Kopenhagen muss den Durchbruch bringen!

Kopenhagen muss den Durchbruch bringen!

KOMMENTAR

Kopenhagen muss den Durchbruch bringen!

11. Dezember 2009
Von Barbara Unmüßig

Das Kopenhagen Fieber ist doch noch ausgebrochen.

Wissenschaftler sind sich heute sicher, dass die steigende Zahl der Dürre- oder Überschwemmungskatastrophen, der Sturmfluten und Wirbelstürme auf den Klimawandel zurück zu führen sind. Und sie sagen uns, dass wir die globale und mittlere Erderwärmung auf maximal zwei Grad Celsius begrenzen müssen, wenn wir den Klimawandel noch einigermaßen beherrschen wollen. Auch die Wissenschaftler wissen nicht ganz genau, was zwei Grad Erwärmung bedeuten. Heute liegt die Erwärmung bei 0,8 Grad und das hat schon hunderttausende Menschen das Leben gekostet oder sie aus ihrer Heimat vertrieben.

Eine Frage der Verteilung

Wie wird künftig zwischen den Menschen und Nationen verteilt, was wir noch an Klimagasen in die Atmosphäre pumpen dürfen? Das ist die große und globale Verteilungs- und Gerechtigkeitsfrage des 21. Jahrhunderts. Darum wird gestritten und gefeilscht: vor, in und nach dem Klimagipfel in Kopenhagen. Dabei sind leider (noch) nicht wissenschaftliche Erkenntnisse oder moralisch-ethische Prinzipien wie Verantwortung und Gerechtigkeit handlungsleitend.

Längst gibt es Berechnungen, was jedes Land gemäß seiner historischen Verantwortung und seiner ökonomischen Fähigkeit leisten müsste und könnte. Die Industrieländer stehen demnach in der Pflicht, bis zum Jahr 2020 circa 40 Prozent Kohlendioxid auf der Basis von 1990 zu reduzieren. Was vor Kopenhagen auf dem Tisch liegt, taugt allerhöchstens für Zweidrittel dieses Ziels.

Die Schwellen- und Entwicklungsländer wollen auch Geld für die Minderung von Treibhausgasen und Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel zur Verfügung stellen.  Die große Mehrheit der Entwicklungsländer kann es sich aber nicht leisten, gleichzeitig die Armut zu bekämpfen und in den Klimaschutz zu investieren. Sie insistieren deshalb zu Recht auf finanzielle und technische Unterstützung. Bis zum Jahr 2020 sollen alleine die Kosten für Anpassungsmaßnahmen bei 50 bis 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr liegen. Deutschlands fairer Beitrag für die Anpassung läge gerade einmal bei zwei bis drei Milliarden Dollar pro Jahr. Das ist ohne Probleme machbar. Leider haben auch hier die Industrieländer im Vorfeld von Kopenhagen nicht viel für Vertrauensbildung getan, weil sie bislang mit ihren Finanzangeboten unterhalb des Notwendigen liegen.


Zwei Grad wäre ein Erfolg

Ein Erfolg wäre, wenn sich die Staatenwelt auf das Zwei-Grad-Ziel in einem neuen Abkommen verständigen würde. Viel bedeutender allerdings sind erste, radikale Emissionsminderungen als Zwischenziel bis zum Jahr 2020. Die Entwicklungsländer brauchen sofort ein Signal, dass neues Geld für den Klimaschutz fließt. Diese Mittel können auch ohne weitere und langwierige Verhandlungen bereits ab 2010 bereit gestellt werden. Beides würde Vertrauen schaffen. Ein neues Abkommen braucht dringend einen Mechanismus, der es erlaubt, die getroffenen Verabredungen immer wieder in Hinblick auf neueste klimawissenschaftliche Erkenntnisse zu überprüfen. Das gleiche gilt für die notwendigen Transfers von Geld und Technologie.

Wie sich die Schwellen- und Entwicklungsländer in Kopenhagen verhalten werden, ist schwer zu prognostizieren. Viele große Emissionsländer wie China, Südafrika, Mexiko oder Brasilien haben ihrerseits auf nationaler Ebene größere Beiträge zum Klimaschutz angekündigt. Sie wollen Kohlendioxid reduzieren, erneuerbare Energien auf breiter Ebene einführen, in Energieeffizienz investieren und ihre Wälder schützen oder aufforsten. Trotz ehrgeiziger Ziele zu Hause, sind sie (noch) nicht bereit, sich in einem globalen Vertrag zu Reduktionen zu verpflichten. Sie sind bereit, international über ihre Anstrengungen vor ihrer eigenen Haustür zu berichten, sie sogar nachprüfen zu lassen. Sie sind zu Transparenz bereit. Warum lassen sie sich dann immer noch nicht auf völkerrechtliche Pflichten ein?

Das Misstrauen ist groß, dass sich der Norden, der den Klimawandel verantwortet, seiner historischen Verantwortung entzieht und sie beim Umbau und der Anpassung an den Klimawandel im Stich lässt. Das Misstrauen ist begründet und dennoch kann sich die Welt keine Nord-Süd-Graben-Kämpfe im Stile der letzten 50 Jahre mehr erlauben. Der Norden muss endlich gemäß seiner Verantwortung global handeln. Die Entwicklungs- und Schwellenländer sind es ihren Bevölkerungen mehr als schuldig, ihrerseits alles zu tun, gefährlichen Klimawandel noch abzuwenden. Kopenhagen muss dafür die Weichen stellen.

Klimaschutz ist ohne Alternative. Den Einstieg in eine solare Welt müssen wir jetzt einleiten. Technik und Finanzen stehen uns dafür zur Verfügung – auch das sagt uns die Wissenschaft. Klimaschutz ist die große Frage an die Politik, ob sie verantwortungsvoll mit der Gerechtigkeit für heutige und zukünftige Generationen umgeht. Diese Generation hat noch eine Chance dazu, die nächste wird den Klimawandel allenfalls noch managen können.


Barbara Unmüßig
ist Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung.

Portrait: Barbara Unmüßig

Barbara Unmüßig

Barbara Unmüßig ist Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung. Sie hat zahlreiche Zeitschriften- und Buchbeiträge zu Fragen der internationalen Finanz- und Handelsbeziehungen, der internationalen Umweltpolitik und der Geschlechterpolitik veröffentlicht. 

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