Kolumbien: Fussball als Gegenmittel? - Frauen, Fussball und Gewalt in Kolumbien

Kolumbien: Fussball als Gegenmittel? - Frauen, Fussball und Gewalt in Kolumbien

Kolumbien: Fussball als Gegenmittel? - Frauen, Fussball und Gewalt in Kolumbien

Spielerinnen der kolumbianischen Nationalmannschaft, Quelle: www.colfutbol.org

19. April 2011
Cristina Vélez
Andrés Escobar wurde zwei Wochen, nachdem er als Abwehrspieler der kolumbianischen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft 1994 in den USA ein Eigentor geschossen hatte, ermordet. Er war in einem Restaurant in Medellín, seiner Geburtsstadt, als ihn ein Gast am Nachbartisch wegen seines Fehlers beschimpfte und seinem Leben mit einigen Kugeln im Kopf ein Ende setzte. Es herrschte landesweite Trauer.

Man nannte Escobar den “Kavalier des Fußballplatzes”, weil er fair spielte und nichts mit Alkoholexzessen oder der Justiz zu tun hatte. Er war ganz anders als Idole wie Tino (Faustino) Asprilla, der, nachdem er es zum angesehensten Stürmer in der Geschichte Kolumbiens gebracht und für den FC Parma bei fünf europäischen Pokalmeisterschaften gespielt hatte, eines Tages von seinem Höhenflug in ein Meer von Abhängigkeiten und Skandalen abstürzte. Er legte sich mit seinem Trainer in Italien an und musste nach Tulua, seinem Heimatort an der kolumbianischen Pazifikküste, zurückkehren, wo er Luxusautos und Villen sammelt und es mittlerweile zu einer stattlichen Zahl von Streitereien in Bars gebracht hat. Vor einem Jahr wurde er wegen der Beteiligung an einer Schießerei angeklagt.

Gewalt, Männlichkeitswahn und Stars, die wie bei einem Feuerwerk aufsteigen, glänzen und vergehen, Geld aus dem Drogenhandel, mit dem Mannschaften und Gewissen gekauft wurden, so zeigte sich in den 80er und 90er Jahren der kolumbianische Fußball. Bei drei der größten Klubs des Männerfußballs waren die Mehrheitsaktionäre Drogenbosse, die später verurteilt und an die USA ausgeliefert wurden.
In jenen Jahren konnte man sich nicht vorstellen, dass die Fußballplätze etwas anderes als ein Abbild des Krebsgeschwürs des Drogenhandels sein könnten. Aber in den vergangenen 15 Jahren haben sich viele Dinge geändert. Jetzt fahren die Frauen und nicht die Männer zu den Weltmeisterschaften.


Frauen preschen nach vorn

Seit zwölf Jahren hat sich die Nationalmannschaft der Männer nicht mehr für eine WM qualifiziert, während sich die Frauen im gelb-blau-roten Jersey in allen Kategorien (Erwachsene, U-17- und U-20-Juniorinnen) für die letzten Weltcups qualifiziert haben. Sie werden auch 2011 an der WM in Deutschland teilnehmen. Am 2. Juli spielt die Nationalmannschaft ihr erstes Spiel in der Gruppe C gegen die USA.
In einem Land, das seit 50 Jahren von einem bewaffneten Konflikt gezeichnet ist, zeigt der Frauenfußball, dass Fußballplätze mehr als die Widerspiegelung dieses Konfliktes sein können.
Seit 1994 gibt es Regionalligen des Frauenfußballs. Allerdings begann man erst ab 2007, nachdem die Frauen bei den U-17-Juniorinnen in Chile Südamerikameister wurden, diesen Sport überhaupt ernst zu nehmen. Durch diesen Sieg erlangten sie die Aufmerksamkeit der Medien und der Regierung, welche dann dem kolumbianischen Fußballverband finanzielle Mittel für die Vorbereitung auf die WM 2008 in Neuseeland bereitstellten.


