Vorwort: Die antifeministische Männerrechtsbewegung

Vorwort: Die antifeministische Männerrechtsbewegung

Geschlechterverhältnisse verändern sich. Dies lässt bei relevanten Gruppen von Männern Unsicherheiten entstehen. Im Diskurs um neue Rollenbilder sind in den letzten Jahren aber Gruppen aufgefallen, die radikal antiemanzipatorisch argumentieren. Antifeministische Männer und Frauen melden sich lautstark in der Öffentlichkeit, besonders im  Internet. Sie beklagen, vor allem Männer seien heute benachteiligt. Jeder Gleichstellungspolitik, dem Feminismus sowieso und auch emanzipationsorientierten Männern wird die politische Gegnerschaft erklärt. Wir wollten die Argumentation dieser Gruppen ergründen, und haben uns deshalb auf die Spurensuche begeben.

Die Antifeministen unterscheiden sich in Ideologie und Wortwahl durchaus. Eine ihrer Strömungen vertritt eine Mischung von (Rechts-)Populismus, aus Nationalismus und Frauenfeindlichkeit, mit homophoben und rassistischen Einstellungen versetzt. Es gibt Berührungspunkte zum Rechtsextremismus. Propagiert wird ein Kreuzzug und ein Aufstand gegen den Feminismus, und damit wird an eine kriegerische Männlichkeit appelliert. Auch vom norwegischen Massenmörder Anders Behring Breivik distanziert sich diese Gruppe kaum.

Eine weitere Strömung verteufelt alles, was des Staates ist; Gleichstellungspolitik wird grundsätzlich als staatliche Bevormundung abgelehnt. Jenseits der durch die Verfassung garantierten Grundrechte sinniert ein kleiner extremer Flügel über die Abschaffung des Frauenwahlrechts oder die Wiedereinführung eines Familienoberhaupts. Alle Strömungen wenden sich mehrheitlich gegen die als Staatsaufgabe im Grundgesetz. verankerte Gleichberechtigung und kooperieren trotz ihrer Unterschiede. Sie informieren und vernetzen sich wechselseitig und beteiligen sich an gemeinsamen Aktionen.

Antifeminismus in Form von Hasspropaganda („hate speech“) dient als gemeinsame Klammer. Ohne nähere Kenntnis von Feminismus sprechen Antifeminist/innen stereotyp von Männerhass, Frauenherrschaft und vom Niedergang des Volkes. Den  Kampfbegriff „Lila Pudel“ setzen sie gegen Männer ein, die an Gleichheit und feministischen Perspektiven interessiert sind. Die Hasspropaganda zielt auf Einzelpersonen, deren Entwürdigung und deren Erniedrigung ab. Sie werden beleidigt, an einen virtuellen Pranger gestellt, gegenüber ihren Arbeitgeber/innen diffamiert, und ihnen wird des Öfteren sogar mit Vergewaltigung oder Mord gedroht.

Für Antifeminist/innen sind alle Männer heute Opfer. Sie werden benachteiligt und untergebuttert. Sie sind es eigentlich, die heute Gleichstellung brauchen. Das markiert einen Bruch zum früheren Antifeminismus, der „nur“ von der natürlichen Vorherrschaft der Männer ausging. Die nun eingeforderte Gleichheit ist allerdings nur partikular: Männliche (Vor-) Rechte sollen gegenüber den Frauen verteidigt bzw. durchgesetzt werden. Männerrechte als Menschenrechte stehen dabei nicht im Fokus.

Diese flächendenkende Kategorisierung der Männer als Opfer ist empirisch nicht haltbar. In jeder Gesellschaft mit Ungleichheit sind zwar auch Männer benachteiligt und von Herrschaft, Unterdrückung und Geschlechterstereotypen betroffen. Fakten widerlegen aber gängige antifeministische Propaganda, wie z.B. die von den 400 Scheidungswaisen täglich oder die infame Behauptung, dass Vergewaltigungsklagen mehrheitlich auf falschen Beschuldigungen basierten. Die Antifeminist/innen könnten eigentlich viel vom Feminismus lernen, der sich erfolgreich gegen die Stereotypisierung von Frauen als Opfer zur Wehr gesetzt hat.

