Brasilien: Frauenfußball zwischen Aufstieg und Machismo in Brasilien

Brasilien: Frauenfußball zwischen Aufstieg und Machismo in Brasilien

Brasilien: Frauenfußball zwischen Aufstieg und Machismo in Brasilien

Marta Vieira da Silva (li.o.) und Birgit Prinz (re.)
Marta Vieira da Silva (li.o.) und Birgit Prinz (re.), Foto: Maria Guimarães, Quelle: Flickr, Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0

20. Mai 2011
Luciane Castro
Fußball in Brasilien ist ein männlicher Begriff, seine Regeln sind auf den Männerfußball abgestimmt. Dennoch hat es der Frauenfußball geschafft, eine gewisse Unabhängigkeit und Identität zu entwickeln. Doch leider sind damit auch die Probleme gewachsen. Wir leben in einer Gesellschaft, die den Machismo weithin verinnerlicht hat und in der Fußball spielende Frauen von anderen Frauen diskriminiert werden – Fußball, das ist nur was für Männer!  

Noch ist das interessierte Publikum im Frauenfußball überschaubar und daher wenig einflussreich im Vergleich zu jenen Massen (unter ihnen auch viele Frauen), die dem Männerfußball Gewicht verleihen. Frauenfußball genießt wenig Ansehen bei der Bevölkerung und in den Medien. Die große Mehrheit betrachtet Investitionen in den Frauenfußball als eine Verschwendung von Zeit und Geld

Er gilt nicht als professionell, sondern eher als langweilig. Dabei machen die biologischen und körperlichen Eigenarten der Frauen den Fußball rhythmischer und gar nicht unbedingt langsamer.

Weltfußballerin Marta Vieira das Silva wurde zur Vorkämpfererin für den Aufbau des Frauenfußballs

Nach vielen Jahren kompletten Desinteresses und entsprechenden Mangels an Investitionen begann sich die triste Lage des brasilianischen Frauenfußballs etwa ab 2007 zu ändern. Dem traditionsreichen Fußballverein Santos aus São Paulo – dem Club des legendären Pelé – gelang es 2009, die Spielerin Marta Vieira da Silva für den Verein zu gewinnen. Sie war zu dem Zeitpunkt bereits zum dritten Mal in Folge von der FIFA als Weltfußballerin des Jahres ausgezeichnet worden, hatte in Schweden und in den USA gespielt und war im Ausland bekannter als in Brasilien selbst. Dass Marta bei Santos unter Vertrag genommen wurde, sahen andere Vereine in Brasilien als Signal und änderten ihre Haltung zum Frauenfußball. Santos wurde zur Vorkämpfererin für den Aufbau professionellerer Strukturen. Das bedeutete etwa, für den Frauenfußball eine eigene Abteilung aufzubauen, statt ihn einfach in der Abteilung für Olympische Sportarten verschwinden und finanziell verkümmern zu lassen. Eine eigene Abteilung, in der sich qualifizierte Mitarbeiter um die Betreuung der Athletinnen kümmern. Diese strukturelle Veränderung führte dazu, dass sich die körperliche Verfassung der Spielerinnen von Santos, ihre technischen und taktischen Fähigkeiten, verbesserten. Das wiederum hat das Selbstbewusstsein der Spielerinnen gestärkt. Da sich auch die Bezahlung etwas verbesserte, verbesserte sich auch die wirtschaftliche und soziale Lage der Spielerinnen, die in der Regel aus armen Verhältnissen stammen, ein wenig. Insgesamt war das, gemessen an den bisherigen Zuständen, ein großer Sprung.

Allerdings ist Santos nur einer unter Dutzenden von Vereinen, die in Frauenfußball investieren wollen. Diese Vereine operieren mit sehr begrenzten Etats, so dass für Investitionen in den Frauenfußball kaum etwas übrig bleibt. Die Folgen lassen sich sozusagen auf dem Platz beobachten: Die wenigen Clubs wie Santos, die tatsächlich investieren, sind bald den anderen Vereinen technisch, spielerisch und taktisch weit überlegen und gewinnen in der Regel die Meisterschaften. Wenn sich die großen Medien für Frauenfußball interessieren, dann berichten sie eben über diese Vereine, so wie es bei der Verpflichtung von Marta der Fall war.

Nur wenige Clubs folgten bislang dem Vorbild von Santos

Nur wenige Clubs haben versucht, den von Santos beschrittenen Weg einzuschlagen. Bei der Landesmeisterschaft im Bundesstaat São  Paulo wurde das Team aus São José Vizemeister. Der Verein hatte sich der Förderung einer örtlichen Universität versichert und konnte so verstärkt in die Spielerinnen investieren. Insgesamt gibt es in Brasilien 130 Frauenfußballteams, die an Landesmeisterschaften teilnehmen, mit insgesamt 3.000 Spielerinnen. Letztere Zahl ist eine Schätzung, da die meisten Vereine ihre Spielerinnen nicht ordentlich registrieren. São  Paulo ist einer der wenigen Bundesstaaten Brasiliens, der geregelte Meisterschaften im Frauenfußball abhält. Eigentlich sind alle Bundesstaaten dazu verpflichtet, um eine Vertreterin zur Copa Brasil, zur nationalen Meisterschaft, zu entsenden. Aber die geltenden Regularien sind auf den professionellen Männerfußball abgestellt und führen im Frauenfußball oft zu Problemen. Ein signifikantes Beispiel ist die Verpflichtung, bei Heimspielen einen Krankenwagen am Spielfeldrand verfügbar zu haben. Kommt der Verein bzw. der lokale Fußballverband dem nicht nach, wird sein Team disqualifiziert. Ein Krankenwagen ist aber für viele Vereine nicht bezahlbar. Andererseits kam es auch vor, dass sich die Vereinsführung durch „Vereinbarung“ mit dem brasilianischen Fußballverband CBF der Bestrafung entzog. Es wurde ein Wiederholungsspiel angesetzt, die Gastmannschaft musste kurzfristig erneut anreisen und verlor. Dieses Beispiel zeigt, dass politische Einflussnahme leider auch schon im Frauenfußball Einzug gehalten hat.

