Affluenza: die Krankheit der amerikanischen Suburbia

Suburbia in den USA: Wo jemand ein Haus kauft, bestimmt, wo die Kinder zur Schule gehen und damit, welchen Erfolg sie im Leben haben werden. Foto: barxtux, Quelle: Flickr, Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0

11. Mai 2011
Andreas Poltermann

Ende der 1990er-Jahre begann die Schelte der Mittelschicht in den USA. Ihr Lebensstil: zu aufwendig, zu verschwenderisch, zu teuer, zu sehr auf Status und Abgrenzung bedacht. Früher habe sie noch in den Städten gewohnt. Jetzt lebe sie 40 Meilen entfernt in Suburbs. Früher habe ein Auto genügt. Jetzt müssten es mindestens zwei sein. Auch die Wohnfläche der Häuser, der Energieverbrauch und die Größe der Grundstücke hätten sich vervielfacht – und so auch die Schulden. Zersiedelte Landschaften, soziale Spaltung und Verschuldung stehen in einem engen Zusammenhang.

2005 unterzeichnete George W. Bush ein Gesetz über den Umgang mit bankrotten Familien. Sie sollten nicht nur keine staatliche Hilfe erhalten und die Lasten ohne Beteiligung der Banken allein tragen, es war auch ein moralisches Urteil über den ökologisch unhaltbaren Lebensstil der Suburbia-Bewohner. Dieses Verdikt war von langer Hand vorbereitet worden: Ende der 1990er strahlte der Sender PBS John le Graafs TV-Show «Affluenza» aus. Die Wortschöpfung schlug ein! Es kam zu zahllosen Diskussionsrunden in TV und Radio, in Schulen und Kirchengemeinden.  Die Website zur TV-Show führt das didaktische Konzept in Gestalt eines Lexikoneintrags vor Augen:

Af-flu-en-za

  1. The bloated, sluggish and unfulfilled feeling that  results from efforts to keep up with the Joneses [ d. h. mit den Nachbarn mitzuhalten ].
  2. An epidemic of stress, overwork, waste and indebtedness  [ Verschuldung ] caused by dogged pursuit [verbissene  Festhalten ] of the American Dream.
  3. n unsustainable addiction [ Sucht ] to economic growth.
  4. television program that could change your life.
Keine Frage: Nach den derzeit gängigen ökologischen Maßstäben ist der Lebensstil der US-Mittelschicht nicht nachhaltig. Ihrem ökologischen Fußabdruck zufolge könnten nicht 6,8 Milliarden Menschen dauerhaft auf der Erde leben, sondern maximal 1,4. Aber was folgt daraus?

Die Lebensgewohnheiten der Mittelschicht lassen sich nicht durch Ermahnungen und Beschimpfungen verändern, man muss verstehen, warum sie tickt, wie sie tickt. Während ihre Ausgaben in vielen Bereichen schon vor der Finanzkrise konstant rückläufig waren, nahmen sie bei der größten Investition, die eine solche Familie überhaupt tätigt, dramatisch zu, nämlich beim Kauf eines Hauses in der Suburb. Denn ein Haus definiert das Leben der Kinder, die darin aufwachsen. Mit seiner Lage und Ausstattung wird eine Vorentscheidung darüber getroffen, ob sie gute Lehrerinnen und Lehrer haben werden, Computer in ihren Klassen, Seitenstreifen fürs Radfahren und sichere Vorgärten zum Spielen. Wenn eine US-Mittelschichtfamilie ein Haus kauft, dann kauft sie damit auch eine Schule. Schlechte Schulen in den Innenstädten bringen den Kindern, die dort hingehen müssen, langfristig große Nachteile. Aber ein schlechtes öffentliches Schulsystem bringt auch denen große Nachteile, die ihre Kinder um keinen Preis dorthin schicken wollen. Es zerstört den sozialen Zusammenhalt und hat hohe ökologische Kosten.

In den USA haben ein harter Statuswettbewerb und eine Art privatisierter Keynesianismus die Mittelschicht und diejenigen, die zu ihr aufsteigen wollen, in die Verschuldung und in eine ökologisch wenig nachhaltige Lebensweise getrieben. Nun ist der Umkehrschluss natürlich nicht zulässig, dass der Lebensstil der Mittelschicht automatisch ökologisch tragfähiger wird, wenn er auf eine innerstädtische öffentliche Infrastruktur mit guten Schulen, Sicherheit und attraktivem Wohnraum trifft. Aber eine Voraussetzung für die Ausbreitung eines ökologischen Lebensstils scheint das schon zu sein. Denn mit allseits akzeptierten öffentlichen Gütern, etwa mit guten Schulen, ließe sich ein Statuswettbewerb entschärfen, der die soziale Spaltung und das die Umwelt zerstörende Leben fördert. Es gilt, Soziales und Ökologisches zusammen zu denken, also für die Ärmeren und Armen die Kosten der ökologischen Modernisierung erträglich zu gestalten und für die Mittelschichten die Voraussetzungen für einen ökologischen Lebensstil zu sichern. Denn das Leben der Mittelschichten hat Vorbildcharakter.


Andreas Poltermann
ist seit Dezember 2008 Leiter der Abteilung "Politische Bildung Inland" der Heinrich-Böll-Stiftung

Böll.Thema 2/2011

Grenzen des Wachstums. Wachstum der Grenzen.

Dieses Heft erörtert die Utopie einer „ökologischen“ Moderne aus unterschiedlichen Perspektiven. Peter Sloterdijk z.B. diskutiert die Alternativen eines auf Selbstbeschränkung zielenden grünen Puritanismus und einer Erweiterung der Grenzen der Natur durch eine Verschmelzung der Biosphäre mit der Technosphäre. Weitere Beiträge beziehen sich auf die weltweite Jagd nach Rohstoffen, die Lektionen aus der atomaren Katastrophe in Japan und auf die Diskussion um Wachstumsverzicht.

Buch

Wohlstand ohne Wachstum: Leben und Wirtschaften in einer endlichen Welt

Der britische Ökonom Tim Jackson skizziert in seinem Buch die Vision einer Postwachstumsökonomie, in der die Quellen für Wohlergehen und bleibenden Wohlstand erneuert und gestärkt werden.

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