Nicht nur Stachel im Fleisch

Nicht nur Stachel im Fleisch


Nicht nur Stachel im Fleisch

 

18. August 2008
Martin Wilk

Von Martin Wilk

Es lohnt sich immer für Gerechtigkeit und Gleichheit zu kämpfen. Diese Lehre verdanken wir – wenn auch nicht ausschließlich –  dem Feminismus und der Frauenbewegung. Die Bewegung, die vor mehr als 150 Jahren begann, sich für die Gleichberechtigung von Frau und Mann einzusetzen, war ein wesentlicher Motor der anbrechenden Moderne. Schließlich war die Emanzipation der Frau so unausweichlich wie notwendig für die Etablierung moderner Demokratien. Zusammenhalt und politische Stabilität in modernen Gesellschaften konnten nur durch das Eingeständnis demokratischer Partizipationsrechte für alle BürgerInnen und die Durchsetzung umfassender Rechtsstaatlichkeit sichergestellt werden.

So gesehen war die Frauenbewegung ein Teil der liberalen Demokratisierungsbewegung, die sich ihren Weg durch das 20. Jahrhundert bahnte. Zentral war dabei immer die Forderung nach gleichen Rechten und gleichen Pflichten für alle BürgerInnen eines Staates. In der Tat zog die formal-rechtlich institutionalisierte Gleichstellung zwischen Mann und Frau auch die lebensweltliche Gleichberechtigung ein Stück weit nach sich. Doch bis heute ist eine Gleichberechtigung noch nicht völlig erreicht. Die Statistiken beweisen immer wieder, dass Frauen in vielen Lebensbereichen und vor allem in der Arbeitswelt nach wie vor massiven strukturellen Benachteiligungen ausgesetzt sind.

Wie sieht der Feminismus heute aus?

Natürlich hat sich, angefangen von der Einführung des Frauenwahlrechts vor 90 Jahren in Deutschland, über das Inkrafttreten des Gleichberechtigungsgesetzes in der Bundesrepublik vor 50 Jahren bis heute, wo eine Frau Bundeskanzlerin ist, sehr viel verändert - in Sachen Geschlechtergerechtigkeit. Aber reicht das? Wie sieht Feminismus heute aus? Durch die Debatte um den neuen Feminismus hat es das Thema wieder in die Öffentlichkeit geschafft.

Es ist sicher richtig, dass der neue Feminismus vor allem ein Label ist, um ein popiges Produkt der Kulturindustrie zu vermarkten. Wenig ist neu am neuen Feminismus. Allerdings produziert die Debatte ein interessantes Nebenprodukt: Es wird wieder über Geschlecht und Gender gesprochen. Dies geschieht zwar häufig mehr implizit als explizit, jedoch findet man/frau sich auf einmal viel häufiger in abendliche Kneipendiskussion wieder, in denen heftig debattiert wird, ob Charlotte Roches Buch „Feuchtgebiete“ nun bahnbrechend oder einfach nur ekelig ist. Egal zu welchem Ergebnis die Diskussion führt, eines ist gewiss, nämlich die Auseinandersetzung mit sozialen Geschlechterrollen – und die kann eigentlich nicht schaden.

Diese Auseinandersetzungen sind längst überfällig

 

Schade ist nur, dass sie im öffentlichen Raum immer noch unter der Rubrik Lifestyle geführt werden. Denn eigentlich gehört die kritische Reflektion von Geschlechterrollen auch in die politischen Debatten. Nach wie vor herrscht jedoch bei vielen politischen Akteuren eine geradezu erschreckende Blindheit, wenn es um das Thema Geschlechtgerechtigkeit geht. Zwar haben sich in Politik und Verwaltung in den letzten Jahrzehnten verstärkt Institutionen ausgebildet, die die Gleichstellung von Mann und Frau voranbringen sollen. Häufig hat aber gerade dies dazu geführt, dass „Geschlechterfragen“ einfach an die zuständige Organisationseinheit weitergeleitet werden. Die Existenz einer Frauenbeauftragten in der Verwaltung entlässt aus der Verantwortung, sich mit dem lästigen und mühseligen Problem der Geschlechterpolitik auseinanderzusetzen. Auch in der Politik kann man eine funktionale Aufgabenübertragung beobachten. Themen wie Gleichstellung und Gender werden häufig wie selbstverständlich der Frauenpolitik zugeschlagen.