Das WM-Fußballspiel der Frauen wurde als erstes live im Fernsehen ausgestrahlt


Das Spiel, in dem Kolumbien gegen Neuseeland verlor und aus der Weltmeisterschaft ausschied, war das erste Spiel des Frauenfußballs, das live im kolumbianischen Fernsehen übertragen wurde. Von da an gewann der Sport seine ersten Fans. Bei der Südamerikameisterschaft der U20 des Frauenfußballs, Sub 20, die im März 2010 in Kolumbien ausgetragen wurde, begannen die Frauen, die Stadien zu füllen.

“Wir haben nie erwartet, dass das kolumbianische Publikum so gut reagieren würde. Zum Finale zwischen Kolumbien und Brasilien kamen 28.000 Zuschauer/innen. Auf den Tribünen des Alfonso-López-Stadions gab es keinen einzigen freien Platz mehr. Bei diesem Turnier gab es weder Aggressionen noch Beleidigungen und auch keine wütenden Zuschauer. Man konnte sehen, dass der Frauenfußball weniger verbissen und brutal ist. Er ist ein Beispiel für Friedfertigkeit“, sagte der Trainer Ricardo Rozo, der die Mannschaft 2011 in Deutschland leiten wird.

Andere Idole - Die eisernen Kriegerinnen

Die Gesichter von Tatiana Ariza, Natalia Ariza, Natalia Gaitán, Paula Forero, Ingrid Vidal, Yoreli Rincón sind bereits bei Millionen Fans bekannt. Als sie 17 waren, erspielten sie für Kolumbien den Triumph in Chile. Sie entwickelten sich weiter, wurden Vierte bei der Weltmeisterschaft der U-20-Juniorinnen und spielen jetzt als Nationalmannschaft in Deutschland. Diese Frauen sind der Keim des Frauenfußballs in Kolumbien.
Die Zeitungen nennen sie  „die kleinen Damen”,  „die Prinzessinnen”, „die übermächtigen Mädels”, „die eisernen Kriegerinnen”, „die Kaffeemädchen” oder „die Mädchen aus Kolumbien”, und auf der Homepage des kolumbianischen Fußballbundes sieht man nicht mehr die Männermannschaft, sondern die Damen gemeinsam mit dem Präsidenten Kolumbiens, Juan Manuel Santos.

Bei Facebook gibt es mehrere Gruppen, wo die Freunde den Trainer der Männermannschaft bitten, eine von ihnen mit aufzustellen. „Ich danke euch, Mädels, dass ich jetzt mehr Stolz empfinde, Kolumbianer zu sein”, “Ihr habt auf dem Spielfeld alles gegeben und seid ein Vorbild für die meisten kolumbianischen Fußballer, die nur Mittelmaß sind“, diese Kommentare kann man in den Foren und Blogs lesen. Sie sind bereits Idole – ganz andere Idole als jene, die man früher auf den kolumbianischen Fußballplätzen sehen konnte. Sie ähneln mehr Andrés Escobar und sind ganz anders als Tino Asprilla.

Kluge Frauen auf dem Rasen

Gaitán, die Kapitänin der Mannschaft SUB 20, die ebenfalls 2011 in Deutschland bei den Erwachsenen in der Nationalmannschaft spielen wird, hat aufgrund ihrer sportlichen Leistungen ein Stipendium an der Universität Toledo, in Ohio (USA) erhalten, wo sie Verwaltungswissenschaften studiert. Ihr Leistungsdurchschnitt beträgt 3.93 von 4. Weitere sechs Spitzenspielerinnen aus dieser Gruppe haben sich mit ihren Toren den Zugang zur Universität gesichert und unterscheiden sich damit klar vom kolumbianischen Männerfußball, wo die meisten Spieler nicht einmal das Abitur haben.