Apropos CBF: Unser nationaler Fußballverband lässt es noch sehr an Aufmerksamkeit für den Frauenfußball fehlen. Ein Beispiel ist die Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft in diesem Jahr in Deutschland. Erst im März hat die Nationalmannschaft mit der Vorbereitung begonnen. Dem zweiwöchigen Trainingslager wird ein weiteres im April oder Mai folgen. Ob es dabei wenigstens ein Freundschaftsspiel geben wird, ist noch offen. Andere an der Endrunde teilnehmende Mannschaften bereiten sich da weitaus intensiver vor, eingeschlossen Testspiele mit Wettkampfcharakter.

Brasilianische Fußballerinnen sind Amateure und können kaum ihren Lebensunterhalt bestreiten

Brasilianischer Frauenfußball ist ganz wesentlich Amateurfußball. Die guten Spielerinnen erhalten zwar durchaus auch Angebote aus anderen Bundesstaaten. Wenn sie annehmen und ihre Familien verlassen, müssen sie in einfachen Unterkünften des neuen Vereins wohnen und erhalten lediglich eine Unkostenpauschale. Um auf eine akzeptable Entlohnung zu kommen, müssen sie außerhalb der Trainingszeiten noch anderen Beschäftigungen nachgehen. Im Ausland herrscht da sicher eine falsche Wahrnehmung. Denn Marta, die durch den Fußball tatsächlich wirtschaftlich und sozial aufgestiegen ist, bleibt praktisch ein Einzelfall. Das ist sehr wenig für ein Land, das so viele gute Spielerinnen hervorbringt.

Es steht außer Frage, dass Marta Viera da Silva die verantwortliche Persönlichkeit für das wachsende Interesse von Millionen von brasilianischen Mädchen am Frauenfußball  ist. Nicht nur für den sozialen und wirtschaftlichen Aufstieg, den die mittlerweile fünfmalige Weltfußballerin des Jahres erreicht hat. Sondern auch für ihren ansehnlichen Fußball und das, was er ihr ermöglichte. Die Kindheit von Marta, die aus dem kleinen Bundesstaat Alagoas im Nordosten des Landes stammt, unterscheidet sich kaum von der hunderttausender anderer brasilianischer Mädchen, die sich nun Marta zum Idol erkoren haben und wie sie Grenzen überwinden und Räume erobern wollen in einem Land und einer Gesellschaft, die dem Frauenfußball nur wenige Chancen bietet.

Fußballerinnen gelten als Lesben

Hinzu kommt, dass der Frauenfußball mit mehr oder weniger verdeckter Diskriminierung zu kämpfen hat. Fußballerinnen gelten gemeinhin als Lesben, so als ob es eine natürliche Verbindung zwischen dem Frauenfußball und der sexuellen Orientierung der Spielerinnen gäbe. Zwar hat es den Anschein, als würden die Brasilianer Homosexualität akzeptieren oder stünden ihr gleichgültig gegenüber. Doch damit ist eher die rechtliche Situation als die tatsächliche gesellschaftliche Haltung beschrieben, denn nach der brasilianischen Gesetzgebung sind Diskriminierungen wie Sexismus und Rassismus streng verboten. Die Folge ist, dass die Vorurteile zwar fortbestehen, aber nicht mehr so offen wahrnehmbar sind. Homosexualität ist gesellschaftlich noch immer nicht akzeptiert.

Auch kommerzielle Interessen berühren den Frauenfußball direkt. So fanden im Dezember 2010 und Januar 2011 zwei Turniere statt. In dieser Zeit der Sommerferien sind keine Wettbewerbe vorgesehen. Das Fernsehen konnte keine Männerspiele zeigen und war interessiert am Frauenfußball. Das Turnier Interclubes im Januar sollte das Loch stopfen, das durch die Absage der für Anfang 2011 vorgesehenen Weltvereinsmeisterschaft entstanden war. Beide Turniere hatten keine offizielle Bedeutung und daher wenig Wettbewerbs-Wert, dafür aber einen gewissen Marktwert. Die populäre Marta war dabei, die Spiele wurden im Fernsehen übertragen, bestimmte Sportartikelmarken kamen ins Bild. Für den Frauenfußball als Sportart brachten die Spiele nichts außer eine zweifelhafte Annäherung an das männliche Publikum durch die im Fernsehen übertragene Wahl der Muse des Turniers, für die jede teilnehmende Mannschaft zwei gutaussehende Spielerinnen abzustellen hatte.

Luciane Castro Castro ist 39 Jahre alt, lebt in São Paulo und arbeitet als Journalistin. Ihr Spezialgebiet ist Frauenfußball.

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