Auch der darüber hinausgehende Ansatz des Gender Mainstreaming als Strategie die Gleichstellung der Geschlechter auf allen gesellschaftlichen Ebenen voranzutreiben, hat daran leider bisher nichts ändern können. Zumal diese angestoßenen Reformen sicherlich noch ein paar Jahre brauchen, um ihre Wirkung entfalten zu können

Was die Politik falsch macht

Im Outsourcing der Geschlechterpolitik in die Frauenpolitik liegt genau das Problem. Funktional differenzierte Gesellschaften neigen dazu, bestimmte Probleme in spezialisierte Subsysteme zu verschieben. Im übertragenen Sinne bedeutet dies: Das gesellschaftliche Problem der Geschlechtergerechtigkeit ist seit jeher in das Funktionssystem „Frauenpolitik“ abgeschoben worden.

Das ist schlecht, weil zum Einen dadurch Geschlechterpolitik hauptsächlich Frauenpolitik ist.
Die Auswirkungen von männlichen Rollenbildern auf das politische Handeln sind meist nur von untergeordneter Bedeutung und werden – wenn überhaupt –  oftmals nur von Frauenpolitikerinnen diskutiert. Zum anderen kann damit natürlich noch keine wirkliche Gleichberechtigung geschaffen werden. Denn es reicht schon lange nicht mehr einfach nur aus, Stachel im Fleisch zu sein. Nötig ist der Übergang in das gesamtgesellschaftliche Herz-Kreislauf-System.

Beschäftigung mit Rollenbildern muss sein

Dafür ist es notwendig, sich verstärkt mit der kulturellen Konstruktion von männlichen und weiblichen Rollenbildern auseinanderzusetzen. Das Problem ist schließlich nicht, dass es in unserer Gesellschaft unterschiedliche Geschlechter gibt. Es besteht vielmehr darin, dass wir Menschen aufgrund ihres vermuteten biologischen Geschlechts ein soziales Stigma aufdrücken. Wir schließen also ohne Umwege von der vermeintlich biologischen Grundausstattung auf soziale Fähigkeiten und Kompetenzen.

So bestimmt das soziale Geschlecht zu einem hohen Maß, welche Kleidungsstücke wir tragen, welchen Beruf wir wählen und für wie sensibel oder durchsetzungsfähig wir von anderen Menschen gehalten werden. Keine Frage, es ist mehr als schwierig, sich dem Druck der sozialen Kategorisierung zu entziehen – sofern wir das überhaupt wollen. Denn Rollenmuster helfen uns auch. Sie bieten Sicherheit in unübersichtlichen Handlungssituationen und  vereinfachen dadurch sozialen Umgang. Wir können den anderen einschätzen und der andere kann uns einschätzen.

Fast niemand ist frei von Rollenklischees und Geschlechterstereotypen. Jeder Mensch trägt sie in sich. Daher ist es wichtig, sich mit ihnen zu beschäftigen und über sie zu sprechen. Sollte es der Debatte um den neuen Feminismus gelingen, die Auseinandersetzung mit Geschlecht und Gender in die öffentlichen Debatten in Politik und Gesellschaft zu tragen, dann wäre dies tatsächlich ein Beitrag zur Geschlechtergerechtigkeit. So paradox es klingen mag, aber in dieser Debatte kommt es vor allem auf die Männer an. Denn sie lassen häufig auf sich warten, wenn es darum geht, für Gleichheit und Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern zu streiten. Auch dies ist eine Lehre des Feminismus und der Frauenbewegung!

 

Martin Wilk, geboren 1981, Diplom-Sozialwissenschaftler, Studierte in Leipzig, Berlin und Lissabon Soziologie und Politikwissenschaft. Er ist Büroleiter der Frauenpolitischen Sprecherin im Bundesvorstand von Bündnis 90/ Die Grünen und war Mitarbeiter in der Arbeitgruppe "Genderpolitik" des Bundesvorstandes von Bündnis 90/ Die Grünen.

 
 


 

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