Streitbar und umstritten, gemeinsam und verschieden

Streitbar und umstritten, gemeinsam und verschieden


Streitbar und umstritten, gemeinsam und verschieden

 

18. August 2008
Von Christa Wichterich

Von Christa Wichterich

Die Gemengelage könnte unübersichtlicher nicht sein. Nicht nur Geschlechterverhältnisse sind eine Baustelle, auch der Feminismus ist es. Und zwar eine umstrittene. Die Inflation neuer Feminismen von F-Klasse bis Pop, von Feuchtgebieten bis Kopftuch, von Konservativen bis Queer sieht nach einem Markt der Möglichkeiten aus: bunt und konkurrent. So erfrischend es sein mag, dass junge Frauen Feminismus als Kampfbegriff übernehmen und provozieren, so beliebig wird das Etikett Feminismus inzwischen auf alles geklebt, wo ein paar starke Frauen drin sind.

Bei der Inszenierung dieser aktuellen politischen Praktiken, Diskurse und kulturellen Manifestationen spielen die Medien eine erhebliche Rolle. Einerseits nutzen die neuen Feministinnen die Medien, andererseits steuern die Medien sie. Vor allem auch: Wenn zwei Feminismen sich streiten, freuen sich die Medien und befördern sie in die Nähe des Zickenstreits. In einem zuverlässigen medialen Staffellauf lösen sich öffentliche Feminismusbeschimpfung und Feminismuswiedererweckung ab.

Die Behauptung, nun sei der Feminismus 1) überflüssig,  2) gescheitert und 3) tot, wird ebenso unverdrossen wiederholt, wie der Kanon „das feministische Rad ist neu erfunden“ immer wieder angestimmt wird.

Aber eins nach dem anderen. Worum geht’s bei der Frage, ob wir einen neuen Feminismus brauchen? Um Feminismus oder um neu? Und wenn von brauchen die Rede ist – wofür denn bitteschön? Dazu ein paar Entwürfe, keine ultimativen Antworten.

Es gab schon immer viele Feminismen

Zu keinem Zeitpunkt gab es nur einen Feminismus wie die in Stein gemeißelte Lehrmeinung, sondern seit den Anfängen standen stets mehrere Konzepte nebeneinander, in Deutschland z.B. in der bürgerlichen und proletarischen Frauenbewegung. Die waren streitbar. Und das war gut so.

Bei der Transnationalisierung feministischer Debatten in den 1970er Jahren entwickelte sich ein heftiger Streit um Prioritäten und Richtungen, vor allem zwischen westlichen Feministinnen mit der Unterstellung, dass Frauen allüberall Opfer strukturgleicher patriarchaler Unterdrückung und Gewalt seien und Feministinnen aus dem Süden, die sich mit ihrer eigenen Geschichte anti-kolonialer und anti-imperialistischer Kämpfe nicht in westfeministische Schubladen einsortieren ließen. Es war wie eine Erlösung, als das Südnetzwerk DAWN 1985 alle Alleinvertretungsansprüche von Westfeministinnen harsch zurückwies: „Feminismus kann nicht monolithisch in seinen Themen, Zielen und Strategien sein. Es gibt und muss eine Vielfalt von Feminismen geben“.

Pluralität meinte aber nicht Beliebigkeit, denn DAWN machte sehr klar, was die zentrale Achse ist, um die sich die Vielfalt von feministischen Identitäts- und Interessenpolitiken dreht: nämlich um die Kritik an Machtstrukturen auf der Mikro-, Meso- und Makroebene sozialer Beziehungen, Politik, Ökonomie und Kultur, die Frauen unterdrücken. Diese Achse entlarvt das Individuelle als Gesellschaftliches, das Private als Politik, das Persönliche als Kultur.

Gegen neue binäre Festschreibungen oder Repräsentanzansprüche wie „Feminismus ist die Theorie, Lesbischsein die Praxis“ setzte der DAWN-Feminismus Parolen wie „jede Frau ist Expertin ihres Lebens“ oder „kein Kampf ist wichtiger als der andere“. Ziel war dabei auch, Elitebildung und Hierarchien in Frauenbewegungen zu verhindern.

Wer braucht den Feminismus zu welchem Zweck?

Kürzlich bemerkte ein schwuler Freund, dass die Schwulenbewegung der Kriegsgewinnler der feministischen Bewegung war. Der Feminismus war für sie Vorkämpferin, weil er in den Schlafzimmern, auf den Straßen, in den Betrieben und Demokratien theoretisch wie praktisch, oft aggressiv und exemplarisch ausleuchtete, wie Gesellschaften Gruppen von Menschen mithilfe von scheinbar natürlichen oder biologischen Kriterien als minderwertig, schwach, anders oder abweichend definieren und diesen Definitionen angepasste Ordnungs- und Herrschaftsinstrumente von Diskriminierung, Ausschluss und Gewalt konstruieren. 

