Israel. Eindrücke einer Reise

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6. August 2009
Von Dr. Marianne Zepp

Von Dr. Marianne Zepp

Israel ist ein modernes Land. Die israelischen Sicherheitsbeamten sind auch nicht grimmiger als die Beamten der „home security“ bei der Einreise in die USA. Die Bedrohungen scheinen weniger geworden zu sein, seit die Sprengstoffattentate weitgehend aufgehört haben. Erstaunlich wenig traditionell gekleidete Orthodoxe bei der Passkontrolle. Dann die Erkenntnis: Es ist Freitagnachmittag, der Shabbat beginnt in wenigen Stunden. In Tel Aviv brummt trotzdem das Leben. Der Strand ist auch eine Stunde vor dem Beginn des Shabbat noch überfüllt, eine Mischung aus Clubleben und Familienausflug.

Pietisten aus Schwaben
Man hatte uns versichert, Jerusalem sei anders, religiös geprägt, alt, mit Geschichte belastet. Die Fahrt nach Jersualem geht über die neu ausgebaute Autobahn, die karge Hügellandschaft ist biblisches Land: Judäa. In knapp einer Stunde sind wir bereits da. Dann die erste Überraschung: links eine Siedlung, die dadurch gerettet werden soll, indem man sie einige Meter von der Autobahn versetzt und dort wieder aufbaut. Es sind Häuser nach süddeutscher Art: zweistöckig, mit einem seitlichen Treppenaufgang, einige haben noch keine Fenster, die Löcher sind durch Planen verdeckt, die Aufbauarbeit ist noch nicht abgeschlossen, das Projekt ist noch im Gange. Die ehemaligen Siedler waren Pietisten aus Schwaben, die nach der Trennung von der protestantischen Landeskirche 1861 in alle Welt aufbrachen. Einige Familien wanderten ins Heilige Land aus und brachten den ersten Modernisierungsschub mit. Sie waren Bäcker, Braumeister, Metzger und Häuslebauer. Sie arbeiteten mit der neuesten Technik ihrer Zeit, bauten die ersten Maschinenfabriken und entwickelten das Transportwesen. Drei Generationen lang lebten sie als deutschnational gesinnte Traditionalisten  mit ihren palästinensischen Nachbarn und den zahlreicher werdenden zionistischen Einwandern. In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurden sie nationalistisch, bald nationalsozialistisch. Damit gab es auf dem Boden des späteren Israel eine aktive Auslandsorganisation der NSDAP. Später wurden die Nachfahren dieser Siedler interniert und nach  Gründung des Staates Israels ausgewiesen. Das Luxemburger Abkommen von 1952 zwischen Israel und der Bundesrepublik Deutschland, die Verhandlungen zwischen Ben Gurion und Adenauer über die Ausgleichszahlungen, schloß sie ein, und so wurden sie die einzigen Auslandsdeutschen, die für ihre Vertreibung entschädigt wurden – von Israel. Offensichtlich ein Akt, den auch das Adenauer-Deutschland nicht an die große Glocke hängen wollte.

Religiöse Zwistigkeiten um die Authentizität der Stätten
Der erste Überblick vom Ölberg ist ein Blick auf alle drei großen monotheistischen Religionen: in der Mitte das Wahrzeichen, die goldene Kuppel der Al-Aqusa-Moschee, die Erlöserkirche weiter links und im Hintergrund, leicht verdeckt, die Kuppel der Grabeskirche. Später, bei einem Rundgang, erschließt sich der Bau am Ende der engen via Dolorosa als eine burgartige verwinkelte Anlage mit zahlreichen Seitenkirchen unterschiedlicher Denominationen. Das dominante Bild ist das eines archaischen orthodoxen Christentums beim Betreten des dunklen Vorraums; im Zentrum liegt die Grabesplatte, der erste Anziehungspunkt der Gläubigen, daneben im Inneren die russisch-orthodoxe Kapelle, für die ebenfalls der Anspruch auf die  authentische Grabesstätte Jesu erhoben wird – ein erster Hinweis auf die Zwistigkeiten um die Authentizität der Stätten, die jede Religionsgemeinschaft hier auf ihre Weise führt. Gewalttätige Übergriffe der einzelnen christlichen Bekenntnisgruppen untereinander müssen von israelischen Soldaten geschlichtet werden. Auf dem Seitendach, das man über eine verwinkelte dunkle Treppe erreicht, findet man eine Ansammlung geduckter Wohnhütten und eine kleine, bunt ausgemalte Kapelle: das Zentrum äthiopisch-orthodoxer Christen. Die Mönche, die um eine Kollekte bitten, sind in mittelalterlich anmutende schwarze Roben gekleidet.  Politisch ist das Christentum im heutigen Jerusalem von keiner Bedeutung mehr.

