des Fundamentalismus zu einem „geradezu klassischen Phänomen“. So stelle sich bereits heute die Frage nach dem tatsächlichen Stellenwert des Glaubens in den muslimischen Ländern, in denen die Geburtsraten auf zwei oder weniger Kinder pro Frau abgesunken sind wie in Aserbaidschan, im Iran, in Tunesien, in den muslimischen und christlichen Gemeinschaften des Libanon oder der algerischen Kabylei.

Modernisierung ist kein konfliktfreier Prozess
An den Nachweis, dass die muslimischen Länder, wenn auch später, so doch der gleichen demographischen Entwicklungslinie wie Europa und andere Länder im Zuge der Modernisierung folgen, schließen Untersuchungen an über die Unterschiede zwischen den verschiedenen muslimischen Ländern und Regionen, die sich vor allem aus der unterschiedlichen Familienstruktur, den traditionellen Heirats- und Erbregeln erklären lassen. Wie in Europa sei die Modernisierung auch in muslimischen Ländern kein konfliktfreier Prozess. Dort habe sie derzeit ihren Brennpunkt.

Nach der Entdeckung von soviel Gesetzmäßigkeit kann die Schlussfolgerung der Demographen nicht erstaunen: „Die Bahnen, auf denen sich die Völker der Welt, die verschiedenen Kulturen und Religionen weiter entwickeln, streben aufeinander zu. Angesichts des Trends bei den Geburtenraten können wir vielleicht schon für die nahe Zukunft auf eine Zeit hoffen, in der die verschiedenen Kulturtraditionen nicht mehr als Konfliktpotenziale, sondern als Zeugnisse einer vielfältigen Menschheitsgeschichte gesehen werden.“ Mag der allgemeine Geburtenrückgang ein Gesetz sein, dass daraus gesetzmäßig Gutes folgt, darf bezweifelt werden.

Literatur:
Andrew Kohut and Bruce Stokes, America against the World. How we are different and why we are disliked. Foreword by Madeleine K. Albright, New York 2006
John L. Esposito and Dalia Mogahed, Who Speaks for Islam? What a Billion Muslims Really Think, New York 2007
Youssef Courbage und Emmanuel Todd, Die unaufhaltsame Revolution. Wie die Werte der Moderne die islamische Welt verändern, München 2008 

Dieser Text steht unter einer Creative Commons-Lizenz.