Geo-Engineering: Mit dem Planeten spielen

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Geo-Engineering: Mit dem Planeten spielen

Wolken aufhellen, Meere Düngen, Schwefel in die Atmosphäre - dies sind nur einige Varianten des Geo-Engineerings. Foto: oldbilluk Lizenz: CC-BY-NC-SA Quelle: Flickr

12. Dezember 2011
Georg Kössler
Die Blockade einiger Staaten bei den Klimaverhandlungen im südafrikanischen Durban und deren mageres Resultat haben die Rettung des Weltklimas durch die UN-Verhandlungen noch unwahrscheinlicher werden lassen. Bald wird der Ruf nach radikaleren Lösungen lauter werden, welche den Klimawandel in den Griff bekommen sollen. Seit der Veröffentlichung einer Studie, die von Bildungsministerin Annette Schavan in Auftrag gegeben wurde, haben zahlreiche Medien das sogenannte „Geo-Engineering“ diskutiert. Was einst unterhaltsame Randnotiz war, gehört für manche Akteure zu den Alternativen zum UN-Prozess, ja sogar zum Klimaschutz an sich.

Generell wird zwischen zwei Arten von Erdmanipulation unterschieden. Die eine widmet sich Möglichkeiten, das CO2 aus der Erdatmosphäre heraus zu filtern. Andere Techniken versuchen, die Einstrahlung der Sonnenstrahlen zu vermindern. Damit würde sich trotz hoher CO2-Konzentrationen die Atmosphäre nicht ganz so schnell erhitzen. Doch die Filtertechnik an Land hat die gleichen Probleme wie die zuletzt im Deutschen Bundesrat diskutierte „CCS“-Technik zu Abscheidung und Speicherung von CO2. Nur, dass es sich hierbei um sehr viel größere Mengen an CO2 handeln würde, welche kostenintensiv direkt aus der Luft geholt werden müssten. Weitere Varianten sehen die Düngung der Meere mit Eisen oder Stickstoffen vor, um ein künstliches Algenwachstum herbeizuführen. Auch, wenn es sich hierbei um eine großflächige Nachahmung natürlicher Prozesse handelt, weiß niemand, welche Auswirkungen diese auf die Meeressysteme hätten. Lokal begrenzte Projekte wie das der „Polarstern“ im Südatlantik haben bislang keine Wirkung auf das Klima gezeigt.

An „Star Trek“ oder "Star Wars" erinnern Ideen von großen Spiegeln im Weltall, welche die Sonneneinstrahlung begrenzen sollen. Näher an der Natur sind Vorschläge von einer künstlichen „Aufhellung“ der Wolken, um deren Reflektionskraft zu stärken. Durch das Absinken der globalen Temperatur Mitte der 1990er in Folge der Eruption des Pinatubo Vulkans hoffen nun einige Wissenschaftler, mit dem Ausstoß von Schwefel in die Atmosphäre diesen Effekt imitieren zu können. Was passieren würde, wenn unerwartet ein echter Vulkan ausbräche, ist schwer vorstellbar.

Seit den Klimaverhandlungen in Kopenhagen bereiten verschiedene Institutionen mit unauffälligen Veranstaltungen leise die Delegierten auf diese Optionen vor. Mit dem Argument, dass es sich um eine offene Diskussion handele und nur mit Hilfe der Forschung auch die wahren Risiken erkannt werden können, wird langsam die Akzeptanz dieser Ansätze voran getrieben. Dabei müsste Geo-Engineering eigentlich durch ein internationales Moratorium unterbunden werden. Solange diese technisch zwar nicht einwandfrei geklärten, aber verlockenden und relativ billigen Optionen frei verfügbar und legal sind, könnte etwa ein Bill Gates in Versuchung kommen, den Klimaschutz in die eigene Hand zu nehmen. Die Auswirkungen wären fatal, wenn etwas schief liefe. Ähnlich wie bei der Atomkraft würde keine Versicherung der Welt hier einspringen. Die größere Gefahr bestünde aber im moralischen Dilemma, vor welches die Welt gestellt würde: richtiger Klimaschutz oder nur die Ursachen - die globale Erwärmung - bekämpfen? Wenn durch Geo-Engineering die reichen Akteure eine billige Alternative an die Hand bekämen, würde das viel Druck von ihnen nehmen, in die teure aber eigentlich notwendige Transformation der Industriegesellschaft zu investieren. Das Argument, hiermit lasse sich Zeit erkaufen, zieht nicht. Die Weltwirtschaftkrise hat den globalen Emissionsanstieg abgebremst und uns ein Jahr Zeit geschenkt. Doch das hat nichts genutzt, im Jahr 2010 wurde ein neuer CO2-Rekord aufgestellt. Andere argumentieren defensiver und wollen Geo-Engineering nur als „Plan B“ in der Hinterhand behalten. Nur wer entscheidet, wann ein Plan B umgesetzt wird? Reicht es, wenn Tuvalu in den Fluten versinkt, oder muss es erst New York sein? Und was wäre, wenn diese Experimente den Klima-GAU auslösen würden - wo ist Plan C? Jeder Eingriff in das Erdsystem sollte umkehrbar sein. Mit dem anthropogenen Klimawandel zerstören wir den Planeten fast unumkehrbar. Die Medizin sollte nicht gefährlicher sein als die Krankheit.

Die Auswirkungen von Geo-Engineering wären zudem regional höchst unterschiedlich. Experten sehen die Gefahr von sog. „Wetter-Kriegen“, bei denen es vor allem einen Verlierer geben wird: die Ärmsten und vom Klimawandel am stärksten Betroffenen. Mit dem Planeten spielen ist keine Option und sollte nicht unter dem Mantel der Forschungsfreiheit in politisch opportunen Momenten getestet werden. Es ist notwendig, ähnlich wie bei der Atomenergie oder der Energiewende, dieses Thema in der Gesellschaft ruhig und ausführlich zur Diskussion zu stellen - auch, wenn es für einige noch absurd klingen mag. Wenn sich große Firmen - etwa aus Deutschland - mit Patenten für Geo-Engineering-Techniken eindecken, muss die Gefahr ernst genommen werden. Bildungsministerin Schavan ging mit ihrer Studie den ersten Schritt, nun müssen sich Nichtregierungsorganisationen und Parteien positionieren. Dabei müssen Vorsorgeprinzip und Nachhaltigkeit, nicht Technikgläubigkeit und Panik im Vordergrund stehen.

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Georg Kössler, Referent für Klima- und Energiepolitik in der Heinrich-Böll-Stiftung
 
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