Yoreli Rincón, die Torjägerin beim letzten Amerikacup 2010 in Ecuador, die mit ihren kaum 17 Jahren auch bei dieser WM eine gute Leistung zu zeigen verspricht, hat gerade ein Stipendium für die Indiana University erhalten, und Lady Andrade, die Torschützin bei der WM der U20-Juniorinnen in Deutschland, hat das Angebot bekommen, in Deutschland zu studieren und bei der Mannschaft von Bayer Leverkusen zu spielen.
Der Fußball ermöglicht ihnen den Zugang zu einer Hochschulbildung. In Kolumbien genießen nur 15% der Jugendlichen dieses Privileg, von denen dann die Hälfte das Studium vorzeitig aufgibt, weil sie arbeiten gehen müssen. Die Tür, die sich ihnen an den Universitäten im Ausland öffnet, ist für sie gleichzeitig ein Ausweg aus ihrer Situation, denn der Frauenfußball in Kolumbien bietet ihnen keine Entwicklungsmöglichkeiten. Es reicht nicht einmal, um davon leben zu können. „Die Entwicklung des Frauenfußballs in unserem Land ermöglicht es ihnen noch nicht, ihren Unterhalt davon bestreiten zu können, eine Wohnung zu haben, davon zu leben oder wirtschaftlich unabhängig sein zu können“, bekräftigte Rozo, der Mannschaftstrainer.

Hindernis Machismo

Und es gibt ein weiteres Hindernis, das, obwohl es immer mehr an Bedeutung verliert, noch fortbesteht: den Machismo – den Männlichkeitswahn. Laut dem letzten Bericht des Weltwirtschaftsforums “The Global Gender Gap” gibt es in Kolumbien weiterhin große Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern. Unser Land steht an 44. Stelle von 134 Ländern, wobei die Spitzenplätze von den Ländern belegt werden, in denen es bei der Chancengleichheit keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt. Der Lohnunterschied beläuft sich in Kolumbien auf 14 – 15 Prozent, und in unserem Parlament ist der Frauenanteil der niedrigste von ganz Lateinamerika (11,8 % im Senat und 8,4% im Abgeordnetenhaus).

Neben dieser Art von Ausschluss bestehen auch viele geschlechtsspezifische Herrschaftsstrukturen latent fort. Laut einem Bericht des Entwicklungsfonds der Vereinten Nationen für Frauen (UNIFEM) vom November 2010 werden in Kolumbien in jeder Minute sechs Frauen angegriffen, wobei „diese Übergriffe kulturell gerechtfertigt werden“. Viele Frauen in Kolumbien können nicht frei ihre Entscheidungen treffen, da sie nach wie vor von ihrem Partner dominiert werden. Sie haben keine wirtschaftliche Unabhängigkeit und sind in starkem Maße Opfer von Gewalt in der Familie oder Opfer der in Kolumbien agierenden illegalen Gruppen, die ihre Kämpfe zu Lasten der Frauen austragen. Vergewaltigungen, Vertreibung und Folter als Folgen dieser Konflikte hinterlassen bei vielen Frauen tiefe Narben. So kann man sich gut vorstellen, dass es für die Wegbereiter des Frauenfußballs in Kolumbien nicht leicht war, dahin zu gelangen, wo sie jetzt sind.

Mädchen werden noch immer diskriminiert

Natalia und Tatiana Ariza mussten die Grundschule verlassen, weil es ihnen auf dieser von katholischen Nonnen geleiteten Mädchenschule nicht gestattet war, in der freien Zeit Fußball zu spielen, und man ihnen den Ball weggenommen hatte. Sie wechselten auf eine gemischte Schule, wo ihre Leidenschaft akzeptiert wurde.
Bei anderen Mädchen war es so, dass deren Mütter den Ball versteckten und man sich über sie lustig machte. „Am Anfang war es schwer, weil die Leute es nicht kannten und uns zuriefen, dass wir als Mädchen nicht so etwas spielen sollten, und etwas hässliche Kommentare über uns abgaben. Aber Gott sei Dank ist jetzt alles anders”, sagte die Kapitänin der Auswahl Sub 20 in einem Interview für die Zeitung “El Periódico” aus Bogotá.
“Ich war immer sehr verwöhnt, aber durch den Fußball bin ich sehr gereift. (...) Hier in den USA lebe ich mein eigenes Leben, ich lebe allein, ich muss für mich kochen, waschen, dadurch ändert sich das Leben”, sagte die Stürmerin in einem Interview für die gleiche Zeitung. Als sie fünf Jahre alt war, musste sie sich einer anstrengenden Behandlung unterziehen, um eine lymphoblastische Leukämie zu bekämpfen. Der Fußball war Bestandteil ihrer Therapie, aber eben auch, wie man es an der Selbständigkeit sieht, mit der sie ihr Leben in den USA meistert, eine erfolgreiche Emanzipationsstrategie.