Einfluss der Ultraorthodoxen nicht zu unterschätzen
Der Weg durch die engen Schluchten des arabischen Basars führt zur Klagemauer. Zu dem freien Platz gleich neben dem Eingang zur Klagemauer, dem nach 1967 ein palästinensisches Viertel zum Opfer fiel, kommt man durch eine Sicherheitsschleuse. Durch rabbinischen Beschluß ist deren Benutzung am Shabbat erlaubt.  Das aschkenasische Judentum osteuropäischen Zuschnitts dominiert das Bild: Männer mit Schläfenlocken, in schwarzen Gehröcken und in einigen Fällen auch mit runden Pelzmützen sind am Feiertag durch den arabischen Basar auf dem Weg zur Synagoge; die Frauen und Mädchen in langen Röcken mit hoch geschlossenen weißen Blusen, die Kleidung ein Indiz für Präsenz der Ultraorthodoxen, deren Einfluß im heutigen Israel nicht zu unterschätzen ist. Im täglichen Begegnen ignorieren sich beide Seiten, zwischen Juden und Arabern/Palästinensern aber hier, auf engstem Raum, ist der Konflikt symbolisch aufgeladen. Die Verkaufsstände des arabischen Viertels neben der Klagemauer bieten nicht nur den üblichen Erinnerungskitsch aller drei Großreligionen von grellbunten Plastikweckern, die Moscheen nachgebildet sind, bis zu Dornenkronen, deren Echtheit (sic!) zertifiziert ist, sondern auch politische Propaganda: T-Shirts mit anti-amerikanischen und antiisraelischen Slogans: „Free Palastine“ ist noch einer der harmloseren Slogans. 

Geschichtspolitisches Unternehmen auf zweifelhafter wissenschaftlicher Grundlage
Zentrum der mythologischen Sehnsucht beider Religionen ist der Tempelberg. Die Al-Aqusa-Moschee, die nach ihrer Beschädigung im Unabhängigkeitskrieg 1948 durch arabische Hilfszahlungen restauriert werden konnte und deren vergoldete Kuppel heute ein Wahrzeichen Jerusalems ist, stellt das dritte Heiligtum des Islam dar. Die arabisch-palästinensische Besetzung nach der Teilung bis zum 6-Tage-Krieg 1967 entfaltete Strahlkraft in die gesamte muslimisch-arabische Welt und belebte den religiösen Mythos neu. Religion wird zur Legitimation nicht nur für territoriale Ansprüche, sondern grundiert die gesamte Politik der Region. Der jüdische Anspruch reicht tief in den Gründungsmythos des Judentums hinein. Vor 3000 Jahren errichteten der Überlieferung zufolge die Israeliten unter Salomo einen großen Tempel an dieser Stelle. Die Anlage war das Zentrum der israelischen Liturgie. Nach seiner zweiten Zerstörung durch die römischen Besatzer 70 n. Chr. ist die Rückkehr und die Wiederkunft des Messias, die Wiedererrichtung des alten Heiligtums mitten in Jerusalem und das ersehnte Anbrechen des Messianischen Zeitalters der zentrale Inhalt der jüdischen Identität in den letzten 2000 Jahren. Die Rekonstruktion der Stadt Davids und des ersten israelitischen Großreiches, dessen historische Existenz durch die in den letzten Jahren vorgenommenen Ausgrabungen am Fuß des Tempelbergs gegenüber dem arabischen Viertel bewiesen werden soll, ist allerdings ein geschichtspolitisches Unternehmen auf zweifelhafter wissenschaftlicher Grundlage.