Das frauenpolitische Ziel war Gleichheit. Doch es ging nicht nur um Gleichstellung von Frauen mit Männern, sondern genauso um die Gleichberechtigung von Heteras und Lesben, es ging um das Prinzip der Gleichwertigkeit von Ungleichen. Und mehr noch: Es ging nicht nur um Gleichheit, sondern vielmehr darum, die sozialen Spielregeln und Machtstrukturen zu verändern. Es ging um die Grundprinzipien gesellschaftlicher Emanzipation, der Freiheit von Gewalt, der sozialen Gerechtigkeit. Die sind nicht vom Ziel der Geschlechtergleichheit ablösbar, aber sie weisen darüber hinaus. Sie stellen den politischen Gebrauchswert des Feminismus und das Potenzial feministischer Bündnisfähigkeit dar.

Dagegen nutzen die Alphamädchen wie der Vagina-Style das feministische Aushängeschild vor allem als Hingucker, um Normen und Rollenzuschreibungen zu brechen, Einhegungen lächerlich zu machen und Barrieren zu stürmen. Die neuen Feminismen reduzieren allerdings den feministischen Gleichheitsforderungen individualistisch auf die eigene Spaß- und Aufstiegsperspektive. Das ist egoistisch und naiv zugleich, weil für die eigene Karriere oder Wellness sowohl bestehende Machtverhältnisse als auch neue Ungleichheiten billigend in Kauf genommen werden.

Das ist allerdings wenig verwunderlich zu einem Zeitpunkt, wo die zentrale Botschaft der neoliberalen Globalisierung „Eigenverantwortung bringt`s“ jede junge Frau einstimmt, Unternehmerin ihrer selbst zu werden, während sich Jobmärkte und Kulturindustrie zunehmend für sie öffnen. Nicht – wie manchmal noch blauäugig erhofft wird – die Solidarität führt zum Ziel, sondern die Konkurrenz – vor allem die gegen andere Frauen. Die Frage bleibt offen, was aus denjenigen wird, die nicht so cool, sexy, schlau und schön sind. Wo ist der feministische Bogen, der individuelle und gesellschaftliche Emanzipation verbindet?

Streit ist der Treibstoff des Feminismus

Er bestimmt die Dynamik, fordert aber häufig einen hohen Preis. Feministinnen unterschiedlicher Couleur haben immer miteinander gestritten. Um Zielkonflikte innerhalb des Feminismus ist gestritten worden. Erinnern wir uns zum Beispiel an den Streit um Frauen in der Bundeswehr: Was ist prioritär, das Ziel der Gleichheit oder das Prinzip des Anti-Militarismus?

Streit führt zur Klärung von Gemeinsamkeiten auf der Grundlage gewusster und gelebter Differenzen. Feminismus lebt aus der Spannung zwischen Gemeinsamen und Verschiedenem, zwischen der kollektiven Identität als Frauen, als Subjekte und als Opfer, und den vielen anders bestimmten Teilidentitäten und Interessen. Eine konstruktive (nicht zerstörerische) Streitkultur ist eine Produktivkraft für strategische Handlungsfähigkeit und politische Schlagkraft.

Um die jeweils neuen Feminismen ist ebenfalls gestritten worden. Und das sollte auch im Fall der F-Klasse und Pornorapperinnen geschehen, wenn sie sich mit der Fahne des Feminismus in eine historische Kontinuität stellen. Es geht darum, die Perspektive immer wieder zu erweitern und über individuelle, elitäre und nationale Tellerränder zu gucken.

Der Feminismus als Denk- und Wertesystem sowie als frauenpolitische Kraft muss sich ständig erneuern, sonst drohen ihm wie allen Ismen Verknöcherung, Praxisferne und Altersstarrsinn. Denn wo sich gesellschaftliche Verhältnisse verändern, müssen sich politische Diskurse anpassen, politische Praktiken und Ziele verändern. Die Frage ist also: Was sind die zu bewahrenden feministischen Kerne und was sollte erneuert, aktualisiert, erweitert werden?


Dr. Christa Wichterich arbeitet als freie Publizistin und Gutachterin in der Entwicklungszusammenarbeit. Seit den 80er Jahren ist sie in internationale Frauenpolitik im Rahmen der UN, in transnationale Frauenbewegungen und entsprechende feministische Diskurse involviert.

 
 


 

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