Zum Glück  hat die antifeministische Männerrechtsszene bislang wenig erreicht. Ihre öffentlichen Veranstaltungen stoßen auf wenig Interesse. Aber das muss nicht so bleiben. Gemessen an dem Medienecho war z.B. der Protest gegen die Abberufung der Goslarer Gleichstellungsbeauftragen Monika Ebeling, die sich stark für Männerthemen engagiert hatte, relativ erfolgreich. Der Wunsch nach Gleichstellung für die allseits benachteiligten Männer wurde in den Medien betont, aber über Ebelings Mitarbeit in einem führenden antifeministischen Netzwerk hinweggegangen. Es gelingt den Antifeminist/innen immer wieder, in Geschlechterdebatten im Internet, z.B. in Foren von Tageszeitungen, zu intervenieren, zu polarisieren und ernsthafte und konstruktive Debatten zu behindern. Die Folge ist bislang, dass viele an echter Diskussion Interessierte diese Foren angesichts des frauenfeindlichen und aggressiven Tons wieder verlassen. Für die Antifeminist/innen entpuppt sich diese Form der Intervention damit als ziemlich erfolgreich, denn sie zerstören und monopolisieren wichtige und sinnvolle Debatten

In unserer vorliegenden  Expertise wird deutlich, dass die antifeministische Männerrechtsbewegung eine kleine lautstarke Minderheit ist, mit der eine konstruktive Debatte nicht möglich ist. Es handelt sich laut neueren Untersuchungen zu den verschiedenen Einstellungen von Männern um den frustrierten Teil der „teiltraditionellen“ Männer und die kleine Gruppe der „Lifestyle Machos“[1]. Die Mehrheit der Männer ist verunsichert zwischen alten und neuen Geschlechterrollenbildern und Lebensmodellen, sie sucht nach neuen Balancen oder will mehr Gleichheit in Beruf und Familie sowie mehr Nähe zu ihren Kindern. Allerdings besteht insbesondere in ökonomischen und sozialen Krisenzeiten die Gefahr, dass diese Männer und z.T. auch Frauen – bestärkt auch von manchen Leitmedien – auf traditionelle Geschlechterbilder und -ordnungen zurückgreifen und diese wieder zum Mainstream werden. Dass dies nicht unwahrscheinlich ist, zeigt auch die jüngst veröffentlichte Langzeitstudie „Deutsche Zustände“ des Soziologen Wilhelm Heitmeyer von der Universität Bielefeld. Der zufolge haben rechtsextreme Haltungen in den vergangenen Jahren zugenommen – nicht nur bei radikalen Minderheiten, sondern auch in der Mitte der Gesellschaft. Ein Grund sei eine wachsende Verunsicherung. Hier ist Aufklärung und Information unabdingbar, damit auch die antifeministische Männerrechtsbewegung nicht mehr wird, als was sie ist: eine kleine Minderheit. Diese Expertise soll dazu beitragen.

Berlin, im Dezember 2011

Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung
Henning von Bargen, Leitung Gunda-Werner-Institut in der Heinrich-Böll-Stiftung
Renate Steinhoff, Stiftung Leben & Umwelt – Heinrich-Böll-Stiftung Niedersachsen
Linda Michalik, Heinrich-Böll-Stiftung Nordrhein-Westfalen
Wolfgang Faller, Heinrich-Böll-Stiftung Rheinland-Pfalz
Erich Späther, Heinrich-Böll-Stiftung Saarland
Kathrin Bastet, Weiterdenken – Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen

 

[1]  Vgl. Rainer Volz/Paul M. Zulehner: Männer in Bewegung. Zehn Jahre Männerentwicklung in Deutschland, Baden-Baden 2010, Forschungsreihe Band 6; Carsten Wippermann/Marc Calmbach/Katja Wippermann: Männer: Rolle vorwärts, Rolle rückwärts? Identitäten und Verhalten von traditionellen, modernen und postmodernen Männern, Opladen 2009.

 

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