politische Kompromisse kaum möglich
Das fragile Verfahren des Aushandelns von immer neuen territorialen Abgrenzungen kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Totalitätsanspruch, den die beiden Religionen in den palästinensisch-israelischen Konflikt hineintragen, politische Kompromisse kaum möglich erscheinen lässt. Territoriale Zugeständnisse werden als Verrat am eigenen Bekenntnis interpretiert. Das Verhältnis ist von gegenseitigem Mißtrauen geprägt. Bereits 1929 eskalierten zum ersten Mal die Spannungen so sehr, dass es zu mörderischen Übergriffen gegen die jüdische Bevölkerung kam. Die Teilung der Stadt durch das UN-Mandat von 1949 wurde von beiden Seiten nur unter Zwang akzeptiert. Der Sieg Israels im Sechs-Tage-Krieg von 1967 verschob wiederum die Gewichte zugunsten der jüdischen Bevölkerung. Auf dem Hintergrund dieser Geschichte lässt sich die Provokation erahnen, die der Gang Sharons 2002 über den Tempelberg bedeutete. Jüdische Hauskäufe im arabischen Viertel werden markant durch israelische Fahnen sichtbar gemacht, die Vernachlässigung des arabischen Viertels durch die Jerusalemer Stadtverwaltung ist deutlich sichtbar.

Der Schlüssel liegt in der Fähigkeit beider Seiten, nationale Identitätspolitik und territoriale Ansprüche mit den zivilen Kräften in den beiden Gesellschaften in ein Gleichgewicht zu bringen. Heute erscheint der Konflikt auswegloser denn je, weil innerhalb der israelischen Gesellschaft der Anspruch, den die orthodox-religiösen Minderheiten erheben, von der offiziellen Politik und der Mehrheit der Bevölkerung nicht in Frage gestellt wird. Die zivilgesellschaftliche Organisation Ir Amim („City of Nations“, Stadt der Nationen) setzt genau hier an: Sie nimmt Jerusalem als Ausgangspunkt ihrer Interventionen. In ihren Rundgängen konzentriert sie sich auf die historischen, politischen, geografischen und wirtschaftlich-sozialen Entwicklungen der Stadt seit 1967.

Auswirkungen der Siedlungspolitik
Bei einem Rundgang erläutert die Leiterin Yudith Oppenheimer die Auswirkungen der Siedlungspolitik, die hier auf engem Raum zu sehen sind. Unter Olmert wurde die israelische Besiedlung Ost-Jerusalems weiter fortgesetzt. Die Abschottung des Stadtviertels durch den Wall, der stellenweise bis 8 Meter hoch ist, hat die wirtschaftliche und soziale Lage für seine Bewohner verschärft. Die politische Teilung der Stadt und damit ein für beide Seiten annehmbarer Kompromiß erscheinen unter heutigen Bedingungen weiter entfernt denn je. Zwar ist im Allgemeinen Bewusstsein der Israelis ein vereinigtes ewiges Jerusalem keine realistische Option mehr, die Eskalationsgefahr liegt eher in den Siedlungsplänen außerhalb der Stadtmauern nach Osten in die Westbank hinein. Wenn diese Pläne durchgesetzt werden, werden sie das Palästinensergebiet teilen und damit die derzeit propagierte Zwei-Staaten-Lösung vollends zur Farce werden lassen. 

Die Rückkehr in das brodelnde Tel Aviv ist eine Zeitreise, die Illusion der Normalität, die dieses moderne Zentrum auszeichnet, ist die eine Seite der israelischen Gesellschaft. Es ist ihr zu wünschen, dass eine vernunftgeleitete Politik ihr Überleben sichert und sie Partner auf der anderen Seite findet, die ihr das ermöglicht.

 

 Dr. Marianne Zepp ist Referentin für Zeitgeschichte in der Heinrich-Böll-Stiftung.