Frauenfußball ist auf Unterstützung angewiesen

Diese Vorkämpferinnen haben denen, die nach ihnen kamen, den Weg erleichtert. In den letzten Jahren sind private Klubs für Frauenfußball gegründet worden. Auch die Universitäten haben Mut gefasst und ihre Mannschaften gegründet. Es ist jedoch noch kein Massensport geworden, und es fehlt noch viel, bis man eine so professionelle Struktur wie beim Männerfußball hat.

Es gibt keinen Markt für Spielerinnen, das Sponsoring der Privatunternehmen ist minimal, und die Regierung hat sich darauf konzentriert, die Auswahlspielerinnen zu finanzieren. Die Regionalligen funktionieren nur in den reicheren Gegenden des Landes und nicht in den abgelegenen Landesteilen, wo sie einen größeren Beitrag für die Emanzipation der Frauen leisten könnten.

“Ich glaube, man hat gesehen, dass Talent vorhanden ist und dass es auch Spielerinnen gibt. Wir schlagen hier eine Bresche, aber wir brauchen mehr Unterstützung. Hoffentlich gibt es dieses Interesse nicht nur während der WM, und später vergisst man dann wieder den Frauenfußball“, sagte Yorely Rincón der kolumbianischen Tageszeitung “El Tiempo”.

Neben der Frage nach der Nachhaltigkeit gibt es noch eine andere, schwierigere Frage. Zu Zeiten von Andrés Escobar und Tino Asprilla haben sich die Drogenbosse der Kartenverkaufsstellen und Spielertransfers als einer Möglichkeit der Geldwäsche bedient. Sie kauften Schiedsrichter und Journalisten, um ihre Mannschaften an die Spitze zu bringen. Da der Frauenfußball noch kein rentables Geschäft ist, hat er sich aus diesen undurchsichtigen Geschäften heraushalten können. Aber wie lange wird er dagegen gefeit sein?
Es ist eine Aufgabe der Privatunternehmen, der Fans sowie der Regierung, die Augen offen zu halten und den Ball als Gegenmittel zu Ausgrenzung und Gewalt zu nutzen.

 

Cristina Vélez ist Kolumbianerin, Politologin und Journalistin. Derzeit absolviert sie einen Masterstudiengang für Public Policy an der Hertie School of Governance in Berlin. Sie ist Stipendiatin der Heinrich-Böll-Stiftung.
Vélez wurde gemeinsam mit einem Journalistenteam der Zeitschrift "Semana" für die Enthüllungsreportagen zu den Verflechtungen zwischen Paramilitärs und Kongressabgeordneten in Kolumbien  2008 mit dem internationalen Journalistenpreis Premio "Rey de España" ausgezeichnet.

 

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Zur Fußball-WM der Frauen sind wir mit am Ball und erkunden die Fußballkultur der teilnehmenden Länder: Was kosten Eintritt und Stadion-Wurst? Wie viele Fans gibt es in Rio, Abuja und London? Wer hat das Zeug zur Torschützenkönigin? Gleichzeitig schauen wir auch über den Stadionrand hinaus und fragen: Wo birgt der Fußball Potenzial für gesellschaftliche Veränderungen? Wie wird Fußball für Frauen ein Emanzipationskick? Wir gehen auf Tour in die WM-Austragungsorte und laden ein in die Böll-Arena.

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